Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 14 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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von llijudjen und Wirkungen, nls eine lückenlos gegebene Kette kausal bestimmter Notwendigkeiten, eine jede Gegebenheit, aus ihren Faktoren erklärbar, aber im Grunde indifferent gegenüber dem eigenen Wollen. Hoffen und Fühlen des Menschen, ohne Beziehung zu dem Wesen des erlebenden Ich. — Und es gibt eine andere Art und Weise der Erscheinung: alles was geschieht, wird erfaßt als in Beziehung zum Menschen selbst, als Symbol seiner Wünsche und Gedanken, als Notwendigkeit seines persönlichsten Lebens, als G e s ch i ck. Zwei Menschen begegnen sich im Leben; und ihr Zusammentreffen an dieser Stelle und in diesen Tagen erscheint uns eindeutig bestimmt, aus dem Zusammenwirken so und sovieler Momente gegeben und restlos erklärt. Aber indem diese Menschen sich lieb gewinnen, indem über der Welt ihres alltäglichen Treibens eine Welt des Gefühls für sie geboren wird, tritt ihnen au die Stelle kausaler Erklärung sinn haste Deutung. Die Nnturursache» ihrer Begegnung werden zu sinnvoll wirksamen Kräften. Aus dem Mechanismus rin,»einer Zufälle wird damit für ihr Leben das organische Ganze eines Schicksals, ans einer bloßen Gegebenheit ein Erlebnis. Wo immer ein solches gelingt, Zufälle als Schicksal zu sehen. Tatsächliches als Persönliches zu erleben, da werden Luft und Unlust belanglos, Freude und Trauer Eins in dem allumfassenden Glücksgefühl, sich selbst und das eigene Gcs ch i ck zu leben. Nur an einer Stelle scheint dieie Art der Betrachtung, diese Kraft der Verwandlung zu versagen: dort, wo der Mensch den Tod des Menschen erfährt. Er weiß ihn wohl zu erklären aus Gesetzmäßigkeiten der Natur. Er kann ihn nur deuten, erleben, als Schicksal erfassen: im Glauben an ein göttliches Wesen. Dann erst schließt sich das Ganze dieser Welt, wenn am Grabe des Toten unser Mund zu sagen weiß: ..Der Herr hats gegeben. Der .Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gepriesen in Ewigkeit." Am Grabe des Menschen erscheint dem Menschen das Wesen des Schicksals als Wesen Gottes vielleicht zum ersten Male, vielleicht auch hier nur am stärksten und klarsten: aber von hier breitet sich das Erlebnis der Gottheit über das Ganze des als Schicksal gegebenen Lebens aus. Und es bleibt schließlich auch gleich, mit welchem Namen wir Ihn nennen: wo wir Schicksal erleben, erleben wir Gott. Denn die Dinge als Schicksal sehen, heißt nichts anderes, als sie sehen „sub guadam sperre aeternitatis". unter einem gewissen Gesichtspunkt der Ewigkeit, das'ist: als ein Sein in Gott. 4. Cs mag seltsam erscheinen, aber es i st in Wahrheit so. daß ein restlos Erklärtes doch Zufall für uns bleibt und eigentliche Notwendigkeit nur dort empfunden wird, wo wir, um jede Ursache unbekümmert, Tatsächliches als uns Bestimmtes fühlen. Hier liegt das Wunder, der Sinn und das Glück der Frömmigkeit. Wie stehen die Religionen diesem Bestand des Religiösen gegenüber? Wir haben vom Wesen der Gottheit und vom Erlebnis ihres Seins gesprochen, ohne der Dogmen und Riten zu denken, die die Gebäude der Religionen zusammenhaltmu: LiA.'rWch r ejnq Stelle in i»rjn ^spontanen Erlebnis des Religiösen? Sie haben vielleicht keine Stelle im religiösen Erlebnis, a l s religiöses Erlebnis selbst. Aber sie haben ihren Sinn, und ihren Wert als Kräfte der Vorbereitung, als Führer und Mittler zu ihm hin. Gebote und Brauche find Töne, Farben, Worte: das eigenste Fühlen des Ich einzuhüllen und zu umkleiden, dem, was in uns Geburt verlangt, zum Leben aufzuhelfen. Das scheint nur wenig und ist doch viel. Denn was wohl nackt und unbewußt und namenlos schon i st, ist nichts für uns und wird zu heilender und lenkender.Gewalt erst dann, wenn es greifbar faßlich uns selbst ergreifen kann. Nicht i n den Brauchen und Worten der Religionen, aber mit ihnen erleben wir Gott. 5. Noch eine Frage bleibt uns offen: die Frage nach der Stellung der Religionen zueinander. Wenn Geboten und Bräuchen kein absoluter Wert der Richtigkeit zukommen soll, wenn sie nur Mittler für ein von ihnen unabhängiges Erlebnis Gottes sind, dann gibt es keine Wahl und keinen Unterschied der Werte zwischen ihnen. Und alle sind einander gleich. Und doch ist dein nicht ganz so, wie es scheint. Ich glaube allerdings, daß es notwendig ist, um der Liebe zur Wahrheit willen einzusehen und auszusagen, daß alle Religionen einander gleich sind an objektivem Wert. Sie sind nicht gleich an Wert für jeden einzelnen von uns. Wie wir gleichwohl die Schönheit vieler Länder sehen und empfinden können und doch die Heimat irgendwie ein Schönstes für uns bleibt, so bleibt dem Juden doch sein Zaum ha kippurim das Höchste der Feste und jedem so sein besonderes Eigentum. Das heißt in nichts, den Wert und die Wahrheit jedes einzelnen verkleinern. ,,Eine 'Wahrheit, die iu erster Linie Wahrheit für uns ist, ist darum öod) Wahrheit uud Leben. Und was wir täglich in der Liebe zu anderen Menschen erleben, das; sie Wesen für sich und mit eigenem Maßstab sind, das müssen wir and) in der Liebe zur Menschheit erleben können . . . Das göttliche Leben ist in unserer irdischen Erfahrung nidst ein Eines, sondern ein Vieles. Das Eine im Vielen zu ahnen, das aber ist das Wesen der Liebe." (Ernst Trocltsch.) In der Betätigung dieser Liebe liegt Recht und Pflicht der Religions g e m e i n d e n, ihr Sinn und ihre Bedeutung im sozialen Leben. Sind jüdische Schulen, sind jüdische Anstalten notwendig? Von Dr. F. R e i d), Weißeusee. (Direktor der Israelitischen Taubstummen-Anstalt.) Eine viel erörterte und stark umlrämpfte Frage ist die, ob »vir jiidisd)e Schulen nötig haben, nicht jüdische Schulen, wie sie die Zionisten verlangen, Schulen, in denen die Kinder allen ilntcrrid)t in hebräischer Sprache erhalten sollen, in denen die Kinder dem Deutschtum entfremdet werden, in denen sie — glcichgiltig, wie sie geistig zum Judentum stehen — rein anßeriidi sich von allen ab sondern, in denen sie also entwurzelt werden. Don solchen Schulen sprechen wir in unfern Reihen selbstredend nicht, denn wir lehnen sie für deutsche Kinder strikte ab. Anders ist es mit der konfesfionelt jüdischen ,,deutschen" Schule. Wenn das Ideal von uns Liberalen die Simultanfchule ist, in der jeder Sdiülcr obligatorisch in seiner Religion von den entspred)enden Lehrern unterrichtet werden soll, so lehnen wir damit einerseits die »oelllidjc Schule ab, die die Religion vernad)lüsfigt, wenn nicht gar negiert, andererseits theoretisch auch die konfessionelle Schule. In der Praxis stellen sich jedoch viele der konfessionellen Schule gegenüber auf einen anderen Standpunkt. — Es gibt liberale Lehrer, die die konfessionelle Schule verlangen, damit die jüdisdien Lehrer Stellungen finden. Solche Herren vergessen wohl, das; die Schulen absolut nur der Kinder wegen da sind. Sollte es aber wirklich, wie id) hörte, einen „liberalen" Lehrer geben, der sich aus diesem Grunde des Privat- und Standesinterefscs bei den Zionisten^hat aufstellen lassen — wenn auch an red)t zweifelhafter Stelle (er ist auch nicht gewählt) — so wird man solchem „Charakter" auf allen Seiten 'die gebührende Achtung entgegenbringen. Weis; er vor allem nidjt, das; die Zionisten eine ganz andere jüdlsd)e Schule wollen als er?! Theoretisch wie gesagt müßten wir die konfessionelle Schule ablehnen, wenn wir in praxi eine religiöse Simultanschule Hütten. Für die meisten höheren Schulen trifft es zu. In Berlin und fast allen größeren Städten find die höheren Schulen wirkliche Simultanfchulen mit Religionsunterricht. In Moses Mendelssohn-Ausstellung in Dessau. \ Bon Dr. 3 acobfon. Hermsdorf. Wenn man in Dessau, der ausblühenden Hauptstadt des Anhalter Landes, aus dem Bahnhofsgebäude heraustritt, kommt man auf einen weiten, mit Garienaulagen geschmückten Platz, der von zwei nicht übermäßig schönen Denkmälern flankiert wird. Diese Denkmäler gelten zwei AAinnern, auf die der Dessauer Lokalpatrioiismus mit Stolz hi »weist, Friedrich Schneider, den bekannten Komponisten deutscher Männerchöre, und dem allerdings weit berühmteren Moses Mendelssohn. Doch Denkmäler erhalten ja, wenn überhaupt, die Erinnerung nur mühselig aufrecht und verschaffen kaum einen Begriff vom Wesen und Wirken der Dargestellten. Ilm den Dessauern daher die großen Heimatsgenossen näher zu bringen, hat seit kurzem die Dessauer Staatsbibliothek, die „Anhaltische Landesbücherei", eine Reihe von Ausstellungen veranstaltet, die das Leben und Schaffen der berühmten Landsleute zu anschaulicher Darstellung bringen sollen. Nach einer Basedow- und Friedrich Schneider-Aus.stellung ist jetzt also eine Moses Mendelssohn-Ausstellung zustande gekommen. Mit recht viel Liebe und Sorgfalt hat die anhallifche Landesbücher-ei, vor allem der rührige, junge Bibliothekar, Herr Dr. Wahle, aus den eigenen Bestünden der Landest) iblivthek, aus Leihgaben der Dessauer und Berliner jüdischen Gemeinde und last not least aus Privatbesitz ein umfangreiches gedrucktes, graphisches, Hundschristliches und urkundliches Material zur Geschichte von Moses Mendelssohn und des Mendelssohnschen Kreises zusammengelragen. Die meisten Werke Moses Mendelssohns werden da, zumeist in Erstausgaben, gezeigt; der „Phädon", Mendelssohns philosophisches Hauptwerk, ist gar in zwölf verschiedenen Ausgaben vertreten, es fehlt auch nicht die Erstausgabe jener Schrift, mit der Mendelssohn den Preis der Preußischen Akademie der Wissenschaften gegen keinen geringeren als Kant gewann, es fehlen auch nicht seine „Morgenstunden", mit denen er seinen verstorbenen Freund Lvssing gegen den Boowurf des Spinozismus gegen Iacobi zu verteidigen suchte. — Mendelssohn lehnte bekanntlich Spinozas System strikte ab —, auch seine bebröischcn Werke sind vertreten, und ebenso findet sich eine Fülle von zum Teil seltenen Werken über Mendelssohn selbst. Buch der Kreis der Zeitgenossen, in dem Mendelssohn lebte, und mit dem er sich freundlich oder feindlich berührte, wird wachgerufen durch Männer wi-r Lesfing, Ramler, den unentwegten Aufklärer Friedrich Nicolai, Garbe, Lavater und F. H. Iacobi. deren Werke gleichzeitig in Auswahl, aber auch meist in Erstausgaben, geboten werden. Zu den literarischen Werken geben die Darstellungen der bildenden Kunst eine hochwillkommene Ergänzung. Es ist derAusstelluugsleitung gelungen, «ine Graphikfammlung von seltener Reichhaltigkeit zufammenaustellen und neben den Bildern der zeitgenössischen Schriftsteller, vor allem Bildnisse von Moses Mendelssohn aus den verschiedenen Perioden seines Lebens, von verschiedensten Künstlern und in manchmal auffällig verschiedener physiognomischer Auffassung zusammenzubringen. Was aber die meisten Besucher wohl am stärksten fesseln dürfte, das sind die schriftlichen Reliquien von Moses Mendelssohn und seinem Kreis. Da sieht man Briese, die Moses Mendelssohn in seiner schönen, klaren, großen hebräischen Kursive — als Masche Me Dessau — an seine Braut, die kluge Frammet Guggenheim in Hamburg, gesd)rieben hat, und man erinnert sich der herrlichen Werbung, die Sebastian Hensel in seinem Werk über die Familie Mendelssohn wiedergegeben hat, man sicht das originale Generalschuhprivileg Friedrich Wilhelm II. für die Witwe und die Kinder des großen Mannes, und man bewundert vor allem das Stammbuch, das Herz Homberg, der Hauslehrer der Mendelssohnschen Kinder und späterer Organisator des jüdischen Schulwesens in den österreichischen Kromändern, angelegt hat, und in dem neben Mendelssohn und seiner Frau auch die bedeutendsten jüdischen und christlichen Männer, die zum Mendelssohnschen Hause in Beziehung standen, mit Eintragungen und Silhouetten vertreten sind. Die Dessauer jüdische Gemeinde hat in sehr sinniger Weise die Ausstellung noch dadurch bereichert, daß sie -eine Thorarolle nebst dem dazugehörigen alten silbernen Schmuck herlieh, um so dem Besucher einen Begriff von dem zu geben, wovon und wofür der Vater Moses Mendelssohns, der Thoraschreiber Mendel, gelebt hat. Der zur Einleitung der Ausstellung vo-u Herrn Dr. Wahle im Dessauer Geschichisverein gchattene Vortrag über Mendelssohn wurde vor den zum Besuch der Ausstellung in corpore erschienenen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde wiederholt, wobei der Landesrabbiner, Herr Dr. Walter, wertvolle Ergänzungen über Mendelssohns StÄlung in der Geschichte des Judentums gab. Es stimmt — auch bei Besichtigung dieser Ausstellung — den, der über diese besonder« Bedeutung Mendelssohns nachdenkt, immer wieder wehmütig, daß die geschichtliche Entwicklung das Judentum von Mendelssohn bis auf unsere Tage durch so viele Verluste hindurchgeführt und den Weg von Mendelssohns Nachkommen so rasch und zo restlos von dem Weg der Gemeinsä)ast getrennt hat, für die der Llhne so bedeutungsvoll gewesen ist. Noch eines als Nachbemerkung: Der fremde Besucher der Ausstellung versäumt selbstverständlich nicht, sid) das Häuslein anM-sehen, in dem Mendelssohn 1729 in den ärmlichen Verhältnissen geboren wunde, dir heute noch aus der Niedrigkeit des dürftigen Geburtszimmers sprechen. Das unscheinbare Häuschen schräg gegenüber der alten Audengasse — Geburtshaus und Geburtszimmer sind in Kayserlings Mendelssohn Biographie abgebildet — ist vor nicht allzulanger Zeit bei irgendeinem Mendelssohn-Jubiläum einer fürchterlichen Verschlimmbesserung anheimgefallen, indem man es höchst stilwidrig mit gelber Backsteinfassade gestutzt hat. Aber das ist nun kaum wieder aut zu machen, was aber getan werden müßte, um wahrhaft zu restaurieren, das wäre, daß man in sachkundiger und gründlicher Weise den Kampf gegen den Schwamm aufnGme, der dem Zimmer gefährlich zu werden droht. Es ist zu hoffen, daß die sehr interessterte Deffauer solchen Städten besteht also absolut kein Grund, jüdische höhe« Schulen zu gründen. In den kleineren Städten wird sich eine jüdische Schule kaum rentieren. Vor allem aber kann man ja die meisten Fädier der höheren Sd)ule gar nicht reltgiösen Zwecken dienstbar machen; sonst könnte man schließlich in Deutschland auch noch jüdisdje Universitäten, jüdisdie technisdie Hoch, schulen, jüdische Tierarzneischulen usw. verlangen. Einzig und allein könnte man eine jüdische deutsche Oberschule zur Vorbildung jüdischer Lehrer für notwendig erachten. Hier könnte auch Hebräisch gründlich wissenschaftlich gelehrt werden. Die Volksschule tritt uns jedoch anders entgegen. Lehnen wir, wie bereits gesagt, als religiös empfindende Menschen die weltliche Schule ab, so bleibt für uns entweder die christliche Grund- und Volksschule, oder eine jüdische. Denn eine ricljtige religiös neutrale SimuUcmfchuie gibt es meines Wissens mir vereinzelt. So entsteht für uns Eltern die Frage: Sollen unsere Kinder die christliche allgemeine Schule besuchen, oder eine eventuell noch zu gründende jüdische Schule'? Der eine glaubt, seine Kinder in jeder Weise schonen zu müssen, und will sie den durch den ''Antisemitismus entstehenden äußeren und inneren Kämpfen in der Jugendzeit fernhalten. — Der andere glaubt, daß es nid)t richtig ist, seine Kinder von 'den andern zu trennen, damit sie nicht von Jugend an der Umwelt eutfremdet werden. Der eine von uns will — wie es viele Christen wollen — daß der gesamte Unterricht non dem konfessionellen Gedanken durd)setzt ist, ist also für die jüdisdie Schule: der andere hält wohl allgemein religiöse Erziehung für erforderlich, glaubt diesen Wunsch in der allgemeinen Volksschule. der christlichen Schule, erfüllt zu sehen iind begnügt sich mit dem gesondert gegebenen Religionsunterricht. Was theoretisch richtiger ist, und was mehr dazu dient, das Ideal der religiösen aber wirklich interkonfessionellen ciuutU tanschule zu verwirklichen, ist schwer zu sagen. Hierbei darf nur die Antwort auf die Frage, was für die Kinder besser ist. — erzieherisch und für das spätere Leben — ausschia-igebend sein, nichts anderes? Auch der Wunsch der Eltern wirb Berücksichtigung finden. Sv wird man praktisch von Fall zu Fall entscheiden müssen, ob eine .jüdische Schule za errichten ist — oder' lieber nidst. Bestehende Schulen aber soll man, halten, bis unser Ideal erfüllt wird. Auf die zweite Frage: „Sind jüdische Anstalten nötig'?" lautet aber unsere Antwort unbedingt „Fa". Schule und Internat sind zweierlei. In der Schule wird trotz aller Forderungen und Wünsche aller pädagogisch interessierten .Kreise (und besonders der Lehrer selbst) auch seht nod) — und es wird so blc-ibcn — der Hauptwert auf die Geistesbildung und auf die Erlernung der im Leben erforderlichen Kenntnisse gelegt, während für Gemutsbildung, für das Gefühlsleben nur mehr oder weniger — meist nur leider weniger — geleistet wird. Das bleibt in normalen Zeiten der Familie, den Eltern Vorbehalten. Liegen die Verhältnisse aber so, das; diese sd)öne Aufgabe nicht von der Familie übernommen werden kann, so muß das Internat, die Anstalt sie aus sid) nehme». Betrachten wir nun die christliche und die jüdische Famiiienerziehung und dann die Anstaltserziehung! Wenn wir auch behaupten, daß die christliche deutsche Familie dieselben Gefühlswerte «ufbringt wie die jüdische deutsche Familie, wenn wir auch behaupten, daß sich das Leben in einer liberalen djriitüdjcn und einer liberalen jüdischen Familie säst kaum unterscheiden, wenn sie beide im Deulschtum wurzeln, so werden doch alle die Gefühlswerte, die sich auf religiösem Gebiete bewegen, "durd) andere gefühlserreoende Momente hervorgebradst. 'Die Familienfeste der Peßachabende. der Ehanukkahabende finden ihr Aequivaient in dem Familienfeste der Ostertage und unterm Weihnachtsbaum. Die Tage des Schewuausfestes ähneln ganz der feicrlidjcn Stimmung am Pfingstfest: Purim und Fastnacht stimmen zeitlid) und in ihren fröhlichen Gebräuchen überein, die Sabbatruhe ist uns durd) die Sonntagsruhe so ziemlich nad)geahmt; nur von einem Feste dürfen wir sagen, daß es allen anderen Religionen fehlt, und das ist der 'Versöhnungslag. Diesen hohen Gedanken der Versöhnung unter den Menschen hat nod) keine andere Religion sich zu eigen gemacht. Und dod) ist das Ziel der christlichen und der jüdischen Familien-Erziehung dasselbe, nämlich, daß die Menschen die Antwort Hillels, die er auf die Bitte eines Heiden gab, ihm das Judentum in der kurzen Zeit zu lehren, in der er auf einem Beine stehen könnte, allgemein jüdische Gemeinde, die dies Zimmer ein wenig mufeumsarlig ausgestaiten will, sich auch dieser gewiß im Interesse der Allgemeinheit liegenden Aufgabe baldigst unterzieht. Kultus und Leben. So nenn! sid) eine geistvolle Monatsschrift für kulturgeschichtliche und biologische FamiUenkunde, die von ihrem Herausgeber Willy Hornschuch auf streng neutraler Grundlage geleite! wird und die interessante Beiträge zur deutschen Stammeskunde enthält. Besonders bemerkenswert ist ein Aufsatz, der in Nr. 2 vom Februar 1925 dieser auf nationalem Boden stehenden Zeitschrift erschienen ist und den Titel „Die Bedeutung der Nasse für die Zukunft unsres Volkes" trägt. Sein Verfasser ist Stadlpfarrer E. Lamparter, der für die beste Lösung der für das öahr 192^ von der Haager Gesellschaft zur Verteidigung der christlichen Religion gestellten Preisaufgabe „Beschreibung und Beurteilung des Antisemitismus in Europa seit dein Anfang unserer Zeitrechnung" den Preis erhalten hat. Der folgende Absatz mag für den Geist des mit zahlreichen Beispielen und gutem statistischem Material belegten Aufsatzes zeugen: „Aber vielleicht sind die Juden von den schweren Geschicken, welche nach der Auflösung ihrer nationalen Einheit und Zertrümmerung ihres Staatsrvesens sie betroffen haben, in einen geistigen und sozialen Tiefstand verseht worden, welcher jede Ebenbürtigkeit mit ihren Gaftoölkern ausschließi? All die Verfolgungen,' welche seit der zweiten Hälfte des Mittelalters über die Juden hereingebrochen sind, all die Verachtung, mit welcher sie auch in der nachreformatorischen Zeit in den christlichen Kultur-, stauten behandelt wurden, haben sie auf eine tiefe Geistes- und Kulturstufe herabgedrückt, über welche sie sich erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts allmählid) wieder erheben konnten. Die Zünfte und Gilden schlossen sie vom Handwerker- und Kaufmannsstand aus, der Erwerb von Grund und Boden war ihnen in den christlichen Ländern verwehrt, die jahrhundertelange zwangsweise Beschränkung auf das Geldleihgeschäft mußte auf ihr Seelenleben geradezu verheerend einwirken. Aber wenn die Angst vor ihrem Wettbewerb und religiöser Fanatismus die Juden in eine für sie verhängnisvolle Zwangslage verseht hat, haben wir dann das Recht, sie als ein« unwürdige und verderbte Menschenrasse zu verfemen und die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ihnon abzusprechen? Sollten wir uns dann nicht vielmehr verpflichtet fühlen, das an ihnen begangene Unrecht wieder gut zu machen? Sodann sollte nicht übersehen werden, daß die Juden unter der jahrhundertelangen Erniedrigung und Vergewaltigung -eine außerordentliche natürliche und geistige Widerstandskraft und Lebensfähigkeit an den Tag gelegt haben. Dem jüdischen Volk als ganzem sind die bürgerlichen Tugenden» durch welche es sick von jeher ausgezeichnet hat, wie Mäßigkeit, Fleiß, Gehorsam und Treue gegen die Obrigkeit, der stark entwickelte Familiensinn, die Pietät der -Kinder gegen die Eltern, die zärtliche Liebe der Eltern zu den Kindern auch in den Zeiten des tiefsten Niedergangs nicht verloren gegangen. Das Judentum glich dem Dornbusch, der, in Wammen gehüllt, doch nicht verzehrt wird.'