Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 18 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gewiesen, daß dadurch die Bemühungen der Etats-Kommission illusorisch gemacht würden, den Etat'zu balanzieren. Zur Ab. Haltung van Fortbildungskursen für die Lehrer und Kultus, beamten der Provinz Schlesien im Sommer 1925 wurden 2>>00 Mark bewilligt. Dabei gab man der Ansicht Ausdruck, da-- Verbands- und Fortdildungsangeleqenheitcn in Zukunft wobl ci> den Landesverband übergehen dürfen. Die beiden G::n rabbiner wurden rrsu' v'.rn.swegen Mitgliedern :•»(*• Fiirsargcausschuises aruu!HI: mit \\: Be'rimw.i.ng! da'; iu BehindernngsfaNe durch;i: :Hahbincr vertreten werden. Die Wahl von Stellnertrerern zum preußischen Landesnerdandsrorc und die Einstellung »on Mitteln in den Hausha'tspian 1925 26 für die Gesamt Organisation wurden vertagt. Felsberg (Hessen). Der Lehrer und Kantor Dannenberg beging kürzlich das 2-hährigc Jubiläum seiner Tätigkeit in hiesiger Gemeinde und damit'in seinem Heimatsorte. Fürth i. B. Nach umfangreichen Erneuerungsarbeiten konnte die H a u p t s >i n a g o g e am ersten Pessachtage wieder ihrer Bestimmung übergeben werden. Nach Einbau der Zentralheizung ist die gesamte Zuneneinrichtung einer überaus verständnisvollen Renovierung unterzogen worden. Die Leitung lag in den Händen des Architekten Köhler, der sich seiner Aufgabe mit großem Geschick entledigt hat. Die Farbengebung ist sorgfältig abgetönt. Estrade. Kanzel und heilige Lade haben besonders wirksame Gestaltung erhalten, und die Orgel hat ebenfalls reichere Nlodulationsfähigkeit empfangen. Am ersten Pessachtage eritrahlte die Synagoge im vollen Glanze ihres neuen Schmuckes. Mächtig durchbrausten die Klänge der Orgel die weiten Räume, and der ans der Grundlage des Nürnberger Gebetbuches reorganiier.'c Gottesdienst verfehlte seines tiefen Eindruckes nicht. Künstler und Mitarbeiter. Kantor. Chor und Organist verdienen hohe Anerkennung für ihr Werk. Besonders groß aber ist das Verdienst der G e m e > n d e v e r w a l l n n g . die unter großen Sofern, unter liebevoller Hingebung an ihre Aufgabe, ein bleibendes Denkmal durch dieses Werk sich errichtet hat. Dem Dank über diese s chöpfe rische Tat. über diese bedeutsame Stunde in der Geschichte der Gemeinde Fürth galt die Tertpredigt des Rabbiners Pr. Behrens am 1. Pessachtage. Köln. Der Allgemeine Rabbinernerband in Deutschland veranstaltet am 2. und ck Juni in Köln eine Hauptversammlung seiner Mitglieder. Köln ist als Tagungsort gewählt, weil mir der Zahrtauiendfeier der Nheinlande dort eine Ausstellung non Zeugnissen 'jüdischen Geisteslebens am Rhein verbunden sein wird. Reichensachsen. Für dcn in den Ruhestand versetzten Lehrer Bachrach wurde Lehrer Schiraßki. bisher in Merzhanfen. Kreis Ziegeuhein. Ron der hiesigen Gemeinde zum Lehrer und Kuitnsbeanncn zc'välstt. Die Bestätigung der Regierung dürfte in närlrster 3"r. zu erwarten sein.! fi | Der jüdische Sprechsaal 1 ♦ y ..... ♦ ” Bibelübersetzung. Die Berliner jüdische Gemeinde hat iden lobenswerten Entschluß Mahl. eine Bibelübersetzung schaffen zu lassen. Soviel man Hort, soll die Übersetzung eine vvllständige und möglichst wortgetreue werden. Dem muh vom liberalen Eämdpuirkt folgendes cnrgcIengefrßi werden: 1. Eine wortgetreue Ueberfehung ist unmöglich. Zeder Sachverständige weiß, daß nicht einmal die Ueberlieferung über den Text einheitlich ist und daß die Matzora in taufend Einzelheiten sä,wankt. Ebenso weiß jedes Kind, das Bibel übersetz en kttnl, büß Tansende von Stellen unübersehbar. weil verdorben find. Mer also eine wortgetreue Aebersehung fordert, versteift sich auf das orthodox: Dogma, bas Maimonibes in der 8. feiner Glaubenslehren mit den Worten ausdrückt: ,^ch glaube, daß düe ganze Thora, dir sich jetzt in unseren Händen befindet, die ist, welche unserem Lehrer Mose. F. s. ü. i.. gegeben wurde." — ein Dogma, das Maimonides selbst auf die Thora beschränkt, das die voraussetzungslose Wissenschaft aber ebensowenig für die Thora wie für die übrige Bibel anerkennt. ll Eine Dolldlbel wäre ein Mißgriff. Sie ist für Gelehrte und Siudirrende natürlich höchst wichtig. Mer diese haben nicht eine l'A'erietzung der Berliner Jüdischen Gemeinde nötig! Sie wäre . e ne Aufgabe bix Akademie oder einer anderen gelehrten Gesell-! jcdafl. Eine Gemeinde hat etwas für die Gemeinde zu schaffen, d. h. fiir das breite Publikum. Dies wünscht und braucht eine deutsche Bibel. (Oft wird man gefragt: Welche Bibelübersetzung empfehlen Sie? und gerät dann in gelle Verzweiflung!). über wozu braucht die Masse die Bibel? Nicht als Hilfsmittel zum Ueberfetzen aus dem Hebräischen! So wünschenswert dies wäre, es geschieht im allgemeinen nicht. Die Mehrzahl der Hebräisch Lernenden treiben modernes Hebräisch oder Talmud u. dgl.. Brbelübersetzen am seltenfbrn. Wozu auch? Das Wichtigste, was sie in der Bibel suchen, finden sie beim Uebersetzen am wenigsten. Das ist: Trost und Erhebung. sittliche oder religiöse Anregung. Iudifiziernng der Welt- und Lebensanschouung, künstlerischen Genuß, Stärkung des jüdischen Gefühls im Hinblick auf die großen Leistungen unsrer Ahnen. Das vermittelt die gelesene Aebersetzvna besser als das Uebersetzen! Dann ist aber alles in der deutschen Bibel, was nicht zu dein Genannten beiträgt, Ballast, der schadet! Denn unser schnellebiges Geschlecht kann nicht unter den Trümmern die Diamanten suchen. Eine Bibelübersetzung, die das verlangt, ist unbrauchbar, sie wird nicht gelesen werden. Das Publikum ist unerziehbar in diesem Punkt: Schade um die Arbeit. die darauf nicht Rücksicht nimmt! — Dazu kommt, daß eine ganze Anzahl Stellen für unsere Religion und Sittlichkeit ganz gleichflültig sind, einige sogar ihr widersprechen. Gelehrter geschichtlicher Sinn entschuldigt das durch die alte Zeit und freut sich, daß der Geist der Menschheit in 2000—3000 Jahren wenigstens etwas weiter gekommen ist. Aber die Masse unseres heutigen Publikums ist nun einmal ungelehrt. Die Gefahr, daß sie falsch versteht und verurteilt und dadurch dir Wertschätzung der Bibel leidet, ist nicht gering. Auch unsere Kinder sollen und müssen die Bibel in die Hand bekommen und haben nicht immer die richtige, manchmal gar keine Anleitung z»m Verständnis.- sie gehen auch nicht immer mit ehrfürchtiger und reiner Gerinnung an die Dibcllektiire heran! 3. Darum ist zu fordern: .«) statt einer Bollbibcl eine Schul- und Hausbibc!, eine AuSwähl ungefähr nach der Ari der Ausgaben von Auerbach, Tachau, Bernfeld (dir nur großenteils die folgenden Gesichtspunkte außer acht lassen):!>) ein: Hebersctzung, die man mit Andacht und Genuß lesen kann. Sie muß Gleichzeitig wissenschaftlich und künstlerisch sein. Was das Wissrnfchastlrche anlangt, so sind wilde Konjekturen natürlich abzulehnen; aber wo Konjekturen inhaltlich notwendig sind, soll mau sich auch nicht vor ihnen fürchten: lieber eine vielleichr falsche aber gute Ueberietzung, als eine buchstäblich richtine ab:" unverständliche! -- Was in ein Buch literarkritifch nicht hineingehört, muß entjprechend gekennzeichnet sein. Wiederholungen sind sortzulafscn. offne kritische Anstöße sind auf irgend eine Weise zu vermeiden, die Persönlichkeiten der Propheten müssen deutlich heroortreten usw.: e) das Künstlerische muß schon äußerlich bemerkbar sein: Dichtung muh als Dichtung, Prosa als Prosa erscheinen. Die auS der Lutherbibel stammend: Halbteilung der Seiten, Bersangabea im Text oder gar Abteilung nach Versen (die bekanntsich oft dem Sinn widerspricht), ist abzulrhnrn. Anmerkungen sind ebenfalls zu vermeiden: Sacherklärungen u. ä. müssen unauffällig in den Text eiwgeavbeitet werden! — Die Uebersehung muß inhaltlich genau sein, aber auf die Einzelheiten kommt es weniger an als auf den Sinn. Gar zu krasse Ausdrücke dürfen ausnahmsweise gemildert werben: aber im allgemeinen müssen Bllder und Wort-: sc charakteristisch wie möglich roiedergege-ven werden, nicht so verwaschen wie oft Üblich. Der biblische Sprachcharakber ist nicht durch antikisierende und hebräiflerende Stellung und Worte herauszubringen, sondern durch prägnante lapidarische Kürze, die nur durch sinnerklärende Bindewörter (leider) etwas moderiert und modernisiert werden muh. Besonders sind Abstraktblldungen mit Vorsatz- und Endsilben wie ge-, -heit, -schaff usw. zu umgehen. — Ich Halle es sogar für möglich, die Rhythmen und Strophen des Hebräischen im Deutschen wiederzugsben: d) für das Studium können am Schluß jedes Buches gelehrte Anmerkungen zugefügl werden, dl-e über die in der liebersetzung zugrunde liegenden wlsfenschafMchen Prinzipien Rechenschaft geben. Einen besonderen Anhang halte ich für.wünschenswert, der die religiösen Ideen jedes Glückes. inhaltlich ansfülv'- lich. der Form nach knapp, zusammenstellt, wobei auch auf wichtioe Sähe u. dgl. hingewiesen werden mag. Hierhin gehört auch di: Orientierung über Literarisches, Geschichtliches, Persönliches n. dgl. Der Liberalismus bat zu fordern, daß hier keine Zugeständnisse an die Orthodoxie gemacht werden. Theorien, die nicht sicher fundiert sind, mögen fortgelassen werden. Abe.r allzu große Nachgiebigkeit gegen die OrtHodoris schadet nach unsrer Meinung der Religiosität der großen liberalen Maste, — und diese ist groß genug, nm ihre Bibel fordern zu können. Rabbiner Dr. Fuchs, Ltiemnitz. Vom Preußischen Landesverband. Bürokratie ist schlimm. Besonders schlimm aber ist es, wenn St. Bürokratius in jüdischen Einrichtungen maltet. Bei jedem Parlament ist cs üblich, daß' es nach einer bestimmten Zeit nach der Wahl zusammentreten muß. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ist am l. Febrn: 1925 gewühlt worden. Die Einberufung der Abgeordneten muß drei Wochen vor der ersten Sitzung erfolgt sein. Noch Heine sind die Einladungen nicht herausgegangcn. und ein Termin, an dem dieses geschehen soll, soll noch "nicht einmal festgesetzt fein. Der Landesverband könnte daher jetzt frühestens Ende Mai zufammentreten. da dann aber gerade das Schewuaus-Feü ist. kann der Zusammentritt erst im Juni erfolgen. Ob er dann schon erfolgt, steht heute aber auch noch dahin. Leider ist bei der Verfassung dev Preußischen Landesverbandes nicht wie in den Vcrfasiimgen des Deutschen Reiches und der deutschen Länder eine Marimalfrist für die Zeit zwischen Wahl und erstem Zusammentritt vorgeschrieben. Da die vorläufige „Regierung" des Landesverbandes sicherlich nicht über die Köpfe der gewählten Abgeordneten hinweg Fragen von prinzipieller Wichtigkeit oder besonderer Bedeutung zü regeln gewillt sein wird, so müssen diese Angelegenheiten monatelang 'liegen bleiben. Das ii't ein Zustand, den die jüdische Oeffentiichkeir nicht länger ertragen kann. Dazu ist man nicht am!. Fobrnnr an die Wahlurne geeilt. Was gedenkt der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde als vorläufiger Vertreter des Landesverbandes zu tun. nur dreien die jüdischen Zntereijen gefährdenden Zustand zu beseitigen? Sonst müßten sich gemäß Artikel 16 der Verfassung des Landesverbandes einige Abgeordnete zusammentun. um die sofortige E>u^ berinung der Vertretcrversammlnng zu erzwingen. Max B a r r-> Berlin. Geschäftliche Mitteilungen. alle Kranken dürste die leiste irrfinduna auk e!ck1roie-mschem «bediele. oa.> i-.r.:- ari'ge, stabile, vom ^irvm unabbönsttae Heizkissen, ^rvöinnosir" q«:iaiini. von grörii-r Aedeokuns sein. Dasselbe brsitzi allen'im tfuntvl beslndNiben peizst.ssm -«qenüöer qanz sedeniende V»r;üge. ckne ^irvmaufnahme vo» r Mauten «nügt, um nach LbiN, I!i. >z dm Apparat zu einer Wü'rmesreicherunq von niekrrren <?iunvei> jy bringen. Li? .Handhab« na ist die denkbar einsochsie und kann soqar von Schulkindern ausaesnbri wcrdi-.i. Nachdem man ein ÜrwLrmen an der vernilkeiicn Mche vemerki, riebt man den <*'.f fpnfaff berau». nimmt Me tlberfangstetker ad vnd legt dcn Aprarar an die n ertvikruende Stell«. Man hat nicht nötig, wie bei den im Handel defindlichen Heizkissen fi ndig unter Strom zu firzen. man braucht keinr Lttze, mU ins Bett zu nedmrn, man vermeidet eine Aurztchivßgefahr und ist »in Lerdronnen des 2ert»ö vollkommen unnröglich. Sic heiße nasse Kompresse ist wunderbar damit autzoftchrcn, indem ein an» g«se«chtcie< Tu» um Mn erwärmten Apparat gelegt wird. Dieser Mirmofir ist auch als .'Zsustwarmer im Äett. wie auch bei Aoiofahrten, Im Zlugzeug, im .filnderwagen ei« <M« aenrhmer Wörmefpender. ferner eignet ssch der Apparat wegen seiner handlichen Ziorm sehr -»t znm Warmhalten von Spessrn. Man kann daö -aus verlassen, ohne offenes Feuer zu ha t:n. "Der Apparat'ist'bdw denkbar arösttrr' Lebmsdaurr -nnd würde, praktisch genommen, dsl sachgemäßer Äehandlnng für ei« ganzes Menfcheaatter a»<reichen. Der Stromverbrauch ist bei täglicher Äenahnng bei einem Preis von aa Pfennig für dl« Kilowattstunde etwa iS Pfennig im Mona». Der Apparat ist für affe Stromspanungen zu Hab««. Bad voden am ramm« ber Sosundbronnen für Der» «nd Atnmngeorgan«. Berühmt durch seine 26 verschiedenen heilkräftige« Quellen vnd sein anßeooedentltch mildes Klima, am Südedhange des Tavnns -elrgrn, in 3» Minvten von Franifart a. M aus über Höchst zu rrrelchrn. Korzeit: t. April bis «knde Oktober. Ein verpfuschtes Leben? Heiteres aus dem Lagebuch eines jüdischen Kämpfers. Bon Artur Schweriner. Berlin. (13. Fortsetzung.) Zn hei Aula des Gynafiums zu L.. an der Peripherie Großberlivs. spricht ein völkischer Führer über: „Deutschland den Deutschen!" Ich werde dringlich gebeten, diesem Hetzer entgcgenzutreten und komme sieben Uhr abends in das Geschäfts!ökäl des Hilferufers. ..Ach. das ist nett, daß Sie gekoinme»z sind! Nehmen Sie einen Augenblick Platz in meinem Privatkantor. Sie sehen, ich habe noch reichlich zu tun!" Ich sab das zwar nicht, aber ich ging. Die Versammlung war auf acht Uhr abends angesetzt. Zehn Minuten oar acht endlich kann sich mein Freund von der reichlichen Beschäftigung trennen und stürzt sich ins Privatkontor. „Jetzt ist's aber höchste Zeit. Sie müssen sofort gehen. Die Leute strömen schon! Also — wenn Sie hier bei mir raus kommen, gehen Sic die erste Straße rechts, dann . . ..Ja. wollen Sie denn nicht selber in die Versammlung gehen?" „Ich. lieber Freund, ich? . . . Gegen mich haben die Leute keinen Antisemitismus. Im Gegenteil, ich bin hier im Orte sehr angesehen. Ich bin im Bürgcrklub. in der Schntzengilde, spiele mit den Leuten Skat . . „Ja. meinen Sie denn, daß die Völkischen meinetwegen den Redner in Ihre Stadt geholt haben? Wenn Sie nicht mitkommen, fahre ich nach Berlin zurück." ..Das werden Sie nicht tun, und cs wird auch gehen! Was meinen Sie. lieber 5)err, — was meinen Sie, wenn ich mit Ihnen in der Schulaula erscheinen würde, was das für ein u f f e h e u gäbe. Die Leute da oben find doch alle meine Kunde n. meine besten Kunden. Oder meinen Sie. ich könnte non her jüdischen Kundschaft leben... Aber ein Vorschlag zur Güte. Ich bringe Sie bis vor das Gymnasium und hole Sie ab!" In dem Augenblick schwebt sein achtzehnjähriges Töchterlein in dos Privatkontor. ..Vater, der Fritz hat gesagt, heute sei Versammlung in der Schulaula, da müsse er hin. Ob'ich auch hin wollte?" Der Vater strahlt über das ganze Gesicht. „Nun sehen Sie, wie harmlos die Verhältnisse hier sind? Meine Tochter verkehrt mit einem Studenten, der ein Hakenkreuz trägt und beide denken sich garnichts dabei!" So geschehen im Januar des Jahres 1921. Der völkische Redner war einer der wüstesten Hetzer, der mir je begegnet ist. Er hatte kein Glück. Die Opposition besonders, nus den Kreisen der Arbeiterschaft war so groß, daß am Schluß der Versammlung eine Entschließung gegen die Indcnhetze mit großer Mehrheit angenommen wurde. Zwei A r b e i t e r traten an mich heran. ..Es wird wohl besser sein, wir bringen Sie an die Bahn. Der Weg fuhrt durch dunkle Straßen, und man kann nicht wisse«, ob die 5)akenLreuzler. die Ihnen hier nichts konnten, dort ihr Mütchen an Ihnen kühlen wollen?" Vielleicht wäre der harmlose Fritz mit von. der Portie gewesen!^.. ' ' *“ - * “ Dar dem Gymnasium treffe ich unseren jüdischen Freund. ^Na. wie war's gewesen?" „Schade, daß Sie nicht da waren. Sie hatten sich tot gelacht!" In einer kleinen Stadt des Nordens hat der einzige Jude, Inhaber eines kleinen Kaufhauses, schwer unter dem Rowdytum der Hakenkreuzler zu leiden. In der lettzen Nacht hatten Lausbuben ihm mit bunten Zetteln des Schutz- und Trutzbundes das Schaufenster van oben bis unten zugeklebt. Ich traf den Mann in verzweifelter Stimmung an. Aber nicht wegen der Missetaten der Hakenkreuzler. sondern, weil ich sein Haus betreten hätte. ^Wie können Sie nur zu »uir ins Haus kommen. Jetzt wissen doch die Leute, daß ich Sie zu der völkischen Versammlung heute Abend hierher geholt habe!" „Wird man Ihnen verübeln können, daß Sie sich gegen solche Erbärmlichkeiten wehren?" „Die Leute rnrrden sagen, jetzt solle ich mir auch meine Kunden daher kommen lassen, woher ich den Redner geholt habe. Ich bin ruiniert. Sie sind schuld! Warum haben Sie wir das angetan?!" Die Versammlung, in der ein 5)auptmann v. H. sprach', fand im Schützenhaus, eine halbe Stunde von dem Ort entfernt, statt. Nicht einmal einen auf dem Hofe herumwirtfchaftenden Arbcitsmann gab man mir als 'Wegweiser mit. War das eine Freude, als ich den Saal betrat. Landbund und Landarbeiter — wenigstens äußerlich — in trautem Verein, erwarteten sie ein Fest. „Ein Jude ist da!" geht es durch die Reihen. „Na, dns kann schön werden!" Der Referent sprach verhältnismäßig sachlich. Die Tugend der Sachlichkeit mird oft durch die Anwesenheit eines Fremhen notgeboren. Und ich triefte vor Vornehmheit. Welcher Gegenredner ist in einer Landbnndverfammlung nicht HSflich, wenn er allein auf weiter Flur steht! Ich lobte das „hohe Niveau", und der Referent lobte mich und meinen Mut. als einziger in der Versammlung „meine Rasse" zu verteidigen. Der Kampf müsse ein a e i st i g e r sein, und wenn in dem Ort die Ausschreitungen Jugendlicher meine« Schilderungen entsprächen, so sewn sie lebhaft zu bedauern! Als ich auf meinen Platz Luriickkehrte. fand ich eine Figur vor. aus Pappe geschnitten, die an einem Galgen hing. Mit Bleistift darauf: 'Erzberger. Nach wenigen Tagen erhielt ich ein in höchsten Danke stönen schwelgendes Schreiben des ängstlichen Juden. Meine Rede in der Versammlung habe ihm sehr genützt. Jetzt würde nicht mehr geklebt, und auch das Geschäft sei Gott sei Dank wieder besser. Ich sollte nur bald wiederkommen! In der Berliner Elektrischen. In der Kleiststraße steigen, von einem Logenfest kommend, ein Dutzend gutgekleideter jüdischer Damen und Herren ein. Es ist Winter. Pelz« sind also kein Luxor. Drinnen und draußen Männlein und Weiblein eingekeilt in drangvoll fürchterliche Enge. Plötzlich beginnt drinnen ein »Mann aus dem D.o-lke" eine Rede zu halten. ~ ster schönsten Wohlradau- Die Juden beuten uns aus" usw., im Niemand drehte sich innen nach dem um. halten „Seht Euch doch mal um, christliche Volksgenossen! Do, habt Ihr sie mal alle getreulich beieinander.. Alle im schönsten Pelzschmuck! Seht Ihr hier einen Armen? Ich habe Kinder zu Haus, denen ich kein Hemd kaufen kann, weil es am Nötigsten fehlt, und hier stand! Die Juden be"^*" » antisemitischen Jargon Die Angst ging n Hetzer herum. Ich fragte draußen den Schaffner: „Ist es in der Elektrischen erlaubt, H e tz r rt> c n zu und die Mitreisenden zu beschimpfen?" „Darüber habe ich keine Instruktionen." „Gut. dann werde ich mir selber helfen!" Ich schreie in den Innenraum hinein: „Was kriegen Sie für solche Hetzreden von Ihren Auftraggebern bezahlt? Ein Hemd skr Ihre Kinder müßte das Geschäft doch abwerfen!" „Welcher Mann aus Palästina wagt es. einen deutschen Mann zu beschimpfen!" Der Hetzer steht auf. um sich zu mir nach dem Hinterperron der Elektrischen zu begeben. Jetzt geschieht ein Wunder. Wer sich schon durch die eng aneinandergepreßten Leiber in einer überfüllten Berliner Elektrischen hat durchschlängeln müssen, um ins Freie zu gelangen, weiß, welche Akrobatenk unststücke oft notwendig find, um mit abgerissenen Knöpfe»! und zerschlissenen Kleidern endlich das Ziel erreichen zu können.. Und diesem Mann wird eine Gasse geebnet, daß er freien Schrittes zu mir nach draußen gelangen kann. Es scheint, als ob die Angst Leiber versetzen könnte! „Na. Sie Mann aus Palästina, wiederholen Sie Ihre Beleidigungen, wenn Sie Mut dazu haben!" Alles harrt aufgeregt und ängstlich der Dinge, die da kommen werden. ./Nachdem ich jetzt merke, daß Sie eine ganze Portion Schnäpse in sich ausgenommen haben. e»npfinde ich Ihre^ tctzereien als doppelt erbärmlich. Für den Schnaps hätten ie Ihrem Kinde drei Hemdchrn kaufen können. Im übrigen bin ich nicht aus Palästina, meine Wohnung ist nicht, auf dem Oelberg, sondern am Kreuzberg in Berlin. Wenn Sie ein reines Gewissen haben wie ich, legitimieren Sie, sich. Dann werden wir uns an anderer Stelle wieder-t sprechen.' ,j Die Antwort eine Flut von Schimpf>vorten. Mit leidenschaftlicher Angst sieht neben mir ein- .Herr im Pelz seine Gattin im Pelz an. Tätlichkeiten werden nickstt au «bleiben und ei« Faust schlag könnte doch Vorbeigehen... Als ich an der nächsten Haltestelle «ine» S ch « p o m a n n sehe und den Hetzer feststellen lassen will, springt er ab und sucht das Weite. Erleichtert atmen die jüdische» Fahrgäste des Innen- und Außenraumes auf. Mein Rachbar im Pelz ist wieder frohe» Mut» und klopft mir wohlwollend auf die Schulter: „Sie hatte» keine Augst Labe» brauchen. Wüvi ILR-tAS^ '