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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-01 · 18 (1.5.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
18 (1.5.1925)
Date
1925-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Liberale Tai in der Jüdischen Geschichte. Bon Hedwig Ries. Meine Ausführungen haben den Zweck, hervorragende Männer und ihre Talen aus den Geschehnissen der Zetten herauszuheben unter dem Gesichtswinkel der „liberalen Erkenntnis". Erkenntnis als das große Erwachen eines von Gott gesegneten Geistes, eines Menschen, der zwar mit Len Füßen, wie es im Menschlichen nicht anders möglich i-st, auf dem Boden seiner Zeit, ihren Anschauungen und ihren Sitten steht, dessen Haupt aber weit hinausragt über seine Zeit und Zeitgenossen. Liberale Erkenntnis nenne ich das rechtzeitige Erfassen neuer Notwendigkeiten, Reformen zu schaffen im Sinne der E r - 7i e u e r u n g der Form für einen alten, edlen Inhalt, immer das Wesentliche dabei im Auge, das Ganze, Anzerstörbare. Dies vor dem Untergänge zu retten in den furchtbaren Stürmen der Geschichte, die Israel erlebt hat wie kein anderes Volk. Ich greife tief zurück bis zu den Aranfängen der Geschichte Israels, bis zu den Stammvätern. Abraham, ein Geist-esfürst seiner Zeit, in dessen Seele Gott lebte, Kind einer Zeit, in der man den Göttern Kindesopfer als Zeichen der Frömmigkeit brachte, glaubt Gott zu dienen, indem er ihm sein Liebstes, Sarahs spätgeborenen Sohn, opfern will. Als er schon das Messer bereit hält, um das Furchtbare zu vollbringen, erhellt unter der Qual seines ringenden Herzens die neue Erkenntnis sein Hirn: „Kann Gott solches wollen? Kann dies ein Gott der Weisheit / und Güte sein, dec einen Vater zwingt, sein Heiligstes zu morden?" Bon dieser Erkenntnis geweckt, unterläßt er den Kindesrnord. Run erst ist er reif, den Bund mit Gott zu schließen, nun erst . schasst er innerlich und äußerlich die neue Gemeinschaft, legt den Grundstein zum Bau des Hauses Israel. Das war die Stimme Gottes, die Befreiung des Geistes und der Gesinnung von dem Ewig-Gestrigen, das war liberale Tat. Isaak, der Erbe Abrahams und seines Bundes mit Gott, erhebt Jakob über Esau: den Geistigen, den Gotteskämpser über den mit roher Kraft Ausgestatteten, in der liberalen Erkenntnis, daß Geist über Kraft geht. Dem Jüngeren wird der Segen zuteil und damit die hohe Aufgabe der Führerschaft. And diese Auffassung setzt sich in dem betagten Jakob fort, der die geistig höherstehenden Söhne der Rahel mehr liebt als die rauhen Kinder der Lea. Geist über Kraft! Schon in jener Haid sagenhaften Zeit hat die Geschichte diese Bevorzugung wunderbar gelohnt. Wurde nicht durch Joseph das Häuslein der Israeliten vor dem Hungerkode gerettet? Wurden ihm nicht, außer der leiblichen Nahrung und der neuen Heimat auch neue Geistesgüter!m Aegypterland gegeben? Bereicherung und Reubelebung in einer Amgebung hochentwickelter Kultur, deren Milschaffer und Mtterhaiter der Hebräer am König s h o f e war? Als im Wandel der Geschichte das Bolk Israel in Rot und schmachvolle Sklaverei verfiel, da stand der Größte in Israel auf: Mose, der den Lebenden Erlösung brachte und den späteren Geschlechtern sowie der ganzen Menschheit den Weg zu Gott und der sittlichen Bollkoinmenheit wies. Dies ist seine wesentlichste, seine wahrhaft liberale Tat. Alles andere, was er als verantwortlicher Führer, Erzieher und Gesetzgeber zuin Wähle des ihm anvertraul-rn Volkes tat, was er an Borschriften und Einrichtungen schuf und schassen mußte, ist bewundernswert und von hoher Wichtigkeit, steht aber kulturell' nicht so bergeshoch wie die Befreiung des Geistes am Volke Israel und der Menschheit. Weiter durchschreiten wir mit Riesenschritten die Wege der Geschichte. Israel war eine Ration im eigenen Lande geworden, genoß eine wunderbare Blütezeit unter den Richtern und Königen, eine Größe, die ihren Höhepunkt unter dein Genie Salvmvn erreichte. Bon klugem Weitblick, ungemessener Tatkraft, hoher Weisheit und Gerechtigkeit, entfaltete er eine Machtsülle, die das Reick Israel den Großmächten des Altertums gleichstellte. Zm Inneren schuf er aus großzügigem und liberalem Geiste, aus der Fähigkeit, fremde Kulturen zu verstehen und nutzbar zu machen, zwei liberale Großtaten: den Bau des Tempels und eine in der damaligen Weit bewunderte Gerichtsbarkeit. Der Gott Israels sollte eine Stätte haben, so herrlich und würdig, wie keine der heidnischen Kultstätten es je gewesen. Erlesene Künstler, kostbares Material und geschickte Arbeiter aus aller Weit wurden herangezogen, um den Tempel zu Jerusalem zu erbauen. Bon jener Zeit ad wurde Jerusalem erst eigentlich die Hauptstadt des Landes, und der Tempel der religiöse Mittelpunkt für ganz Isra-rl und Scharen von Fremden. Es wurde neben dem üblichen Opferdienst ein überwältigender Gottesdienst wit Harfen und Cymbeln, Zither und Gesang eingeführl. Ein Genie wie Salomon fragte nicht danach, ob diese Form des Gottesdienstes vorschriftsmäßig sei. Seine Feuerseele verlangte für den großen Gott Israels sinnbetörende Feier, überwältigende Kundgebung und Lobpreisung, gewaltig wie die S.imme der Raiur, die von Gottes Größe zeugt, und aus seiner Feuerseele goh er Glut in die Herzen der Gläubigen, ließ er Iebovahs Ruhm Zur SchSchtstage. Vom 16.-18. April fand in München die 17. Versammlung des Verbandes deutscher Tierschutzoereine statt, die sich in ihrer Sitzung vom 17. April u. a. auch mit folgendem Antrag des Düsseldorfer Vereins, der durch den Schriftsteller Fritz Westphai gestellt wurde, beschäftigte: „Der Verband der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches möge bei den gesetzgebenden Körperschaften vorstellig werden, daß in Deutschland der Betäubungszwang für alle Schlachtliere vorgeschrieben wird." Gegen diese allgemeine Fassung des Antrages wandte sich Geheimrat Volkmar, da hier die religiösen Gefühle der Israeliten verletzt würden, für die das Schächten eine religiöse Einrichtung sei. Der Redner erklärte es für unhaltbar, auf der einen Seite Tiere zu schützen und auf der anderen Seite Menschen zu verletzen. Er beantragte, das Schächten auf das rituelle Schächten und auf einen Umfang zu beschränken, der für den Fleischverbrauch der Israeliten notwendig sei. Rabbiner Horowitz, Frankfurt am Main, bestrittganz entschieden, daß das Schächten eine Tierquälerei sei. Die hervorragendsten Physiologen hätten gefunden, daß den geschachteten Tieren schon nach wenigen Sekunden das Bewußtsein schwinde. Neuere Untersuchungen über den Blutdruck hätten die Wahrnehmungen der Physiologen bestätigt. Die Juden 'eien seit Jahrtausenden schon nach ihren religi. sen Satzungen die besten Freunde des Tierschutzes. Es sollte ein Rabbiner in den Ausschuß für Schlachlviehtötung ausgenommen werden, damit, die Vorbereitungenfür die Niederlegung der zur Schächtung gestimmten Tiere möglichst verbessert werden. Bezirkssekretär Lange, Schweinfurl, detöme. daß die Schächtfrane keine vordringliche für den TierschntzVerdtMV sei, und vertrat den Wunsch, daß möglichst überall Umlege, apparate wie in Schweinfurl angeschafft werden. Eisenbahninspektor von Euen, Landeshut, wünschte, daß der Düsseldorfer Antrag zurückgezogen werde. Polizeipräsident a. D. Bastian, München, erklärte die Anträge ebenfalls nicht für notwendig. Mit dem Inkrafttreten des Entwurfes eines neuen Strafgesetzbuches regele sich diese Frage von selbst. Veterinärrat Storch, Schmalkalden, erklärte, daß er mit der Mehrheit seiner Kollegen Gegner des Schächtens fei. Wenn sich die Bevölkerung das Schächten ansehe, würde ein Sturm der Entrüstung dagegen durch das Land gehen. Komm.-Rat Frankel, München, vertrat den Standpunkt, daß der Antrag nicht so aktuell sei, daß der Verband sich darüber in zwei Lager spalten solle. Rabbiner Dr. Stein, Schweinfurl, wies darauf hin. daß durch eine Anordnung des Vetäubungszwanges den Israeliten der Fleischgenutz unmöglich gemacht würde. Geschäftsführer Krämer, Verlin, betonte, daß es. wenn von einem Gewissenszwang für die Israeliten ge^ sprachen werde, für die Anhänger des Tierschutzes einen ebenso großen Gewissenszwang bedeuten würde, zuzugeben, daß die Tiere durch das Schächten unnötig gequält werden. Nachstehender Antrag des Niederrheinischen Tierschutzvereins Krefeld, „Verbot des Schächtens der Dullen, da das Niederlegen und das Durchschneiden der dicken Haut besonders schwierig ist und im Großbetrieb gefährlich wird" wurde durch Herrn Schlachthofdireklor Dr. May begründet. Bei der Abstimmung wurde Zunächst die En.scheidung über den Antrag Düsseldorf mit 35 gegen 18 S.immen vertagt. Ein geschästsordnungsmäßiger Antrag des Komm.-Rnts Fränkel, daß der zum Anträge Düsseldorf beschlossene Vertagungsantrag dahin zu interpretieren fei. daß er auch die Vertagung des Antrages Krefeld in sich schließe, wurde mit nur einer Summe Mehrheit abgelehnt (25 gegen 24) Sodann wurde der Antrag Krefeld mit Mehrheit angenommen. Ein Antrag Dr. Horowitz, der hierdurch zu Fall kam. wollte, daß das Schächten der Bullen nur dort gestattet werde, wo geeignete Sicherheitsvorrichtungcn vorhanden sind. Schließlich wurde "noch ein Antrag des Vereins Kiel angcnoinmen, an das Neichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft das Ersuchen zu richten, andie ihm unterstellten Behörden eine Verfügung zu richte», durch die für das ganze Reichsgebiet Bestimmungen über das Schlachten der Tiere (mit Einschluß der Fische) getroffen werden. Wir werden in einer der nächsten Nummern auf die jetzt anscheinend erneut akut werdende Frage des Schächtoerbots eingehend zurückkommen. Kür Berlin! Mitgliederbeitrage werden nicht mehr durch die Bezirkskajsierer eingezogen. Wer seinen Mtgliedsbeilrag für das 2. Quartal 1925 noch nicht gezahlt hat, sende ihn umgehend ein auf Postscheckkonto 14805 Äerlin AW7. Liberaler Verein Berlin <S. V. in alle Welk erschallen «nft tief großes Staunen unter Len Völkern hervor, so daß sie wallfahrteten, um Salomo und den Tempel zu schauen. Die Neuerung dieses Gottesdienstes ist zu beachten. Noch stand Israe. uich: und noch weniger standen die Völker auf so hoher geistiger Warte, daß man von einer rvin-geistigen Erfassung der Gotteinheit sprechen könnte. Aber der Einfluß auf die Gemüter, die Aufrüttelung der Seelen Lurch Liesen grandiosen Gottesdienst schuf die Quelle eines neuen ReUgionsstromes: die G o 11 d e g e i st e r u n g. Diese Gottbegeisterung beharrte in. den kommenden Zeitepochen nicht auf der Basis Ler Iehovah-Anbvtung, denn wir ersehen aus den bewegten Klagen der großen Propheten, wie sehr das Volk den heidnischen Göttern huldigte, wie es immer wieder seinem Gotte untreu würbe. Die Mettge strömte zwar m drn Tempel, ihr Sinn war aber nicht auf Las wahrhaft Göttliche gerichtet. AnL da, als Religion nur noch buntes Gepränge schien und das Volk aus seinen Gottesdiensten Orgien machte, da erblüht in dem großen 34faia bie wunderbare, neue Erkenntnis, daß nicht Opferbienst und Lippenanbetung, nicht Schaugepränge und laute Lobpreisung GoNesbienst un- Religion bedeute, sondern reine Gesinnung, lauterer Lebenswandel, Ausübung der Nächstenliebe, Abkehr von Schwelgerei und Stnnentaumel. Gottesdienst des. Herzens, gelebte Religion. Welch eine Höhe! Hat bie Menschheit sieheut schon erreicht? Rach Jahrtausenden? - DaS Verhängnis kam. Dabei überfiel Hudg. Der. stürzte. Die Edlen »stta» ins EM gösühtt. Heitzs SchnftM nach Jerusalem'und bew'Eempel im Herzen senden sie ihren «Wi Schmerz; durch ergreifende Klagelieder hinauf za ihrem Gölte. Das Verlorene verklärt sich ihnen,- bie Seelen sind heimatlos geworden. Aus Rot und Zwang schaffen sie sich jene einfachste Form des Gottesdienstes, ohne Opfer- und Instrumentaldienst, wie ihn viel spätere Exilszeiten auch wieder schaffen matzten, und die das Urbild des späteren orthodoxen Gottesdienstes wurde. Ieremi» erkannte die historische Bedeutung des Exils. Er, der bas Berhängnis viele Male verkündet hatte, dem -Le Ereignisse logisches Geschehen waren, der nach dem Sturz Jerusalems und der Ztrstörung des Tempels im Lande blieb, der die- Zuchtlosigkeit und Verwirrung der Zurückgebliebenen schmerzlich erkannte, sprach es ans: „Nicht von den Daheiingebilebsnen wird die Erneuerung ln Israel ausgehen, sondern von -den Verbannten in Babrl." Diese Edlen des Bockes, vom alten Ilehermut geheilt, durch Leid und Sehnsucht gelautert, umgeben von einer neuen fremdartigen Kultur, die sie in sich aufnahmen, beschäftigten sich ernsthaft mit dem Studium der Schriften. Es waren zu Iesaias Zelt bereits die Bücher der Richter und Könige, die Psalmdlchiungen und ein Teil der Propheten gescrmmelt worden. Da die Verbannten Heimat und Tempel verloren hatten, da ihnen die Form des Gottesdienstes zerschlagen war, waren sie frei geworden für den Geist, der in den Schriften lebt. And viele Herzen fühlten, was not tat, und viele Stimmen riefen mit dem Propheten Ezechiel: „Ein neues Herz und einen neuen Geist gib uns, o Herr l" Im Exil entstand die wundervolle Dichtung Hiob, die Faust- Lichtung des Judentums. Hier taucht eine neue Erkenntnis auf. die einen wesentlichen Fortschritt -in der Weltanschauung und Ethik bedeutet. Die Taten Gottes sind nicht Strafen für Sünde, beziehen stch nicht aus den einzelnen und sein Glück, sondern beruhen auf einer festgefügten Ordnung in der Ralur, auf ehernen Gesehen, die wir nicht verstehen. Darum bade der Mensch, der ein Nichts ist, Gott gegenüber stch zu beugen. „Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Der Name Gottes sei gelobt!" 3m Leid des Exils erstand Israel ein neuer. Prophet, ein namenloser Dichter, dessen Dichtungen unter dem Namen des zweiten, des babylonischen Iesaia, erhalten sind. 3n diesen Dichtungen steigt wiederum eine neue Erkenntnis auf. Israels Größe besteht nicht in nationaler Macht, sein Reich ist das Reich des Geistes; sein Tempel soll ein Bethaus werden für alle Völker. Der Segen an Abraham soll sich erfüllen. Diese neue Erkenntnis ist das Bewußtwerden von Israels Heilmission. von seinem Beruf als Apostelvolk. Zu Babel entstand eine gebildete Gemeinde judäischer Männer und Frauen, erfüllt vom Geiste der Lehre Moses und der Propheten. Ags diesen „Erneuerten im Geiste" erwuchs die Schar der Rückwanderer nach Palästina, die im Laufe eines Jahrhunderts das neue Judäa, den neuen Gottesstaat gründeten. Und hier fand die große Wiedergeburt ffotf, die große Reform. Dev» Reform bedeutet Wiederschaffung der Form, aber im neuen Geiste. Bon diesen Geläuterten, Heimgekehrten wurde der neue Tempel aufgebaut, ein reines Thora-I udentum gegründet, befreit von den starken heidnischen Gebräuchen, die sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt hatten. Das. was in jener Zeit als Neubeginn, als liberale Tat, aus den Ereignissen der Geschichte und ihren logischen, ehernen Notwendigkeiten entsteht, wurde die Grundlage für dir spätere

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