Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Irisch''als hingebend gestimmt. Wohl möglich, daß die »uns bisher Fremde uns durch ihre liefe Innerlichkeit j allmählich gewinnt, und ich zweifle nicht daran, daß ifie uns gewinnen wird: aber der Wh, bis sie uns ge- 'winnt, und die Gefahr, wenn sie es nicht ganz vermag?! So muh denn gerade bei diesem Gegenstände die rechte Vermittlung angestrebt werden: möglich, ja, wahrscheinlich, daß eine nicht ferne Zukunft die Umwandlung rascher verlangt und gestattet, für die Gegenwart muß dem gegenwärtigen Bedürfnisse und der frommen Erinnerung zugleich genügt werden. Abgesehen vom Privatgebete, wird, wie bereits gesagt, das fstille Gebet ganz der Muttersprache anheimgegeben ^werden können. Die anderen Gebete müssen ficf> in 'beide Sprachen teilen. Und diesen Wechsel denke ich smir nicht als eine beliebige Mischung: die Harmonie des! Gemütes muh gestört werden, wenn seine Saiten bald (deutsch, bald hebräisch erklingen sollen, wenn auf ein (hebräisches Gebet ein deutsches und wieder umgekehrt (folgt. Vielmehr muß der deutsche Teil sich, da anschltethen, wo bereits das freie Wort, ungebunden von ^früheren Einrichtungen, seine Stätte gefunden, er muh sdie Predigt umgeben, sie einleiten und wieder ausklin-!gen lassen. Auf ein kurzes hebräisches Schachen ith, das durchschnitten ist von einigen stillen deutschen Gebeten,?das Vorlesen aus der Thora, einen deutschen Prophej tenabschnitt, die deutschen Gebete für Gemeinde, Obrigf keif und Kasualfälle würden einige wenige deutsche Geibete und Gesänge folgen: die Predigt, ein deutscher s Gesang und ein deutsches Gebet schließen sich an, und! das abgekürzte hebräische Mussaph, gleichfalls versehen zmit einem stillen deutschen Gebet schließt den Gottesi dienst für Sabbate und Festtage. (Diese sprachliche Einrichtung bietet offenbar den schwierigsten Punkt in der ganzen neuen Behandtungsweise des öffentlichen Gottesdienstes und wird wahrlscheinlich am wenigsten geeignet sein, die volle Befriefdigung der verschiedenen Dichtungen zu erwirken. Hier List aber besonders die Anforderung berechtigt, daß ein jjeder etwas von seinen Gewohnheiten und Lieblings-? wünschen der Förderung des Ganzen zum Opfer bringe, v Mögen die einen bedenken, daß es ihre Pflicht ist, dahin £ mitzmvirken, daß das Gotteshaus der Tugend nicht ganz r verschlossen bleibe, und die anderen, daß sie däs allere f Geschlecht nicht aus demselben vertreiben." j Dieser von Geiger neu gewonnenen und in seinen j Breslauer, Frankfurter und Berliner Gebetbüchern in l die Praxis eingeführten Ansicht schließe ich mich voll £ und ganz an. Hätte Geiger auf der Frankfurter Rabbii nerversammlung so gesprochen, dann wäre es nicht zum offenen Konflikt mit Franke! gekommen. Das heutige Geschlecht versieht noch besser'als das mit Anrecht als rationalistisch verschriene Geschlecht der Radbinerversammlungen die irrationalen Forderungen der jüdischen 'Seele. Daß aber auch die Rabbiner der vierziger Jahre vorigen Jahrhunderts von der Macht des irrationalen t ergriffen waren, beweisen die zitierten Meinungsäuße-; rungen, d^nen sich schließlich auch Geiger nicht entf ziehen konnte. , Wiener Brief. Die verweigerte Uebernahme des Scheidungsbriefes. r In der Rabbinatskanzlci der Wiener israelitischen Kultus-! gemeinde haben sich am 27. April aufregende Szenen abgespielt, j Ein junger Mann hat während des Scheidungsverfnhrens im Beit sein des Leiters der Rabbinatskanzlci Dr. Mayersohn und des f Sekretärs der Kultusgemeindc auf seine Frau zwei Revolver-- | schlisse abgegeben, weil sie in die Scheidung nicht einwilligen l ____ _ ___ _ wollte. Es ist dies das Schlußbapitel einer Che, die durch das Verhalten der Frau eine unglückliche geworden ist. Die verletzte Frau wurde in das Svital gebracht, während stch der Mann ohne Widerstand festnehmen und der Polizei übergeben ließ. Dieser tragische Vorfall lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit aus die Modalitäten, unter denen sich die Trennung der jüdischen Ehen abspielt. Und es muß gleich gesagt werden: wer diese Modalitäten kennt, der dürfte bei der Lektüre des geschilderten Attentats nur über eines erstaunt gewesen sein, nämlich darüber. bn*l sich solche Affären nicht schon früher und nicht schon häufiger abgespielt haben. . . Es mag sein, daß die Frau, die das Opfer des in Rede stehenden Anschlages geworden ist, eine besonders böswillig veranlagte Person war? Es heißt, daß sie ihren Mann, einen Geschäftsreisenden, so oft er beruflich in der Ferne weilte, mit jungen Burschen betrug und seinen Bemühungen, sie los zu werden.'mit größtem Zynismus Widerstand leistete. Und man kann sich vor'stelleu, welches Martyrium der junge Mann, der von seinem Chef als ein Muster von Fleiß und Anständigkeit geschildert wird, durchgemacht hat. bis ihn seine gequälten Nerven zu einer Tat hinrissen, die unter Juden gottlob doch nicht alltäglich ist. Er hat weder Mühe noch Geldopfer gescheut, um die gerichtlich des Ehebruchs überführte Frau zur Entgegennahme des Schcidebriefes zu bewegen — sie hat sich gegen diesen rein formalen Akt gesträubt. Wenn aber auch' in dem speziellen Falle hauptsächlich Bosheit für die passive Resisten., der Gattin maßgebend war. so hat diese doch einen Entschuldigungsgrund für sich: das überaus Demütigende, das die jüdische Scheidungszeremonie für die Frau in sich birgt, und das diesen rituellen Akt auch dem feiner empfindenden Manne zur Qual macht. Es gehört wahrhaftig ein großes Maß Selbstüberwindung dazu, eine solche Zeremonie über sich ergehen zu lassen, und es ist daher, wie ich schon erwähnt habe, gar kein Wunder, daß das Fehlen dieser seelischen Voraussetzung in einem Falle katastrophale Folgen gezeitigt hat. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" tritt stets für eine zeitgemäße Reform des rituellen F o r m « l i o nt u s ein, sie ist deshalb das geeigneteste Forum, auf die barbarischen Acußerlichkeitcn des Scheidungs,Zeremoniells hinzuweisen. Ich kenne keinen anderen rituellen Akt, dessen Rcformbedürftigkcit so zwingend in die Augen springt. Ob jemand den Versöhnungslag im Tempel oder in der freien Natur verbringen will, wird schließlich immer eine Sache individueller Anschauung sein, die sich nach »reiner bescheidenen Meinung kaum generell festlegen läßt. Dagegen dürste ein allgemein gültiger Dispens von der Ueberreichung des Schcidebrieses nur' bei deu allervcrstocktesten Buchstabenfanatikern des Glaubens Widerstand finden. Da man aber die Konservativen schon bisher ihre eigenen Wege gehen ließ, kann, wie ich glaube, ihr Einspruch die überwiegende Majorität des westlicher'. Kulturjndcntnms kalt lassen. Die Orthodoren schleudern den Schcidebrief mit grimmigen Flüchen aus die Frau. Fiese abscheuliche Form wird schon jetzt den aufgeklärten Schichten des Judentums nicht zugemutet. Aber auch das. was übrig geblieben ist. enthält noch Barbarei genug. Die Frau, die oft' gar keine oder nur die geringere Schuld an dem Zusammenbruch der Ehe trifft, muß mit demütig gefalteten Händen das Dokument entgegennchmen, das ihr der Gatte unter nicht sehr erhebenden,' ihm vom Rabbiner — hebräisch und deutsch — vorgesprochencn Worten überreicht. Und weil doppelt genäht besser hält, muß sie diese Zeremonie gleich zweimal über sich ergehen lassen: das erste Mal in der Rabbinatskanzlci, das zweite Mal vor Gericht. Aber auch der Mann kommt am unerquicklichen Zeremoniell nicht zu kurz. Wenn er in der Rabbinatskanzlei erscheint, um den letzten Akt der Ehescheidung zu vollziehen — den letzten Akt eines oft für beide Gatten qualvollen Lebensabschnittes, die Grabsteinfetzung über dem Sarge grausam enttäuschter Hoffnungen — wird ihm die Belehrung zuteil, daß sein Schcidebrief, um gültig zu sein, mit seinem eigenen Schreibzeug geschrieben sein muß. Da sich die Füllfeder zu der streng künstlerischen Anfertigung ritueller Dokumente nicht eignet, mit Tintenfaß und Rondfeder herumzulausen aber nicht usuell ist, nimmt der Scheidungskandidat diese Belehrung mit einiger Bestürzung auf. Zum Glück mangelt es in dem Zimmer nie an menschenfreundlichen Naturen, die sich für Geld und gute Worte bereit erklären, dem Verblüfften ein Schreibzeug zu — schenken. Diese Schenkung wird dadurch perfekt, daß der Beschenkte die Gabe triumphierend über seinem Haupte schwenkt — eine an sich harmlose Zeremonie, die im Nahmen eines freudigen Familienfestes ganz gewiß zur Vermehrung der heiteren Stimmung beitragen 'würde, die aber in einer Situation, in der der Mensch sicher keinen Sinn für .Humor hat, als taktlose Belästigung empfunden wird. Fetzt hat der Mann sein Schreibzeug, aber einen hebräischen Schcidebrief nach allen Regeln' der Kunst zu verfassen, ist er doch nicht imstande. Er braucht auch darum nicht zu verzweifeln. Die menschliche Hilfsbereitschaft feiert in der Rabbinatskanzlei wahre Orgien. Es stehen dort immer einige Künstler bereit, den unfähigen Laien ihr Talent zur Verfügung zu stellen. Der Scherdungskandidat braucht nur mit wohlgesetzten, ihm natürlich vorgesprochenen, hebräischen Worten darum zu bitten. Aber diese Bitte muß von Zeugen gehört und bestätigt werden. Es versteht sich beinahe schon von selbst, daß auch solche Zeugen bereits warten. Auch sie werden in zeremonieller Weise unter Austausch hebräischer Formeln in ihre Würde eingesetzt. Darauf beginnt das schwierige Werk der Niederschrift des Scheidebrieses. Es dauert geraume Pfeile und es soll schon vorgekommen sein, daß Schcidungslustige sich in der langen Wartezeit wieder mit einander versöhnt haben. In einem solchen Falle hat das langwierige Zeremoniell freilich sein Gutes — vorausgesetzt, daß die Versöhnung eine ehrliche und dauerhafte ist — sonst aber hat sie nicht " den geringsten Sinn. Denn der Schcidebrief enthält von allen beteiligten Personen — den beiden Gatten und den Zeugen — nur die jüdischen Namen, ist also als amtliches Dokument von zweifelhaftem Werte. Er verbleibt auch in der Verwahrung der Kultusgemciiide. da die mit ihm „beglückte" Frau ihn meistens nicht einmal lesen kann und auch sonst selten die Neigung zeigt, ihn. mag er noch so kunstvoll ausgefertigt sein, einrahmen "zu lassen . . . Sie verzichtet sehr gern auf den Brief, zumal sie erst vom Gericht das Dokument erhält, das ihr gesetzlich die Freiheit wieder gibt. Ich glaube aber, das; auch die Männer, soweit sie nicht sadistisch veranlagte Bosnigcl find, ihr Herrenrechl, das in der Uebcrreichung des Scheidebriefes zum Äusdruck" kommt, nicht minder gern preisgeben würden. Haben sie diesen auch für sie ziemlich peinlichen Akt hinter sich und schicken sich an, den Schauplatz der qualvollen Zeremonie zu verlassen, dann fühlen sie sich noch auf der Schwelle zu ihrem Schrecken zurückgehalten. Es ist der frühere Besitzer des „verschenkten" Schreibzeuges, der die Flüchtigen noch im letzten Moment beim Kragen erwischt hat und sie belehrt', daß sie die Gabe nicht einfach achtlos zurücklnfsen dürfen. Der Mann, der soeben seine Gattin losgewordeu ist, klammert sich auch nicht an den Besitz des vorsintflutlichen Tintenzeugs, das ihm da ausgedrängt wird, und er ist schließlich froh, daß er es wieder nur über seinem Haupt zu schwingen braucht, um seines Befitzerrcchts verlustig zu werden. Dann aber verläßt er fluchtartig die Stätte, wo ein an und für sich ernstes, ja tragisches Ereignis zum Anlaß höchst lächerlicher und possenhafter Hokuspokusse gemacht wird. Fch will das wirtschaftliche Moment nicht übersehen, daß besagter Hokuspokus einer ganz stattlichen Anzahl von Individuen einen bescheidenen Erwerb fiebern: den Schreibzeugverschenlrern, dem Scheidebricfmaler und den Zeugen. Trotzdem bin ich so grausam, die Frage aufzuwerscn, ob dieser ganze mitlelalterliche Spuk nicht endlich dorthin gebannt werden kann, wo er hingehört: aus den Friedhof des längst Ueber lebten, Toten. Das mosaische Gesetz sieht für die Eheschließung fast gar kein Zeremoniell vor. Es kann also noch weniger "in seinem Geiste liegen, die Trennung d c r E h e zu einer Parodie spanischen Hoszercmvniclls zu stempeln. Und wenn schon Braut und Bräutigam zur Hebung der Weihe ihres Bundes im Laufe der Zeit immer mehr Zeremonien in den Kauf genommen haben, sc kann man dasselbe nicht von den mehr oder weniger Bedauernswerten, die ihr Schicksal wieder von einander trennen wollen, verlangen. Dieses Verlangen ist für alle Fülle unmenschlich — auch wenn ihm nicht mit dem Revolver Nachdruck verliehen ivird ... Dr. H u g o S p i c g l e r. Dm Andenken Michael Berger's! Gestorben am 12. Mai 1923 zu Breslau. Mit Michael Berger ist eine bedeutende Persönlichkeit des deutschen Judentums' dahingegangen. Sein Tod fiel in die Zeit schwersten wirtschaftlichen" Niedergangs. Diese Zeitung erschien damals in längeren Zcitabständen und dadurch war cs nicht möglich, eine ausführliche Würdigung dieses seltenen Mannes in den Blättern der liberalen Bewegung zu jener Zeit zu bringe». An seinem Todestage, der sich am 12. Mai zum zweiten Ma'e fährt, wollen wir Kunde geben von dem Schaffen dieses tapferer, opferfreudigen Mannes. Aus kleinen Verhältnissen stammend, in Loslau, Oberschlesien, geboren, wandte sich Berger der Jurisprudenz zu und ließ fick mit 29 Fahren als Anwalt in Königshüttc nieder. Diese Stad' wurde ihm zur zweiten Heimat, hier lebte und schaffte er für Deutschtum und Judentum in des Wortes schönster Bedeutung. Bereits mit 31 Fahren wurde er zum Vorsitzenden des Gcmeindevorstandes gewühlt. Dieses Amt versah er Fahre hindurch und wechselte es später mit dem Amt als Vorsteher der Ein verpfuschtes Leben? Heiteres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. Von rturSchwcrine r, Berlin. (Schluß.) In L a n d s b e r g n. d. Warthe wollte Arthur Dinier mit seiner Rasselehre siegreich Einzug halten. Man rief mid) hinüber, dem völkischen Helden cntgegenzutrctcn. Neben einem Studenten nahm ich inmitten des Saales an einem Tische bescheiden Platz. Ein Landsberger Zollbeamter, der Dinier judjtc, blickte sich nach allen Seiten im Saale um. Dinier war noch nicht zur Stelle. 'Als er uns Fremde gewahrte, vermutete er in dem neben mir sitzenden jungen Herrn, den Typ eines nordischen Edelgermanen, den berühmten 'Bvrtragskünstler. „Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht Herr Arthur Dinter?" „Bedaure außerordcutlid), mein Name ist— E o h n!" Oeffentlichc Volksversammlung im Hannoverschcn. An der Bahn erwartet mich ein Arbeitsmann mit besorgtem Blick. „Wir haben heute Abend Pcd). Die Versammlung wird schlecht besucht sein. Heute Abend ist — Eröffnungsvorstellung!m Zirkus, und da' geht alles hin . . Stadtbahn Berlin. Die Völkisd)en lassen sich die Kleinarbeit Geld kosten. Geben Arbeitslosen einen Zehrgroschen und eine Monatskarte für die Stadtbahn, in der sie antiscmitisd)e Reden zu halten haben, um die Volksseele ins Kochen zu bringen. Stürmische Auseinandersetzung in einem A b t e i l 3. Klasse. Ein völkischer Student in Arbeitertracht legt los, ihm sekundiert mit auffälliger Promptheit ein anderer Atann aus dem Bolkc. Es geht um R a t h e n a u. Ein Eisenbahner und id) rechnen mit den bezahlten Burschen ab. die an der nächsten Station aussteigcn. um nebenan erfolgreicher arbeiten zu können. In der Ecke des Abteils hat während der ganzen Zeit ein st i 11 c r Mann gesessen, so in die Lektüre der Morgenzeitnng vertieft, daß sie ihn wie eine groß« Wolke unsichtbar machte. Als die beiden Hetzer außer Gefahrweite find, finkt die Zeitung an Stirn und Nase entlang langsam so wet* herunter, daß der Kopf des Edlen sichtbar wird. Der Schweigsame — es ist kein Zweifel — ist ein Jude der M o l t k e' s ch e n (Schule. \ Also, bitte gnädige Frau, Sie sind in infamster Weise! an cm ittf^ch^ang epöbeit.worden und^wünschen, daß man den Beleidiger verklagt und öffentlich an den Pranger stellt. Wollen eie die Güte haben, den Vorgang zu erzählen: „Denken Sie sich an — id) komme von meiner Tochter, die iw Westen wohnt. Es ist 5 Minuten vor 7 Uhr. Meine Wohnung ist im Osten. Ich überlege mir, das; id; zu Haus noch Ke:.. Abendbrot habe. Da ich "eine halbe Stunde fahren muß, hätte ich mein Räucherwarengeschäft, wo ich immer kaufe, nicht mehr offen gefunden. Sa ging ich kurz entschlossen in das Geschäft von TB an der Ecke, wo meine Tochter wohnt. Fm Fenster lag obenan eine Flunder, die mir gnt gefiel. Der Mann war sehr nervös, denn kurz vvr Ladenschluß haben solche Geschäfte immer sehr viel zu tun. Er holte die Flunder aus dem Schaufenster, und denken Sie an - wenn man etwas von weitem sielst, kann man sich sehr täuschen. Die Flu n d c r w nr a l t. Ilm den Mann z» schonen — Sic sehen, wie feinfühlig ich bin — sage ich ihm. die Flunder wäre mir zu groß, ich möchte eine kleinere. Da gibt er mir eine kleinere, doch ich kann Ihnen sagen, sie war lauter Haut und Gräten. Nicht eine Spur Fleisch. Fd) bat den Mann, der mich schon von Anfang an antisemitisch angesehen hat. er möchte mir doch eine etwas dickere Flunder geben. Da gab er mir eine dickere. Weil ich aber durch die vorige Flunder mißtrauisch geworden war, gestattete id) mir — bitte sehen Sie meine Hände an, sie sind weiß wie Alabaster — ein ganz klein bißd)en auf die Flunder zu drücken. Da fährt mich der Mann an und beschimpft mich in einer Weise, daß id) noch heule an allen Gliedern bebe, wenn id) daran denke. Das tollste ist. daß die Frauen alle Partei für den Kaufmann nahmen und mir höhnisch nachriefen, als ich empört den Laden verließ. Unerhört, nicht wahr?" — — Bor christlichen Mitbürgern in einem Luftkurort d es S ch w a r z w a l d c s: Die Stimmung unter der Arbeitersd)uft ist red)t wenig judenfreundlich. Der Kurort wird zum guten Teil van Großstadtjuden besucht. Feh spreche gelegentlich mit den Führern der Gewerkschaften und frage sic, wie der Sozialismus der dummen Kerle Einzug halten könne in Kreisen, die programmatisch alles wertschätzen, was Menschenantlitz trägt. Die Herren oestrciten, daß von einer antisemitischen Einstellung iin politischen Sinne die Rede sein könne. Fch möchte ober'im Sommer, in der 5) ochs alson, einmal nach dem Kurort kommen. Da könnte ich gewahren, daß in einer Zeit, wo die Sonnenstrahlen senkrecht zur Erde fallen, geradeüber von Steinbrüchen, in denen die Arbeiter halb nackt im Schweiße ihres Angesid)ts arbeiten müssen, die Damen ihr ganzes Pelzwerk, das sie in ihrem Besitz haben, zur Schau tragen. Schon aus der ganzen Art, wie sich die Damen in ihren modernsten Kostümen zeigen, gehe hervor, daß es fid) nicht um erholungsbedürftige, sondern aud) in der stillen Ruhe des Sd)warzwaldes um Genußsüchtige handelt. In einer Gegend, wo es nichts zu steigen gibt: Männer mit Bergstöcken und genagelten Sdiuhcn in Touristenkleidung, als gelte es, den Ehimboraffo zu besteigen. Und daneben „Dirndl" in den fünfziger Fahren, die klassische Linien nicht mehr ihr eigen nennen können und deshalb in dem jugendlichen Kostüm und in ihrer Breitenmassigkeit auffallen müssen. Fd) mache den Herrn klar, daß die Mode durchaus nicht der Feind der Arbeiter sei. Hätten wir in Deutschland eine für alle .Kreise zurecht gemachte Normalkleidung, hunderttausende von gut entlohnten Arbeitern der Konfektion würden brotlos fein. Zudem hätten diese Leute, die elf Monate im Jahre angestrengt arbeiten müssen, wenn sie in einen Erholungsort fahren, das Bestreben, sich gut zu kleiden. Wen» eine Arbeiterfamilie zu Besud) von Perivandten nach Stuttgart fahre, zöge sie sich aud) das Beste an, was sie an Kleidui'!! im Sd)rank hat. Bor jüdischen Mitbürgern in Berlin: Ich mache eud) einen Vorschlag: Wenn ihr durchaus das Bedürfnis habt, aud) in den Kurorten, die der Erholung dienen fallen, zu zeigen, wie herrlic!) weit ihr es gebracht habt, daun bitte ich um eins: Veranstaltet in den größten Hotelzimmern „Modeschau". D> seht ihr und werdet ihr gesehen von all denjenigen, die sich darüber freuen sollen, welche Pracht euch umgibt und vor allen Dingen aud) von denen, die sich da'über ärgern sollen. Ist die Modenschau beendet, dann zieht euch um, legt euch ein schlichtes Kleid an, wie es Erholungssuchendcn geziemt — und euch ist geholfen und uns dazu, die wir unter dem unangenehmen Aufsehen zu leiden haben, das i?)r sicherlich nicht beabsichtigt. Nachschrift. An dieser Stelle muß id) jetzt von meinen Lesern nnb Leserinnen Abschied nehmen. Die Niederschrift in diesem Blatte stellt einen Ausschnitt aus einem Buch dar, das "Anfang Juli md) illustriert erscheinen wird. Den Lesern und Leserinnen wäre id) außerordentlich dankbar, wenn sie an die Adresse der Schristleitung der ,.F ü d i s ch - l i b e r a l e u Zeitung" mir raten könnten, welche von den zahlreichen Einzelfällen sie für eine b i l d l i d) c D a r st e l l u n g in S t r i ch z e i ch n u n g besonders geeignet halten und ob sich unter den in dieser Zeitung geschilderten Situationen bereits eine heraus hebt, die geeignet wäre, im Titelbild festgehalicii zu werden. Richtunggebend muß für die Illustrationen das Motiv bleiben, das mid) auch bei der Herausgabe des Buches leiten soll: denen, die den aufreibenden polnischen Kampf in* Dienste der Allgemeinheit in sorgloser Kritik oder in kritischer Sorglosigkeit für unproduktive Lebensarbeit halten, lachend die Wahrheit zu sagen.