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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Bert Träger. Erzählung von David Pinski. Autorisierte Uebersetzung von Hermann Blumenthal. Berl, der Lastträger ist ein richtiger Spaßvogel. Seine Wohnung besteht aus einer Kellerstube mit zwei Fensterchen, durch die man kaum die Füße der Vorübergehenden sehen kann. Die Scheiben sind schmutziggrau, die Wände feucht und verraucht, und in den Winkeln glänzen große Schimmelflecke; aber wenn der Abend kommt, sucht Berl voll Freude sein Heim auf .... Bei der Wand — zwischen den Fenstern — steht ein Tischchen. Von den Beinen sind nur zwei seine eigenen, die anderen zwei durch Holzscheite ersetzt, die aber im Winter manchmal spurlos verschwinden .... Berl meint dann, daß das Tischchen, wenn man es an die Wand lehnt — mit Gottes Hilfe auch auf zwei Beinen stehen kann — und es steht! Drei Stühle befinden sich in der Stube, doch alle ohne Lehnen; diese mußten im vergangenen strengen Winter der Kälte zum Opfer gebracht werden. Zwei Betten stehen noch in der Stube. Auf den Betten liegen einige Lumpen, die Berl „Polster und Decke“ nennt. In einer Kiste liegen noch andere Lumpen, die Berl als Wäschestücke bezeichnet. Berl ist immer guter Laune. „Was brauche ich mehr,“ sagte er lächelnd, „wenn man nur lebt!“ Vier Kinder hat er. Zwei schlafen mit ihm in demselben Bette und zwei mit der Mutter zusammen. „Kinder“, sagt er, „sind immer eine Freude. Sie kosten viel, das ist wahr, aber wenn ich am Abend nach Hause komme, kann ich nach Herzenslust mit ihnen umhertollen.“ Von sieben Kindern sind ihm diese vier am Leben geblieben, und wenn er an die drei, die nun unter der Erde liegen, denkt, hat er Tränen in den Augen — aber sonst: was fehlt Berl, dem Lastträger? Mit seinem Weibe ist er nicht ganz zufrieden, denn sie weint und klagt beständig. „Was will sie?“ fragt er sich. „Hat sie einen Kontrakt mit Gott? Ist er ihr verpflichtet?“ „Mein Weib taugt aber schon zu gar nichts,“ äußert er oft. „Ein Klageweib ist sie geworden!“ Kaum bemerkt er Tränen in ihren Augen, so stellt I er sich vor sie hin, ringt in Spaßmacherweise die Hände und macht ein weinerliches Gesicht. „Du möchtest immerfort lachen,“ ruft Bassia erzürnt. „Jch zerfließe ja in Tränen“, antwortet er mit trauriger Stimme. „Um dich soll man schon weinen!“ ruft sic und wendet' sich von ihm a'bV 'Doch Berl ist nicht beleidigt. Was tut ihm ihr Fluchen? Ihm scheint es, daß er sonst die Welt nicht mehr so lustig finden würde. Zornig wird er nur, wenn sie über sich selbst zu fluchen beginnt. Dann fängt er auch an zu schimpfen, besonders wenn sie den Tod herbeisehnt. Dann gibt es ihm einen Stich durchs Herz. „Die Zunge soll dir verdorren!“ schreit er und spuckt aus. Bassia wird still und fängt zu weinen an, während er ihr wütende Blicke zuwirft. „Was nützt dir das Weinen?“ ruft er. „Der Mensch’ soll nur am Versöhnungstage über seine Sünden weinen — sonst niemals.“ Eines Tages aber hatte sich folgendes ereignet; Berl tollte mit den Kindern so lange in der Stube herum, bis er plötzlich rücklings auf sein Bett fiel und dieses unter ihm zusammenbrach. „Gelobt sei der Herr des Himmels,“ stieß er lachend hervor. „Kommt Kinder, wir wollen dem Bett eine Grabrede halten.“ Er versuchte, sich die Figur des höckerigen Gemeindepredigers zu geben, und wollte seine Rede beginnen, aber Bassia griff sich an den Kopf und schrie: „Ich ertrage das nicht länger! — Nun haben wir nicht mehr wo den Kopf hinzulegen. Großer Gott, mache meinen Leiden ein Ende . . Berl wird zornig. „Was lamentierst du so wegen des Bettes!“ schreit er. Bassia schimpft weiter, doch Berl ist wieder guter Laune. „Welch ein Lärm!“ ruft er. „Das Bett ist zerbrochen! Wahrhaftig, die Welt geht unter! — Das Böse, das uns widerfahren sollte, ist eben dem Bett geschehen! Wozu also das Jammern?“ Die Erklärung leuchtet Bassia ein. Sie beruhigt sich langsam und denkt nach, wie der Schaden wieder gutgemacht werden kann. „Man wird den Kindern keine neuen Schuhe machen,“ denkt sie. „Für das Geld muß ein neues Bett angeschafft werden . . . oder könnte man das Bett doch noch reparieren? Sie wird einstweilen mit zwei Kindern auf dem Fußboden schlafen.“ Ein anderer Ausweg fällt ihr nicht ein. Aber warum lacht Berl noch immer? „Wenn du dich erst einige Nächte auf der feuchten Erde herumgewälzt hast, wird dir das Lachen schon vergehen,“ murmelt sie unwillig. „Nein, so was! Berl, der Lastträger, wird auf dem Fußboden schlafen,“ ruft er! ulachend. „Kinder, bringt den Strohsack!“ Bassia zeigt auf ihr eigene:; Bett und sagt: „Dort leg’ dich hin!“ „Ich schlaf in keinem Werberbett!“ witzelt Berl. Er ergreift den Strohsack, doch Bassia stellt sich vor ihm hin und schreit: „Ich habe gesagt nein und dabei bleibt es!“ „Gut, so lege ich mich auf den bloßen Fußboden!“ ruft Berl lachend und zieht den Pelz aus. „Das wirst du nicht tun,“ schreit Bassia und stürzt auf ihn mit drohender Gebärde zu. Ihre Wangen sind gerötet und Funken sprühen aus ihren Augen. Berl blickt erstaunt auf sein Weib. Der Zorn hat sie verjüngt. „So hat sie vor zehn Jahren ausgesehen,“ denkt er und lächelt. „Mein schönes Weiberl!“ ruft er und will sie umarmen. Sie aber denkt, daß er wieder seinen Spaß mit ihr treiben will, stößt ihn zurück und macht sich daran, für ihn ihr Bett herzurichten. Er benützt den Moment und wirft sich rasch auf den Strohsack. „Hallo, Kinder, schlafen! Her mit Euch!“ ruft er. „Ins Bett legst du dich!“ schreit Bassia. „Ja, morgen,“ ruft er lachend. „Ich sage: ins Bett mit dir!“ kreischt Bassia. „Fällt mir nicht ein,“ sagt er gelassen. „Na wart,“ schreit Bassia auf und beginnt in wildem Zorn mit den Füßen g^egen ihr Bett zu schlagen, bis auch dieses zusammenbricht. Berl und die Kinder eilen erschrocken hinzu. Bassia ist außer sich. Sie strainpft auf den Brettern herum, um das Bett ganz in Trümmer zu schlagen. Berl will sie zurückhalten, beruhigen, doch sie reißt sich von ihm los. Er hält sie fest. Sie versucht, ihn zu beißen. „Bassia!“ ruft er in höchstem Schrecken. „Was ist dir, Bassia?“ Sie kommt langsam zu sich. Erschöpft setzt sie sich auf den Strohsack. Aus ihren Augen stürzen Tränen. Auch die Kinder beginnen nun vor Schreck und Bestürzung zu weinen. Berl blickt sie besorgt an. „Bassia, hör’ auf zu weinen,“ bittet er. Seine Stimme zittert. „Bassia“, ruft er noch zärtlicher. Eine Rührung überkommt ihn, und er spürt ein Würgen im Halse, und plötzlich fühlt er, wie seine Augen feucht werden. Große Tropfen rinnen über seine Wangen. . . . Da war es, daß Berl auch einmal weinen mußte. . . . Klingsors Zaubergarien. Skizze aus dem alten Berlin. Von Max Rosenfeld. Die Wasserschleusen der „Königlichen Mühlen“ zu Berlin rauschten und brausten. Lange hatte ich dem Schauspiel der stürzenden Fluten zugesehen, wie ich es damals als Knabe häufig tat, gehörten doch diese Wasserfälle zu den elementarsten Eindrücken, die mir meine großstädtische Kiiiderzeit zu bieten vermochte. Es war Ende der achtziger Jahre in einem außerordentlich trockenen Sommer. Wochenlang hatte es schon nicht geregnet, die Berliner seufzten unter der Schwüle, und mancher suchte auf seinem Geschäftsgänge durch das Zentrum die Schleusenfälle der Mühlen auf, unreinen Hauch erquickender Kühle zu atmen. Als ich mich an dem Tosen des Wassers sattgesehen und Erfrischung gewonnen hatte, ging ich langsam durch die Breite Straße nach dem Mühlendamm, wo sich damals noch inmitten der Geschäfte jüdischer Altwarenhändler der geheimnisvolle „Zauberladen“ von Isaak Rappoport befand. Dieser Händler hatte eigentlich eine Lotteriekollekte, betrieb aber nebenbei den Verkauf von Zauberapparaten. Schon das Schaufenster konnte mich lange fesseln. Da gruppierten sich um einen Totenkopf all die rätselhaften Dinge, in deren Besitz ich für mein Leben gern gelangt wäre. Es gab dort Zauberringe, Zauberkartenspiele, magische Spiegel, Wünschelruten, seltsame Vogelbauer, Zauberstäbe, Wunschhüte und Glücksäcke, Wunde rflaschen, Zaubermühlen, Zauberuhreri und wie die Schätze der „natürlichen Magic“ alle heißen. Die alten Ladengevvölbe des Mühlendammes sollten abgerissen werden, und da die Händler schon auszogen, wollte ich noch einmal dem „Zauberladen“ einen Besuch abstatten. Ich hoffte im Stillen, daß die Nichte Rappoports, meine Spielkameradin, die dreizehnjährige Zipora, herauskommen möchte, mit der ich Vierzehnjähriger Freundschaft geschlossen hatte. Manchmal durfte sie mich in den Laden ihres Oheims führen, doch meist spielten wir dann auf einem ganz kleinen Höfchen, das sich hinter dem Gewölbe befand. Als ich mich dem Zauberladen näherte, hörte ich einen erregten Wortwechsel. Der Polizeileutnant des Reviers stand vor dem Eingang und hatte einen Streit mit Rappoport. Der Zaubermann, der in der ganzen Gegend verhaßt war, weil er eine gewisse Menschenverachtung zur Schau trug, weigerte sich, rechtzeitig auszuziehen. „Sie haben dem Befehl der Behörde Folge zu leisten. Verstanden?“ hörte ich den Herrn Polizeileutnant energisch sagen. „Mein Kontrakt lautet für länger“, tobte Rappoport dagegen. „Aber ich werde froh sein, diesen Bezirk kleinlicher Leute zu verlassen. Verstanden? Doch beeile ich mich nicht. Verstanden? Nun lassen Sie mich in Ruhe! Verstanden’“ „Sie haben höflich zu sein! Verstanden?“ wetterte der Herr Polizeileut na r; „Fassen Sie sich an Ihre eigene Nase! Verstanden?“ brüllte der Zaubermann. „Dieses Wort sollen Sie bereuen, frecher Jude“, schrie der Herr Polizeileutnant und ging mit großen Schritten dem Molkenmarkt zu, während sich Rappoport hohnlachcnd in sein Gewölbe zurückzog. Die Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, verlor sich wieder. Ich fühlte ein Zupfen am Aermel, — Zipora war es, die mich freundlich einlud, wieder auf das Höfchen hinter dem Laden ihres Oheims zu kommen. Ich hatte diesmal kein großes Zutrauen, doch Zipora zog mich mit sich in den Zauderladen. Rappoport schaute aus einer Falltür, um zu sehen, wer da käme, er warf uns einen finsteren Blick zu, sagte jedoch nichts, sondern ging in den Keller. Unheimlich war mir der Mann erschienen, wie er da mit seinem bleichen, von schwarzer Mähne und schwarzem Bart umrahmten Gesicht aus der Kellertür gespäht hatte. In etwas gedrückter Stimmung folgte ich Zipora auf das halbdunkle Höfchen, wo offene Kisten in einem Gewirr umherstanden. Auf der einen lag ein aufgeschlagenes Buch, worin Zipora kurz vorher gelesen hatte. Ich besah den Deckel, — „Meister Klingsor, der Zauberer“ stand darauf. Wir schauten uns die Bilder in dem Buche an, und es wollte mich bedünken, daß Meister Klingsor eine fabelhafte Aehnlichkeit mit Isaak Rappoport hätte. Ich sagte es Zipora, sie lachte auf, schüttelte die schwarzen Locken und sah mich mit ihren mandelförmigen Glutaugen schelmisch an. „Weißt du was“, flüsterte sie plötzlich geheimnisvoll.' „Wollen wir Zigaretten rauchen? Warte einen Augenblick!“ Sie schlich leise in den Laden zurück. Inzwischen las ich in dem Buch und vertiefte mich völlig darin. Nach einer Weile kam Zipora zurück. Wir bauten uns aus Kisten eine Art Wohnung, wo wir uns verbargen. Zipora nahm aus ihrem Schürzentäschchen zwei Zigaretten und reichte mir .eine davon. „Es sind Opiumzigaretten“, sagte sie leichthin, „ich habe sie heimlich genommen. Ohm Isaak hat aber im. Keller mit dem Packen zu tun, er merkt nichts.“ Sie knipste an einem Feuerzeug, wir zündeten uns die Opium Zigaretten an, ohne deren Wirkung zu kennen. Rauchend lasen wir dann zusammen in dem Buch von „Meister Klingsor“. Der eigenartige Duft der Zigaretten betäubte mich, das Höfchen schien sich rings zu erweitern, die Mauer trat zurück. Nur fern hörte ich das Wasser der Mühlen rauschen. Mir wollten die Augen zufallen. Zipora stand auf und ging einige Schritte, dann trat sie wieder zu mir und gab mir die Hand. Doch wie sah das Mädchen aus? Sie hatte plötzlich ein Zephirgewand an, so daß ich ihre zarten Glieder hindurchschimmern sah. Ich erhob mich taumelnd, wir gingen in dem düsteren Höfchen gegen eine schmutzige Mauer, Zipora stieß eine Tür auf, die ich sonst nie bemerkt hatte... O Wunder — ich blickte in eine sonnendurchleuchtete Parklandschaft. „Komm, ich führe dich durch meines Oheims Zaubergarten!“ sagte Zipora. „Du hattest doch recht, Ohm Isaak ist Meister Klingsor selbst. Komm in den Zaubergarten!“ Zipora führte mich durch einen Laubengang, wir traten ins Freie. Seltsame Bäume ragten zum Himmel, bunte exotische Vögel wiegten sich in der. Laubkronen und sangen liebliche Wunderweisen. Affen und Meerkatzen sprangen von Ast zu Ast. Wir gingen an Springbrunnen vorüber, die ihren Strahl hoch in die Luft warfen, doch war das Wasser regenbogenfarbig anzusehen, und die Tropfen fielen mit einem harmonischen Glockenklingen herab. Ein Turm ragte vor uns auf, Zipora öffnete eine Tür, wir traten in einen Fahrstuhl, der uns einportrug. Oben angekommen, traten wir auf eine Sternwarte. Große Teleskope und andere astronomische Geräte standen dort. Ein weiter Ausblick eröffnet^ sich vor unseren Augen. Der Zaubergarten war rings von Wasserläufen umgeben, die mich seltsam an die Spree erinnerten. Und wirklich spiegelten sich darin mir vertraute Gebäude, doch sahen sie mattblauen Nebelgebilden ähnlich. Da sah ich den alten Dom, der damals noch der „neue“ hieß, die Nicolaikirche, das Schloß, die Börse, das Museum und das Rathaus. Die Kuppel der Synagoge schimmerte wie Gold. Dann erblickte ich die Petrikirche, die Werdersche Kirche, das Zeughaus. Auf der anderen Seite die Marienkirche, das Graue Kloster, die Parochialkirchc und viele andere bekannte Baulichkeiten, alles merkwürdig nahe und doch wieder fern. Der Fahrstuhl brachte uns wieder hinab, wir gingen weiter durch den Zaubergarten. Aus einem Wäldchen schritt ein stolzes Einhorn, es hatte die Gestalt eines Pferdes, nur daß es eben auf der Stirn ein langes gewundenes Horn trug. Zutraulich kam es heran und ließ sich streicheln. Wir setzten uns auf des Einhorns Rücken, es führte uns langsam durch den Zaubergarten dahin. {Schluß folgt.)

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