Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 19 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613807--1316-2618665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«US ihrem Paradiesesland Spante» fanden Mt. Ferdinand und " Jsabetta von Spanien --raubten ihr Land seiner intelligentesten, gebildetsten und wohlhabendsten Bevölkerung. Die unmenschlichen Massenaustreibungen mit kürzester Frist, suchen an Grausamkeit ihr Gleiches in der Geschichte. In dieser haßgeschviingetten Zeit tritt uns wiederum das Wunder der liberalen Tat der Geschichte entgegen. Di« A u s - streuung des Kultursamens in Gestalt der Kulturjuden. Denn überall dorthin, wo die spanisch-portugiesischen Juden und die Mariannen, d. h. Scheinchristen, ihren Fuß setzten, wuchs neuer Geist, neue Tat auf. Sie nahmen nicht nur Stolz und Würde, Wissen und Vornehmheit mit, sondern auch die neu angefachte heiße Liebe zu ihrer angestammten Religion und die schöne Muttersprache, die sich in einigen Landesteilen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Eine ähnliche Erscheinung trat bei den aus Deutschland vertriebenen Juden zutage. Sie fanden -in Polen Aufnahme. Wenn die deutschen Juden auch nicht auf «der Bildungshöhe standen wie die spanischen Glaubensgenossen, so nahmen sie doch biblisch-talmudisches Wissen, Treue zum Judentum und die deutsche Sprache mit. Momente, die ihnen im fremden Lande eine feste Einheit gabsn. Sie bilden noch heut das Reservoir der unverbrauchten Geisteskräfte, deren das Judentum zu seiner Neubelebung und Erhaltung bedarf. 2m 16. Jahrhundert wurde in Venedig das 1. Ghetto errichtet. Bon da aus streckte diese klammernde Hand sich über ganz Europa nus, drängte und engte die Juden ein, nahm ihnen den Blick in die Weite, in den Gotteshimmel, beraubte sie der Berufsfreiheit, zwang sie, die in Glanzzeiten große Handelsherren waren, zum Schacher und Wucher und schuf den armseligen Typ des gedrückten, gebückten und demütigen Mauscheljuden, der dem Gespött und der Verachtung der Welt preisgegeben ward. Aber inmitten der Verfolgungen und des Grausens der Scheiterhaufen steigt das Dämmerlicht einer neuen Zeit auf und wirft auch einen Schein über das geknechtete Gottesvolk. Denn idie Vorkämpfer der Reformation, erleuchtete Geister, wie Reuchlin, Hutten und Erasmus von Rotterdam versuchen, ihrer Zeit die Bedeutung und den Wert des Judentums vor Augen zu führen. Reuchlin besonders war ein großer Kenner der Bibel, des Hebräischen und der nachbiblischen Literatur und trat während des Verketzerungsprozesses, den der schurkische Apostat Pfefferkorn den Juden auf den Hals geladen halle, mutig für das Judentum ein. Die jüdische Geschichte ist des Wunderbaren und des Mfurden voll! Sv erscheint es wie ein Witz der Weltgeschichte, daß zur Zeit der unmenschlichsten Entrechtungen der Juden in ganz Europa ein spanischer Marranne, Don Joseph Nassi, durch seine Klugheit und Gewandtheit eine hohe Stellung am Hose des türkischen Sultans einnahm und als Herzog von Naxos und der ägäischen Inseln eine wichtige Rolle spielte. Er hielt die diplomatischen Fäden in der Hand und ließ die großen Fürsten seiner Zelt an diesen Fäden tanzen. Und immer, wenn den Bekennern des Judentums Heimat und Lickensmöglichkeit genommen wurde, eröffnete sich ihnen ein neues Asyl, ein anderes Stück Gotteserde, in dem sie wurzeln -und blühen konnten. Holland und etwas später England wird solch ein Wurzelbodea. In Amsterdam erblüht eine ansehnliche jüdische G-meinde. die sich in der Hauptsache aus spanisch« MNtugieUch« Juden und Marrannen bildete, später auch durch «^che Juden ergänzt wurde. Die Marrannen waren sMz.Äup ^gjMckttch, sich wieder frei zu ihrem geliebten Judentum bekennen Mt dürfen. Ein gebildeter Jude Jakob Tirado errichtete in WOerdamdie erste Synagoge. In Holland entsteht die Rach- Wme der spanisch-jüdischen Kultur. Poesie und Wissenschaft Kochten noch einmal auf. Die an Vergangenheit und Bildung so verschiedenen südlichen und deutschen Juden standen sich anfangs rnmmmmmmmm I* ‘Trtflfnaft ^WliH^gegMier^ Äier^uM^ öK' tiberälrn Führung vet rrsteren fand eine allmähliche Verschmelzung statt. Das bemerkenswerteste Kind des Gemelndelebenr in Amsterdam war die Gründung eines Rabbinatskollegiums, aus dem manch berühmter Rabbi. Talmudgelehrter und Denker hervorging. u. a. die Leuchte der neueren Philosophie: Baruch Spinoza. Er sowohl wie sein Vorläufer Urtel Acosta nahmen entschlossen und mutig den Kampf mit dem in Formen erstarrten talmudischrabbinlschen Judentum auf. Sie machten sich bewußt zu Feinden dieser Art Judentum, in dem sie den Geist der Bibel nicht mehr erkannten. Der Bannfluch traf sie beide. Standen sie auch scheinbar dem Judentum als Feinde gegenüber, so schlugen sie doch für die neue Zeit und die nachfolgenden Geschlechter die Tür freien Denkens auf und waren dadurch die Pioniere für die geistige Befreiung der Juden, ihren Zeitgenossen weit voraus, die in der Enge des Ghettos den geistigen Schwung immer mehr zu verlieren schienen. England, das feit Jahrhunderten vollständig judenfrei war öffnet in dieser Zeit sein Haus den Juden wieder. Hier war es Oliver Cromwell, der Soldat und herzensfromme Puritaner, dessen Liebe dem alten Testament gehört. Er gab der englischen Kirche und den englischen Sitten ein fast israelitisches Gepräge. Die dem Sabbat ähnliche Sonntagsruhe, die vielen biblischen Namen in den englischen Familien sind dessen Zeuge. Eromwell wurde Wegbahner der Juden. Flammende Reden des Lobes über das Judentum und seine Bekenner entstammen seiner Feder. Ein begeisterter Rabbiner aus Amsterdam stand in geistigem und politischem Verkehr mit Eromwell und erkannte die Bedeutung dieses Protektors für die Zukunft des jüdischen Stammes. Er hat sich nicht getäuscht. Damals begann auch schon die Verpflanzung der Juden nach Südamerika. Gottes Erde wurde groß und größer für den wandernden Ahasver. Das Jahrhundert des Humanismus, das 18. Jahrhundert, das der christlichen Welt Licht und Befreiung von dem finsteren Wahn des Mittelalters brachte, dessen politischer Ausdruck die große französische Revolution war, sprengte in seinem Ausklang auch die Fesseln des Ghettos. Diese gewaltige Geisteswende fand die Mehrheit der Juden in geistigem Tiefstand, in mittelalterlicher Intoleranz. Kein Wunder! Das Mtttelalter hatte sie verkleinert, entwürdigt und verängstigt. Aber ein Licht flammt auf: Moses Mendelssohn. Dieser wunderbare Geist in einem verwachsenen Körper schuf Unvergängliches. Nicht nur für feine Glaubensgenossen, für die er mehr Mitleid als Sympathie empfand, sondern für die Menschheit. Man wisse, aus welchem Milieu dieser Große aufstand; aus einer Gemeinschaft, in der das Lesen eines deutschen Buches als größte Sünde betrachtet wurde. Mendelssohn war berufen, der Freund Lessings zu sein, von Friedrich dem Großen beachtet zu werden. Sein philosophisches Hauptwerk, der „Phädov*, war dar meistgelesene Buch der Zeit und wurde in fast alle europäischen Sprachen und auch ins Hebräische übersetzt. Mendelssohn ist der Wiedererwecker des jüdischen Geistes geworden, der zu verkümmern drohte, der nun aber in einer befreiten Jugend sich so überraschend auswirdte, und wie einst in Spanien, alle Wissensgebiete mit wahrer Inbrunst und Begeisterung ergriff und zu erstaunlichen Leistungen emporblühte. Die französische Revolution, und in ihrem Gefoige Napoleon, und Mendelssohn sind unser aller Wegbereiter geworden. Sie haben , uns nicht nur die politische und wirtschaftliche, sondern auch die geistige Emanzipation gebracht. Dies ist nun das Losungswort, die große liberale Tat des 19. Jahrhunderts. Wie ein Orkan brauste die neue Freiheit durch die Reihen der Juden. Und dieser Orkan riß viele hinweg, von den Besten, die nicht warten konnten, bis ihre in Enge erstarrten Brüder den Weg ins Freie fanden. In 'ihrer"* Ieibcn-ftfjaftlicf}en~ Kulturliebe ' verkannten sie/' däß' Entwßcklttng, wje in der Natur. Langsam'zu Werke gehen muß. Die Entwicklung kam und brachte Segen und Unstgpn. Rechte zeitige Reformen hatten manches gleitet. Abcr blicken wir in Las 10. Jahrhundert; alle geistigen Führer der Indenheit, ob sie zur Orthodoxie oder zur freieren Richtung gehörten, sie alle haben an der großen liberalen Tat der Jetztzeit Anteil. An der Neuerweckung jüdischen Gei st es in Mendelssohns Sinn. Diesem Ideal dienten sie alle: die Geiger, Zunz, Lazarus, Sachs, Rießer und viele andere. Jeder lebende Jude, selbst der orthodoxeste, hat außer dem jüdischen Kulttirbewußtsein das Kultnrbewußtsein der Umwelt in sich, jeder hat in seiner jüdischen Seele den Einflüssen von Kunst und Wissenschaft, Technik und Berufsgeschicklichkeit Raum gegeben, jeder hat sich dem modernen Leben, seinen Sitten und Anschauungen angepaßt, jeder ist, bewußt oder uubewußt, liberal geworden. Alles, was sich im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte, ist nur Nuance der Oberfarbe. des Z e i 1 g e i stes. Er schimmert in den Gründungen für die Wissenschaft des Judentums, der Logen und Brudergemeinschäften, er schimmert in den Gründungen der Reformgemeinden, deren radikale Aenderungen alter Kultformen den langsamen Reformen der großeil Gemeinden nur ungeduldig voraugingea, er schimmert in all unserm Tun und Denken. Ec hat in unfern Tagen eine neue liberale Tat vollbracht: die Errichtung einer Universität in der heiligen Stadt, in der einst der Tempel! Jehooahs stand. ( Geistes licht flammt auf, allüberall! Warum sollten wir. im Blick auf neue Feindschaft verzagen? Eins stirbt nicht:! die liberale Tat in der jüdischen Geschichte. Denn! der liberalste Geist ist Gott, der Schöpfergeist. Und Er lebt uns/ Bilanz des liberalen Judentums. Bon Prof. I. E l b o g e n, Berlin. II. Für die Fugend nimmt James Waterman Wife das'Worts und er stellt die Forderung, daß das liberale Judentum erst! liberal werden mußH. Nach feiner Meinung gibt es weit! mehr „emanzipierte- Juden, die sich dem Einfluß des ttberatech Judentums entziehen, als solche, die ihm erliegen. Besonder» wächst die Gleichgültigkeit unter der Jugend und gerade darüber) wird auch von den Führern des liberalen Judentums genügend' geklagt (S. 34). Zu viele Juden haben sich durch ihre Erziehung! oder Umgebung, sogar durch ihre religiöse Entwicklung dem! jüdischen Leben entfremdet; zum Judentum haben sie keine! inneren Beziehungen, obwohl andere geistige Strömungen stej stark sortreißen, und das liberale Judentum steht derartigen Erscheinungen gegenüber in völliger Hilflosigkeit da (S. 148).! Das liegt nach dem Verfasser daran, daß das liberale Judentum; im Laufe der Zeit selbst starr geworden ist, daß es sich darin heute nur noch wenig vom orthodoxen Judentum oder auch dem! liberalen Christentum unterscheidet. Die .Hauptfehler sieht unser Ankläger darin, daß das liberale. Judentum zu dogmatisch geworden ist und „ultra-positive" Behauptnngen über Gott und die Unsterblichkeit der Seele aufstellt, obwohl viele, die es unter feinen Einfluß führen will,- ihm hierin nicht folgen können, daß es ferner mit allzu sicherer Gewißheit über diese gewichtigen Fragen sich ausspricht, für. die es keine bindenden Beweise gibt, die im besten Falle Postulate sind. Das liberale Judentum ist ihm ferner zu stark geschichtlich orientiert, es fühlt sich als Verwalter vergangener Werte und wird unfähig, feine Gegemvartsaufgabe zu erfüllen/ Liberalising Liberal Judaism by James Waterman Wise^ New York, Macmilian Comp, 1924, 150 SS. <f*t verpfuschtes Leben? Heileres auS dem Tagebuch einet jüdischen Kämpfers. Don Artur Schweriner, Berlin. (14. Fortsetzung.) ' » AusDer!• Fülle . heiterer und heiterster Erlebnisse ,»in < der Nachkriegszeit, d i e der im Sommer erscheinenden Buchausgabe des „verpfuschten Lebens" Vorbehalten bleiben sollen, nur einige wenige. Eine Stunde mutz man mit dem Auw fahren, wenn man von einer großen mitteldeutschen Stadt nach einem Zechenort will, wo ich über das Thema: „Können Völkische Führer sein?" sprechen sollte. Man hatte mir ein Privatiiulo zur Fahrt dorthin versprochen. Als die Stunde der Abfahrt herannickte, war plötzlich mit allen Autos ein Malheur passiert: der Zünder zündete nicht, der Kühler kühlte nicht, das Steuer steuerte nicht. Derlei mußte ich in den letzten Jahren wiederholt ivahrnehmcn, nämlich daß Automobile unserer Freunde nur funktionieren, wenn es gilt, eine Vergnüg u n g s reif c zu unternehmen. Dabei wird sehr oft nicht bedacht, daß es eine Zeit gab. wo sich in verschiedenen Teilen Deutschlands jüdische Automobilbesitzer, auf der Landstraße nicht mehr wohl gefühlt haben, weil der Judenhaß einen gewaltigen Umfang angenommen hatte. Daß Kämpfern gegen den Antisemitismus zu Wahlzwecken Automobile von Glaubensbrüdern versagt werden, ist also nicht ganz logisch .... Es blieb meinem Freunde und mir nichts übrig, als eine Autodroschke zu mieten, die uns in langsamer Fahrt ans Ziel brachte. Alles atmete befreit auf. als 'wir in dem übervollen Saale erschienen, denn man hatte schon gefürchtet, daß uns die in jener Gegend besonders robusten Hakenkreuzler abgefangcn hätten. Im Saale verteilt sah man Stahlheimleute in beträchtlicher Zahl. Die geheime Oberleitung saß im hintersten Winkel des bereits stark verqualmten Riesenrarunes. in dem man für den Abend ein Fest erwartete. Ein biederer Arbeitsmann schwingt die Glocke und erklärt der Versammlung, daß eine Rede, die der Sohn eines Hof- Predigers vor acht Tagen in dem Ort gehalten habe, die ü b e l st e Hetzrede gewesen sei, die man je gehört hätte. Gegenredner seien nicht zu Worte gekommen. So fei mm gezwungen gewesen, diese Versammlung zu veranstalten, in derft Völkische und Deutschnationale unbeschränkte Redefreiheit haben ^sollten. Er schließt seine Einleitung mit den klassischen Worten: „Der Reivcrcnt vom Antisetismus hat das Wort!" Der Brave mußte sich furchtbar quälen, ehe er den Fremdkörper verstümmelt dem Gehege seiner Zähne entfleuchen ließ. Es war eine fürchterliche Schlacht. Die Völkischen halten einen kleinen Herrgott ihres Ortes, den Direktor einer Malzaktiengesettschaft, aufgeboten. der aber auf der Bühne eine komische Rolle spielte. Diesen Mann abzutun, war nicht i fdper. Denn er prahlte, daß er ein antisemitischer Demokrat tfti, der stolz darauf wäre, ein intimer Freund Naumann's gewesen zu sein. Als ich ihm entgegenhielt, daß Naumann, wenn er im 'Saale erscheinen könnte. ihnw. sicherlich zurufen 'würde: „Mensch., wie hast du dir.verändervULUwoute»die-Fr-ü-e der K Massen 2 kein?Endetz nehmen. " ".. J ' Die Hakenkreuzler verließen, die Hand verdächtig in der Hosentasche, zornerfüllt den Saal, als der Vorsitzende lange nach Mitternacht die Versammlung mit einem Dank an den „Rewerenten vom Antisetismus" geschlossen hatte. Zogen sich, wie aus Kommando, in ein Lokal gegenüber zurück, um den Katzenjammer in Patzenhofer's Strom zu ertränken. Mr feierten in größerem Kreise „Sieg". Es war wohl gegen iy3 Uhr nachts, als unser Chauffeur in unseren Kreis trat, um uns Folgendes zu berichten: Er habe geradeüber das Auto untergebracht und in der Wirtschaft ein paar Glas Bier getrunken. Von der Versammlung kommende Herren im jugendlichen Alter wären an ihn herangetreten, nachdem sie ihm Bier und Zigarren gestiftet hätten, und hätten ihn gefragt, ob er der Besitzer des Wagens fei. Als er das bejaht habe, hätte man ihm einen gemütvollen Vorschlag gemacht. Er solle mit dem Wagen, wenn die beiden Juden drin säßen, etwa fünf Kilometer hinter dem Ort stoppen, weil er eine Panne habe. Dann würde man die Juden herausholen, sie windelweich schlagen, und er könnte sie dann eiligst in die Provinzstadt fahren und mit ihnen tun, was er Lust habe. Ein Hunderter würde abfallen und vielleicht noch mehr! Sei er nicht einverstanden, so laufe er Gefahr, daß nicht nur die Juden verhauen, sondern auch die Droschke in Trümmer gehen werde, denn vor der Stadt würde auf alle Fülle auf die Juden gewartet, die ihren obersten Leiter, dem sie bis in den Tod Treue geschworen hätten, in infamster Weise beleidigt hätten. Als deutscher Mann sei er verpflichtet, mitzumachen. Es braucht hier wohl nicht geschildert zu werden, welcher Aufregung sich des Kreises bemächtigte. Die Meinungen waren getrennt: Erst am Morgen fahren oder nun gerade in die Nacht hinaus! Im Nu waren sechs Revolver zur Stelle, und vier Mann setzten sich zu uns in die Droschke, deren Fenster geöffnet wurden. Zwei in das Innere, zwei auf den Dock, den Schießbügel abzugsbereit in der Hand. Wie man voraussehen konnte, wagten es die feigen Mordbuben nicht, das beabsichtigte Attentat auszuführen. Sie waren rechtzeitig von unserer kriegsmäßigen Ausrüstung in Kenntnis gesetzt worden. Nach 20 Kilometern stiegen unsere Begleiter ab und kehrten, den Rückzug nach allen Regeln der Kriegs- Kunst sichernd, heim. Als ich in meinem Hotel anbam und den Revolver entsichern wollte, sah ich, daß das gar nicht möglich war. Es war ein veraltetes Modell mit langem Lauf und elfenbeinernem Schaft aus der klassischen Duellzeit, das in mir sofort eine Erinnerung wachrief: Solch eine Pistole wird vielleicht einmal Lassalle in der Hand gehabt haben, als er dem Dueligegner zum Opfer fiel. Roch heute spricht man in Könnern von dieser nächtlichen Fahrt! .... Ein kleiner Erholungsort der sächsischen Schweiz. Wo trifft man nicht Berliner Bekannte? — Auch hier ist man nicht sicher. „Sagen Sie mal. so eine Versammlung, wie in der „Neuen Welt'^ in Berlin habe ich noch nicht miterlebt. 10 000 Menschen . . . (mit Betonung) 10000 Menschen! Meine Frau war ganz weg! Sie stammt aus Filehne und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Was soll ich Ihnen fsWen.xum - dreiHNHrz nachts. hat .sie. mich geweckt.und emir gesagt: Weißt du, wie viele Leute in der „Neuen Welt" waren? Es waren noch mehr da, wie wenn alle Einwohner von ganz Filehne und C z a r n i k a u auf einem Platze zusammengekommen wären. Denke dir das an: ganz Filehne und Czarnikau und noch Haid Schöulanke!" „Für Sie, lieber Freund, war es ein großartiges Vergnügen, unter den zehntausend Menschen zu sein. Für den, der fast eine Stunde und dann noch cinruu! eine halbe Stunde in solchen Riesenräumen zu sprechen hat, ist das Pflicht, aber keine Lust. Solche Tätigkeit strengt so an. daß man nach den Wahlen schleunigst eine kleine' Sommerfrische aussuchen muß, um die zerrütteten Nerven in Ordnung zu bringen. Dann will man aber auch nichts, gar nicht?, mehr vom Wahlkampf hären und vor allen Dingen kein Wort mehr darüber spreche:,! Da möchte man am liebsten ein paar Tage ganz allein in Gottes freier Natur fein. Ganz allein, lieber Freund!" „Ich habe Ihre leise Andeutung wohl verstanden! Eine Ehrlichkeit ist die andere wert. Das ganze Jahr hindurch muß man Beiträge zahlen, und wenn man sich mir den Herren ein bißchen über Politik unterhalten will, daun motten sie allein sein in Gottes freier Natur. Wenn Sie nicht S i e wären und ich nicht schon Ihren Vater und Ihr? Mutter gekaniit hätte, wüßte id), was ich zu tun hätte." (Beleidigt ad durch die Mitte). — — — — — — — Eine überfüllte Wahlversammlung des Lcmtralvereins in Berlin. Es ist notwendig, eine Parr.Uelversammlung zu veranstalten. Um dort möglichst als erster da zu sein und die Ankommenden zu empfangest, lasse id) mir ein Aula holen. Ein altes Mütterchen bittet'mich, es doch mit hinüber in die Parr.Üeiversamraluiia zu nehmen. Der Weg hierin'- wäre ihr schon so schiver gefallen, nun solle sie noch einmal einen Weg machen. Ich bin selbstverständlich einverstanden. Als ich mit einem jungen Helfer mich in die Autotare setzen will, ist sie b ereilst bci'eijt: BersamurUmgsbesuch.'r. denen die Gelegenheit günstig schien, als sic von sei Freifahrt für das Mütterchen horten. Der junge Heiser must auf den Bock, aber schließlich habe i ch doch die Droschke gcmietel und einen kleinen Anspruch darauf, mitzufahrcn. Ich bitte also höflich: „Einer von den Herrschaften muß so gut sein und aussteigen und zwar schnellstens, denn ich muß fori!" Drinnen entspinar sich ein Kamps, wer auchteigen soll. „Mein Pater kann schon seit Jahren nidU mehr ohne Stock gehen! Ich kann ihn doch nicht allein fahren lassen! Wer soll ihn denn aus der Droschke nehmen? Wir ruarcu zurrst hier, und dann kam die alle Dame, und dann kam hier das Fräulein hereingehüpft . . . ." „Hereingehüpft. Was sagen Sie, mein Herr, hereingehüps.!" fährt die Betroffene ihr Vis-a-vis an. '..S l e sollen so Hüpfen können, wie i d) h ü p f e n kann! Seit Jahre» bin ich nid)t mehr gut auf den Beinen!" Schließlich kommt ein Vergleich zustande. Ich verpflichte mich, den Vater der Begleiterin aus dem Wagen zu heben und in den Saal zu geleiten und mich um ihn zu mühen, bis sie zu Fuß dort angelangt sei. Während der ganzen Fahrt blieb es in der Droschke lebhaft. Alle diplomatischen Künste konnten die Aiigcgllssene nicht hindern, wenigstens halblaut immer wieder ihrer Empörung Ausdruck zu geben: