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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der jüdische Spredisaal. Jüdische Schulen. L Koafessionsschllle? Don Professor Ludw-g Besnlzkt, Heidelberg. Es nmtet uns Badenser sonderbar an, roenn die Frage Simulcanschule oder Konfessionsschule immer wieder zur Debatte gestellt wird. Uns erscheint die simultane Volksschule als eine naturgegebene Selbstverständlichkeit. In den Jahrzehnten ihres Bestehens hat man kaum von irgendwelchen ernsthaften Reibungen gehört, die die Abschaffung der Simultanschule als wünschenswert erscheinen ließen. Selbst das Zentrum, das aus prinzipiellen Gründen die konfessionelle Schule als die zu erstrebende ansieht, zeigt bei uns in Baden keine Neigung, sich von der seit Jahrzehnten bewährten Simultanfchule abzuwenden. Das Musterländle Baden hat demnach den tatsächlichen Beweis erbracht, daß sich alle Konfessionen bei der Simultanschule wohl fühlen können. Änd wenn die Stürme der Revolution mit ihrer darauffolgenden Verhetzung der Konfessionen in Baden verhältnismäßig milde Formen annahmen, so schreiben wir dies nicht zuletzt dem Umstand zu, daß in unseren simultanen Volksschulen alle Schichten und Konfessionen in gemeinsamer Arbeit sich gegenseitig kennen aelernt haben, wodurch sich die Achtung und Ehrfurcht vor der ehrlichen Ueberzeugung des Andersgesinnten von selbst ergibt. -Las untrügliche Kriterium des gebildeten Menschen ist die Toleranz in des Wortes weitester Bedeutung. Wieviel wird in unserem öffentlichen Leben böswillig aneinander vorbeigeredet, weil man sich nicht kennt beziehungsweise nicht kennen will! Wir find davon überzeugt, daß die Simultanschule die Hauptwurzel dieses unseren Voikskörper zersetzenden Uebels beseitigen könnte, mährend sich durch die Bekenntnis- und Weltanschauüngsschulen, wie sie der Absatz 2 des Artikels 146 der Reichsoerfassung aus Antrag der Erziehungsberechtigten zuläßt, nur Unruhe und Krankheitskeime in unfern Schulkörper und damit in unseren Volks- Körper einischleichen. Von unserem jüdischen Standpunkt aus ist diesen allgemeinen Ausführungen wenig Spezielles hinzuzufügen. Gerade wir Juden machen immer und immer wieder die Erfahrung, daß dort, wo man uns genauer kennen lernt, sich sehr wohl Sympathie und Antipathie je nach Anlage und Gebaren voll auswirken, daß aber blindwütige antisemitische Theorien weniger Eingang finden. Es kann also für den Juden, der die Gleichwertigkeit der großen Konfessionen anerkennt, keinen Zweifel geben, daß durch die Simultanschule unser Streben nach tatsächlicher politischer, wirtschaftlicher und kultureller Gleichberechtigung in unserem durch Geschichte oder Wahl gewordenen Heimatland nur gefördert werden wird. Wenn wir somit aus allgemein menschlichen und staatsdürgerlichen Gründen oben die Konfessionsschule abgelehnt haben, so müsien wir auch die jüdische Konfessionsschule unbedingt negieren. Es sind aber noch andere Gründe, die die konfessionelle Volksschule in unserem heutigen Geineinschaftswesen unmöglich, ja sinnwidrig erscheinen lassen. In neuester Zeit hat niemand treffender die Ablehnung der Konfessionsschule begründet als der badische Staatspräsident und Unlerrichtsmiirifler Hellpach in seinem Buch von der Wesensgestalt der deutschen Schule: „Unser politisches Schicksal ist so furchtbar geworden, daß setzt die politische Selbstechaltung allem anderen vorangehen muß. Noch nie in der Tat war die Toleranz zwischen den Lagern so stark und so natürlich, wie seit dem Kriege . . . Katholisch und evangelisch waren sich in der Oefs-rntlichkeit seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nie wieder so nahe wie jetzt. In dieser historischen Stunde sollten wir die deutschen Schulen im Grundsatz konfessionell binden?" Eine Konfessionsschule in herkömmlichem Sinn ist in unserer Zeit des Nationalismus, Sozialismus, Irrationalismus und Aktivismus undenkbar: sie würde auch dem Positivgläubigstrn den Boden unter ben Füßen wegziehen, mit anderen Worten, sie würde wahrhaft praktisches Christentum und Judentum so gut wie ausschließen: sie müßte sich unbedingt mit den sie umtosenden Zeitströmungen befassen und wäre daher gezwungen, sehr oft unkonfessionell zu sein. Auch möge man sich ja nicht der Täuschung hingeben, daß die großen Massen, denen heute die Religion Privatsache auf atheistisch-naturwissenschaftlicher Grundlage ist, daß diese Massen durch eine ihnen aufoktroyierte Konfessionsschule der Kirche wieder zugeführt werden könnten. Nur auf dem^ Boden der Zusammenarbeit der Konfessionen, auf dem Ackerfeld der Simultanschule kann sich diese Wandlung vollziehen, zuin Segen der Konfessionen und zum Segen unseres Volkes und Vaterlandes. Wir können unsere Betrachtungen über die Konfessionsschule nnd unseren lauten Ruf nach der Simultanschule nicht besser zum Abschluß bringen als durch die Worte, di» Hellpach in dem oben schon genannten Buche geprägt hat: „Ich bin durchdrungen von der Ueberzeugung. daß bis heute keine bessere Ethik für den schlichten Alltags Menschen gefunden ist, als die katechetrsch, israelitisch-christliche, und daß dir unbewußte Anständigkeit der glaubenslosen Massen unbewußtes Zehren von jener Ethik ist. Ich glaube auch, daß der Weg zur sittlichen Vollkommenheit im ganzen an nichts so einfach und großartig aufgezeigt werden kann wie an den Hauptgestalten der biblischen Geschichte, und daß es fürs Durchschnittsleben keine echteren, faßlicheren und wirkungsvolleren Weisheiten und Tröstungen gibt, als die Spruchweisheil der Heiligen Schrift und die volkstümliche Poesie des Chorals sie darbietet. Jedoch Religiosität auf Schritt und Tritt vertragen nur besonders geartete Naturelle, mönchische Konstitutionen, nicht drr Wirklichkeitsmensch schlechthin, bei dem sie entweder Last oder Scheinheiligkeit wird. Die Kirche hat darum für die Masse ihres Volkes Feiertage und Andachts stunden eingeführt. Es ist nur ein gesundes Abbild dieser einsichtsvollen Praxis, wenn die Schule Ne ligions stunden darbietet, nicht aber Konfesfionalität durch ihren ganzen Betrieb hindurch. Das Geistliche würde dadurch zur bloßen Fassade, die mit der Struktur des Lerngebiets nichts Wesenhaftes mehr gemein hat. And in all unseren Großstädten und Industriebezirken wäre das Ergebnis gewißlich nur dieses: die Kinder der häuslichen Opposition gegen die Schule desto sicherer in die Arme zu treiben, und sie gegen die erste staatliche Einrichtung, die in unser Leben eingreift, — das ist ja die Volksschule — mit der heftigsten Widerfacherei zu erfüllen." H. Sind jüdische Schulen notwendig? Ein Beitrag zur Lösung des Problems von 2. Moses. Cassel. Die von Direktor Dr. Reich, Weißensce, als „viel erörtert und stark umkämpft" bczeichnetc Frage habe ich nicht nur vor Jahresfrist bereits unter Betonung lokaler Verhältnisse in der damals neu erscheinenden Füdischen Wochcnzeitung beleuchtet, wndern auch während der Wahlversammlungen zur Preußischen Landcsversammlung jüdischer Gemeinden zur Sprache gebracht. Da gerade bei der Wahlbcwegung das Problem, der jüdischen Dchule — nicht selten in mißverständlicher Auffassung — als Agitationsmittcl benutzt wurde, muß auch ich vorweg betonen, daß ich nicht die von Zionisten propagierte „jüdische Schule" meine, wenn ich in den nachfolgenden Ausführungen von derselben st'reche. Gewiß, darin stimmt jeder Berufsgenosse Är. Reich bei. ist die konfessionelle Schule der Kinder wegen da. Bei der geringen Sympathie, der sie sich aber im allgemeinen bei aieien Glaubensgenossen erfreut, es ist dies eine' bedauerliche, '.st'er nicht aus der Welt zu schaffende Tatsache, braucht man 'lch nicht zu wundern, wenn auch „liberale" Lehrer für ihre ^rha'.uing cintrctcn. Wie könnte aber die Schule existieren, r''7-'". nicht die für sie erforderlichen jüdischen Lehrer vorhanden ' -? Warum sollen also erst peinliche Untersuchungen darüber angestellt werden, aus welchem Grunde der „liberale" Lehrer für die ihm am Herzen liegende Sache clntritt? Mit demselben Recht dürfte denen, die sich für Erhaltung jüdischer Anstalten cinsetzen, gesagt werden: natürlich geschieht es nicht der Personen wegen, die an den Anstalten Beschäftigung suchen. Wie die Dinge in der Praxis aussehen, ersteht man am besten dadurch, daß Dr. Reich eine recht unklare und m. E. wenig befriedigende Antwort auf die von ihm gestellte Frage zu geben weiß. Hinsichtlich der jüdischen Anstalten kömmt er zu dem positiven Emebnis „die jüdische Anstalt ist notwendig". Er motiviert seine Auffassung auch, und ich pflichte den von ihm angeführten Gründen vollinhaltlich bei. Warum will er aber auch im ersten Teil seiner Frage nicht zur klaren Entscheidung kommen? „Der «ine will es so, der andere will es anders: von Fall zu Fall fall entschieden werden, ob eine jüdische Schule zu errichten ist", so resümiert Dr. Reich. Run, wer die Verhältnisse aus eigener Erfahrung kennt, und ich darf mich zu denjenigen zahlen, die eine gewisse, gerade nicht angenehme oder ermutigende „Schule" durchgemacht haben, der muß, ohne Prophet oder Prophetensohn zu sein, erklären, daß unter diesen Umständen wohl, weder von Zionisten, noch Liberalen. jüdische Volksschulen gegründet werden. 3ch kann diese meine Auffassung auch mit Beispielen belegen, die m. E. symptomatischer Natur sind. Bei der letzten Wahlversammlung wurde an den Kandidaten der Jüdischen Bolkspartei von einem Diskussionsredner die ersterem sichtbar peinliche Frage gestellt: „Zn welche Schule gedenkt Herr Rechtsanwalt Dr. H. fein Kind zu schicken?" Dem Fragesteller war cs wohl bekannt, daß der für die „jüdische Schule" eintretende Kandidat sein Kind für die christliche Vorschule angemeldct hatte. Die Antwort war zunächst ausweichend, „das sei eine persönliche Angelegenheit, die andere nichts angehe", dann orakelhaft: „Wenn die Schule so beschaffen sei. wie sie es fein müsse, dann wäre der Gefragte der erste, der ihr sein Kind zuführe". Als dann der Leiter der jüdischen Volksschule die jüdische Schule mit einem armen Mädchen verglich, das von Freiern begehrt, aber von keinem geheiratet werde, weil sie das reiche christliche Mädchen bevorzugten, und damit die Frage verband, wie denn die jüdische Schule beschaffen sein müsse, lim Gnade und Gegenliebe in den Augen der Zionisten zu finden, da blieb der Gefragte nicht nur die Antwort schuldig, sondern der Hauptredner des Abends juchte diesen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis im Brustton der Ueberzeugung noch zu rechtfertigen. Jüdische Schulen, so hatte ich ihm geantwortet, wenn diese Rechtfertigung nicht im Schlußwort erfolgt wäre, in denen Unterricht ausschließlich in hebräischer Sprache erteilt werden soll, sind für deutsche Verhältnisse doch undenkbar. Es wirkt darum paradox, wenn sie zum Agitationsmittel bei Wahlen zur preußischen Landesversammlung jüdischer Gemeinden benutzt werden. Es liegt ja auch klar auf der Hand, daß der um eine Antwort verlegene Kandidat an diese Art von Schulen gar nicht gedacht hat. wenn von der Beschulung seines Kindes die Rede war. Oder ist sein Ideal vielleicht in der christlichen Schule, der man sogar noch antisemitischen Charakter nachrühmt, erfüllt? Und die Liberalen? Als die hiesige Seminarübungsschule in eine öffentliche vierklassige Volksschule umgestaltet wurde und in einer Gemeindeversammlung dieses Projekt Zustimmung erfuhr, da erklärten mir liberal eingestellte Mitglieder in einer persönlichen Unterredung: „Wir denken natürlich nicht daran, unsere Kinder der jüdischen Schule zuzuführen". Für wen soll also die jüdische Schule errichtet werden? Eine Mindestzahl an Schülern wird verlangt: Liberale und Zionisten lehnen sie ab und halten sie gut genug, als Bildungsstätte der weniger Bemittelten gelten zu lassen, trotzdem der Grundschulgedanke mit solchen überlebten und unzeitgemäßen Vorurteilen längst aufgeräumt haben sollte. Der Mittelstand will sich aber auch nicht zurücksetzen lassen und folgt dem Beispiel der „jüdischen Aristokratie", schult auch um nach bewährtem Muster. Manche andere Momente von Fndifferentismus und Assimilationseifer tun ein klebriges, um die Gründung jüdischer Schulen in den Großstädten zu verhindern oder ihre Erhaltung und gesunde Entwicklung zu gefährden. Rur die Orthodoxie, diese Tatsache muß auch von den anders Orientierten anerkannt und zugegeben werden, tritt nicht nur für Ideale ein. sie bringt auch Opfer für deren praktische Durchführung und weiß sich immer für den Zahn des Zweifels, den man von außerhalb ihren Bestrebungen einsetzen möchte. Die jüdischen Schulen auf dem Lande sterben an schwindender Kindcrzahl-, in den Großstädten steht man ihrer Gründung, die sogar als „Schmach"! gekennzeichnet sein sott, oder ihrem gedeihlichen Ausbau teilnahmlos gegenüber. Die Antwort auf die von Dr. Reich gestellte Frage kann also wenig ermutigend oder tröstend lauten: sie eröffnet sogar eine recht traurige Perspektive für die Zukunft, die auch dem „liberalen" Lehrer aus religiösen und erzieherischen Gründen bedenklich erscheinen und ihn nachdenklich stimmen muß. nr. Repzin, den 5. Geehrte Redaktion! April 1925. Zu den Ausführungen des Herrn Dr. Reich, Weißensee, möchte ich mir einige Bemerkungen erlauben: Es find wohl eine ganze Anzahl „liberaler" Lehrer vorhanden, die die Errichtung jüdischer Schulen wünschen. Im Prinzip stehen auch diese auf dem Standpunkt, simultane Volksschulen als die geeignetsten Unterrichtsanstalten zum Ausgleich religiöser Gegensätze und zum Kennenlernen aller Kinder untereinander für die Zukunft zu erhoffen. Es ist aber eine aus der Zeit sich ergebende Selbstverständlichkeit, daß man über Zukunstswünschen die Gegenwart nicht vergißt und aus parteilichen Grundsätzen keine für immer verpflichtenden Dogmen aufstellt und hartnäckig vertritt. Wir müssen einfach jüdische Volksschulen haben, und dies muß schon bald, ja sofort als allgemeiner Grundsatz erkannt und danach auch verfahren werden. Wer wie ich eine jüdische Volksschule besucht hat, weiß die Bedeutung einer solchen für die allgemeine jüdische Gemeinschaft zu würdigen. Hier wird das jüdische Kind mit deutschem Geist und mit jüdischem Stolz erfüllt, und so entsteht eine prächtige Spezies von deutschem Staatsbürger. Das Wort „die Schule ist der Kinder und nicht der Lehrer wegen da" — das Herr Dr. Reich anzuwenden für nötig hält — ist eine alte Flachheit. Die jüdischen Lehrer haben einfach ein Recht auf Anstellung, weil nur durch sie der jüdische Geist erhalten bleibt, und so ist die These „jüdische Schulen sollen auch der jüdischen Lehrer wegen errichtet werden" nur ein weiterer wichtiger Grund znr Forderung um jüdische Volksschulen. Eine Kontroverse heute noch über Errichtung von jüdischen Volksschulen ist doch überflüssig, wenn man nur an die Erhaltung unserer Religion denkt. Hier kommt es gar nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Partei an. Jüdische Schulen sind Lebensnotwendigkeit. Mit vorzüglicher Hochachtung Baronowitz Erziehungs-Direktor. Gottesdienstreform und Radikalismus. Der treffliche Kollege Wallach in Aachen hat ln Ar. 11 dieser Zeitung vom 13. März d. I. meine Auffassung von den allmählich anzubaynenben gottesdienstlichen Reformen bekämpft und persi- Äser?. jRellgMe Leberzeugungen, lehren unsere allen Weisen, dürfen nicht bespöttelt werden — götzendlenerisches Treiben macht ein« Ausnahme, siehe Elia.) Ich weih nicht, wie der Gottesdienst in der Synagoge zu Aachen gestalte! ist, aber ich möchte fast glauben. daß Kollegen Mallach bei seinem Radikalismus das Gefühl der Isoliertheit beschleicht, denn der größte Teil der dortigen Gemelndemttglieder wird wahrscheinlich seinen Ideen nicht huldigen, also eui bona? Was nützt das T h e o r e t i s r e r e n, wenn es nickt ln dte Praxis übertragen wird? Ich bleibe bei meiner Auffassung, daß gera.de auf religiösem Gebiete Vorsicht geboten erscheint W»r können uno dürfen u n s n 11 iu i». j i q » Minorität Spaltungen im Gemeindeleben ni ch l gestatten. Selbst wenn wir zugebcn: ..'Einzelne wenig? zählen, die Übrigen Alle sind blinde Nieten." (Schiller,. Vor kurzem . vertiefte ich mich in Alois Riehls Philosophische Studien (Leipzig 1925) und fand daselbst (Feite die Bemerkung, die ich Wallach ins Album schreiben möchte, das', „sich überhaupt religiöse wie politische Reformen nur im genauen Zusammenhänge mit der vollen aber ruhigen Strömung historische: Entwicklung vollziehen können. .Die freie Kirche wird sich auf dein Boden d-er geschichtlich gegebenen, durch allmähliche Abtragung des Beralteten und Baufälligien, und gleichzeitig inneren Umbau erheben. Jähe und zusammenhängende Versuche jedoch werden auf diesem wie auch auf allen anderen Gebieten drs sozial:! Levens ohne dauernde Früchte für das Heil der Menschheit b!:lden." Wenn Riehl hier von einer historischen Entwicklung spricht, so will er sie wirklich nicht -- wie Kollege M. urcin.-n dürfte -— bis auf Methusalem zurückdaticren. Ich bleibe bei der Parole: Evolution — nicht Revolution. Es wäre interessant über diese wichtige Frage auch andere Stimmen zu vornehm Dr. M. Spanier, Magdeburg. Namensstolz. Frankfurt n. M., 31). März 1925. Jüdisch - liberale Zeitung, Sehr geehrte Redaktion! Verl i n W 3 Minrerstr. 22. Ich erhielt erst heule Kenntnis eines in Nr. 10 .Ihrer geschützten Zeitung erschienenen Artikels „Durch die Taufe .nun - - Judentum". Der Verfasser schildert an der Spitze dieses Ärtikest. in geistreicher Weise einen Vorgang, nach welchem Leute, die sich kaufen liehen, bei dieser Gelegenheit in charakterloser Weise ihren deutschen Namen in einen besserklingenden hebräischen übersetzten. Daß er dabei den Namen Bcnari (allerdings mit i am Schluß) wählt, veranlaßt mich zu dieser Berichtigung. 1. Der Name Benari existiert überhaupt nicht. 2. Der Name Benario ist nicht durch Netroversion aus dem Deutschen, sondern folgendermaßen entstanden: Als die Juden im Großherzogtum Baden vor etwa 115 Jahren bürgerliche Nachnamen annehmen mußten, erklärte mein Großvater, der neben seiner Eigenschaft als ehrenwerter Kaufmann ein hervorragender Kenner des Talmud und mit der Chowerwürüe ausgezeichnet war, dem betreffenden Standesbeamten: ,^lch heiße Schmul den Arie und möchte, wenn möglich, diesen Nam-'.n veibchalten." Daraufhin wurde er in die Matrikel als Samuel Benario eingetragen, wobei das o wohl auf das euphcnische Gefühl des Standesbeamten zurückzuführen ist. Sie sehen also, daß beim Entstehen dieses Namrirs nicht die- Charakterlosigkeit eines Täuflings mitgesprochen haben kann, und Sie ersehen aus dem mitkommenden Stammbaum der Familie, daß bis in rre neueste Zeit hinein eine Anzahl Rabbiner in die Familie Benario einheiratckeir bzw. direkte Nachkommen meines Großvaters sind. Ich kann bei dieser Gelegenheit noch der Versicherung Ausdruck geben, daß es keinen einzigen meines Namens gibt, der getauft ist. 3. In Erfurt existiert eine Familie Benary. Be! dieser mögen in d-rr jüngsten Generation Taufen vorgekommen sein: aber ich weiß bqtimmt, daß der Name uralt ist und die jüdischen Großeitern der jetzigen Glieder jener mit mir nicht verwandten Familie bereits von altersher diesen Namen getragen haben. Mit der Bitte, meine vorstehenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatt abzudrucken, und der Versicherung meiner Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener Gustav Benario. Bankdirektor und Handelsrichter. Aum. der Red. Sehr gerne geben wir den vorstehenden Ausführungen des Herrn Dir. Benario Raum. Dies um so mehr, als wir die Empfindlichkeit gegenüber dem Verdacht einer Taufe und einer Taufe auf anfechtbarer Gesinnung vollauf zu schätzen und zu würdigen wissen. Hinzugefügt sei nur, das; die llcbcvtragung des Namens Lewisohn oder Löwcnfohn ins Hebräische nicht etwa erfunden, sondern Tatfachr ist, allerdings eine sehr weit zurückliegende Tatsache, und ferner, daß wir — bei aller unbedingten Gegnerschaft gegen die Taufe — nicht jeden Uebertritt und jede mit ihr verbundene Namensänderung für „charakterlos" erklär: haben oder halten. Wir erwähnten ausdrücklich mehrere Uebertrittsfälle, bei denen — wenn auch die Gründe nach unserer Meinung nicht strchhalten — doch von Charakterlosigkeit nicht die Rede sein kann. Ltsblissement Cdf Q Friedrichsticiße 60 * Ecke Leipziger Straße Das vornehme Familien-Kabarett mit reichhaltigem, auserlesenen Programm. Gastspie 1: KATE LOISSET der weibliche Sylvester Schaffer. Rath'Rex, der feingeistige Spötter, Frite Tachauer, der brillante Humorist, 4 Kletts, alpine Lieder, Marga Tulode&ka* Edviga Doley Guenca Tavera, Anita lasnowa Marte Chevalier, 2 Glässner Conference: RATH'REX. WM" Kapelle Vielen.

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