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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-01 · 18 (1.5.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
18 (1.5.1925)
Date
1925-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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S. Achrgaag TJummer i.6 Beilage i. Rai 1925 Bilanz des liberalen Judentums. Von Prof. 3. Elbogen, Berlin. Es liegt im Wesen menschlicher Einrichtungen, daß sie mit der Zeit an Kraft einbüßen, das, was Bewegung war, erstarrt, was Wärme, erkaltet. In jeder wertvollen religiösen Bewegung liegt etwas Revolutionäres, etwas von der vulkanischen Eruption -es Sinai, aber die Erfahrung lehrt, daß das Feuer nur zu leicht erlischt und die leblose Lava zurücklaßi. Es bedarf daher von Zeit zu Zeit der Nachprüfung, ob die Flamme noch glüht, ob sie noch Kraft zu erwärmen und zu begeistern besitzt. Die amerikanische Reformbewegung hat diese Notwendigkeit gefühlt und die Rabbiner- Konferenz -es vergangenen Sommers hat daher -ie Bilanz des Aeformjudentums (Revaluation of Reform .ludaism) zu ihrem Hauptthema gewählt. Zn dem jüngst erschienenen gedruckten Bericht über -ie Versammlung'^) nehmen die Referate und die daran anschließende Aussprache nach Inhalt und Umfang (S. 222—344) -ie erste Stelle ein. Der Verhandlungsgegenstand wurde so verteilt, -aß Dr. Kaufmann Köhler, der ehrwürdige Alterspräsident, den einleitenden Vortrag hielt und sein Nachfolger in der Leitung des Hebrew Union College, Dr. Zulian Morgenstern, ausführlich über Geschichte und Leistungen des Reformjudentums berichtete, während Rabbi H. G. Enelow-New Wrk „die theoretischen Grundlagen" und Rabbi Samuel H. Goldenson-Pittsburgh „die gegenwärtige Lage und die Aufgabe des Reformjudenlums" behandelte. Man darf es als Zeichen von Kraft und Selbstbewußtsein. ansehen, daß dieses Thema so eingehend besprochen werden konnte. Ein Zwang von außen, der Druck durch eine Gegenpartei lag nicht vor. Amerika kennt ja keinen Gemeindezwang, jeder wählt selbst, welcher Gemeinde er sich anschließen will, und behagl sie ihm nicht, so tritt er in eine andere ein oder bleibt vollständig draußen. Es gibt nicht wie hierzulande und fast überall in Europa in den Gemeinden Minderheiten, die sich zmückgesetzt fühlen, die Reformgemeinden dürfen mit einer ziemlich homogenen Zusammensetzung rechnen. Wenn sie trotzdem eine derartige Selbstprüsung vornehmen, so ist das ein Beweis dafür, daß die Führer das Prinzip der Reform richtig verstehen und wissen, daß es immer wieder der Prüfung und Erneuerung bedarf. Verantwortungsvolle Führer haften hie Augen offen und achten auf Schäden, solange sie noch leicht zu beseit^en sind. Schäden aber sind unleugbar.vorhanden, Dr. Köhler klagt bärüber, daß >Ler Eifer und der Idealismus der Begründer der Reformgemeinden geschwunden sind, baßste einer beklagenswerten Lethargie und einem Materialismus, der für das heftige Erbe unserer Bäter kein Empfinden mehr hat, Platz gemacht haben" (6.227), Dr. Goldenfon fürchtet, daß „das Bild unseres jüdisch-religiösen Lebens mehr den Ausdruck materiellen Wohlstands als den Eindruck seelischer Wirklichkeit und Innerlichkeit bietet" (S. 293), und Dr. Morgenstern sieht ein Grundübel darin, -aß „zu viele amerikanische Rabbiner ihre eigenen Wege gehen, daß der eine diese, der andere jene Liebhaberei befürwortet" (S. 319). Immerhin Anlaß genug zu prüfen, ob die Schäden zufällig oder im System" begründet sind. Ueber gewisse Grundsätze herrscht Einstimmigkeit. Eine Reihe von Rednern betont geflissentlich, daß Amerika ein Reformjudentum, nicht ein reformiertes Judentum geschaffen hat. Damit soll zunächst -er Nachdruck auf das Reform Prinzip gelegt werden, auf das stete Streben nach Fortschritt, das keine Verknöcherung, keine Art der Orthodoxie aufkommen läßt, sondern stets zur Kritik der eigenen Irrtümer, zur lleberwindung der eigenen Fehler bereit ist. Als den obersten Grundsatz der Reform spricht Dr. Enelow in seiner Zusammenfassung den aus, „daß das Judentum *) Central Conference of American Rabbis, Thirti - fifth Annuai convention. June, 26-30, 1924., Vol. XXXIV. eine bewegliche, nicht eine starre Gestaltung des religiösen Lebens anerkennt" (S. 246). Daher wird auch an der Reformbewegung offene freimütige Kritik geübt, ein Redner sieht sogar die Zeit kommen, in der innerhalb der Reformgemeinden verschiedene Gruppen ihren Gottesdienst verschieden gestalten, die einen viele Zeremonien beibehalten, die anderen „eine nahezu unitarische Einfachheit" wählen. Für uns in Deutschland ist von besonderem Interesse, was zur Kritik des klassischen Zeitalters der Reformbewegung, die ja damals in Deutschland ihren Mittelpunkt hatte, vorgebracht wird. An den Reformern wird ausgeseht, daß sie vom Intellektualismus ihrer Zeit gar zu sehr beyerrscht waren (S. 267). Ihre Stärke war ihre philosophische, ihre theologische, ihre scholastische Ausbildung. „Allein das genügte nicht für einen dauernden Ausbau. Hätten sie ihre Anstrengungen mit denen klar denkender, im praktischen Leben stehender Laien vereinigen können, so wäre viel mehr erreicht worden". So aber fehlte der Reformbewegung die Wärme, die Färbung, -er richtige Platz für den einzelnen Gläubigen. Ihr Rationalismus verleitete die Häupter -er Reformbewegung, zuviel Nachdruck auf -ie realen Dinge dieser Welt zu legen und gar zu gering von derjenigen Welt zu denken, die jenseits unserer Erkenntnis liegt und die doch auch ihre Wirklichkeit hat und vor allem das Ziel der tiefen religiösen Erfahrungen bildet (S. 269). Ein anderes Merkmal jener Zeit, das die führenden Reformer beherrschte, war ihr weitgespannter ftniversalismus, der die Einheit der ganzen Menschheit erfaßte, darüber aber die Einheit der jüdischen Menschen übersah, der nur die jüdische Religion als berechtigte Größe anerkannte, sich aber um ihren Träger wenig kümmerte (S. 268). Auf diese Einheit aber wird von allen Seiten energisch hingewiesen. Das ist der zweite Grundsatz, den die amerikanische Reformbewegung betont, sie will nicht eine Sekte sein, sondern fühlt sich als ein G l i e d in der großen Familie Israel. „Die Einheit Israels und des Judentums ist ein fundamentaler Grundsatz unseres Lebens, ja vielleicht einer der hauptsächlichsten Gründe für unfern dauernden Fortbestand. Es mag Verschie-enheiten geben zwischen den Juden der verschiedenen Länder oder den Gestaltungen des Judentums, sogar Verschie-enheiten von Belang, die man nicht, wie manche wollen, übersehen kann. Aber das sind Abweichungen, die nur unterscheiden, jedoch keineswegs trennen, die den einen Bruder gegenüber dem andern kennzeichnen, ihm sein persönliches Gdsicht geben, aber in keiner Weise die Einheit der Familie aufheben. Diese Einheit des Judentums ist unverletzlich und nur, solange sie anerkannt und gewahrt bleibt, kann das Judentum leben und gedeihen. Meinungsverschiedenheiten mögen bestehen und Parteistreitigkeiten, die mit äußerster Verbitterung durchgeführt werden, mögen den Frieden im Judentum stören und seine Entwicklung aufhaltenr allein das sind innere Familienzwistigkeiten, die nach kurzer Zeit beseitigt werden und die Einheit der Familie ungestört fortbestehen lassen. Rur als Einheit kann die Iudenheit leben und streben, nur innerhalb einer geeinigten Iudenheit kann das Judentum fortschreiten und die Reform im Judentum vorwärts kommen" (S. 2767). Soweit Dr. Morgenstern — und Dr. Philipson, der bekannte Verfasser der Geschichte des Reformjudentums, spricht den Sah aus, daß es nicht Aufgabe des Reformjudentums ist, die Frage, ob die Juden ein Volk bilden, zu verneinen, daß „das Reformjudentum es lediglich mit den Juden als religiöse Gemeinschaft und einer vermöge der Religion einzig dastehenden Volksgemeinschaft zu tun hat" jS. 318). Auch die universalitische Auffassung kam zum Wort, vor allem im Vortrag Goldensons, der sich ganz in den Höhen des messianischen Zukunftsreiches bewegte. Freilich fand dieser in der Versammlung wenig Resonanz, seine einseitige Herausstellung der sozialen Aufgaben wurde abgelehnt, weil man die spezifisch jüdischreligiöse Begründung, den Zusammenhang der jüdischreligiösen Entwicklung zu wenig betont fand. Aber ec muh doch zugegeben werden, daß die energische Forderung des Redners nach sozialem Aufbau, nach sozialer Gerechtigkeit von hoher Bedeutung ist. In Wirklichkeil hat gerade dieser Redner die Hand in die offene Wunde gelegt, hier ist der Punkt, an dem die Reformbewegung so gut wie völlig versagt hat. Bon der prophetischen Forderung der Gerechtigkeit, des Schuhes für die Hilflosen und Unterdrückten hört man innerhalb des liberalen Judentums erschreckend wenig. Man vertraut darauf, daß das Moralische sich von selbst versteht, aber die Greuel unserer Zeit lehren eindringlich, wie weit wir von der Verwirklichung der Moral noch entfernt sind. Es ist eben viel leichter, die jüdischen Sabbatvorschriften und Ehegesetze zu überwinden als den Feind im eigenen Innern, es kostet weit weniger Anstrengung, sich von den Speisegesetzen zu befreien als von Genußsucht, Habgier und Eitelkeit. In den Verhandlungen wurde auch offen zugestanden, daß der plutokratische Charakter der Gemeinden eines der. Hindernisse für ihre Entwicklung gewesen ist und daß das soziale Programm noch am Anfang seiner Durchführung steht. Der Fortschritt der Gemeinden in entscheidenden Fragen ist sehr gering, wichttge Probleme wie der Religionsunterricht, die Hebung des religiösen Geistes im jüdischen Hause, „die Abgrenzung eines aufbauenden Programms für sozialen Fortschritt und die Beschleunigung des Eintretens des messianischen Zeitalters" sind in ihrer Lösung nicht sehr weit vorwärts gekommen (6. 278). Als Rechtfertigung wird die starke Zuwanderung von Elementen angeführt, die tief in der Orthodoxie wurzeln und dem Zionismus huldigen: nach einem Menschenalter überwältigend zahlreicher Einwanderung ist nun die Bewegung innerhalb der Gemeinden zum Stillstand gekommen, man erwartet, daß die neuen Elemente für das Reformjudentum gewonnen sind und daß dieses tatsächlich den Sieg davongetragen hat. Aber es scheint doch, daß die Einwanderung nicht das einzige Hindernis gewesen ist, und daß Lebensfragen der Religion zur Erörterung stehen. Mit bewundernswertem Scharfblick hat der hochbetagte Dr. Köhler das Problem dahin formuliert, daß heutzutage es nicht meyr so sehr um die Auseinandersetzung zwischen Orthodoxie und Reform geht wie um die Frage, ob die Welt mit oder ohne Gott fortbestehen soll, „und das Problem geht dahin, wie man den Rationalismus und die äußerliche Zivilijattom die uysertz.gesamte ffrzitzhtzkg Md gesellschastnche Bildung ourchströmt, durch einen ernsteren Appell an das Gemütsleben, an die seelischen Bedürfnisse des Menschen überwinden kann" (S. 227). Wir bedürfen, so fährt er fort, einer konstruktiven Kraft von mehr konservativer als liberaler Tendenz in unserem religiösen Leben, einer Gewalt, die uns die Jugend, de-< sonders die gebildete Jugend wieder zur Synagoge führt und sie dort den Mittelpunkt des Judentums erblicken läßt. Er hofft das durch einen weiteren Ausbau der Reform zu erreichen, die Jugend aber meldet sich mit anderen Forderungen zum Wort. , (Ein zweiter Artikel folgt.) Kalendarium für die Zeit vom 2.5. di- 9.5.1925 Mai 1925 j_3)'ar 56S5 Sonnabend 2. 1 8. WochenHlbschnift: Achare manß und Kedauschim (3. $.271 Kap. 16—20) Hasiarah: Amos Kap. 9,7—15 Sonntag 3. 9. Montag 4. 10. Tonis scheni Dienstag 5.! 11. Mittwoch 6. ’j 12. Donnerstag I.! 13. Tanis chamischi Freitag 8. j 14. pessach scheni Sonnabend 9. i 15. Wocken-Abschnitt: Cfmer (3. Ä. 27t. Kap. 21—24) i Hastarah: Ezechiel Kap. 47,15—3: ppjm «sssässssf SCgS» 0r««'®n9tTÄ ■— NIE WIEDER KRIEG. Oie billigste Einkaufsstelle für Schreibwaren ist Kleimann & Co., Berlin Geriraudtenstrafje 4-7 / Merkur 9547 Bei mir : Leitzordner 80 Pf., zweiseitige Kuverts 1000 St. 2,50 Mark. F aber* Bleistifte Dutzend 55 Pf, Vervielfältigungsbüro S.ophie Ratz Charlottenburg, Pestalozzistr. 51 a Scbreibmaschinenarbeiten und Vervielfältigungen zu den allerbilligsten Preisen. Schnellste und sauberste Ausführung Car/ Pischke Inh. 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