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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-15 · 20 (15.5.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
20 (15.5.1925)
Date
1925-05-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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mmmmm rnrnmm «WWW mmm 8 Jahrgang Mmmer 20 Oie Sprache des jüdischen Gottesdienstes. Eine geschichtliche Studie. Äon Rabbiner Dr. Selig mann, Frankfurt a. M. Läßt sich über die Sprache des jüdischen Gottesdienstes etwas Neues sagen? Ist nicht alles, was darüber zu sagen ist, schon längst erschöpft? Schon im zchre 1818, dem Jahre der Gründung des Tempels zu Hamburg, erschien eine Kleine Schrift von 3. L. Auerbach in Berlin, dem Prediger am IaKobson-Beerschen Tempel in Berlin, worin alle hierher gehörigen Fragen behandelt wurden. Als infolge der Verketzerung der zweiten Auslage des Hamburger Tempelgebetbuches im Zahre 1842 durch den Ehacham Bernays der Hamburger Tempelstreit aufs neue auflebte, trat Abraham Geiger mit einer bedeutsamen Flugschrift „Der Hamburger Tempelstreit, eine Zeitsrage" in die Schranken, in welcher ausführlich zur deutschen Gebetsprache Stellung genommen wird. Am wichtigsten und interessantesten aber sind die Verhandlungen der zweiten Rabbineryersammlung zu Frankfurt a. M., wo an zwei heißen ZMagen des Jahres 1845 über die Frage der Notwendigkeit der hebräischen Gebetsprache mit einem ungeheuren Aufgebot von Gelehrsamkeit, dialektischem Scharfsinn und Gemütsgründen gestritten wird, so daß uns noch heute aus den gedruckten Protokollen der heiße Odem des leidenschaftlich geführten Kampfes ^eutgegenweht. Nicht darüber ging damals der Streit, ob die Muttersprache bei dem jüdischen Gottesdienst zulässig sei; denn darüber waren sich alle, selbst die konservativsten, einig' sondern darüber, ob und wie weit die hebräische Sprache bei dem Gottesdienst notwendig, und wenn auch nicht notwendig, doch vorerst noch ratsam erscheine. Auf der ein Jahr vorher in Braunschweig tagenden Rabbinerversammlung hatte Kirchenrat Maier-Stuttgart den Antrag auf Niedersetzung einer Kommission zur Vorbereitung eines neuen Gebetbuches gestellt. Zu Mitgliedern der Kommission wurden Kirchenrat Maier, Hclzscld-Braunschweig, Bodenheimer-Krefeld, Holdbeim und Solomon gewählt. Die Kommission, in deren Aamen Maier-Stuttgart ein ausführliches Gutachten Mattete, kam zu dem Ergebnis, „daß eine o b j e k - fns Notwendigkeit der hebräischen Sprache überall mcht vorhanden sei und bis auf sehr geringe Ausnahmen auch auf talmudischem Standpunkt nicht begründet. Da st doch eine subjektive Notwendigkeit derselben in einem großen Teil der deutschen Israeliten in der Gegenwart vorhanden sein dürfte, so findet die Komnüsstm die Beibehaltung der hebräischen Sprache insoweit für ratsam in den typischen Bestandteilen der Liturgie, oaß B o r c cb u mit seinem Neponso, Schema, die mei ersten und letzten Benediktionen der Tephilla und Aorlesen der Thora in derselben staitfinden, alle übrigcBestandteile der Liturgie dagegen eine Bearbein'.ug in deutscher Sprache erfahren soll." än dem von Kirchenrat Maier erstatteten Referat deißt es in bezug auf die Sprache des Gottesdienstes: „So lange der Begriff einer voraeschriebencn Pflichterdacht der allgemeine und herrschende war, und man sic'' für 'verpflichtet hielt, dem Herrn des Lebens täg-!: b eure Anzahl von Wörtern zuzuzählen, wie ehemals, lange der Tempel noch stand, eine Anzahl von Scha-! kw und Bindern, konnte ein solcher Widerspruch 1 lg?ischeu dem religiösen Gefühl und der bestehenden normnicht Platz greisen. Man opferte Gott seine .':Gvren der Sippen und damit hatte man seiner Obkcqenheit Genüge geleistet. Dieser Begriff hat sich ge- >K'd'?"tz an dessen Stelle ist bei einem großen Teil der Gemeinde die Aeberzeugung getreten, das Gebet müsse ^eche der Andacht sein, wenn es irgendeinen Wert Aden soll. Andacht, eigentliche Ergießung des Herzens jn;vv; aber nur in der Muttersprache statt, in ihr allein bcucl-.t sich die religiöse Empfindung unmittelbar aus; A' fremde Sprache bewirkt, selbst im Falle sie verl::nibcn wird, doch nur mittels der Aebersetzung eine martere Andacht, bildet somit eine Scheidewand .'waschen Gelt und dem betenden Herzen. Mit welchem Mg und Recht kann nun von denen, welche zu einer 'clchrn Ueberzeugung gelangt sind, gefordert werden, j st stst' bisherigen Form und Sprache zu beten? Daß i öer Talmud keine solche Anforderung macht, ist bekannt 'uf-mg. Es sei indessen vergönnt, hier eine Stelle descs Atzen untersagen. Davon hörte Rabbi Dose und wmnicht wenig darüder aufgebracht und sprach: Dieses B.daup-e ich: Wer nicht hebräisch versieht, sollte der das Schema gar nicht beten? Gewiß, inan genügt der chsbcht in jeder Sprache, die man versiebte Das Gene! i;t da, damit jeder wisse, seine Bedürfnisse von Gott Zu crflehen; das Tischgebet, damit man wisse, wem man banke." —. Alle Gründe, so meint Kirchenrat Maier, b'-e man für eine ganz hebräische Liturgie gelte-cd mache, w>e zum Beispiel, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache erhalten bleibe, oder daß das Band der Gettm meinschafi Israels nicht zerrissen werde, oder das Alter und die Ehrwürdigkeit der hebräischen Sprache ließen höchstens nötig erscheinen, daß diejenigen Teile der Liturgie, welche von jeher als die ältesten und wichtigsten, gewissermaßen als das Glaubensbekenntnis der Israeliten betrachtet wurden, und die auch den Israeliten aller Länder, bei aller Verschiedenheit ihrer Agenden, gemeinschaftlich sind, in dieser Sprache belassen werden, also Borechu, der erste Abschnitt von S ch e in a, die drei ersten und die drei letzten Benediktionen der T e s i l! a und die Lektion aus dem Pentateuch. Auf der Frankfurter Rabbinerversammlung vertrat Frankel dem Kommissionsvorschlag gegenüber den Standpunkt des positiv historischen Judentums. Die hebräische Sprache sei mit dem Wesen des Judentums erwachsen, sie ist ihm die heilige Sprache. Aus der vierundfünfzig Druckseiten ausfüllenden Diskussion über diese Frage seien nur zwei Bemerkungen hervorgehoben, die den Kern der Sache am tiefsten treffen. Herzfeld meint, nachdem allgemein nachgewiesen sei, daß keine gesetzliche Autorität für die Beibehaltung des Hebräischen vorhanden sei, erscheine die Unterscheidung der subjektiven und objektiven Notwendigkeit unwesentlich. Das Hebräische soll als ein zusammenhaltendes Band im Gotteshause bleiben. Es ist etwas Mystisches darin, nnd schon deshalb sollte es nicht ganz aus dem Gotteshause entfernt werden; wird auch manches nicht recht verstanden, so schadet es nicht. In gegenteiligem Sinne äußert sich Geiger. Erhält es für wünschenswert, daß in der Muttersprache gebetet werde, die die Sprache des Gemütes ist. Alle unsere tiefsten Empfindungen und Gefühle, unsere heiligsten Beziehungen, unsere höchsten Gedanken finden in ihr ihren Ausdruck. Geiger sieht sich zu dem Geständnis gezwungen, daß ihn selbst, dem das Hebräische die zweite, ja die erste Muttersprache — da er sie zuerst erlernte — war, ein deutsches Gebet mehr als ein hebräisches zur tiefsten Andacht anregt, welche Erfahrung er besonders in hiesiger (der Frankfurter) Synagoge gemacht hat. Gegen Frankel bemerkt Geiger, daß, wenn die hebräische Sprache als wesentliches Moment des Judentums ausgestellt würde, dann werde damit das Judentum als eine nationale Religion hingesiellt, da eine besondere Sprache ein charakteristisches Moment eines gesonderten Volkslebens sei. In seiner bedeutsamen Replik gegen Geiger führt Frankel aus, wenn Geiger meine, Sprache sei etwas Nationales und die Beibehaltung des Hebräischen würde scheinbar das Streben nach Nationalität bekunden, so siehe die Frage, die die Wirkung nach außen berücksichtige, nicht zur Debatte. Die Emanzipationssache stehe dem Neligiösen fern, und um der Emanzipation willen sei kein religiöses Moment zu opfern. Was religiös ist, müssen wir beibehalten, und wäre die Nationalität religiös, so müßten wir auch ohne Scheu uns zu dieser bekennen. Glücklicherweise lehre die Erfahrung in den Ländern der Emanzipation, in Holland und in Frankreich, daß das Hebräische die Juden nicht hindere, echt patriotisch zu sein und alle Pflichten gegen den Staat zu erfüllen. Wenn Geiger ferner behaupte, das Deutsche erhebe ihn mehr als das Hebräische, so sei dies rein subjektiv. Die meisten Kenner des Hebräischen werden es anders finden. Soviel Charakteristisches im Judentum sei schon verwischt worden, daß es an der Zeit ist, inne zu halten. Allerdings sei es dringend erforderlich, einen Teil des Gottesdienstes in deutscher S p r a ch e zu begehen; nur müsse die hebräische Sprache vorwalten, indem diese die Stelle der bei unserem Gottesdienste mangelnden anderweitigen, sinnlichen Momente der Erhebung und Anregung vertrete. Kirchenrat Maier stellte sich insoweit auf die Seite Frankels, daß er das nationale Element der Sprache als beachtenswert erklärte in dem Sinne der Erhaltung eines gemeinsamen Bandes. Dazu aber genüge, meint er, ein Minimum von. Hebräisch, soviel, als in der Schule zum Berständnis gebracht werden kann. Auf positiv historischen Boden stellte sich auch in sehr beachtenswerten Ausführungen Ludwig P h i - tjpps Dil Aehnlich wie fünfundzwanzig Jahre später Joel in seiner Kontroverse mit Geiger, unterscheidet Philippson zwischen Gebet und Kultus. Gebet, so sagt er, ist der Ausdruck für alle besonderen Zustände und Empfindungen, für Glück und Anglück, Freude und Leid, Trauer, Neue und Buhe; hier ist volles Verständnis nötig und eine fremde Sprache ganz unbrauchbar. Der G o t t e s d i e n st dagegen beachtet das Individuelle nicht, er will (neben anderem) Ausdruck der Konfession sein. Die deutschen I u - den sind Deutsche, denken und fühlen deutsch und wollen vaterländisch leben und tätig sein. Aber das I u - dentum ist nicht deutsch, es ist universell. Die Zerstreuung der Juden ist nicht Zerstreuung des Judentums;! vielmehr-muh dieses einen einheitlichen Charakter ha-! ben. Dem Inhalte nach bildet den einheitlichen * Charakter das Beke n n i n i s, der F o r m nach wird WM WWWWWWWWWMWWD 1. Beilage 15. Mai 1925 er durch die hebräische Sprache vertreten. Wenn wir in bürgerlicher Hinsicht mit allen Vaterlandsgenossen nach Einheit streben, so dürfen und müssen wir doch im Neligiösen das Unterscheidliche sesthalten. Die Minorität bedarf einer unermeßlichen Majorität gegenüber unterscheidender Momente, und ein solches Moment ist das H e b r ä i s ch e beim Gebet. Deshalb muß das Hebräische beibehalten, aber mit dem deutschen Element organisch vereinigt werden. Auch Jakob Auerbach und der Präsident der Frankfurter Rabbinerversammlung, Leopold Stein, stellen sich, gegen Geiger, aus den Standpunkt Frankels. Jakob Auerbach erklärt die Anhänglichkeit an das Hebräische für keine bloße Sentimentalität. Es handle sich um die Bewertung des geschichtlichen Moments. Hier ist der Nerv der Zeitsragen berührt, und man greift damit ins Herz des Judentums. Das Nationale sei vom Neligiösen nicht im eigentlichen Sinn geschieden, sondern das Nationale habe sich zum Neligiösen entwickelt, und so sei das Neinreligiöse die Blüte des Iüdischnationalen. Die Notwendigkeit der Verbindung mit der Geschichte verlange ein stationäres Element im Gottesdienst, und das Hebräische müsse eben dieses stationäre Element bilden. LeopoldStein spricht warm für das Hebräische als eines charakteristisch jüdischen Moments. Sowohl um des Verständnisses unserer hebräischen Literatur willen, als auch um der Weihe willen, die aus dem Hebräischen ströme, vor allem aber als ein zu erhaltendes Band für die Glaubensgemeinde sei das Hebräische beim Gottesdienst notwendig. Der deutsche Jude, der nach einem fremden Laude, der ausländische Jude, der zu uns komme, es müssen ihm im Gotteshause überall Klänge entgegentönen, durch welche er sich unter Brüdern fühle. And Brüder sind wir, Abkömmlinge derselben Väter; man wende sich, wie man wolle, man wird das Nationale aus unseren Beziehungen nie ganz wegstreichen können: Wir bilden kein eigenes Volk mcl;v aber eine große, über die Erde hingestreute Glau -< b e n s f a nr i l i e. Darum hat das Hebräische beim Gebet dem Raume nach als Band mit allen unseren Brüdern auf der Erde, der Zeit nach als Band mit unserer erhabenen Vergangenheit für uns eine doppelte., tief religiöse Bedeutung. Im übrigen war auch Geiger nur t h e o r e t i s ch für einen größtenteils deutschen Gottesdienst. Gegen Schluß der Debatte erklärte er, nachdem der dramatische Austritt Frankels aus der Rabbinerversammlung infolge ihrer Abstimmung (13 Stimmen auf seiten Frankels, 15 auf seiten Geigers) bereits erfolgt war, daß die Frage, inwieweit Hebräisches beizubehalten sei, von der Individualität der einzelnen Gemeinde abhängig zu machen sei, „und ebensowenig wie ich mich verpflichten kann, für meine Gemeinde alles das in deutscher Sprache einzuführen, was die Kommission derselben zugewiesen, ebensowenig würde ich es einer anderen Gemeinde verargen,, wenn sie darüber hinausgehen sollte." Wohl in keiner Frage hat Geiger seinen Standpunkt so stark verändert wie gerade in dieser Frage der Sprache des Gottesdienstes. In seiner 1861 erschienenen Schrift „Notwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes. Ein Wort zur Verständigung", führt er aus: „ . . . und dennoch muß man mit Recht zögern, für den öffentlichen Gottesdienst einen völligen Tausch mit der Sprache zu machen. Bei dem Privatgebet ist er notwendig und unbedenklich: der einzelne versenkt sich in sich selbst, und nur seine individuellen Gefühle erlangen den angeinesseneu Ausdruck. Auch das stille Gebet der Gemeinde wird am besten in der Muttersprache gesprochen werden; auch bei ihm kehrt der Betende mehr in sein eigenes Selbst ein, wenn er auch in der Versammlung sich befindet. Ein anderes jedoch ist es mit dem gemeinschaftlichen Gebet. Bei dem öffentlichen Gottesdienst, in welchem die Gesamtheit als solche auftritt, da kann diese mit ihrer ganzen Geschichte ihre Rechte nicht ganz dem individuellen ^Bedürfnisse abtreten. Eine oft wiederkehrende Feier wirkt nicht bloß durch ihren Inhalt, sondern auch durch alle Erinnerungen, welche sich an sie knüpfen, wie sie früher begangen worden; ist die gegenwärtige Feier von der früheren durchaus abweichend, so ist dieses mächtige Band zerrissen, sie ist nicht mehr die alte liebe Bekannte, der wir uns traulich nahen, mit der wir ohne weiteres in einem innigen Verhältnis stehen, sie ist eine Fremde, der wir kalt, höchstens neugierig entgegentreten, wir müssen erst für sie gewonnen werden, keine ihrer Schwächen hat ein Recht auf unsere Nachsicht, wir sind im besten Falle eben so bereit zum Tadel wie zum Lobe, und daher mehr krimWnliM—liiiWIllil liiMlglil'lMWTIiaMBagaMHM Jüdisch - liberaler Jugemlvercin „Abraham Geiger4*, Breslau Sonntag, den 17. Mai 1925, Ausflug nach Malisch Trefiahrt: Breslau —Liegnitz. Abfahrt: Breslau, Ifauptbahnhof, 6,16 Uhr. Treffpunkt: Nordhotel, 5.45 Uhr. Abfahrt: Liegnitz 6.20 Uhr Gäste aus den Nachbarilis herzlich willkommen. mfmu II l'HBIilMF» i aanMBBi

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