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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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5. Jahrgang Nummer 17 f «ilage 24. April ES §r Aus den Gemeinden. * .. ... ♦»»♦< Berlin. Zu unserer in der vorigen Nummer veröffentlichten ointi;, bezüglich der Berliner Vertretung im Rat des Preußischen ^nndesVerbundes jüdischer Gemeinden erfahren wir. daß cur ('irmeindebeschlus; bisher noch nicht zustandegekommen ist. Die - i-liircr Jüdische Gemeinde hat siir den Rat des Preußischen Landesverbandes 10 Mandate zu verteilen. Die Repräsentantenversammlunq hatte von diesen 1» Mandaten 5 der Liberalen Bereinigung, 2 der Jüdischen Bolkspartei. 2 der Richtung der iMinmfcn Mittelpartei und 1 den Konservativen zuerteilt. Die "üidisthe Bolkspartei hatte auf Grund der für sie in Berlin abaeaebenen mehr als 14 000 Stimmen 3 Mandate verlangt. wurde ins Treffen geführt, daß die Mittelpartei und die;zonservatir.cn. die zusammen ungefähr die Hälfte der Stimmen rcv Jüdischen Volkspartei auf sich vereinigten, doch nicht 3 "iiianbatc erhalten können, während die Bolkspartei bloß 2 -iüandnte erhält. Rach der bekannten Abstimmung in der Repräsentantenversammlung verließen, wie schon mitgeteilt. die rolksparteilichen Repräsentanten und Vorstandsmitglieder den Sitzungssaal und beteiligten sich nicht weiter an den Verhandluiigcn. « Wie wir erfahren, gedenkt der Vorstand der Jüdischen Gemeinde dem Beschluß der Repräsentantenversammlung nicht bei- '.utreten; er beabsichtigt, der Mittelpartei nur 1 Mandat zuzuerteilen, welches durch den der Mittelpartei nahestehenden ^erru Dr. Freund ausgeübt werden soll. Für das zweite von der Repräsentantenversammlung dem Mittelparteiler Neumann zugewiesene Mandat wird erwogen, der Repräsentantenversammiuug als . Kompromißkandidaten den Vorsitzenden der Wohlfahrtsorgänisation der Jüdischen Gemeinde. Herrn Eugen Caspari. vorzuschlagen. Berlin. Am 22. April beging Herr Emil Pincus, Mitglied der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde und langjähriger Vorsitzender von deren liberaler Fraktion, seinen 70. Geburtstag. Emil Pincus ist seit Jahrzehnten einer der treuesten Vertreter 'jüdisch-liberaler Weltanschauung gewesen und bestundet noch heute als Vorstandsmitglied des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde.zu Berlin ein reges Interesse an allen Vorgängen des jüdischen Lebens. Besonders in der Armenpflege der jüdischen Gemeinde und in der Fürsorge für alle Bedrängten hat er mit warmem Herzen und edler Begeistcrung die Rot zu lindern versucht. Der Jubilar versuchte stets, sich in neue Strömungen einzufühlen und für richtig erkannte Neuerungen mit der ihm innewohnenden Tatkraft zu fördern. Wir Höffen, daß uns Emil Pinkus noch lange Fahre in alter Frische erhalten bleibt. Berlin. Am 22. April beging der Gemeindebeamte Bruno äilberberg sein 25jähriges Amtsjubilaum. Herr Silbcrberg. der Mitglied unserer Vereinigung ist, bearbeitet seit langen Fahren mit anerkanntem Geschick die oft recht schwierigen Verwaltungsfragcn der jüdischen Gemeinde, insbesondere die Vorlagen für die Repräsentantenversammlung. Berlin. Unser verehrter Mitarbeiter, Arthur Silberglei t, wurde zum Dozenten der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften ernannt. Wir wünschen ihm in seiner neuen' Tätigkeit ein recht erfolgreiches Wirken. Breslau. Am Ostersonntag verstarb nach kurzem Leiden der frühere langjährige Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde zu Breslau, Gemeindeältester Eduard Sachs. Der Verstorbene war weit über die Grenzen unserer Stadt wegen seines segensreichen Wirkens auf allen Gebieten des religiösen Lebens und der Wohltätigkeit bekannt. Geboren am 16. April 1834 in Lissa i. P., siedelte er schon als Kind nach Breslau über, das er bald als feine Vaterstadt betrachtete. Don seinem 39. Lebensjahre an widmete er iich gemeinnützigen Aufgaben, wurde 1878 zum Repräsentanten gewählt und war als solcher in den wichtigsten Kommissionen als Mitglied bezw. Vorsitzender tätig. 1891 kam er in den Vorstand der Synagogengemeinde und verstand es als Mitglied und in ganz besonderem Maße als dessen Vorsitzender alle schwierigen Probleme zu lösen. So gelang es ihm, die Erweiterung des Friedhofs Lohestraße und den Erwerb des Geländes für den neuen Friedhof Cosel erfolgreich durchzustthren. Auch der Bau des großen Gemeindehauses auf der Wallstraße kam unter seinem Vorsitz in den Fahren 1901—1902 zustande, ebenso setzte er den Erwerb einer Reihe von Grundstücken durch, auf denen verschiedene Anstalten der Gemeinde errichtet _ wurden. Reben seinen Borstandsgeschäftcn führte er in verschiedenen Kommissionen der Synagogengemeinde den Vorsitz, und war überdies bis kurz vor seinem Tode in. einer Reihe von Stiftungen im Borstand tätig. Seine Lieblingsbetätigung lag aber auf dem Gebiete der Fürsorge für Kranke. Altersschwache und Sieche. Seit dem Jahre 1879 war er im Vorstände der FsraeUtischen Krankennerpflegungsanstalt. dessen Vorsitz ihm seit 1893 anvertrant wurde. In den Fähren 1896 bis 1903 führte' er mit beispielloser Tatkraft und nie versagendem Optimismus mit Hilfe edler Wohltäter den Erwerb und den Bau des Fsraclitischen Krankenhauses auf der Hohenzollernstraße durch. Auf feine Anregung stiftete der Rittergutsbesitzer Schottländer die im Fahre 1897 cröffnete Israelitische Altersversvrgungsanstalt. Schließlich führte ^r noch >m Fahre 1912 den Bau und Betrieb des FsraeUtischen Siechenhauses aus der Menzelstraße durch und hatte in beiden Anstalten den Vorsitz im Vorstande. Auch die Errichtung des Jüdischen Schwesternhauses, Kirfchallce. ist seiner Initiative zu danken. Mit dem Gemeindcältesten Eduard Sachs ist ein Mann fuchii,gegangen, der sich einer allgemeinen Wertschätzung erfreute^ und der sich um das Wohl der Breslauer Gemeinde unvergängliche Verdienste erworben hat.' Eduard Sachs war eine weit über die Stadt Breslau iuuaus bekannte überragende Persönlichkeit, die bei aller Positivität ihres Judentums stets echt deutsch und jüdische liberal fühlte. Er war seit langen Fahren Ehrenmitglied des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde zu Breslau. Breslau. Zu einer Trauersitzung für den verstorbenen Gemeind eäitesten Eduard Sachs hatte der Vorstand der Synagogen» gemeinde die beiden Gemeindekörperschaften aus Sonntag, den >9. April d. F., mittags 12 Uhr. eingeladen. Der Repräsentuutcn-Sitzungssaal wies Trauerschmuck auf; das der Gemeinde gehörende Bild des Verstorbenen hatte im Saale auf einer ctnfrelci Aufstellung gesunden. Zunächst gab der Repräfcntanten- Vorstcher Justizrat Peiser den Gefühlen Ausdruck, die wohl die gesamte Breslauer Gemeinde beim Tode des hochgeschätzten Mannes ergriffen hätten. Zum Schluß berichtete er von den bei i^cu Gemeindebehörden zahlreich eingegangenen Beileidsbezeugungen, darunter solche vom Oberpräsidenten der Provinz Schlesien, vom Regierungspräsidenten des Bezirks Breslau, vom Polizeipräsidenten und dem Magistrat der Hauptstadt Breslau und von den Vorständen vieler Snnagogengemeinden. Der Vorntzeude des Vorstandes, Geheimrat Goldfeld, der dann das Wort nahm, führte den Teilnehmern den Lebenslauf und das Lebenswerk des Verstorbenen vor Augen und ermahnte die Lebenden, gleich Eduard Sachs allezeit für das Gemeinwohl tätig zu sein. Die Versammlung hatte sich von den Sitzen erhoben. Breslau. Anfang April d. F. trat der Vorstand der Unterstützungskasse des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien zu einer Sitzung zusammen, um über die Mittel und Wege zum Wiederaufbau der Kasse zu beraten, die ihr gesamtes Vermögen durch die Inflation verloren hat. Die Beiträge und auch die Unterstützungen der Kasse wurden in Fricdenshöhe festgesetzt. Die Kasse ist aber nur dann imstande, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, wenn sich weite Kreise der Stadt Breslau und der Provinz Schlesien bereit finden, ihr als Ehrenmitglieder beizutreten. Der Mindestbeitrag für ein Ehrenmitglied wurde auf 6 Mk. jährlich bemessen. Beitrittserklärungen nehmen sämtliche Vorstandsmitglieder gern entgegen. Cassel. Die Freie Bereinigung ifraelilischer Lehrer im Reg.» Bezirk Cassel hielt letzten Montag im Hotel Meier ihre Jahresversammlung ab. Lehrer Neuhaus, Fritzlar, begrüßte als Vorsitzender Mitglieder und Gäste und gab im Rahmen eines dir formelle Begrüßung überragenden Zeitbildes interessante Einblicke in die Wandlung der Verhältnisse, die sich während der letzten drei Jahre im' Leben des jüdischen Lehrers vollzogen haben. Von den beiden bedeutsamen Vorgängen, der Gründung der hebräischen Universität in Ferusalem und der Schaffung des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, glaubt der mit glücklichem Optimismus begabte Redner günstige Äuswirkungen und eine glücklichere Epoche für die Wertung der jüdischen Lehrer erwarten zu dürfen. Fm Verband jüdischer Lehrer Deutschlands, der im Landesverband vertreten fei, sieht er den berufenen Sachwalter für die Interessen des jüdischen Lehrerstandes, weil er die geschlossene Einheit der in ihm vereinigten Mitglieder repräsentiere und den Kampf der Gerechtigkeit, der nicht nur den einzelnen Stand, sondern die große Gesamtheit angehe, zum glücklichen Ende fuhren könne. Die Aufgabe der Lehrer bestehe in der eifrigen Mitarbeit zur Erreichung der gesteckten Ziele, damit „der große Moment kein kleines Geschlecht finde." lieber „das 'Arbeitsprinzip im Religionsunterricht" referierte in längeren, von eifrigem Eindringen in die Materie zeugenden 'Ausführungen Lehrer Rosenbusch, Bebra. Dem geschichtlichen Rückblick des Arbeitsschulgedankens im allgemeinen ließ der Vortragende dessen Fruchtbarmachung für den jüdischen Religionsunterricht folgen. 3n der Willensbildung und Lebenserweckung sieht er die ethische und erzieherische Aufgabe dieser nicht selten zum traurigsten Mechanismus verurteilten Disziplin, die den Menschen in der Einheit seines Seins erfassen soll und neben dem Arbeitsgedanken auch die Idee der Erlebnis und der Tat zur Geltung kommen lassen will. Mancherlei didaktische Betrachtungen und Vorschläge, die sich auf Stoffgestaltung und Auswichl wie auch auf die anzuwendenden Methoden (freies Unterrichtsgespräch) erstreckten. Zeigten die Nutzanwendung der zeitgemäßer Pädagogik entsprechenden Schulforderungen. Die rege Aussprache, die dem Referat folgte, vertiefte noch manche, vom Redner nur skizzierte Seite des Problems. Der Vorsitzende dankte dem Referenten für seine beifällig aufgenommenen Darlegungen. Aus den weiteren Verhandlungen verdient die Entschließung Erwähnung, die die völlige Gleichstellung des jüdischen Lehrers hinsichtlich der geplanten neuzeitlichen Vorbildung fordert, die im allgemeinen für die Zukunft Norm werden soll. Ueber die Ausbildung des Religionslehrers wird die weitere Entwicklung der Verhältnisse abzmvarien sein. Eingehende Erörterung fanden auch die für Pfingsten in Cöln stattsindenden Berbandstag gestellten Anträge über die Ausgestaltung des Berbandsorgans und der Hilfskasten. Jahres- und Kassenbericht, freie Mitteilungen, die über aktuelle Vorkommnisse interessante Aufklärung verschafften, und vereinstechnische Fragen vervollständigten das umfangreiche Programm der stark besuchten Versammlung. Die Wiederwahl des alten Vorstandes bewies die allgemeine Zufriedenheit mit der durch ihn verfolgten Wahrung aller in Frage kommenden Interessen. Ueber die Hilsskasse „Esra", die das Schicksal aller in ihren Leistungen geschwächten Kassen dieser Art teilt, gab Lehrer.Perlstein. Gudensbcrg, einen kurzen Bericht, der von der segensreichen Einrichtung, in Fällen größter Not durch Beihilfen cinzugreifen, eine beredte Sprache führte, den Berichterstatter aber auch zum Appell an die Mitglieder nötigte, der Kasse eifriger zu dienen und ihr zahlreiche Freunde zu werben. Auf dem Verbandstag wird die „Freie Vereinigung" durch ihren Vorsitzenden vertreten sein. Danzig. Laut den statistischen Beröffeutlichuugen des Danziger Senats leben gegenwärtig im Freistaat Danzig 7 282 jüdische Seelen. Von diesen sind 2 500 Danziger Staatsangehörige und 4 782 Ausländer, meist zugereiste Ostjuden. Frankfurt a. M. Das Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt a. M. veranstaltet unter obiger Bezeichnung in der Zeit vom 8.-25. d. M. eine Ausstellung in den Räumen des Frankfurter Kunstvereins. Funghofstraße *8, die eine reichhaltige Sammlung von Urkunden. Druckschriften. Bildern und sonstigen Gegenständen aus städtischem und privatem Besitz zeigt, die in solcher Zusammenstellung noch nicht zu sehen war. Diese Ausstellung mit ihrem außerordentlich interessanten Material erfüllt ihren Zweck, die Zeit des Ghettos und der Emanzipation lebendig vor unserem Auge erstehen zu lassen. Es ist keine Sammlung von toten Dingen, die als Kuriosität oder als Rarität gezeigt werden, sondern es sind Merkmale einer geschichtlichen Entwicklung von sieben Jahrhunderten, es sind Zeugen von historischen Erinnerungen, in denen die heutige Generation wurzelt und die in ihr lebendig sind. Die Gegenstände dieser Sammlung reichen über 200 Fahre vor die Zeit zurück, in der die Frankfurter Juden ftis Ghetto hineingezwungen wurden. Doch die Dokumente aus dieser Zeit, Original-Pergamente aus den Fahren 1246 bis 1462, zeigen die Bedrückung und Unsicherheit, in der damals die Juden Frankfurts lebten. Da werden in einer Urkunde, fünf Fahre nachdem nahezu die ganze Gemeinde der ersten Judenfchlacht zum Opfer fiel, die Frankfurter Bürger von jeglichem Schadenersatz nach der Ermordung der Juden befreit. Da muß der Papst Fnnocenz IV. eine Verordnung erlassen, die die Juden gegen den Vorwurf des Ritualmordes schützt. Da handelt es sich um die rechtliche Stellung der Juden, die 1349 aus dem Besitz des Kaisers Karl lV. an die Stadt verpfändet wurden, oder um die Kleideroorschriften, die die Juden bereits damals zum Tragen des gelben Ringes zwangen. 2m Fahre 1462 fordert eine Bleibutte des Papstes Pius II. die Verlegung der jüdischen Wohnungen ans der Nähe der Bartholomäus-Kirche. Den Juden wurde ein besonderes Quartier Angewiesen, das durch Mauern und drei Tore von der übrigen Stadt abgeschlossen war, und dieses, die Fudengaffe, mußten sie ohne Ausnahme bis zum Jahre 1786 bewohnen/ erst 1811 mit dem Bürgerrecht konnten sie wohnen, wo sie wünschten. Die Dokumente aus der Ghettozeit zeigen die Bedrückung, in der die Juden lebten. Da findet man Vorschriften, wann die Inden ihre Gasse nicht verlassen dursten, daß keine auswärligen Juden wohnhaft sein dursten, daß an Sonn« und christlichen Feiertagen kein Handel getrieben werden durste, daß der amtliche Münzkurs nicht überboten werden durste, genaue Handelsoorschriften zum Schutz der Zünfte, eine Eingabe der Juden gegen die überaus bedrückende Ehckontingentierung und dergleichen mehr. Neben Vorschriften, die uns heute ungeheuerlich erscheinen, solche, der Zioangswirtschast und der Behandlung nichtheimisch er Juden, wie wir selbst sie in der Kriegs- und Nachkriegszeit in ganz ähnlicher Zeit erlebt haben. In einem unterscheidet sich die Lage der Juden wesentlich in der Ghettozeit von der vorgehenden: in der Sicherheil. Die Juden waren gewissermaßen Eigentum des Rates der Stadc Frankfurt: Seine' streng durchgeführte Sorge war cs. Leben und Eigentum seiner Juden, aus denen er 'durch Besteuerung die größten Summen hcrauszog, zu schützen. Das geht soweit, daß durch Verordnungen verboten wurde, die Juden mit Schneeballen zu bewerfen. Bei der sozialen Lage der Juden, die verurteilt waren, durch Wucher die Summen aus der übrigen Bevölkerung herauszuholcn, die sie dem Rat abliefern mußten, war dieser Schutz keine leichte Aufgabe, und ein Ereignis war cs, das die damalige Lage der' Juden in grelles Licht rückt: Der berühmte Fettmiichaufstand im Jahre 1614. das einzige Mal. daß dieser Schutz vorübergehend versagte. Dieser Aufstand der Zünfte und der' unteren Volksklassen gegen den Rat der Stadt, der sich dadurch äußerte, daß die Quartiere der vom Rat begünstigten Juden gestürmt «nö geplündert. und die Juden selbst aus der Stadt vertrieben wurden, muß die Bevölkerung damals und noch lange Zeit hinaus aufs lebhafteste bewegt haben. Die Zahl und Lebhaftigkeit der Berichte in Schrift und Bild, die zeigen, wie der 'Lebkuchenbäcker Fettmilch und seine Genossen revolutionierten, die Judengasse plünderten, wie den Juden, 1380 an der Zahl, freier Abzug gewährt wurde und sie über den Main gesetzt wurden, wie dann, nach Niederwerfung des Aufstandes. die Rädelsführer. von denen sich eine Reihe von Abbildungen finden, gefangen gesetzt und hingerichtet.wurden, wie auf dem Platz von FettmUchs niedergerissenem Haus eine Schandfäulc, die über Kundert Jahre lang stand, errichtet ivurde, wie die Juden feierlich wieder in die Stadt geholt wurden und die Verordnungen und Noten aus Anlaß" des Aufstandes vermögen rem Betrachter ein genaues Bild von der Bedeutung dieses Ereignisses zu bringen. 'Außer Lem Fettmilchaufstand waren die bedeutendsten Ereignisse der Ghettozeit die Brände -in der Judeugasse in den Jahren 1711, 1774 und 1796. Die Judeugasse, die bekanntlich erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts abgebrochen wurde, ist in vielen Darstellungen aus älterer und' neuerer Zeit zu sehen. Die schmalen, hohen .Häuser aus Fachwerk. aneinandergepreßt, mit ihren Winkeln nach der Rückseite, die in die nicht sehr breite Gasse kein Licht ließen, zeigen, in welche Enge die Juden zusammengepfercht waren, so daß bei einem Brand es sehr schwer war, ein Umsichgreifen zu verhindern. Der Brand des Jahres 1711, dem bis auf eine ganz kleine Zahl alle Häuser der Gasse zum Opfer fielen, hat die Gemüter sehr beschäftigt. Die Berichte darüber, die Bilder des Rabbiner Naftali Cohüe. in dessen Haus der Brand ausbrach und dessen kabalistischen Studien die Schuld an dcr Entstehung zugeschrieben wurde, zeugen davon. Vom Brand im Jahre '1774 ist ein Bild interessant, das Goethe bei demselben zeigt. Der Brand im Fahre 1796 war deshalb bedeutungsvoll/ als er bewirkte, daß ein Teil dcr Juden außerhalb des Ghettos wohnte. Die Emanzipationszeit war angebrochen. Die rechtliche Gleichstellung haben die Juden bekanntlich der napoleonischen Aera zu verdanken. Die vorangegangenen Revolutiousbriege betrafen die Frankfurter Gemeinde insofern, als bei den Kämpfen 1798 die Judengasse von der französischen Artillerie in Brand geschossen würde. Im Jahre 1806 tFrankfurt unterstand dem damaligen Fürstvrimas und späteren Großherzog Karl und gehörte zum Rheinbund) änderte sich die rechtliche. Lage grundsätzlich. Die Juden erhielten bei einer Neujahrserklärung des Fürstprimas die Zusicherung, wohlwollend behandelt und geschützt zu werden, sie erhielten deutsche Familiennamen, mußten Geburten. Eheschließungen und Stcrbefälle wie die übrigen Bürger standesamtlich anzeigen und nun finden wir aus dieser Zeit zahlreiche Dokumente, Eingaben. Darstellungen und Denkschriften, die' alle die bürgerliche Gleichstellung der Juden, betrafen. 1811 wurde dieselbe eingcränmt. die Dokumente aus den späteren Jahren zeugen davon, welchen Kampf die jüdische Gemeinde zu führen hatte, bis ihnen die neuerworbenen Rechte auch in der freien Stadt gewahrt blieben. War bis dahin das geschichtliche Bild, das uns die 'Ausstellung bot. eine Darstclinng der Gemeinde, ihres Schicksals und ihrer Einrichtungen, von denen uns vor allem die Synagogen, der. Friedhof, das Spital und die Erzeugnisse der hebräischen Druckerei in einer Anzahl schöner Bilder gezeigt werden, so treten im 18. Jahrhundert die Persönlichkeiten in den Vordergrund. Die Familie Rothschild erblicken wir in einer Reihe non Gemälden, darunter das berühmte Bild der Stammutter Gudula von Moritz Oppenheim mit dem Ausblick auf die Judeugasse, und im gleichen Saal auch ein Selbstpvrtrüt des bekannten Malers. Dann finden wir Dokumente über die Erhebung in den Freiherrnstand, eine allegorische Darstellung mit Wappen und den Porträts der berühmten „fünf Frankfurter". Von Börne finden wir einen Rcisevaß mit seiner so charakteristischen kleinen Unterschrift, eine Abbildung mit dem Faksimile seiner Worte „Zank ist der. Ranch ‘ der' Liebe und nur ihre Wärme soll inan festhalten usiv." sowie ein Bild seiner Freundin Jeanette Wohl.. Von den bekannten am Philanthropin wirkenden Persönlichkeiten finden sich Porträts des Direktors' Dr. Stern und Dr. M. Heß. unter dessen Bild sich der 'Ausspruch findet: „Den israelitischen Jugcndlehrer kräftige in seinem mühevollen Berufe der Gedanke,'daß keine westliche Macht und keine Priesterschaft ihm Fesseln anlegt und daß cs ihm vergönnt ist, die Jugend auf eine Weife zu bilden und zu leiten, die das Band der Humanität und der Verbrüderung an die Menschheit knüpfe. Leider ist aus der Geschichte des Philanthropins nur' ein Gedenkblatt anläßlich der Eröffnung des damaligen neuen Schulgebäudes und ein Zug der Schüler dargestcllt. An die bekannte Druckerei und an das verbreitete Gebetbuch erinnern die Porträts von Kaufmann und von Heidenheim. Noch viele andere Frankfurter Kaufmanns- und Gelehrtenfamilien finden Ähre Vorfahren in Porträts, auf Stammbäumen, oder ihre Unterschrift auf Dokumenten, die Namen-Goldschmidt/ Oppenheimer, Reinganum, Elersheim, Leopold Sonncmaitn feien wahllos herausgegriffen. In das Ende der Zeitspanne, die die Ausstellung umfaßt, fällt der Höhepunkt der Resormbewegung des vorigen Jahrhunderts. Welch bedeutende Persönlichkeiten jener Epoche in Frankfurt wirkten, werden wir aus den Porträts gewahr von Michael Creizenach. Abraham Geiger. Gabriel Riester. Leopold Stein. Unter des letzteren Bild finden sich seine Worte: „Der Glaube an den einigen und einzigen Gott schließt jede Ausschließung aus. In ihm liegt die Bürgschaft dcr Befreiung und Einigung des Menschengeschlechts zu einem heiligen Bruderbund." So bringt diese Ausstellung für jeden jüdisch, historisch oder frankfurterisch Interessierten reiche Anregungen und eine Fülle mteressanten Materials. Mögen auch manche Wünsche dahingehen. daß der Stoff lieber mehr historisch anstatt aestethisch geordnet worden wäre, oder daß das letzte Jahrhundert der-

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