Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 18 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Klingsors Zaubergarten. Skizze aus dem alten Berlin. Von M a x R o s e n f e I d. (Schluß). Wir gelangten zu einem großen Palast, der bestand völlig aus Glas. Die Sonne durchleuchtete 'dieses Glashaus, doch sah das Licht darin infolge der Strahlenbrechung wie der Schein des Mondes aus. Magisch flimmerte es in allen Räumen des Palastes, süße Harfenklänge auollen zu den halbgeöffneten Fenstern hervor. Ich sah in den Zimmern aes gläsernen Palastes viele schöne Frauen, einige lagen auf Ruhebetten, andere wandelten umher. Zipora vertraute mir, daß es die von ihrem Oheim gefangenen Frauen seien. Das Einhorn trug uns durch ein Birkenwäldchen, wir gelangten zu einem düsteren Gebäude, worin ein Klappern, Hämmern und Feilen erscholl, daß man sich die Ohren zuhalten mußte. Zipora erklärte mir, das sei die große Fabrik Meister Klingsors, wo die vielen Zauberapparate hergestellt würden, die ihr Oheim in seinen Geschäften verkaufte. Die Schwüle wurde immer drückender. Das Einhorn trug uns an das Wasser, wo wir abstiegen und uns im Schatten eines Baumes lagerten, dessen saftige Früchte tief herabhingen. Wir aßen davon und wurden herrlich erquickt. Durch die Luft flogen glitzernde Vögel. Ich zog meine Ziehschleuder aus der Tasche, nahm einen Stein und schoß nach den Vögeln. Einer fiel getroffen herab, doch als ich ihn aufnahm, hatte er sich in einen großen Diamanten verwandelt, den ich in die Tasche steckte. Inzwischen hatte Zipora zwei Angeln und zwei kleine Eimerchen geholt. Wir warfen die Schnüre aus und fingen abwechselnd Gold- und Silberfischchen. Sobald wir sie aber -in die Eimerchen warfen, verwandelten sie sich in klingendes Gold- und Silbergeld. Als wir unsere Eimerchen gefüllt hatten, gingen wir zurück nach dem Laubengang. Wir kamen an einem Felsen vorbei, darunter gurgelte und tropfte es wie Wasser. Zipora sagte, wenn ihr Oheim Klingsor mit seinem Zauberstab darauf schlüge, so käme die Sintflut. Wir standen endlich wieder an der Rückseite des Mühlendammes, hörten das Wagenrasseln and das Gewoge der Menschen. Eine Treppe führte vom Gärten auf das Dach der Ladengewölbe. Wir stkegen hinauf und hätten einen sonderbaren Anblick. Vor dem Zauberladen drängte sich eine große Menschenmenge* bekannte Gesichter, .darunter die Geschäftsinhaber dÄ^äri«n3ezfrkes'Alf-Kölhf, alle mit ihren Frauen. Da der Herr Polizeileutnant mit Gemahlin, dann der Herr Wachtmeister, der Herr Nachtwächter und viele andere wichtige Persönlich* kdten mit ihren Ehehälften. Merkwürdig! Was die nur wollten? Aber da stand ja Isaak Rappoport — oder war es Meister Klingsor? Er stand auf einem Podium heben einem Tisch und schwang seinen Zauberstab. Wie sah der Mann aus? Sein schwarzer Vollbart reichte bis auf seine Füße, und auch sein Haar wallte herab an die Fersen, so daß er von einem schwarzen Haarmantel eingehüllt war. Der Herr Wachtmeister sagte wohl einmal: „Weitergehen, meine Herrschaften!“ Aber der Herr Polizeileutnant winkte ab, obgleich sich immer mehr Menschen ansammelten. Alles schmachtete unter der Schwüle und Trockenheit, man sah es jedem an, dennoch blickten alle gespannt zu Klingsor hinauf und bewunderten dessen Zauberkünste. Die Nachbarn baten ihm im Stillen den Groll ab, den sie für ihn gehegt, unterhielt er sie doch vorzüglich. Selbst der Herr Polizei- Baumkuchen Torten * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus 4 7» MndUwci Paul Kühler nMRKKnRimwmmsMnmniniininiiiiniiiuniiuiuiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiitiiiiimiiiiiiiiiiiiii Gegründet 1827 Berlin NW 6, Albrediistr. 19 Telephon: Norden 8021 Ieutnant schien Rappoport nicht mehr zu zürnen und ließ alles geschehen. Er war übrigens jetzt in Zivil. Wie erstaunte 'der Reviergewaltige, als ihm Klingsor seinen Hut vom Kopfe nahm, und hervor eine Schar Spatzen flog. Der Hexenmeister behielt den Hut gleich in der Hand, er rührte mit seinem Zauberstabe so lange darin, bis die Kopfbedeckung des Leutnants voll von blanken Talern war, die Klingsor auf den Tisch schüttete. Dann rührte er noch einmal in dem Hut, diesmal füllte er sich mit blinkenden Goldstücken, die er zu den Talern warf. Die Umstehenden machten große Augen, und der Herr Polizeileutnant wendete seinen Hut um und um, aber es war kein Goldstück haften geblieben. Klingsor nahm ein Tuch, deckte es über den Geldschatz, schlug mit dem Zauberstab darauf, zog das Tuch wieder fort, — der Tisch war leer. Es war ganz erstaunlich, was Klingsor alles vollbrachte. Er ließ sich den Spazierstock eines Großkaufmanns geben, murmelte einen Spruch, — sogleich wuchsen aus dem Knüppel grüne Blätter und herrliche Röschen. Doch als der Großkaufmann den blühenden Stock nahm, hatte er plötzlich wieder den kahlen Knüppel in der Hand. Nun griff Klingsor in seinen langen Bart und nahm drei kleine Hampelmänner aus Pappe hervor, die er flach auf den Tisch legte. Dann fuhr er mit dem Zauberstabe durch die Luft, —- auf einmal erschienen eine Geige und ein Fiedelbogen, beides freischwebend, und —o Wunder! der Fidelbogen begann von selbst auf der Geige einen lustigen Tanz zu spielen. Die Hampelmänner erhoben sich und hüpften nach dieser Musik lebhaft auf dem Tisch umher. Da fuhr der Wundermann schon wieder mit dem Stab durch die Luft — Geige und Fiedelbogen waren verschwunden. Die Hampelmänner aber sprangen wieder in den dichten Bart Klingsors. Das Staunen der guten Berliner wurde immer größer, alle standen mit offenem Munde, zu dem einem jeden plötzlich eine Maus hervorsprang. Sämtliche Mäuse kletterten an Klingsors Haar und Bart hinauf, so daß der Mann völlig von Mäusen überdeckt war. Es sah furchtbar gruselig aus. Doch ein Schlag mit dem Zauberstabe, alle Tierchen bekamen Flügel und flatterten als Fledermäuse davon. Die Frauen verlangten nun einstimmig ein Kunststück für sich. Da nahm Klingsor einen Sack, zeigte, daß dieser leer und steckte einen Stein, wie der Berliner sägt:-eine „Klamotte“, hinein. Nun schlug er mit dem Stäbchen auf den Sack, und Als er ihn öffnete, kam ein schwarzes Huhn zum Vorschein, das laut gackernd auf den Tisch sprang., Es setzte sich auf die Kante und b£gadn~goidenr Eier zu legen, die Kling&otfnit dem Sack auf fing und an die Frauen verteilte. Doch wie sie sich ihres Geschenkes ' erfreuen wollten, hätten die Frauen nur eine Kartoffel iri der Hand. Das Huhn fiel vom Tisch herab und war wieder eine Klamotte. Der Herr Wachtmeister versuchte jetzt nochmals energisch sein „Weitergehen!“ Doch der Herr Polizeileutnant winkte von neuem ab und meinte: „Wenn der Jude es nur regnen lassen könnte, dann würde ganz Berlin aufatmen.“ „Ja, der Jude soll es regnen lassen“, rief man rings im Kreise. „Wenn er es nicht regnen lassen kann, glauben wir nicht an seine Künste.“ „He, Jude Klingsor“, rief der Herr Polizeileutnant, „lassen Sie es doch gefälligst mal regnen!“ „Jch kann, wenn ich will. Verstanden?“ sagte Klingsor. „Dann mal los, Jude“, riefen die Berliner. Die Frauen spannten schon ihre Schirme auf. „Gut, ich will euern Wunsch erfüllen“, sagte Klingsor mit pfiffiger Miene, „will euch Abkühlung verschaffen, wenn ein Mann und eine Frau unter euch ein kleines Opfer bringen.“ „Was soll es sein? Mal los, Jude!“ schrien die Berliner. „Einer der Herren und eine Dame sollen sich freiwillig für heute Nachmittag von mir verwandeln lassen, und zwar der Herr in einen alten Esel, die Dame in eine alte Zicke.“ Die Männer sahen verdutzt ihre Frauen an, ein Murren, eine große Unruhe verbreitete sich, man stritt, wer der Opferesel und wer die Opferzicke sein sollte. Doch jeder nahm es übel, wenn ihm von einem anderen die Zumutung gestellt wurde, und der Herr Wachtmeister rief wieder: „Weitergehen!“ jetzt vom Herrn Polizeileutant dazu ermuntert. „Es ist ja nur für heute“, meinte Klingsor gelassen. „Wäre denn keiner unter euch, der für das Wohl der Stadt Berlin, für das Aufatmen der Menschheit, ein so kleines Opfer brächte?“ Doch ein furchtbarer Tumult entstand. „Verdammter Jude“, schrien sie. „Holt ihn herunter, stäubt den Juden!“ Keiner wollte das Opfer bringen. Die Männer wurden handgreiflich und prügelten sich. Die Frauen zerrten sich einander bei den Haaren. Da, als der Streit im schönsten Gange war, fuchtelte Klingsor mit dem Zauberstabe und schrie: „Nasi quasi Paraphrasi, Eins und eins -~ Seid fest!“ Sogleich waren Je zwei der Streitenden mit den Nasen zusammengewachsen. Der Herr Polizei-1 Ieutnant hing an der Nase eines Geheimrates, der! Herr Wachtmeister an der des Eckenstehers. An dem roten Gesichtsvorsprung eines Gerichtsdieners hing ein Gemeindeschreiber mit seinem spitzen! Riechtürmchen. So waren von allen Berlinern undj Berlinerinnen auf dem Mühlendamm immer zwei] mit den Nasen zusammengewachsen.; Wie man auch zog und von einander wollte, diel Nasen blieben fest zusammen, keiner konnte fort; I denn Wollte der eine hierhin, dann wollte der andere dorthin, und so wälzte sich alles mit Ge-! schrei und Fluchen im wilden Knäuel. „Jetzt kommt die Abkühlung! Verstanden?'*! lachte Klingsor, eilte über das Dach und schlugj mit seinem Stäbchen an den Felsen. Da strömte das Wasser in ungeheuren Wogen hervor und überflutete den Zaubergarten und das ganze Zentrum! Berlins. i Der Wind wirbelte den langen Bart Klingsors in! zwei Teile, es sah aus, als hätte der Zauberer schwarze Flügel bekommen. Wirklich hob er sich hoch in die Luft und lachte höhnisch herab auf die mit den Nasen verwachsenen Berliner, die sich im strömen-i den Wasser hin und her zerrten. Ich sah, als der Bart Klingsors hoch wirbelte,, daß der Körper des Hexenmeisters durchsichtig wie Glas war, und da ich mich ärgerte, daß er so tüchtige Beamte, wie den Herrn Polizeileutnant und den Herrn Wachtmeister, so uiigebürlich behandelt hatte, nahm ich den großen Diamanten aus der Tasche, legte ihn in meine Ziehschleuder und schoß auf den schwebenden Zauberer. Ein furchtbares Klirren, — in viele Stücke zerschmettert! stürzte Klingsor herab. Doch sein Zauberstab fiel mir gerade vor die Füße. Jetzt wollte ich meinen lieben Berlinern, die mir leid taten, einen Dienst erweisen, ich schwang, den Zauberstab und rief: „Nasi quasi Paraphrasi, Eins und eins — Seid los!“ Gleich waren alle Nasen auseinander, und die; Berliner umarten ihre Frauen mit Freudentränen; Doch plötzlich verlor ich den Boden unter den; Füßen, ich stürzte — und erwachte. Ja, wie war denn das? Ich lag in dem graueit! Hofehen am Mühlendamm in einer alten Kiste, stärker Regen goß hernieder. Mir war sehr übel, Ich schleppte mich in den Laden Rappoports, aber weder der Zaübermann noch Zipora waren zu Als ich den Läden verlassen hatte, sah1 ich den Mühlehdamm wie sonst vor mir. Wagen rasselten, Menschen mit aufgespannten Schirmen kamen gerannt. Als der Regen etwas nachließ, schlüpfte ich nach Hause. Meine Mütter brachte mich zu Bett Die Opiumzigarette hatte mich krank gemacht. Nach vierzehn Tagen ging ich zum ersten Male wieder aus, und zwar sogleich nach dem Mühlendamm. Man fing schon an, die alten Gewölbe abzureißen, alle Händler waren ausgezogen, auch Rappoport. Von dem Zaubermann und seiner Nichte Zipora; habe ich nie wieder gehört. Wenn aber des Lebens Grau mich heute umgibt, wie einst das trübe Höfeben am Mühlendamm, dann wünschte ich recht sehnlich, Zipora möchte kommen und wieder eins verborgene Tür öffnen. Doch vergebens, — Klingsors-Zaubergarten habe ich niemals wiedergefunden. Werbt neue Leserl Etablissement Cafü ielka Friedrichstraße 60 * Ecke Leipziger Straße Das £iesen*Mai«Programm unseres vornehmen Familien-Kabaretts Karl Zander Ballett Siegno Fritz Brand Elsa Franz Emil Spielmann Hildegard Büttner Tedd Cunar Oklany Grete Gravenhorst W. Rath-Rex Gretel Tavera Gerda Lassner Erika Renal Kennen Sie unser Waldschldßc n en Herrlicher Aufenthalt, Terrassen am See der Krummen Lanke, la Orchester. Man fährt mit der Wannsccbahn bis Zehlendorf-West und erreicht in wenigen Minuten unser Zielka im Walde Ani Flügel: E. Hentschyl * Kapellmeister Franz Vielen.