Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 18 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Orthodoxie. Die eiserne Han- Esras gründete -aS Staatswesen auf neue, strenge Gesetze, dem sozialen Geiste der Mosesbücher entnommen. Es entstand der Rat der Siebzig, ein großartig -urchgeftl-rl-es Annen-wesen, Abschaffung der Sklaverei im Binnenlawöe, strengste In-nehattung des Sadbattages und -jahres mit Schuldenerlaß. Erst aas dieser Zeit stammt die weihevolle Form des Sabbat-Ei-n- und .Ausganges, Kiddusch und Awdalah, wie auch die uns bekannte Ordnung des Sederabends. Alles geschätz, um die Thora und Mc Propheten nicht nur den Priestern, sondern auch dem Volke verständlich zu machen. Schuten und Gebelhäuser wurden allerorten errichtet. Es wurde nach dem Grundsatz gehandelt: Belehrung und Aufklärung dem Volke! Feste Form für den kostbaren Inhalt! Zeitgemäß, verständlich, großzügig! Nchemia veranstaltete große Amzüge mit Musik, um das Volk für die jüdische Sache zu interessieren. Da die althebräische Schrift der Thora nur den Schriftkundigen bekannt war, wurde eine ungeheure Neuerung, öle sogenannte assyrisch-hebräische Schrift, die besonders den aus Babylonien zurückgekehrten Iudäern geläufig■ war, eingeführt. Das Gebet wurde allgemein in den Tempeldienst ausgenommen, neb-rn den Opfern, du nun nicht mehr die Hauptbedeutung hatten. Ein dem salomonischen angepaßter Gottesdienst mit Instrumenten und Ehören und verschiedenen Neuerungen wurde eingeführt: Thoravorlesungen, Mitsingen der Gemeinde und eine Art Kanzelrede, die sich zunächst aus eine Erläuterung des Thoratextes beschränkte, sich aber int Laufe der Zeit, unter dem Einfluß des Hellenentums, bis zur formvollendeten Rede entwickelte. Die Epoche der aegypttsch-alexandrinischen Hochlvullur wagte sogar die liberale Tat eines Tempelbaues in einer kleinen aegyp-tischen Stadt, um den vielen dort lebenden IudÜern die weite Reise nach Jerusalem zu ersparen und ihnen einen eigenen Tempeldienst zu verschaffen. Aus jener wundervollen Zeit geistigen Aufschwungs stammt auch die erste Bibelübersetzung in die Sprache der Griechen, die .Sepfun ginta; da beginnt der rein-geift!ge, große Einfluß des Judentums auf die Völker des Altert u m s, auf die nicht-jüdische Menschheit. Wir sind nun im Wechsel und Wandel der Zeiten bis zu den letzten Jahrhunderten der alten Zeitrechnung gelangt. Judäa stand säst immer in kriegerischen Verwickelungen mit der Amwell. Aber in kurzen Spannen entwickelte sich frä-rdliches Leben auf Grund von Verträgen, ein festgefügtes Staatsleben, das Zeit ließ 311 geistiger Betätigung im Erforschen der Schriften, leider aber auch die Spaltung in Parteien und Sekten brachte. Es bereitet sich für den Rückblrckenden langsam die Zeit des staatlichen Verfalls, die Zeit des Christentums und des Sturzes der antiken Welt vor. In Judäa ragen aus dieser Zeit wenig bedeutende Namen hervor. Ais Blüten des Geistes herrliche Dichtungen: Das Buch Ruth als liberaler Protest gegen Esras unmenschlich-strenge Trennung der Mischehen, später das Hohelied, das in seinem dichterischen Aufbau den Einfluß griechischer Poesie verrät, die Spruchdichtungm des Jesus Sir ach. Ferner wurden allmählich die geschichtlichen Bücher der Bibel und die kleinen Propheten in die Sammlung der biblischen Bücher ausgenommen und als Höllige Schrift bezeichnet. Je mehr das Heidentum der Antike der Auflösung und dem Sittenver-fall ontgegenging, desto strenger zog Juda das Netz um seine Lehre,- desto kraster wurde der Gegensatz, desto wütender die Feindschaft der Umwelt. Als dem judäischen Volke der große Feind in Antiochus von Syrien entstand, drohte eine vollständige Vernichtung des kleinen Volkes. Der größte Teil der judäischen Bevölkerung war?: soweit: sie nicht im Kampfe ürttzd?I»ar, durch Marter «nd Drohung zum Abfall vom Judentum gezwungen worden. Die Getreuesten aber hatten sich in Felshöhlen gefluchtet und hielten dort unter furchtbaren Entbehrungen ihrer Lehre die Treue. Da gaben die syrischen Heerführer ihrer rohen Soldateska den Befehl, diese Flüchtlinge am Sabbat anzugreifen. Denn am Sabbat kämpften die gesetzestreuen Iudäer nicht und Ueßen sich scharenweise hinmorden. Da, in höchster Not erwuchs die Rettung durch die Makkabäer. Sie rüsteten und bildeten die Männer zur Verteidigung aus und gaben Befehl, am Sabbat zu kämpfen. Dies-e liberale Tat der Makkabäer rettete Juda vor dem sicheren A ntergange. Es geschah das Münder eines Sieges der Wenigen, Idealerfüllten über die Vielen, die Rohlinge und Mordgesellen. David siegte wieder einmal über Goliath. Sieg des Geistes über die Kraft! Für Judäa erblüht nun unter den ersten hasmonäischon Königen staatlich und kulturell noch einmal eine Glanzzeit. Aber unter den Epigonen dieses stolzen Hauses ging es bergab. Bevor nach langsamer Zersetzung in den Wirren der letzten Jahrzehnte der alten Zeitrechnung der jüdische Staat aus der Weltgeschlichte verschwand, ward dem Judentum ein ganz Großer beschert: Hillel. Dieser Mann, der höchste Klugheit mit fast übermenschlicher Güte und Sanftmut verband, ist ein Markstein in der Entwicklung des Judentums geworden. Er stammte mütterlicherseits vom davidifcheri Geschlecht, gehörte zu den Geistigen unter den Iudäern Babylons und wanderte als reifer Mann in Judäa ein. Mit der feinen babylonischen Kultur ausgerüstet, vom Ideal des Judentums erfüllt, ein Kenner brr Lehre, war er der Berufene seiner Zeit, brr dem von allen Verfallskrankheiten befallenen und politisch abhängigen Volke das Ideal erhielt und es ihm vorlebte. Er, der eigentlich als „Ausländer" galt, wurde Vorsteher des Synhedrions, der höchsten gesetzgebenden Verwaltungsbehörde Judäas. Er stand religiös ganz auf dem Boden des Gesetzes. Mer wie er die Gesetze in ihrer tiefen Ethik, in ihrem edelsten und ursprünglichsten Sinn auslegle und hielt, wie er str zur Grundlage eines sittlichen Lebens für sich und alle machen wollte, hatte nichts gemein mit jenen Strenggläubigen, die nur die Form ausüblen, voin Sinn und Inhalt aber nichts erfaßt halten. Die von ihm hinterlassenen Worte und Sinnsprüche sind dessen Zeuge. Mit klugem Erkennen der Gegenwart unternahm er, ähnlich dem Tun Esras, von neuem -eine Reinigung des religiösen Löbens, hob immer wieder das Ewige und Göttliche in den Gesetzen hervor und versuchte auf dieser Grundlage eine Brücke zu bauen zwischen den intoleranten Pharisäern und den sreigeistigeu Saduzäern. „Nicht der tote Buchstabe sei das Wesentliche, sondern der Geist der Gesetze." Die Gesehesauslegungen Hillels wurden der Grundstein zu dem einzig dastehenden Schriftwerk, dem Talmud. Dieses Werk, an dem Jahrhunderte gearbeitet haben, bedeutet in seiner Gesamterscheinung eine großartige liberale Tat. Dies mag als ■e’m Widerspruch -erscheinen, da sich doch gerade die Orthodoxie auf den Talmud stützt. Es ist aber kein Widerspruch, denn die Tatsache, daß in diesem Riesenwerk jede religiöse Auffassung, jede Weltanschauung, Lebensweisheit, Liebe und Haß, alles Menschliche der Gesamtheit wie auch des InLividuums. zu Worte kam. ist liberale Tat aus liberalem Geist. Hillel wagte es als Leiter der gesetzgebenden Körperschaft auch, strenge Gesetze abzuändern, wenn sie sich in der Praxis als dom Gemeinwesen schädlich erwiesen. So. z. B. das Gesetz des Schuldenerlasses im Säbbaljahr, denn es führte dahin, daß kurz vor dem Eintreten des Schuldenerlasses ke>in Besitzender einem wirtschaftlich Schwachen mehr etwas lieh, um ihm aufzuhelfen. Hillel war in gewissem Sinne bas Vorbild und der Vorläufer der großen, weltumwälzenden Bewegung, bi-e durch Jesus von Nazareth und seine Jünger hervorgerufen wurde. Die nicht nur bekenntnishafte, sondern die in Menschrngüte und Nächstenliebe gelebte Religion, wie Hillel als geistiger Erbe der Propheten sie pr^igte und vorletzte, wohnte auch in den jüdischen Männern, die berufen waren, der nicht jüdischen Menschheit die Idee von dem einzigen Gotte zu übermitteln. Betrachten wir die Ausgabe Israels von der hohen Warte: „Fortschritt der Menschheit", so müssen wir die nun beginnende Zeit als Wende der Zeiten bezeichnen. Aus dem engbe* grenzten und teilweise in Formen erstarrten Judentum trat die Gotteserkenntnis in die Wett hinaus. Jesus und di-r Apostel waren liberale Juden in der tief-ethischen Bedeutung der Propheten und Hillels, ihr Wirken war liberale Tat. Sie standen auf dem Boden des Gesetzes. ,^lch bin nicht gekommen, das Gesetz auhzuheb-rn", sagt Jesus zu seinen Widersachern. Aber es ist ihm nicht Inbegriff der Religion, sondern „Höre Israel" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selb st", das sind ihm die Grundfaulen des Judentums. Danach zu leben, das Volk zur" Reinheit der Sitten, zur Sanftmut, zu einfacher Löbensweise zu^ erziehen, das war sein Wille. Erst Paulus ging aus dem Wir-/ kungskreis feines Meisters hinaus und verkündete die Heils-' lehre des Judentums auch den Heiden, unter Dispensierung seiner' Anhänger von den Bundes- und RUualvorschriften seiner Väterreligion. Nicht ein Sprung ins Anbekannte war sein Tun. Denn längst schon hatten sich die geistig Edlen aus den Völkern der Antike mit Grauen und Abscheu von dem Siltenverfall und der Vertierung der heidnischen Welt abgewandt und sich der Lehre von Iehovah mit ganzer Seele ergeben. Andere erleuchtete Köpfe suchten Hall und Trost in der Philosophie. Die Geschichte berichtet von einer Königin Helene von Adiabene, einem Staat am Tigris, die mit ihrer ganzen Familie und ihrem Hofstaat zum Judentum überlrat und ihren Wohnsitz in Jerusalem aufschlug. Diese Menschen waren die Pioniere für das im Schoße Zions entstehende junge Idealchristentum. Die Zeit war reif, um den Gott Israels den Völkern zu bringen. Es dringt durch vie-le Kanäle die hohe Idee ein. Das erste Jahrhundert der neuen Zeitrechnung brachte eine merkwürdige Erscheinung unter den sre.geistigen Juden der Intelligenz hervor. Begabte Dichter, die erfültt vom jüdischen Gerste und mit der griechischen Bildung ihrer Zeit versehen, es nicht wagten, ihre Dichtungen unter jüdischem Namen zu veröffentlichen, denen es aber am Herzen lag, die hohen Ideale des Judentums der Mitwelt zu übermitteln, unterschoben ihre Dichtungen lebenden oder auch älteren griechischen Dichtern. Es finden sich z. B. im Sophokles, der im 5. Jahrhundert lebte und wohl kaum jüdisch beeinflußt war, Slellen von so echt-jüdischer Prägung, daß man annimmt, sie seien von einem solcher jüdischen Dichter in die Werke des Sophokles hineingesteckt worden: „Einzig in Wahrheit, einzig ist Gott, der den Himmel erschaffen und der Erde Räume, des Meeres schäumende Wellen und der Slröme Gewalt. Aber wir Sterbliche, im Herzen betört, machen zum Tröste für Leiden und Elend, aus Stein und Erz künstliche Gebilde der Götter." Ebenso finden sich in den Sprüchen der damals berühmten römischen Sibylle, nicht zu verwechseln mit den alten sibyllinischen Büchern, Dichtungen rein-jüdischen Gepräges: „Ein Gott ist. ein einiger Gott, unendlich und ewig. Herrscher des Alls, unsichtbar, selbst jedoch alles erblickend." Dann wird das Anwesen heidnischer Gottesverehrung gegeißelt und Israels Vvrtrefflichkeit gelobt. „Denn verständigen Rat hat die Gottheit gegeben ihnen allein und Treue und trefflichen Gun in dem Herzen. Sie, die nicht mit eitlem Trug die Gebilde der Menschen» goldene oder von Erz. non Elfenbein oder von •Silber... ehren .. sondern welche zum Himmel die reinen Hände erheben . . .» welche verehren den Herrn, die ewig allmächtige Gottheit." Eine bedeutsame Erscheinung uitter den liberalen linden jener Epoche ist der jüdischTgriechische Philosoph Philo. Von ihm stamms die Idee des Logos, einer von Gott zu den Menschen führenden Geisteskraft, die als Mittler steht zwischen dem nie zu Erreichenden, der Arkraft und der Welt der Geschöpfe, in denen sich die Schöpferkraft offenbart als Geist, Idee, Vernunft, Ossendarung, Gottesstimme, Genie oder Inspiration, eine Auffassung, die sich der unseren sehr nähert und di-r nur verschiedene Namen gibt üentgrößtenWunü-rrunterdenWundernderNatu r, dem Geist. Philo ist durch die Idee des Logos ungewollt der Begründer der Dreieinigkeitsidee -cs späteren Christentums geworden. Wir sind auf unserm Fluge durch die Gcschichtr des Altertums bei-her Epoche angelangt, die alle im Judentum wohnenden Kräfte anspannt, um das kleine Judäa und sein Heiligtum aus den Krallen Roms zu befreien. Die nun folgenden Jahre, erfüllt von wütenden äußeren und leider auch inneren Kämpfen in Judäa und zuletzt in und um Jerusalem bis zu seinem Sturze und Erlöschen, ließen dem Volke und seinen Führern keine Zeit zuif geistigen Betätigung und Pflege ihres Heiligsten. Blut ergoß sich über das Gottesvolk, Blut wollte die heilige Mission Israels ersticken. Jerusalem fiel, der Tempel rauchte in Trümmern. Juda zog in die Welt, trauernd und gebeugt, aber nicht zerbrochen. Denn seinen Inhalt nahm es mit, wohin immer es verschlagen wurde, zog in die Welt, mit neuer Mission betraut. Über Glauben und Wissen. Von A. 0 0 m B e rg. Kant soll nach ziemlich allgemeiner Meinung eine „unüberstelgbare Grenze zwilchen Wissen und Glauben" errichtet haben. Aus dem Weg des Denkens könne in bezug auf transzendente, d. h. außerhalb des Sinnlich-Wahrnehmbaren liegende Dinge keine Erkenntnis gewonnen werden, lehrt er. und deswegen sollen transzendente Dinge „Gegenstand des Glaubens, nicht des Wissens" sein. Dm Mittel, mit denen Kant arbeitete, waren nach ebenso allgemeiner Annahme rein wissenschaftliche und nichts soll dabei sein von „vorkantischem Dogmatismus". Aber diese Annahme selbst: kann sie nicht ebensogut auf Glauben, ja auf regelrechtem Aberglauben beruhen wie auf Wissen, zumal doch eigentlich die größten Geister von den kleineren gar nicht kontrolliert werden können? „Kann sie nicht?", frage ich? Warum blicke ich nicht, „exakt" zu Werke gehend, einfach hin auf die beiden Gebiete und sehe an ihnen ab, was zu wissen nötig ist, damit man klar und deutlich sagen könne: darum und darum handelt cs sich hinsichtlich der Kantschen These um Wissenschaft und nicht um Glauben? Zwischen beiden Gebieten liegt doch eine (nnübersteigbare und auch undurchsichtige) „Grenze", womit, wenn bei Worten etwas gedacht sein soll, im analogen Bild eine Mauer oder ein Gebirge gemeint ist; an dieser Mauer endet das diesseitige, sinnliche Gebiet, also müssen wir zunächst dieses völlig überblicken und sein Aussehen festhnlten. Ist dies geschehen, so hat das jenseitige, übersinnliche Gebiet in der gleichen Weise betrachtet und charakterisiert zu werden und schließlich mögen wir noch die „Grenze" selbst auf ihre Beschaffenheit untersuchen,- dann aber müssen wir von jedem Ding sagen können, ob cs herüber oder hinüber oder etwa auf den Grenzstrich gehört, und damit ist das Endziel aller Philosophie erreicht. Warum gehen wir denn nicht in dieser selbstverständlichen Weise zu Werk? Ei, die „Grenze" ist doch u n ü b e rst e i g bar, wie wir hörten? — Also war noch keiner drüben und ist mit einer Beschreibung des Jenseitigen herüber gekommen? Nein! — Aber woher weiß man dann, dah die sog. Grenze eine Grenze zwischen zwei ähnlichwertigen Gebieten, nicht die Grenze überhaupt, nicht das Ende ist? Woher haben wir nur den Begriff einer „unübersteigdaren" Grenze'? Wir Menschen können nur in Analogien denken, uns nur in Sprachbildern ausdrücken. me vorhanden, weil dem physikalischen Leben entnommen sind, können geistig in keiner anderen Weise bas geringste leisten; spricht also e)n Philosoph von einer nnüberfteigbaren Grenze, so muß er ein« solche schon irgendwo beobachtet haben. Aber wo in aller erforschten Welt gibt es dergleichen? Gebirge? Gewässer? Abgründe? Davon galt früher vieles für unübersteigbar, aber später wurde alles überstiegen, zwar nicht immer im platten Wortsinn, wohl aber durch Umgehung, und dies ist in philosophischem Betracht einerlei: unerforscht braucht dabei nur die „Grenze" selbst zu bleiben, sofern sie überhaupt mehr als eine gedachte Linie ist. Obwohl eine unübersteigbare Schranke an diesen und jenen einzelnen Stellen zwei Gebiete trennte, man lernte beide dennoch kennen, indem man seitliche Uebergänge fand. Schon das Tier vermutet nach entsprechender Erfahrung hinter jeder Blauer die Freiheit und sucht ständig einen Durchgang. Wo nun aber ringsum eine nie überstiegene Grenze ist? Da äfft uns doch nur das gewohnte Sprachbild. wenn mir noch von einer Grenze zwischen zwei betrachtbaren Reichen reden, statt vom Ende schlechthin, das doch das allen Sinnen allein Gegebene ist! Als ich die ersten Male am Loreleyfelsen zu Schiff vorbeifuhr, hatte ich keinen Zweifel daran, daß es jenseits ebenso wieder abwärts gehe nne bei den bisher erstiegenen Bergen; vor meinem „Geist" stand deutlich das jenseitige Tal und ich war — jamt meinem selben Geist, den ich mit zu den „Sinnen" zähle — sehr erstaunt, als ich später auf die Loreley kam und, soweit das Auge reichte, eine berggleiche Ebene mit Feldern, Wiesen und Dörfern erblickte, deren Dasein übrigens vielen Rheinfahrern nicht bekannt ist. War dieses im Geist gesehene „Tal" etwas anderes als eine „Idee", die nach Kant „zwar keine Erkenntnis gewähren kann", aber dennoch „Ziele und Richtlinien des Denkens und Handelns, namentlich -es sittlichen Handelns abgeben" soll, was er dann „Postulat der praktischen Vernunft" nennt? Beruht solche Dennoch-Erkenntnis (die ja in mechanisch-logischer Fortführung zu dem der menschlichen Eitelkeit schmeichelnden Ungedanken führte, die ganze Wett sei „die Geistesschöpfung des menschlichen Ich") wirklich auf Wissenschaft und handelt es sich abermals um Wissen, nicht um „Glauben", wenn eine große Gemeinde in Kant den 3cminimer alles Dogmatischen sieht? Wenn ein gefangenes Tier ohne Rast im Käfig hin und her rennt, um einen Ausgang zu finden, während der Mensch, der die Beschaffenheit des 'Gefängnisses und damit die Vergeblichkeit seiner Müde kennt, über den im „dummen" Tier so fest sitzenden gegenteiligen Glauben lächelt, da beweist dieses Tier auch nur '„Geist", bezeugt es auch nur den Wert, aber zugleich auch den Unwert der nämlichen „Ideen", die gewisse Philosophen für das Einzigmahre halten wollen, während es sich hier um etwas handelt, was in seltenen Fällen nützlich, weit häufiger aber eine arge Selbsttäuschung und im Hinblick aufs Lebest als Zweck des Daseins schädlich ist. Müssen Menschen, die in absolutem Sinn so unendlich hoch über allem Getier zu stehen meinen, ewig in demselben Wahn wie das niedere Tier leben: weil es an vielen (relativen) Enden immer noch einen Ausschlupf gab, habe dies an allen Enden der Fall zu fein, könne es nie ein absolutes Ende geben? Und müssen diesen Wahn gerade die verbreiten, die sich sonst in „absoluter" Betrachtungsweile nicht gemtcj tun können? Ist -as Wissen oder Glauben, zu meinen, wenn einmal eine Idee sich mit den Tatsachen deckt, so müsse dies nichts weiter als die Richtigkeit der „Idee" beweisen? Kann, ja muß es nicht umgekehrt sein? Niemand hat die geringste Idee, ohne vorher entsprechende Sachen zu kennen; die Sachen-- Brtrachtung gebiert erst die Ideen, richtige und irre, je nach richtiger oderirrer Betrachtung: und wo'Welt und Gedanken oder Spekulationen über die Welt zusammenstimmen, da war stets die Welt das Erste und der menschliche Gedanke das Zweite. Lange kann die Erde ohne Menschen bestanden haben und etiva auch später wieder ohne Menschen bestehen, aber ein Menschengehirn hat es vor der Erde nicht gegeben und wird es auch nach ihr nicht geben. Und wenn wir cs wirklich nicht bemerken, bezw. erdenken könnten, rv i e die Sachen fortwährend „Ideen" in den Gehirnen alles Lebenden erzeugen, so märe eine umgekehrte Annahme immer noch als blanker Wahnsinn zu erkennen, denn von unserer Einsicht hängt nichts Wesentliches ab. sie beeinflußt den Gang der Dinge nicht anders, als die Einsicht der "Ameisen manche Geschehni'ie in der Ameisenwelt beeinflussen kann; unsere einfachsten Berechnungen sind nur; Nachrechnungen des uns vorher in der Natur oft und oft Porgerechncten. — Wohin mir heute mit der ständig gesteigerten Pflege weltfremder „Ideen" gekommen sind, entspricht genau dein,' wohin man käme, wenn die Ordnung der Dinge aus jener rheinischen Höhenplatte gerichtet würde nach den „geistigen" Bildern eines Knaben, der hinter den vom Wasser bespülten Rändern von Taunus und Hunsrück Täler vermutet, weil er vorher immer nur einzeln gegliederte Berge gesehen hat. — Wahrlich, wenn irgend etwas, dann beruht die gewohnte Redensart von der durch Kant angeblich aufgeiichteten scharfen Grenze zwischen Glauben und Wissen selbst auf einer Art Aberglauben, von dem in der modernen Philosophie überhaupt viel inehr konsumiert wird, als weiteste Kreise ahnen. Die undurchdringliche Mauer, die sich vor unserem Geist erhebt, ist die Grenze unseres D e n k e n k ö n n en s. Dies nur steht fest und weiter gar nichts. Unser Demdenkönnen richtet sich offenbar nach unserem Denkenmüssen und dieses ivieder ist im Einklang mit unserem Eri'stierenkönnen. Kant hat außer dcp sinnlichen (notgedrungen) eine „intetttgible" Welt angenommen, von der er jedoch nicht das Mindeste auszusagen weiß. Auf diese angenommene Weit ist nach ihm der Glauben angewiesen, in der sichtbaren Weit herrscht allein das Wisteist Diese mtelligible Welt muß trotz ihrer völligen Unbekanntheit ia die Sinnenwelt hereinragen, denn die menschliche „Freiheit"' wird ja aus ihr,, dem verwässerten christlichen „Jenseits", bezogen, weil cs in der physikalischen Welt nur Kaufa« iität gibt. Wo ist da die Spur einer Abgrenzung überhaupt? Nur nackteste Willkür, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat. kann sagen: dies ist Gegenstand des Wissens, dies Gegenstand des Glaubens. Und von der Beschaffenheit der angeblich scharfen Grenze, die ja eine Art Zwischenreich zu sein! hatte, weiß kein Mensch etwas. Im ganzen ein System von höchster Unklarheit und Verschwommenheit, zu dessen ernsthafter' Annahme eine Glaubensstärke nötig wäre, die der von orthodoreiv Kirchen geforderten nicht nachftandc. (Nachdem die Kantschen Grundlagen erst allgemein „Mode" geworden waren, führte dich Weiterarbeit ganz folgerichtig über Nietzsche zu BaihingerS „Philosophie des Als ob", die sich sehr kurz auf die Formet bringen läßt: „Zuerst mußt du wissen, daß alles Schwindel, ist („Fiktion"), dann aber betrage dich so. als ob es Wahr»! heit wäre, denn hierin besteht die höchste Sittlichkeit." ~1 Wie schlecht müßte es um uns Menschen bestellt sein, wenn un«