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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-08 · 19 (8.5.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
19 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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i es oh'ne^Äezröhüng zur^Tegemvart dibt. Aus Grunvdkstr sevstficheren dogmatischen und historischen Einstellung »ersucht -an« das liberale Judentum eine seste, gleichmäßige Sittenlehre aufzusteUen» während es jedem einzelnen überlassen müßte, mit iHjlfr eigenen Nachdenkens selbst den Standpunkt zu wählen, cher für jeden ein anderer sein muß. Man wird dieser Diagnose ^rlcht zustimmen können. Daß die Krankheit vorhanden ist. »daran ist kein Zweifel möglich, ihre zerstörende Kraft wird mon den Beteiligten selbst zugegeben. Ader die Ursachen der Zkankhett sind nicht richtig erkannt, sie stehen zu sehr im Widerspruch zu der gesamten Konstitution des Patienten. Es Imag wohl in der Praxis bisweilen Vorkommen, daß Dogmatismus Md Erstarrung, Weitfremdheit und geschichtliche Romantik mehr Wnflutz gewinnen als ihnen zugesprochen werden darf und dem Mörper gesund ist. 3m Prinzip aber schließt die Theorie und Las Wese» des liberalen Judentums alle diese ihm gemachten Vorwürfe aus. Rach dem. was oben aus dem Inhalt der Verhandlungen der Konferenz mitgeteilt ist, darf weder der Vorwurf der Erstarrung noch der der Einseitigkeit oder der Abschließnng vom Leben und de» Gegenwartsfragen als berechtigt gelten. Darum rennt der Verfasser auch ofsene Türen ein, wenn er iu dem Kapitel über den Religionsunterricht die Forderung stellt, daß dieser sich nicht einseitig auf die jüdischen Religionsquellen beschränken darf (wenn er auch diese bevorzugen muß), sondern sei» Augenmerk auch den außerjüdischen Religionen, ihren Quellen und Lehre», zuzuwenden verpslichtei ist. Kein vernünftiger Lehrer, ich wage sogar zu sagen, kein vernünftiger orthodoxer Lehrer, wird diese Forderung unberechtigt finden. Die Klarheit über die eigene Lehre kann nur gewinnen, wenn auch andere zum Vergleich heranzieht. Das Unglück ist , daß in den meisten Fällen so wenig Zeit und Energie für Äie Unterweisung in de« jüdischen Quellen und Lehren vorhanden ist, daß für die fremden kaum etwas übrig bleibt. Nicht anders steht es mit der Forderung, daß Jesus in der Lehre des Meiden Judentums größere Berücksichtigung finden müßte,- auch ^lier ist der berechtigte Teil der Anregung längst erfüllt. Wer chnr einen Funke» von Einsicht und Wirklichkeitssinn hat. wird m der weltgeschichtlich so bedeutsamen Erscheinung des Begründers des Christentums nicht achtlos vorübergehen und. sollte isÄdst der Lehrer töricht genug sein, es zu tun, so wird er durch idie Fragen der Schüler zu ihrer Beachtung gezwungen werden. 'Von den amerikanischen Synagogen wurde vor noch nicht gar ••ja langer Zeit behauptet, daß in ihnen mehr über Jesus gepredigt ^avürde als in den christlichen Kirchen. Eine Gefahr der ^Ignorierung des Evangeliums und seines Verkünders besteht ialso nicht, auch nicht die Gefahr, daß diejenigen Lehren, welche Allgemein menschliche Bedeutung haben, nicht mit der nötigen Sympathie betrachtet würden. Wohl aber besteht die andere Gefahr, vor der Lehrer und Prediger nicht genug auf der Hut fein können, daß sie sich durch die christlich-theologische Auffassung allzu sehr fortreißen lassen: selbst Forscher, die glauben, vom kirchlichen Dogma vollständig unbeeinflußt zu fein, sind nicht immer frei von den Fesseln einer durch die Jahrhunderte und die Zahl ihrer Bekenner zur Herrschaft erhobenen Auslegung. Es ist einer der Vorzüge und zugleich eine der schweren Konfliktsquellen des modernen Judentums, daß es sich gegen die Einflüsse der Außenwelt nicht abschiießt, aber es muß daneben mit um so schärferer Klarheit und zäherer Energie an seinen Eigenwerten festhalten. Ein solcher ist des Glaube an „die Mission" oder an die messianische Aufgabe Israels. Der Bekämpfung dieses Glaubens gilt eines der umfangreichsten Kapitel des Buches (S. 58—73) und gerade dieses zeigt, wie wenig geklärt die Ansichten des Verfassers sind. Cr mag vielleicht im Recht sein, wenn er die Geschichtsphilosophie bekämpft, welche das liberale Judentum an die Tatsache der Zerstreuung ^Mstl-euBMe McheSnMhät. Aber der'Glaube o*lhte besondere Sendung Israels für die Welt wird davon nicht berührt. Dieser Glaube ist ja in neuerer Zeit von otthvdozer Seite — es fei nur an S. R. Hirsch erinnert — mindestens mit derselben Emphase betont worden wie von liberaler, und man darf wohl sagen, daß der ganze zähe Lebenskampf der Judentums keinen Sinn hätte, wenn wlr nicht von der Heberzeugung durchdrungen wären, daß wir der Welt noch etwas zu bieten haben. Davon aber, so wendet Mr. Wise ein, will die Welt nichts wissen, und er stellt sogar die Frage, ob denn unsere Religion wirklich so einzigartig ist, daß wir es wagen dürfen, sie der Welt als eine Verbesserung anzubieten. Seit der alten Offenbarung an Israel und seit dem Auftreten der Propheten hätte die Welt sich wesentlich verändert und könnte der religiösen Beeinflussung durch uns entbehren. Es muß zugegeben werden, daß die Anschauungen der Völker über Religion und Sittlichkeit eine grundlegende Aenderung erfahren haben, aber wer sieht nicht die starke Mitwirkung des Judentums au dieser Umgestaltung? Zwei große Wettreiigionen find seinem Schoße entsprossen, und es hat innerhalb des Christentums kaum eine Bewegung zur Erneuerung und Belebung des Evangeliums gegeben, die nicht mittelbar oder unmittelbar von jüdischer Seite beeinflußt worden wäre. Die katholische Kirche des Mittelalters hat instinktiv hinter jeder Ketzerei etwas von „jüdischer Verderbtheit" gesehen, und auch heule noch stimmen Protestanten und Katholiken beim Aufkommen einer ihnen unbequemen, wirkungsvollen Lehre gemeinsam in den Ruf der Ansteckung durch das Judentum ein. Nichts ist verkehrter als die Behauptung unseres Derfaffers. daß jedes Volk diejenige Religion entwickelt, die seinem Wesen angemessen ist — die fast neunzehnhundert Jahre christlicher Mission bezeugen das Gegenteil. Die Juden aber, so hält er uns entgegen, treiben deine Mission und, so wird gefolgert, haben auch keine. Hier wird das Aussenden von Missionaren mit dem Besitz einer Mission oder Aufgabe verwechselt. Es gibt auch eine stille Propaganda, die geräuschlos arbeitet und durch das, Ws ihr Träger besitzt und zu bieten hat, mehr erreicht als eine andere mit ungeheurem Aufgebot von Macht und Mitteln. Einige Zeugnisse von christlicher Seite werden das belegen. R. Travers Herford schreibt in seinem Bortrage „Was verdankt die Weit den Pharisäern?" l): „Die Fahne des reinen, unverwässerten Monotheismus hochzuhalten. das war immer ein Teil und kein geringer Teil des Zeugnisses, welches das Judentum durch all die Jahrhunderte abgelegt hat, und wer will behaupten, daß solches Zeugnis nicht heute noch vonnöten sei?... Die Tatsache kann kaum geleugnet werden und trägt zur Präzisierung der Frage bei: Was wäre aus dem Christentum geworden, wenn es nicht den zügelnden Einfluß seines jüdischen Ursprungs und seiner jüdischen Schriften gehabt hätte, um seine Tendenz, fremden Zuwachs aufzunehmen, in Zaum zu halten . . . Die hebräische Bibel diente als das Salz, welches die christliche Lehre vor Verderbnis bewahrte, und das Zeugnis des Judentums ist eine dauernde Erinnerung daran geblieben, daß dieses Salz seinen Geschmack noch nicht eingebüßt hat". Aehnlich hat Lord Arthur Balfur jüngst in seiner großen Rede zur Einweihung der Universität in Jerusalem ausgeführt, wieviel die englische Zivilisation und die englische Literatur der Uebersetzung der hebräischen Bibel verdankt und welches Verdienst das Judentum sich durch die Erhaltung dieser erworben hat. — Wenn unser Verfasser schon von einer Sendung Israels auf religiösem Gebiere nichts wissen will, so noch wenige auf sozialem. „Nichtjuden machen genau die gleichen Anstrengungen auf diesem Gebiete wie Juden und die Verwirklichung der Ideale der Propheten wird mindestens ebenso ernst von vielen Christen angestrebt wie von Juden" (S. 7!). Das x) Ueberfetzt von Rofalie Perles, Leipzig 1920, S. 19—2!. ist fiagias richtig^Mr rcktnerhiustLd ts ~'bU Lehren "uüstreo Propheten, die dabei richtunggebend sind. Sehr bezeichnend find' die Namen, welche uns als Muster dieses Strebennach sozialer. Erneuerung genannt werden: Lord Robert Cecil und General Smuts, bekanntlich beide eifrige Förderer des Palästina-Aufbaues. sowie Henry George und Leo Tolstoi, von denen jeder Kundige weiß, wie tief gerade sie unter dem Einfluß der, jüdischen Literatur standen und welche Wertschätzung sie jüdischsozialen Ideen entgegenbrachten. Der grundlegende Irrtum de» ganzen Buches ist der, daß es, die Religion rein individualistisch auffaßt und daher nur immer eine gewisse Relativität aller ihrer Lehren anerkennt Schon die Definition, daß es die Aufgabe der Religion Ist, dem. Menschen dazu zu Helsen, seine besten Anlagen zu entwickeln (S. 18, 146), ist zu eng, sie berücksichtigt nur eine, die erzieherische Seite der Religion und läßt das rein Religiöse vollständig außer acht. Es klingt sehr geistreich, wenn gesagt wird, daß die Religion um der Menschen willen da ist und nicht die Menschen wegen der Religion. Das mag auf die Formen und Gestaltungen einer Religionsgemeinschaft zutreffen, ist aber für die. Religion selbst keineswegs richtig. Jede Religion beansprucht für ihre Grundlehren Ewigkeitswert und eine Religionsgemeinschaft ist nicht ein Zusammenschluß von Individualisten, die jeder ihren eigenen Weg gehen: sie muß gewisse gemeinsame Grundsätze für Lehre und Leben aufstellen und aus der Anerkennung ihrer Ideale bestehen. Sie hat auch kein Recht, sich selbst aufzugeben und unser Verfasser wird bei niemand Beifall finden, wenn er fordert, daß das liberale Judentum die Mischehe begünstigen soll (S. 108 f>). Welche Verheerung sie im Judentum anrichtet, ist jüngst in diesem Blatte an der Hand der Statistik gezeigt worden. Von den jungen Leuten, die nach Wise „ihre seelischen Anlagen auss Vollkommenste entwickeln", muß gefordert werden, daß sie die Frage der Verantwortlichkeit für die Gemeinschaft nicht hiinansetzen. Dr. Elliot, der berühmte greise Rektor der Harvard Universität, hat jüngst mit Recht die Juden Amerikas vor der Gefahr der Mischehe gewarnt. Es ist weder ein Anzeichen von Gärung innerhalb des Reformjudentums, die sich in diesem Buche ankllndigt, noch ein Angriff, vvn Bedeutung, aber als Symptom verdient es immerhin Beachtung. Es lehrt vor allem, wie stark selbst bei solchen, die sich ernstlich mit jüdisch-religiüsen Problemen beschäftigen, das Verständnis für die Eigenwerte des Judentums erschüttert ist. Hierin liegt die: wirkliche Gefahr, der die verantwortlichen Führer ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Auch die Gärung ist unleugbar vorhanden; wie das hier detzandclte Buch vom ultra-individualistischen Standpunkt aus, fv versuchen andere vom nationalen Stand-; punkt aus die Schwächen des liberalen Judentums bloßzulegen. (Ein dritter Artikel folgt.) Kalendarium für die Seit vom 9.5. di-16.5.1925 Mai 1925 Isar 5655 Sonnabend 9. 15. Wockeir-Abschnilt: Ömor (3. S. M. Kap. 21—24) Haftarah: Ezechiel Kap. 42,13—31 Sonntag 10. 16. Montag 11. 17. Tanis scheu! II Dirnstaq 12. 18. Lag b'omer Mittwoch 13. 19. ' - $4, 13. & Sonnabend 16. 22. W-ch-Efchottl: B'har und L chntaußbi (3.2. M. Kap. 25 M Ende) Haftarah: Ierrrma Kap. 16,19-21 Kap. 1M-14 „Was sagt ein Mensch dazu, ich kann gar hüpfen. Zie sollen so ^hüpfen können, wie ich hüpfen kann! . . Als ich glücklich in der Pacallelversammlung ankam. war diest bereits'übeisllllt. Und da ich mein Wort einlösen mußte, blieb mir nichts anderes übrig, als vor der Saaltür bei dem Daler zu bleiben bis die Begleiterin sichtbar wurde . . . _—_ (Schluß folgt.) Frauen als Talmudforscherinnen. Don Joses Grob.?>k> Talinudstttdium ist keine leichte Aufgabe. Es erfordert große Geduld und einen ausgeprägten Scharfsinn. Zur Ersorichung des Talmuds iit besonders He konzentrierteste Sammiuug der Gedanken und noch inehr eine vollkomnien ruhige lirngebung notwendig. Kein Wunder also, wenn in den letzten Dezennien unseres oeitallers, selbst in streng orthodoren Iudenkreisrn. sich sehr wenige befinden, die sich mit dem Talmudstudium befassen, während es in früheren Zeiten sogar Frauen gegeben hat, die aus dem Gebiete der talmudischen Wissenschaft hervorragend gewesen sind. Eine der interessantesten weiblichen Talmudforscherinnen war die berühmte Anna von Kassel. Schon ihr eigentümlicher Lebenswandel machte sie zur hervorragenden Persönlichkeit, mit der sich die Chronik des 17. und auch zu Anfang des 18. Jahrhunderts sehr viel befaßte. Aus dem altadeligen Hause Schleswig-Holstein abstammend, schön und klug wie keine zweite ihrer Zeitgenossinnen, verehelichte sie sich im Jahre 1669 mit dem ungemein reichen polnischen Baron von Hoimb. Es dauerte nicht lange und die schöne Baronin wurde die allmächtigste Hofdame des polnischen Königs „August des Starken." Sie setzte Minister ab und ernannte andere und keine wie immer geartete politische Angelegenheit in ganz Polen und Sachsen wurde ohne ihre Zustimmung durchgeführt. Ihr Einfluß war unbeschränkt und dauerte ziemlich lange, dis sich die anderen, neiderfüllten Hofleute zu einem Komplott gegen sie zufammengetan und mittels verschiedener Intrigen ihrer Herrschaft ein Ende machten. Nicht uninteressant war der Werdegang ihres Aufstieges zur Macht und Herrschaft und zur Geliebten des polnischen Königs, August des Starken. Ihr Ehegemahl, Baron pon Hoimb, war nicht wenig stolz auf feine schöne und geistreiche Gattin, fürchtete jedoch sie seinen Kollegen am königlichen Hofe und dem König selbst vorzustelien. weil er überzeugt war. daß ihr Erscheinen in der Oeffentlichkeit Unheil stiften wird, weshalb er sie lange Zeit in seinem Schlosse versteckt gehalten hatte und sie so der Gesellschaft vorenthielt. Für die Dauer konnte er sich jedoch nicht überwinden, sich seines kostbaren Schatzes nicht zu rühmen, und als er einmal bei einem Bankett im Kreise des Königs und seiner Freunde gesessen und das Thema über schöne Frauen angeschnitten wurde, ging er eine Wette ein, daß seine Gemahlin, mit ihrer Schönheit, Klugheit und ihrem Liebreiz, nicht nur alle Hofdamen, sondern alle Frauen der Generation übertrefse. Zum Preisrichter wurde der .König selbst bestimmt, gleichzeitig aber damit das Los der ichönen Anna, mit ihrer großen, schlanken Gestalt und ihren wunderbaren, bezaubernden, lies schwarzen Augen. Als sie zum ersten Male im königlicken Schlosse erschien, waren alle Anwesenden von ihrer Schönheit geblendet. Ihre Erscheinung bezauberte alle Hosleute, den König und den ganzen Adel. August der Starke ließ sie nicht mehr von feinem Hose und Baron Hoimb verlor sie für immer. Seit dieser Zeit wurde sie nickt nur die Geliebte des Königs, sondern auch seine Herrscherin und die Regentin des ganzen Landes. Minister wurden durch sie — wie erwähnt — obgesetzt und ernannt, kein Mensch durfte ihren Anordnungen widersprechen, ihre Meinungen und Wünsche waren Gesetz und Befehl in ganz Sachsen und Polen und selbst die bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes mußten sich zuerst an die allmächtige Hofdame wenden, wenn sie königliche Begünstigungen anstrebten. Natürlicherweise wurde sie wegen ihres unbeschränkten Einflusses nicht nur allseits beneidet, sondern es bildete sich auch eine Gruppe von Feinden am königlichen Hofe, die sich gegen sie verschworen und sich vorgenvmmen halten, alle Mittel in Bewegung zu setzen, damit sie aus der Umgebung des Königs verschwinde. König August, ein Athlet, ja sogar für den stärksten Mann seiner Generation bekannt, war jedoch, was Konsequenz betrifft, ein Schwächling. Er ließ sich überreden, seine Angebetete vom königlichen Hofe zu entfernen, da man ihm drohte, falls die schöne Anna nicht verschwinde, man ihn mit ihr zusammen aus dem königlichen Schlosse vertreiben werde. Anna von Kassel wurde daraus nach Pilnitz verschickt, wo sie eine geheimnisvolle Lebensweise zu führen begann. Im Anfänge befaßte sie sich mit dem Studium aufreizender französischer Bücher von Voltaire und Rousseau, einer Literatur, die die Revolution hcraufbeschworen hatte, korrespondierte mit verschiedenen Wissenschaftsmünnern, unter ihnen mit Geistlichen. Dichtern. Freidenkern und auch jüdischen Rabbinern. Ost wurden in ihrer Wohnung Revisionen vorgenommen, sie kämpfte jedoch gegen die Spione und Untersuchungsbeamte und cs gelang ihr stets, die Konfiszierung ihrer Schriften zu verhindern. Sie flüchtete dann von Pilnitz nach Berlin, nachher nach Halle, wo sie mit den philosophischen Gelehrten der damaligen Zeit viel zu disputieren pflegte. Kurz darauf verbreitete sich das eigentümliche Gerücht, daß sie eine große Neigung zum Judentum bekunde und den jüdischen Glauben annehmen wolle In der breiten Oeffentlichkeit betrachtete man sie als geistesgestört. sie wurde auch unter diesem Verdacht im Jahre 1716 in die Festung zu Stolpen gebracht, wo sie bis zu ihrem Lebensende verblieb. Fünfzig Jahre verbrachte sie in dieser Festung, wo sie als fromme jüdische Frau gelebt und als solche auch gestorben ist. Die ganze lange Zeit ihrer Gefangenschaft widmete sie dem Talmud- und Dibelstudium. Ihr großes Vermögen, das aus ihren Besitztümern in Süddeutschland stammte, widmete sie ausnahmslos wohltätigen Zwecken. Sie gab mit offener Hand jedem, der sie um eine Unterstützung bat — und an solchen fehlte es niemals. Zumeist waren es jüdische Gemeinderabbiner, die bei lhr um Aushilfe für verarmte Familien ihrer Gemeinden vorzusprechen pflegten: sie verweigerte niemandem ihre Hilfe und war sogar hocherfreut bei solchen Gelegenheiten, sich mit den Kennern des jüdischen Talmuds in diesbezügliche wissenschaftliche Gespräche einlasseu zu können. Be! solchen Anlässen war es ihr möglich, über gewisse schwierige Talmudstellen sich Aufklärung zu verschaffen. Auch viele Adelige des Landes zählten zu den Besuchern der gelehrten Frau, und unterließen es nicht, alle Angelegenheiten mit der klugen Anna zu beraten. .. " v - ' Alle, die sie in ihrer Gefangenschaft besuchte», überzeugten sich, daß sie nicht nur nicht geisteskrank, sondern im Gegenteil, eine der gescheitesten Frauen war. die e» jemals gegeben, und es nur ihren Neidern zu verdanken hatte, daß sie hinter.' Kerkermauern ihr Leben verbringen muhte. i Zu den ständigen Besuchern der Gefangenen zählte «chl der seinerzeit wegen seines liefen Wissens auf de« Gebietei der altjüdischen Literatur berühmte Geistliche Bodenschatz ans Dlschofswerden. Mit ihm verbrachte sie fast ganze Tage über verschiedene Talmud- und Bibelthemen disputierend. Sir stand» auch mit diesem Gelehrten in steter Korrespondenz und unter-, fertigte ihre Briefe mit ihrem angenommenen Pseudonym „Lobgesang". Sie nahm sich vor. gemeinsam mit ihrem priesterllcheni Freunde, verschiedene hebräisch-wissenschaftliche Werke ins D«t-! sche zu übersetzen und so unter den Christen eine Propaganda für den jüdischen Glauben zu betreiben. j Ihren geistlichen Besucher empfing sie stets in eine« Gewände, wie es der hohe Priester im hellmen Tempel zu» Jerusalem zu tragen pflegte, das in der Bibel genau beschrieben ist. Zum großen Teil lehrte er sie, die aenaue Bedeutung und den Sinn der verschiedenen jüdisch-religiösen Gebete zu ver-i stehen. Sie strengte sich auch nicht wenig an, den Geistlicheni zum jüdischen Glauben zu bekehren, was ihr aber scheinbar: nicht gelungen ist. In welcher Zeit, m und wann Anna von Kassel selbst zur jüdischen Religion übergetreten war. ist bis heute ein Geheimnis geblieben. Erst nach ihrem Ableben intereffierte man sich behördlicherseits, welchem Glauben sie eigentlich angehhrt hatte, um zu wissen, wo sie bestattet werden sollte. 4 Es wurde ihr langjähriger Aufseher Gilden, der auch Verwalter der Festung war. vorgerusen und über das Leben, das die Gefangene geführt hat. befragt. Der Verwalter erklärte/ daß die Gefangene während dieser 50 Jahre, die sie in der, Stolpiner Festung vollbracht hatte, kein einziges Mai um die Erlaubnis gebeten habe, die Kirche besuchen zu dürfen, obwohl) sie ganz genau wußte, daß man ihr diese Bitte gewährt hätte. J Dagegen hatte sie die ganze Zeit nur jüdische Bücher« studiert, am Samstag die strengste Sabbatruhe gehalten, diej jüdisch-rituellen Speisrgesetze aus das genaueste beobachtet, das Geflügel, das für sie lebend beschaffen werden mußte, eigenhändig schlachtete und kein einziges Mal, vom ersten Tage ihres Aufenthaltes in der Festung, bis zu ihrem Ableben, kam da» Wort „Jesus" über ihre Lippen. Hauptsächlich war es dar Talmudstudium, dar ihr ganzes Interesse in Anspruch nahm und sowohl das Gesprächsthema beim Empfange ihrer zahlreichen Besucher, wie auch ihre übrige Zeit wurde dieser, von ihr sehr verehrten Wissenschaft, gewidmet. Anna von Kassel, dieser stolze Abkömmling aus dem alte» adeligen Geschlechte Schleswig-Holstein, hat wohl ihr Bekenntnis zum jüdischen Glauben dis zu ihrem letzten Atemzuge der Oeffentlichkeit nicht preisgegeden. weil sie gewußt zu haben schien, was sie von einer solchen Bekanntmachung zu erwarten habe, da zur selben Zeit Graf Valentin Potocki bekanntlich' für diesen Schritt lebendig verbrannt wurde. Dagegen ist ihri langjähriges, eifriges Talmudstudium allgemein bekannt gewesen« und zur damaligen Zeit galt sie als eine der hervorragendsten' weiblichen Forscherinnen auf dem Gebiete dieser unerschöpflichem Wissenschaft. ~ ~ ' ~ J

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