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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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gewählten Zeitspanne kompletter vertreten gewesen wäre, schließlich, daß die Porträts im Katalog aufgeführt worden wären, unerfüllt geblieben fein, es ist außerordentlich dankenswert, Laß die Gesellschaft für jüdische Pollrsblldnug eine derartig reiche und besonders im älteren Teil wertvolle Schau geboten hat. Ohne die Unterstützung berühmter Sammlungen wäre ihr dies nicht möglich gewesen. Hier sind in erster Linie zu nennen die Stadt Frankfurt a. M. mit ihren Leihgaben aus dem Archiv und aus dem Historischen Museum sowie Herr Heinrich Stiebet, der aus feiner überaus umfassenden sonst der Ocssentlichkcit nicht zugänglichen Sammlung einen wesentlichen Teil der historischen Dokumente bestritt. Aber auch all den anderen., die durch Leihgaben oder ihre Mitarbeit zu dem Gelingen der Ausstellung beitrugen, besonders die Herren Julius Goldschmidt. Toeplitz und Pr. Salzbcrgcr. ist die Frankfurter Bevölkerung, nielche' an der Ausstellung lebhaftes Interesse nimmt, sehr zu Dank verpflichtet. Homburg. Das in Oberstedten bei Bad Homburg gelegene Genesungsheim der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung, das zurzeit auf einige Wochen geschlossen ist, wird am 22. April wieder eröffnet. "Aufnahme finden erholungsbedürftige Israeliten beiderlei Geschlechts: Verpflegungssatz pro Tag 4 Mk. Anfnahmcgesuche sind unter Beifügung eines ärztlichen Ältestes zu richten an Fräulein Eilly Epstein, Frankfurt n. M., Langestraße oU. Karlsruhe. Am 16. April vollendete der demokratische Führer Ncichstagsabgeordncter Dr. Ludwig Haas fein 50. Lebensjahr. Haas, der am 1<>. April 1875 "in Freiburg geboren ist, hat schon in jungen Jahren sich politisch als Vorkämpfer der Demokratie betätigt. Im Kriege stand er vorn an der Front, wurde zum Offizier befördert und erwarb frühzeitig im Schützengraben das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Nach dem Umsturz im November 1018 trat er bei der Bildung einer provisorischen badischen Regierung als Staatsrat an die Spitze des Ministeriums des Innern; ihm wird das Verdienst zugeschricbcn, das; die Staatsumwälzung in Baden in ruhigen Formen vor sich gegangen ist. Innerhalb der demokratischen Fraktion des Reichstags ist er der einzige Jude. Posen. Es wurde schon mitgcteilt, das; der größte Teil der einst blühenden jüdischen Gemeinden in den Städten der Provinz Posen untcrgegangen sei, indem die gesamte jüdische Bevölkerung dieser Städte nach Deutschland ausgewandert ist. 'Am 8. Passah- Tag wurde in der großen Synagoge zu Posen die erste „Haskarah" (Leelenandacht) für die üntergegangenen jüdischen Gemeinden abgehalten. Gegenwärtig ist eine Bewegung im Gange, historische Materialien über die große und reiche "Vergangenheit der Juden in der Provinz Posen zu sammeln. Rabbiner Dr. Freymann in Posen und Rabbiner Dr. Sonnenschein in Bromberg haben die Sammlung und Sichtung dieses Materials übernommen. Die dezimierte jüdische Gemeinschaft Posens ist aber nicht in der Lage, die erforderlichen Kosten selbst zu tragen. Sie erwartet von den nach Deutschland abgeivandcrtcn Juden der Provinz Posen, die sich zu Vereinigungen für gegenseitige Hilfe organisiert haben, das; sie materiell dazu beitragen, daß das historische Material der üntergegangenen jüdischen Gemeinden gesammelt und erhalten werden kann. Zu bemerken ist. daß die zwei größten jüdischen Gemeinden der Provinz Posen, in den Städten Posen und Bromberg, durch Zuwanderung aus den kleineren Gemeinden sich an Sc'elenzahl verstärkt haben. Trier. Unter sehr großer Beteiligung fand Sonntag nachmittag auf dem hiesigen israelitischen Friedhof die Beisetzung des Sanitätsrats Dr. Löwenstein statt, die ein Beweis war, welch großer Wertschätzung der Verstorbene sich in der Bürgerschaft als Arzt und Mensch erfreute. Dr. Löwenstein war Anhänger der Zentrumspartci, für die er öffentlich wiederholt in Wort und Schrift eintrat.; Aus oer Bewegung. Dresden. Am 1. April fand als erste große Veranstaltung der Ortsgruppe Dresden vor zahlreich erschienenen Zuhörern ein Bortrag von Herrn Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg über „Liberales Judentum" statt. Der Redner wies an geschichtlichen Beispielen nach, daß trotz der Unwandelbarkeit der siidisch-religiöscn Ideen die Ausdrucksformen dauerndem Wandel unterworfen sind. Wir stehen in Ein verpfuschtes Leben? Heileres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. von Artur Schweriner, Berlin, (12. Fortsetzung.) XIV. In A priltage n wird ein Dl p r i l s ch e r z naturgemäß mit größerem innerem Interesse ausgenommen. Deshalb sei'heute mit einer heileren Episode a u S der R e i h e g e t anz t. Man kann ohne liebertrcibung sagen, daß nie ein Aprilscherz ein so großes ernstes Aufsehen in der gesamten deutschen Presse hervorgerufen hat, wie die „Unterredung Ludendorsss mit dem Oberrabbiner von Marsch a u". Die Sache kam so. Ich war in Mitteldeutschland im Wahlkampf tätig. Ende Mürz hatte ich eine Unterredung mit dem Schriftleiter einer mitteldeutschen Zeitung, der u. a. die Frage an mich richtete: „Haben Sie nicht einest guten Aprilscherz für unser Blatt?" Da zu jener Zeit dem Judenhaß Ludendorsss sein Aufruf an die „Iidden in Paulen" mit großem Erfolg enlgegengehalten wurde, war ein Aprilscherz, der sich mit dieser für Ludendorff so heiklen Materie beschäftigte, der psychologisch gegebene. Wie ein Lauffeuer ging die Unterredung Ludendorsss mit dem Oberrabbiner von Warschau durch die Presse des In- und Auslandes. Niemand beobachtete scheinbar, daß ich einleitend geschrieben hatte: „Bon nuferem S ch r. - K or r es p o nd e n - i e n wird unS aus Warschau unter d e m 1. April russischer Zeit g e s ch r! c b e n". Mi! einer von sittlicher Entrüstung triefenden Protesterklärung Ludendorsss endete das heitere Spiel, das hätte in n h r sein können, ja vielleicht wahr g e w e s e n i st, weil es sich ganz in den Gedankengängcn Ludendorsss bewegte, die ihm zu dem Erlaß an die „I idüen v o n P a u l e n" Veranlassung gaben. Xi iid nun der Aprilscherz im Wortlaut: „Als General Ludendorff bei seinem Einzug in Polen seinen berühmten Ausruf „An die Iidden in Paulen" erlassen hatte und in Warschau mit militärischem Gepränge einmarschtert ivar. ließ der weit über die Greben von Warschau einflußreiche Oderr abb inc r Sa lo mon R a chmones (nach einer Audienz bei Llidendorffs persönlichem Adjutanten) dem General Ludendorff folgendes Schreiben zugehen: „Hochmögender Herr Generali Als Sie haben erklärt. Sie sind gekummen zu gaien als Freind zu die Iidden in Paulen, bitte ich Herrn General, dem Unterzeichneten Oberrabbiner Salo-mon Aachmones annutun e Ehre, wie sie is noch nicht üagewesen in der Geschichte der Iidden zu Warschau und zu Kimmen zu ggien am Schabbes Aüend zu e Fischgericht mit polnischer Sauce, was wird fein -selbst e Genuß für den hochmögendcn Herrn General." einer Entwicklung, deren weiteren Weg wir rwch nicht klar erkennen können, für deren Gestaltung aber jeder einzelne mitverantwortlich ist. Diese Aufbauarbeit ist das wirksamste Mittel im Kampf gegen die Unglnubiglrcit, der zu den .Hauptaufgaben des Liberalismus gehört. Die orthodoxe Erziehung birgt schwere Gefahren in sich, weil sic dem Einzelnen zu wenig 'Bewegungsfreiheit läßt. Das Suchen der Jugend nach seelischem Inhalt führt vom Indisfercntismus zu einer Religionsauffassung, die der persönlichen Sonderart des einzelnen "weite Möglichkeiten offen laßt, also ziun Liberalismus. Man kann zwar nicht die Menschen gläubig machen, Aber man kann ihnen die Frage, das Vielleicht, an die Steile des Nichts setzen und ihnen dadurch den Weg zur Religion erleichtern. Der Kampf des Liberalismus geht um diese großen Werte, nicht um die Zufälle des Tages. Zum Schluß suchte der Redner nachzuwciscn, daß die Beweglichkeit des Liberalismus weitere Möglichkeiten zur Schaffung positiver jüdischer Werte zuläßt als jede erstarrte Auffassung. In der anschließenden Aussprache ging .Herr Rabbiner Dr. Wolf-Dresden auf die Forderungen ein, die der Liberalismus an den einzelnen Juden stellt und die im Wesen des Liberalismus begründet liegen. — Die Erkenntnis, daß der Glaube für unser Leben eine 'Notwendigkeit ist und der Wille, unsere überlieferten Formen mit" modernem Empfinden in Einklang zu bringen, führen zu einer Religionsanfsassnng. die diese Uebereinstimm'.'.ng zwischen religiöser Form und unserem Gottesglauben erstrebt. Diese Anschauung erhebt den Liberalismus zu einer Forderung, deren Erfüllung für den Weiterbestand des Judentums notwendig ist. Die Aussprache befaßte sich hauptsächlich mit Fragen der jüdischen Erziehung, von verschiedenen Voraussetzungen ausgehend. — Der Liberalismus ist kein Kampsprogramm gegen "andere Richtungen, sondern ein Weg, der dem Aufbau des Judentums dient. Die Veranstaltung verlief sehr wirkungsvoll und befriedigend. nicht zuletzt durch die vornehme Art und die ausschließlich positive Tendenz des Vortrags. Es erfolgten zahlreiche Anmeldungen zur Mitgliedschaft für die Ortsgruppe. Liegnitz. (Liberaler Verein der Synagogengemeinde zu Licgnitz.) Hier wurde am 17. April wieder eine Freitagabendfeier veranstaltet, zugleich die letzte in diesem Winterhalbjahr, die einen äußerst stimmungsvollen Verlauf nahm. Auch die Beteiligung war eine sehr gute — es waren 55 Personen anwesend und die Jugend zahlreich vertreten. — Die lange, blütenweiß gedeckte Tafel mit den brennenden Kerzen machte gleich beim Eintritt einen festlichen Eindruck — überall standen frische Frühlingsblumen und große Schalen mit Obst. Um 9 Uhr eröffnete .Herr Markiewitz den Abend — an Stelle des leider verhinderten 1. Vorsitzenden — und hielt den Kiddusch ab. Hernach gab cs in üblicher Weise Wein und Barches sowie Tee und Gebäck — dann wurde gebenscht (.Herr Simon Bloch). Der nun folgende inoffizielle" Teil war recht abwechslungsreich. Sämtliche Vortragenden gehörten der Ingcndgruppe (Ili) an und ernteten allgemeinen Beifall. So erfreuten uns die sehr begabten Geschwister Choyke mit musikalischen Vorträgen (Violine und Klavier) und brachten nach der „Berceuse" von Godard einen freudigen „Ezardas" zu Gehör — später „Rigoletto.' Frl. Küte Fereslaw (Klavier) spielte uns einen sehr schönen „Ehopinschcn" Walzer und Frl. Magda Liebrecht sang neckische Lieder zur Laute. Schließlich brachte.Herr Adolf Brauer ernste und heitere literarische Vorträge, die wieder sehr großen Anklang fanden und so blieb man" bis gegen (->12 Uhr gemütlich beisammen. Versammlungskalender. Augsburg. Am Mittwoch, den 29. April, abends 8 Uhr spricht hier in einer von der Ortsgruppe Augsburg der Bereinigung für das liberale Judentum veranstalteten Versammlung der Syndikus der Bereinigung. Herr Dr. Mar Mayer über „Die Ucberwindnng der Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen." Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jitMfdjcn Gemeinde zu Berlin, c. V.) D!m Mittwoch, den 29. April, nachmittags 4>A Uhr, werden bei Frau Rosa Sachs, Brnckenallec 1, die aufgenommenen Vorlesungen für Frauen fortgesetzt. Ludendorsss staatsmän irischer Bück erkannte sofort, daß es notwendig war, dieser Einladung Folge zu leisten. Wie er es heute ausgezeichnet versteht, in Bayern bayerisch zu sein, so verstand er damals, in Polen die Seelen der Iidden zu suchen. Nicht nur, daß er sich bemühte, wie aus dem Aufruf an die Iidden in Paulen aller Welt klar wurde, die jiddische Sprache zu lernen, er wußte, daß ein Oberrabbiner einen gewaltigen Einfluß auf seine Gemeinde h a t. und da galt es, diesen für das Okkupationsgebiet auszunuhen. Ludendorff erschien pünktlich am 1. April 1917, abends 0 Uhr, nachdem er sich vergewissert hatte, daß fünf Minuten vorher die Sonne untcrgegangcir war, im Hause des Rabbi. Am Eingang wurde er von der Frau des Oberrabbiners mit den Worten empfangen: „Boruch habo! (zu deutsch: Willkommen dem Eintretenden!), der General i s i> o!" Ludendorff antwortete: „Gott mit Eich unö mit der Iiüüenfchaft in Panl e n!" Darauf reichte er der G a t t i n des O b e r r a b b i n e r s. einer ältlichen rundlichen Dame, die klassische Formen nicht mehr ihr eigen nennen konnte, und die sich zu Ehren des Abends mit weißem Häubchen und weißer Halskrause geschmückt hatte, den Arm und führte sie an den gedeckten Tisch. Rechts neben der Frau Oberrabbiner saß Ludendorff, links der Hausherr, ringsherum die zwölfköpfige Kinderschar, nach jüdischem Brauch vor der Mahlzeit mit dem Studium des Talmud beschäftigt. Erst als der Oberrabbiner in feierlichem Tone wiederholte: „Boruch habo, der Ge nervi is ü o'.", klappten sie die zerlesenen Talm-udbände zusammen. Wahrend das Mahl aufgetragen wurde, unterhielt sich Ludenüorff in leutseliger Weise mit den Familienangehörigen. Er fragte, was die beiden Kerzen auf dem Tisch bedeuteten,"und 'ein Zwölfjähriger antwortete ihm talmudistisch geistreich: „Daß mög kommen Erleichtung in den Herrn Generol!" Bor Beendigung 'des Mahles nahm Ludendorff den Helm vom 5topf — getreu den Traditionen der Iidden in Paulen hatte er bedeckten Hauptes das Mahl eingenommen —, und ergriff das Wort zu einer kurzen Rede, in der er ausführte, daß er jetzt erst erkannt habe, welche tiesernsteSittlichkeit dem jüdischen Familienleben innewohne und welch grausames Unrecht der Zarismus an den Juden ln Polen begangen habe. Was er in seinem „Aufruf an die Iidden in Paulen" versprochen habe, werde er halten. Er sei und bleibe ein Freund der Juden. In Freundschaft und Einlracht sollten fortan die polnischen Juden mit der deutschen Okkupationsbehörde zusammen leben, und er werde sich -ein Vergnügen daraus machen, den Wünschen der jiddischen Bevölkerung in jeder Weise c n t g e g e n z u k o m m e u. Er erwarte aber auch von dem Oberrabbiner. daß er seinen Einfluß auf die Juden ln Polen geltend machen werde und ihiren erzählen werde, daß er, Ludendorff, die erste Gelegenheit benutzt habe, dem OberrabbirrLc tu seinem jiaffljdjcit *5alle die freundliche!: Grüße des Herr Professor Dr. Elbogen wird zur Einführung in dic Propheten über das Thema: „Was ist prophetische Religion» sprechen. Berlin. (Liberaler Synagogenverein Norden.) Geschäft,..I stelle: Arthur Zander. Berlin C. 54, Linienstr. 45 (Norden H233). I Der Gottesdienst in der Synagoge Schönhauser Allee 162 bc-I ginnt am Freitag, den 24. April, abends 7 Uhr: am Sonnabend1 den 25. April, vormittags 10 Uhr. Predigt: Rabbiner Jr'I Salomonski. Beitrittserklärungen zum Snnägogenvcrein sowie! alle Anfragen sind an unsere Geschäftsstelle zu "richten. "I j § | BÜCHERSCHAU, j §| Lion FeuchUvanger: Jud Süß. Roman. Drei Masken-Verlag, I München 1925. 610 Seiten, Preis Mk. 7,50. I Diejenigen, die dies Buch zur Hand nehmen, weil siel hinter dem Namen des Höflings, der inmitten weltlichsten! Treibens mächtig stand, bis er stürzte und hinge richtet wurde,! einen Roman nur voll spannender Sensationen vermuten,! kommen nicht auf ihre Rechnung. I Feuchtwangers Buch ist mehr, ist ein Roman im wahrsten I Sinn. Es ist Leben, wie es historisch war, dargestellt, schein« I bar ohne Tendenz. Es sucht nicht die historischen Dingel subjektiv zu schildern, ihm genügt es, sie zu zeigen, wie I sie waren und sie psychologisch als Gewordenes zu ei! klären. " I Aus dem Drama ist die Einteilung in fünf Bücher I übernommen, deren erste beide „Die Fürsten“ und „Das I Volk“ das breite Expose darstcllen, ein Meer der Ge. I schichte, aus der man allmählich Jud Siiß auf der Welle hochgetragen sich hervorheben sieht. Ihm ist, und das ist der tragende Gedanke des 3. Teils „Die Juden“, der, Machtgedanke das treibende Motiv. Als Jude will er sich, skrupellos, Macht erringen, als einziger Jude, der das vermochte. Als er dann, um die bedrängten Glaubensgenossen zu retten, seine Macht für sie nützt, schreibt er, vorerst nur, um vor sich selber größer dazustehen, den Kampf gegen Edom auf sein Panier. Er ist hier noch der große Schagw Spieler seiner selbst. Der 4. Teil „Der Herzog“ gibt ihm einen. Stoß zur Wandlung. Hin und hergerissen zwischen Judebleiben oder auf sein spät erfahrenes väterliches christliches Geblüt sich stützen, findet er in dem Augenblick seine Sicherheit, als sein Herzog ihm das Leben seines Kindes vernichtet. Nun ist der Kampf gegen Edom wirklich sein Kampf, nun liegt sein Vernichtungsplan gewollt vor ihm. Und dann, als er sich selbst mit vernichtet, ja sich selbst allein, da Macht er noch eine, eine beinahe nicht ge-, glaubte Wandhing\durch. Feuchtwanger schildert die Weltanschauung Israels alb dreigespalten, beeinflußt von westlicher Aktivität, mittäglichem Lebenstrotz und östlicher Verzichtleisttuig. Und Süß, der bisher in Aktivität sich austobte, der soweit ging, daß um seiner Macht willen ein Volk unter ihm stöhnte, er wird nun resigniert, verzichtend, überweltlich. Und in dieser Stimmung, das Sch’ma auf den Lippen, geht er in den Tod, nicht mehr der Höfling und Finanzdirektor Süß Oppenheimer, sondern der Jude Süß. Die Handlung durchwebend schildert Feuchtwanger die mystischen Bindungen, die die Meister der Kabbala lehren, schildert in einer psychologisch äußerst feinsehenden Art die Psyche der anderen Juden, wie ihre Idee der Macht gerade im Gegensatz zum Jud Süß steht, weil sie die Macht als nichtig im Laufe der Geschichte erkannt haben, schildert ihr Unverständnis dessen, was Süß als sein Wesensmilieu ansieht, so fein in dem Satz des Josef Landauer: „Wozu braucht ein Jud einen Papagei?“ Nicht zu vergessen ist der jeder Handlung stets angcpaßte, selbständige, ja teils schöpferische Stil, der mit dazu beiträgt, das Buch geistig, seelisch wie ästhetisch zu einem äußerst wertvollen zu machen. N. Baer, Frankfurt a. M. In neuer Bearbeitung wieder erschienen: „Wege hinauf“ von Franziska Mann. (Verlag Berliner Buchversand, Grunewald, Paulsbornerstr. 48.) Diese kleine Schrift, von Publikum und Presse in ihren ersten Auflagen in hohem Grade gewürdigt, weist in eindringlichen und schlichten Worten auf die Gründe vieler vermeidbarer Niederlagen im Kampf mit dem Leben hin. deutschen Kaisers zu übermitteln. Er bat um Entschuldigung, daß er sich schon vor dem Tischgebet, zu dem sich die Familie rüste, das Haus verlassen müsse, weil er noch eine wichtige Besprechung mit dem Ortskommandanten von Warschau habe. Ludendorff klopfte dem greisen Rabbi auf die linke Schulter, küßte der Hausfrau, die den General entsetzt a n s a h . d i e 5) a n d , und entschwand schneit in der Haustür, vorder sich zwei höhere Offiziere, die ihn bereils erwartet hatten, zu ihm gesellten." Harmloser, aber ebenso gelungen war ein Witz, den ich mir mit Herrn Knüppelkunze leistete. In jeder Rümmer seines Wochenblattes waren poetische und prosaische Freudenergüssc über die gottähnliche politische Tätigkeit des Herrn Kunze zu finden. Ich ging eine Wette ein, daß Herr Kunze für derlei Lobhudelei so empfänglich ist, daß er sie ungesehen in seinem Blatte aufnimmt. Ein junges Mädchen schrieb den Hymnus an sein Wochenblatt und prompt erschien die Veröffentlichung mit der Einleitung-. „W i r danken bewegt für das dem Wochenblatt zur Bcröffentlichung gesandte Gedicht und drucken es ab a l § Dank für die unserem verehrten Führer cutg c g c n g eb r a ch t-e Lieb e." Das Gedicht hatte folgenden Wortlaut: Heil Kunze! VOn Juden verleumdet, von Sozis geschmäht, L äht du nicht locker, wackrer Held, Kämpfst gegen eine ganze Welt Schamloser Lüge früh und spät. Bis Oberschlesien dringst du vor: Ein Held in tausendfült'ger Schlacht. Trägst Kampfesmut in dunklen Schacht. „Recht, Freiheit!" hallt's an Judas Ohr. „Ueb', Deutscher," mahnst du, „Redlichkeit!" G ch' deinen graden, klaren Pfad!" ' E in ganzer Mann! Zur Tat, zur Tat Rufst du uns auf in schwerer Zeit. Kämpf' weiter, Richard, kämpfe fort Unö achte nicht der Juden Groll! Zum Siege führ' uns Zoll um Zoll! Es lebe Kunze, Deutschlands Hort! In einem Berliner Blatt fanden wir unter der Uebcrschriä „Die harmlosen Deutschvölkischen und die heimtückischen Dichlor einen eigenartigen tragikomischen Kommentar: „Die verchrte» Führer" unserer Deutschvölkischen täten gut, den poetischen Hu!>- Cen, die man ihnen spende, stets mit "äußerstem Mißtrauen fl gnen. „11 nd das Blatt hatte recht; denn wenn die Anfangsbuchstaben der Hymne von oben nach unten zusanrmeifflclll. kommt „ m e 1 k sb et r ü q e r Kunze" heraus.

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