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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-01 · 18 (1.5.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
18 (1.5.1925)
Date
1925-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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»rei Namen M Einen. Bon George G o c tz . Danzig. Wie würde man mahl über Menschen urteilen, die sich einen Stern am nächtlichen Firmament durch ein Fernglas betrachten wollen, und die dabei in lange Untersuchungen eintretsn über die Staubteilchen und Luftbläschen auf den Zinsen ihrer Instrumente, und die über dieser Untersuchung gar in Streit fallen, w daß sie ihren Stern vergessen und ihre Instrumente und schließlich gar sich selber vernichten? Das wären wohl närrische Leute, die so täten, und so tut denn auch wohl niemand. Wer von den Unreinheiten seines Fernrohrs ernstlich gestört wird, :oi"d nicht lange untersuchen und zanken; er wird sie beseitigen oder ein anderes Gla? nehmen; in jedem Falle aber wird er durch alle Unreinheiten hindurch sehen auf das Ziel feiner Gedanken: auf den Stern, den er erkennen will. — Das Sternkuckcn gehört nun freilich zu den praktischen Dingen der Wissenschaft, und das Praktische betreiben die Menschen immer höchst vernünftig und methodisch: sie betreiben das Praktische praktisch. So bald cs sich aber um geistige Erkenntnis handelt, die angestrebt wird, zeigen sich die meisten Menschen unfähig zu solch methodischem und vernünftigem Borgehen,- gehen sie beim Praktischen praktisch-zuwege. so kann man umgekehrt nicht sagen, daß sie das Geistige geistig betreiben — und praktisch ganz gewiß mich nicht! 2m Gegentest: höchst ungeistig und unpraktisch zanken sie sich da um Namen und Wörter, anstatt durch alle Namen und Wörter hindurch nach dem Lichte zu schauen. Name ist wahrlich Schall und Rauch, umnebelnd Himmclsglut! Denn um die Namen ihrer Gottheiten zanken sich die Anhänger der verschiedenen .Religionssysteme und sehen nicht das Eine, das mit jedem dieser Namen benannt wird; um Wörter zanken sich die Anhänger der Philosophie mit den Anhängern der Religion und merken nicht, daß Philosophie und Religion beide nur wie das Fernglas sind, durch das hindurch das Eine erschaut werden soll. Und solch Zank um Närrisches wird mit einem Ernst, mit Haß und Fanatismus, mit Mord und Krieg und Gemeinheit betrieben seit — nun, wie man so sagt, seit Menschendenken. aber in diesem Zusammenhänge sieht man wohl, daß es heißen muß: seit Menschen nicht denken. Denn das zeugt von Nichtdenken, dieser gar müßige Zank um Wörter und Namen, um Staubteilchen und Li.ftbläschen. durch die den also Zankenden tzimmelsglut umnebelt wird und sie unfähig werden zu erkennen, was doch im Grunde so klar und einfach amd so unabweisbar denknotmendig ist — dies: daß alle Religionen untereinander und daß ferner alle Religion und alle Philosophie in ihren Resultaten völlig auf das gleiche Eine hinanskommen. Das Absoluti n d^- Philosophie ist das Gleiche wie die Gottheit der Religion und aller religiösen Systeme. — Selbstverständlich trifft das nicht zu, sofern unter Religion der Glaubensmaterialismus verstanden wird, welcher in den offiziellen Kirchenbekenntnissen — auch in den monrthei'stischen — inkarniert ist; von den polytheistischen brauchen wir gar nicht erst -)u reden. Man vergegenwärtige sich aber dieses: daß der landläufige Gläubige auch der monotheistischen Religions-Systeme 'ein Glaubensmaterialist ist; er glaubt an einen Gott im Raume, der zwar unendlich groß, unsichtbar und unstofflich vorqestellt wird, der aber dem so Glaubenden und allen Dingen in der Welt, wie auch dem Weltganzen als ein weiteres Ding, als ein Gegen-Stand gegen-über-stehe. Der Gläubige glaubt an ein (seiner Meinung nach) objektiv vorhandenes, materiales Gott« xvesen im Raume, — er treibt Glaubensmaterialismus aber nicht Religion. Nicht auf die Masse der Gläubigen dürfen wir hören , noch buf die von der Masse erhobene offizielle Meinung in allen Bekenntnissen; — da gelangen wir rasch in den Streit der Meinungen und Massenin.ihnnuBaptz'>z»d in ih? Elend. Wir müssen hören auf die. die sich selvst erhoben haben, weil der Meist sie erhob, aus die religiösen Schöpfer und Genies. Die bringen uns in ihren Frieden und in das Glück, sie lehren uns — und zwar alle übereinstimmend! — daß die Gottheit bas gleiche Eine ist wie das Absolutum. Absolut heißt losgelöst und zugleich aufgelöst: das Absolutum ist das in alle Dinge der Welt Aufgelöste und das dennoch von allen Dingen der Welt Losgelöste. Dieses Absolutum ist die Gottheit: es ist kein Ding im Raume, wie die andern Dinge der Welt, ist kein Gegenstand, der uns gegenüberstehe, kein materiales Objekt unseres Berstandesdenkens. Für das menschliche Perstandes, -denken ist dieser Gott, ist dieses Absolutum überhaupt nicht da. Dem Verstände ist es ewig ein Geheimnis. — Am klarstes spiegelt sich diese Auffassung wider in derjenigen Bezeichnilim. die das Absolutum in den indischen Religionen führt: Nirvana. In allen Wörterbüchern steht dieses Wort übersetzt mit „das Nichts"; da nun bei solchem Worte, welches das Nichts heißt, keine Möglichkeit besteht, sich ein dinghaft-persönliches Etwas vorzustellen, wie man sich bei dem deutschen Worte Gott und sonst bei allen Gottesbezeichnungen ein dinghaft-persönliches Etwas vorstcllt. — da das nicht möglich ist, so steht nun in jedem Konversationslexikon der törichte Satz zu lesen, der Buddhismus fei eine atheistische, eine gottlose Religion. Solch läppische Behauptung kann aber, um mit Hugo von tzoffmannsthal zu reden, nur auf- MM werde» von M»sch°». die die Wahrheit nicht erkennen, und ihre Welt mit unfern Worten nennen. D i e mögen sich unter Nirvana das völlige Nichts und unter der Religion des Nirvana die Religion des völligen Nichts vorstellen. Die aber auf den Erleuchteten, auf Buddha selber hören, die geistig Denkenden wissen, daß Nirvana nichts nur ist im Berolerch zu dem Etwas unserer relativen Dinge im praktischen Verstand. In unserem Verstand — ja. da denken wir nur Dinge, nur Dor-tzandenes; der Geist aber, das Absolute, ist nftht vor-Handen, für unser Verstandesdenken ist es nichts. Nirvana ist nichts von alledem, was wir in unserm Verstände denken: Ungeboren, unvergehend, weder groß noch klein, sein Name ist Nein, nein!" heißt cs in den Upanishaden. Ungeboren, das heißt also unqeioorden — so lesen mir cs auch in der nordischen Mythologie: als Odhin bei den Nornen die absolute Wahrheit zu erfragen kommt, hört er: ..Es ist noch alles verwest, was geworden." Da fragt er zurück: „2 weh — und alles, was ist. ist erst geworden?" Die Norne erwidert: „Nein, was wahrhaft ist, ist niemals geworden." — Dieses, was wahrhaft ist, dieses Seiende ist nicht als gewordene» Ding vor-yanden, ist nicht da — nur Dinge find da: — das Nirvana, das Nicht-vor-Handenc ist das wahrhaft Seiende. So paradox es klingt: was die Inder, was insbesondere Buddha das Nichts nennt, es ist das Gleiche und klingt doch so entgegengesetzt Dem, was Mose das Seiende nennt. — 3 ehovah (richtiger wahrscheinlich Iahveh), die altisraelitlsche Gottesbezeichnung heißt „das Seiende." Das Wort ist zusammengefügt aus den drei Zeitformen des Wortes „sein": k (a) j (a) h H war h (o) v (e) h s=s ti iff j (i) h (e)) («) d ---- es wird sein •*««**»»**'£ 1h (.) v(.)hj =M (3m Bau der semitischen Sprachen spielen die Vokale eine nur nebensächliche Rolle und wurden deshalb bei der vorangehenden Widergabe hebräischer Wörter mit deutschen Buchstaben eingeklammert: ebenso gut hätten sie ganz weggelasscn «erden können, da sie auch in» Urtext nicht geschrieben werden es kommt auf sie nicht an. Um so mehr kommt es auf die Konsoncmten-Kolumnei^an, die der Leser sich nur recht Uhr ginprüs« „Das Seiende" — fn offenbart die Gottheit sich auch am .Horeb dem Mose, unter dem Namen: ..Ich bin. was ich fein werde!" Daß aber dieses Seiende des Mose tatsächlich identisch ist mit dem Nirvana des Buddha, das ergibt sich unzweifelhaft und unwiderleglich aus dem gewaltigen'Wort vom Sinai: „Du sollst dir kein Bild machen und heinerlei Gleichnis von dem. was im Himmel droben und auf Erden unten und im Wasser unter der Erde ist; bete dergleichen nicht an und diene ihm nicht!" Ganz wie das Nirvana also: alle Dinge im Himmel und auf Erden, alles Vor-Handene ist nicht die Gottheil. — Deshalb wird auch das Wort Iehovah nicht einmal gesprochen, damit es nicht wie ein menichlich-dinghaft-persönlicher Eigen, name gebraucht werde, wie das deutsche Wort Gott und wie, um nur eins von tausend Beispielen zu nennen, auch die Dezeichnung der Mohammedaner als menschlich-dingkaft-pcrsöniicher Eigenname gebraucht wird. „Glaubst du an Allah?" so tragt wohl ein Moslem; kein Jude kann so fragen: „Glaubst du an Iehovah?" Das war' auch keine Frage, die so gestellt werden könnte. Das Wort Iehovah ist kein Personenname und das Iehovah Seiende ist kein Ding, an das »un glauben oder nichr glauben Kanu, „von dein der Eine sagt: E> iß: der Andere: Es ist nicht: der Dritte: Ich weiß nicht, nb es ist oder ob es nicht ist." (Ans Constantin Brunner „Unser Christus oder Das Wesen des Genies" Verlag Oesterheld L Co.. Berlin.) — Um dieses nicht Ding sein des wahrhaft Seienden recht zu unterstreichen, ist jenes Verbot eingesetzt worden, daß das Wort Iehovah nichr ausgesprochen werden darf. Und sogar die beiden Ersatzwörter werden noch so behandelt, daß jeder etwa sich bildende Anlaß zu dinghast-persönlicher Vorstellung im Keime erstickt wird: wo Iehovah im Teil geschrieben steht, wird statt dieses Wortes, das man wohl mit den Augen leise aber nicht mit dem Munde laut liest, ein anderes Wort gesprochen, denn mau kann ja beim Vorlesen und Sprechen keine Lücke lassen, und so spricht man das Ersatzwort Adonaj, d. H. meine Herren, oder Elohiur, d. h. Götter; beide Hauptwörter in der Mehrzahl, also eine Art Pluralis majestatiens, aber das ist das Eigentümliche, daß diesen Mchrzahlbanptwörtern das dazugehörige Zeitwort stets in der Einzahl folgt. Man lieit beispielsweise (Psalm 146, 10): ..Iehovah — d. i. das Enng-Seiende — wird herrschen in Ewigkeit": man sagt aber: „Adonaj — d. h. meine Herren — wird Herrichen in Ewigkeit." Genau ebenso wird auch das Wort Elohim gebraucht: der erste Satz der Bibel lautet wörtlich: „Im Anfang schuf Götter de» Himmel und die Erde/ solcherart wird jede sonst beim Sprechen über die Dingewelt übliche Form, wird sogar die primitivste grammatikalische Rege! gewaltsam zerbrochen und zertrümmert, um anzudeuten: dieses Sprechen geht nicht aut Formhaftes noch Dinghaftes. geht auf nichts von allem in der Dingewelt Enstierenden — du sollst dir kein Bild davon machen! — Zwei religiöse Schöpfer und Genies kündeten uns «inj ihre Art das Absolutum: Buddha und Mose sagten das Gleiche, aber sie formulierten ihre Aussage entgegengesetzt. Buddha spricht vom nicht dinghaft da Seienden — nur"Dinge sind da; das Absolute, der Geist, 'Nirvana isi nicht da. Mose spricht vom wahrhaft Seienden; Dinge sind nicht, sie werden und vergehen, sind nicht, sondern wandeln —: das Absolute, der Geist. Iehovah ist nie geworden, nie verwesend, unwandelhar. ewig seiend. — Beide, Buddha und Mose sprechen aber vom Absoluten, vom Geist allein und ohne Nennung seiner Beziehung zum Relatioeu, zur Dingewelt. Der dritte große Führer. Jesus von Nazareth, fetzt das Absolute in Beziehung zum Relativen, den Geist zur Well; er zeigt die Beziehung des Einen zum scheinbar Andern und spricht vom Väter. Das Schöpferische, das zeugende Prinzip im AU. das alle Daseinsformen Hervorbriugt und durch das alle Dinge sind, ohne daß aber dieses Zeugende selbst ein Ding wäre — es ist ja das Nirvana! — dieses Zeugende ist der Pater. Drei, Namen des Einen: Nirvana. Iehovah und der Pater! Die Namen ließen sich beliebig vermehren: hören wir vom Vater, so denken wir auch an den Logos. Auch der Logos ist das Absolut«: — Constantin Brunner nennt es das Denkende. Man lese nur nach in seinem Werk, was dieser große Denker über das Denkende denkt und zu künden weiß: man wird sehen: nicht auf den Namen und ihrem Drum und Dran darf den Sinn haften lassen, wer die Wahrheit sucht. Darum wollen .nich wir hier aus Aneinanderreihung weiterer Namen verzichten: wir müßten sonst sämtliche religiösen und philosophischen Systeme mit wissenschaftlicher Gründlichkeit besprechen —: ein nimmer beendbares Werk, denn zu den unzähligen in Vergangenheit und Gegenwart werden unzählige noch in der Zukunft aus dem Denken der Philosophen und Propheten geboren werden! Und diejenigen, die echt sind, werden mit all ihren Wörtern und Namen alle das gleiche Eine meinen. Nicht auf die Kenntnis vieler Namen kommt es deshalb an. sondern auf geistige Durchdringung der schon bekannten, auf Klarlegung ihres geheimnisvollen, liefen Sinnes. Durch die Wörter und Namen hindurch, wie durch ein Fernglas in das Sternenlicht, müssen wir sehen, dann sind sie uns Werkzeug und wir sehen dann recht. — Sieh und denke hindurch durch alle Namen, dann denkst du dich ganz in die Wahrheit: du denkst dich dann hin in die Erkenntnis und Liebe des Einen. Juden und Karotten. Tragische Folgen des Glcmbeiisanterschi-:des. In der kleinen karaikschen Gemeinde Halitsch, einem Städtchen beim. Dnjester, bas -infolge der heftigen Kämpfe, die sich zu Kriegs - beginn dort abgespielt, ziemliche Popularität erworben hatte, beging vor einigen Wochen die einzige Tochter des karaitlsch-en Ehachcvms, Selbstmord. Sie stürzte sich in die Wellen des Dnjester und ertrank. Dieser tragische Fall, wie er des weiteren ausführlich gesch-lldert wird, beweist, welch tiefer dtbgrund zwischen den Verschiedenen Glaubensbekenntnissen herrscht und die traurigen Folgen, die dadurch -entstehen. Diese ungemein strenge Abgeschiedenheit ist besonders zwischen Juden und Karaiten zu bemerken. Die Glaubenstrennung dieser beiden Stämme vollzog sich vor mehreren hundert Jahren und artete speziell bei den Karaiten in einen förmlichen Haß gegen -ihre einstigen Glaubensbrüder aus. BeckanMich glauben die Karrriten nur an die Bibel und wollen von den neueren MHch-ri tu eilen Gesetzesvorschriften und öfter* Haupt vom Talmud nichts wissen. Selbst die Auslegung d-rr prosaischen Thora ist bei ihnen eine ganz andere, als« bei den Juden und im Zettra-um von mehreren Generationen gestaltete stch der Abgrund zwischen diesen beiden Glaubensstämmen «immer tiefer und tiefer. Diese, die Karaiten, betrachten sich als die wahren Juden, beachten streng die nach ihrer Auslegung biblischen Gesetze, feiern ausnahmslos alle jüdischen Festtage und doch ist das Verhalten dieses einstigen Iudenstommes gegen seine früheren Stammesbrüder ein sehr zurückhaltendes. Die Karaiten sterben sehr schnell aus. Derzeit gibt es ihrer nur noch kaum fünfzig-lau send in Rußland, Polen und dem früheren Gal-izien. Eine ihrer Gemeinden befindet sich in Halitsch, wo stch eben das Drama des F-rl. Deborah Mordkowitsch, der Tochter des geistigen Oberhauptes dieser Gemeinde, Eh ach am Sckmul Mordkowitsch, abgespielt halte. Der Chacham ist der sogenannte Karat, tische Rabbiner, spielt jedoch elue bedeutend größere Rolle als der jüdische Rabbiner, weil er von seinen Gemeindeangehöngen als «Hoher Priester" betrachtet wird. Ihm obliegt die ganze Gemeindeführung und seine Person ist die geheiligtste der Karaitensekte. KÄn Wunder, daß dieser Vorfall außergewöhnlich große Bestürzung tm. Karaitenlager hervorrlef. Diese Tragödie begann, als die Tochter des karaitischen Hohen Priesters vor einigen Jahren zum ersten Male ähr Elternhaus verließ, pm sich nach Lonckerg zu begebe . Frl. Deboroh Mordkowitsch war ein sehr schönes und äntelli. gentes Mädchen: sie hielt es im engen Kreise ihrer Glaubenssekte nicht länger aus, trotz strengen Verbotes -ihrer Eitern studierte sie im Geheimen weltliche Wissenschaften und erreichte eine ziemlich hohe Bildung. Rach vielen Bitten gelang es ihr, die Erlaubnis der Eltern, für einige Wochen nach Lemberg fahren zu dürfen, zu erhalten. Dort schloß sie sich einem Kreise jüdischer Hochschüler an. wo sie sich sehr wohl fühlte. Besonders großes Interesse bekundete sie für einen zionistischen Studenten, namens Leon Kratnik. dem auch sie nicht gleichgültig blieb. Er machte sie näher mit dem Judentum und seinem wahren Glauben bekannt und bemühte sich, sie von der Haltivsigkeit der Karaitensekt-e zu überzeugen. Seine Worte üblen auf das junge Mädchen großen Einfluß aus und mit großer Leidenschaft verschlang cs jedes Gespräch dieses für sic so sehr interessanten Themas. Aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich mit der Zeit eine heiße und starke Liebe. -Das karaitische Mädchen beschloß, den jüdischen Glauben anzunehmrn, um sich mit dem Geliebten ihres Herzens für immer vereinigen zu können. Daß ihre Ellern gegen diese Vereinigung seien und ihr Leben ein so rasches tragisches Ende finden werde, daran dachte sie freilich im Rausche ihres Glückes nicht und fuhr voller Freude nach Haufe, ihren ehrwürdigen Vater zur Einwilligung ihres Beschlusses zu bestimmen. Wie bestürzt wurde sie jedoch, als sie bei Mitteilung ihres Entschlusses das Ausbrausen des Vaters sah, der ihr nach einer heftigen Auseinandersetzung aut das strengste befahl, sich d'.esc Angelegenheit aus dem Kopfe zu schlagen, weil er — solange er lebe, es nicht zulassen werde, daß sein.', oder auch die Tochter eines anderen Karaiten, einen Mann, der nicht ihrem Stamme airgehöre, heirate. 'Der Chacham nahm sich vor, seine abtrinmlge Tochter bald zu verheiraten, wodurch, wie er zu glauben 'Wien, sie den verhaßten H-cbräer sicher vergessen würde und bemühte sich, einen passenden Bewerber seines Glaubens ausfindig zu macken, was ihm jedoch nicht leicht fiel, da der Mange! an jungen Leuten sich bei dem — wir erwähnt — sehr rasch aussierbenden Karaitenstamme, stark bemerkbar machte. Er schrieb an die Chackams anderer Karoitei'.gcmeind.'n in Litauen, Polen und Rußland und bat sie, so rasch als möglich, die Rekommandlerung eines passenden jungen Mannes t'iir seine Tochter bewerkstelligen zu wollen. Kurz darauf kam ein junger Karaite aus Luzk naco Halitsch. stellte sich dem Chacham als empfohlener Bräutigam für seine Tochter vor und ohne Rücksicht auf das Wehklagen und Sträuben des unglücklichen Mädchens zwang man es, den ihr ganz unbekannten Mann zu heiraten. Gebrochenen Herzens schrill das tk'ffrauvigc schöne Mädchen zum Traualtar.', alle Angehörigen der kleinen Kar alten gemeinde beteiligten sich an diesem Hochzeltsfeste und freuten sich ihres Triumphes, eine karaitische Tochter aus den Krallen eines verhaßten Talmud-juden gerettet zu haben. Einige Kahr: verflossen, die junge Karailensrau brachte ein Kind zur Welt, war aber stets verschloss-en und traurig und sprach zu niemandem, selbst zu ihrem Gatten kein Wort. Vor kurzem tauchte plötzlich Leon Kratnik, der unvergeßlich: Geliebte des unglücklichen Karaitenwelbes in Halitsch auf. bemühte sich, in bas Haus seiner gewesenen Braut einzu-dringen, was ihm tatsächlich mittels einer Aus rede, daß er sich als Fremder für das karaitische Leben interessiere und sich mit ihm bckanntmachen wolle, auch gelang und hatte mit der „Anglücklichen" eine längere Unterredung. Was sie miteinander gesprochen, isi unbekannt geblieben, da der junge Mann gleich darauf Halitsch verlassen hatte unb -die Tochtep^des karaitischen Hohen Priesters, am seiden Tage in den Fluten Dnjester für immer verschwand, einen Brief zürückiassenb, in welchem sie ihre Lebenstragödie, als die Folge - der herrschenden Glaubensunterschiede und der allzu großen fanatischen Strenge ihres Vaters als Avsache aufzeichnetc. Josef Grob, Wien. «. I Aus den Gemeinden, r . Berlin. Bisher fehlt es an einer bis in die neueste Zeit reichenden Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Es sind aber Pläne und Ansätze zu einer auf die umfangreichen Dokumentensammlungen gestützten Darstellung der Chronik der Gemeinde vorhanden. Um die Anregungen rn der angedeuteten Richtung zu verstärken, hat der Gcmeindevorstand beschlossen, in geeigneten Fällen denjenigen Herausgebern einer Geschichte der Jüdischen Gemeinde, die für eine wissenschaftliche Behandlung; des Stoffes Gewähr leisten, erforderlichenfalls eine Subvention zur Ermöglichung der Arbeiten zu bewilligen. Berlin. Verband Pojener Heimatvereine. Am 22. d. Mts. traten 13 der in Berlin bestehenden Pojener Heimatvereine mit über 2000 Mitgliedern zu einem Verbände zusammen. Der Verband will die landsmannschaftliche Zusammengehörigkeit der aus ihrer Pojener Heimat vertriebenen Pojener- und die Treue zur Heimat pflegen, einheitliche Fürsorgetätigkeit für bedürftige Landsleute durchführen, eine Auskunftsstelle für rechtliche und wirtschaftliche Angelegenheiten der Heimatprovinz Posen begründen, einen heimatlichen Nachrichtendienst schaffen und endlich einen Fonds schaffen, der zur Unterstützung der Heimatgemeinden bei der Erhaltung der jüdischen Kultsiatten, Friedhöfe und Wohlfahrtseinrichtnngen verwendet werden soll. — Zum ersten Vorsitzenden wurde Rechtsanwalt L. Friedmann, zum Vorsitzenden des Berwaltungsrates SanMtsrat Dr. Rothmann gewählt. Da auch noch andere hier bestehende! Posener 5)eimatvereine ihren Beitritt in Aussicht gestellt Habens wird der Verband in absehbarer Zeit ca. 4000 Miigliedev zählen. — Die Geschäftsstelle befindet sich bei Lehrer Beckers W. 30. Gossomstraße 2. Berlin. Man rief gestern abend die Polizei des 8. Rcviersj nach der S y n a q o g e in der Oranienburger Straße 43. Vorübergehende beobachteten, daß vier Männer über das Gitter stiegen oder zu steigen versuchten, und riefen einen Posteü des Reviers an. Als mehrere Beamte herbeieilten. ergriffen sie die Flucht, die sie auch trotz aller Anrufe fortsetzten. Erst auf einen Schreckschuß eines der Beamten blieb einer stehen, während die anderen drei weiter liefen und entkamen. Der Angehallene wurde als ein Maschinenschlosser G. aus der Linienstraße festgestellt. Er behauptet, daß sie an der Synagoge Wahlzettek hätten ankleben wollen, weil sich das am Gitter nicht habe machen lassen. Die Zettel hätten die drei Entkommenen. An einen Einbruch habe niemand gedacht. Breslau. Die Repräfentanten-Berfammlung vom 23. April arbeitete zunächst die Tagesordnung auf. die am 26. März uner-' ledigt geblieben war. Dann wandte man sich neuen Vorlagen zu. Da man sich allerseits der Kürze befleißigte, so waren die: Beratungen rn zwei Stunden beendet, einschließlich einer geheimen Sitzung, in der Personalien erledigt wurden. Die Bewilligung einer einmaligen außerordentlichen Beihilfe von 10 000 M. an die Jüdische Krankevverpfleguugsanstalt zur Deckung eines Fehlbetrages aus dem Jahre 1924 geschah erst nach eingehen-, der Aussprache, in der die Notlage der Gemeinde betont wurde, die sie zwinge, sich Beschränkung aufzuerlegen und ihrer Freigebigkeit Zügel anzulegen. Bei der Erhöhung der «tatsmä&iaen Beihilfen für die Altersverforgungsanstalt und das Siechenyaus. für die Zentralwohlfahrtsstelle. den Bezirksoerbaud Breslau-Libnitz und Msch-lheologijche Semmgr. wurde mehrfach darauf hin-!

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