Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 14 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchliberaleZei>«8 Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Vezugöpreis durch die Geschäftsstelle V4jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Zur die Mitglieder -er Bereinigung ist -er Bezugspreis :: 2 :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl.-Zng. Bruno Woyda. Die „Ittdised-liberale Leitung" ertebeint jeden fmtag, öcbriftlritung und Geschäftsstelle: Berlin, JVIauerftr. 22. fernruf: Hmt Merkur f*r. 8125 poftrcbedihonto: Berlin JSUCl 7 Kr. 132069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Kacbdruch rämtlicher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattet! Anzeigenpreise: Oie 12gespalteneTtonpareillezeile 0,45 Soldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, -ei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlags, abteilung, Berlin SW 68, Eharlottenfir. 96 (Fernsprecher: Dönhoff 5360-65), sowie fämtl. AnnonceN'Srpeditionen. K.44 Berlin, 3. April 4925 5. Jahrgang Jüdische Probleme. Vom Mitleid. Von iKabb. Or. Gottschalk, Berlin. Wenn man die Menschen daraufhin prüft, welche Stellung sie zum Elend und Anglück einnehmen, so findet man ein Dreifaches: der eine betrachtet alles politisch und sozial und stellt von da aus seine Forderungen. Der andere verschließt sich absichtlich allem, wird selbstsüchtig und hart. Der dritte aber wird von jenem weichen Schmerz durchzuckt, den man das Mitleid nennt. Es braucht nicht von neuem dargetan zu werden, daß die jüdische Religion von jeher die Religion des Mitleids war. Mitleid mit der Armut, der Hilf- und Schutzlosigkeit) Mitleid mit dem Fremden, Mitleid mit dem Tier — sie werden uns immer wieder und wieder eingeprägt. Worauf aber hingewiesen werden muh, ist die so selten beachtete Tatsache, daß jedes Mitleid durch mangelnde Erfahrung in seiner Auswirkung beschränkt werden und umgekehrt durch gleiches Erleben überhaupt erst praktisch voll wirksam gemacht werden kann. „Wer nie die Geldsorgen gekannt, begreift den Armen nicht, der schon um jeden Pfennig bangt," sagte Naumann einmal und variierte damit das bekannte Goethe-Wort. Wer nie ein teures Haupt zu Grabe trug, vermag nicht wahren Trost zu spenden. And weil so oft Erfahrung fehlt bei denen, welche helfen wollen, — nicht bloß Erfahrung in der Technik, sondern Erfahrung durch Erleben — so darf man es ganz ruhig sagen, daß daher viele Mängel kommen, die der sozialen Arbeit anhasten und so die „verschämten Armen" geboren werden. Die Langsamkeit, mit der alles geschieht, das umständliche Formenwesen, die Winzigkeit oft der Beträge, das viele Fragen, viele Prüfen und trotzdem dann die schnelle Zufriedenheit mit unfern Leistungen — all das, es wäre gar nicht möglich, wenn alle die, die helfen wollen, selbst einmal bitter arm gewesen. „Rur der das Leiden kennt, kennt auch ein heiß Erbarmen. Wer selber'darbt, der gibt. Großmütig sind die Armen." Und darum ist es durchaus falsch, nur die sozial Begüterten zu solchem Werk heranzuziehen. Die Armen selber sollten helfen, sollten mitraten und mittaten. Sie würden es am besten wissen, wie furchtbar Sorge um das Brot ist) sie würden es am besten kennen — das bange Zittern um den Tag, das bittre Schluchzen in der Aacht, das Warten auf den Hilfespender, die Weherufe der Verzweiflung, das Kammern eines Kindermundes. Sie kennen Mitleid aus Mitleben und sind darmn die Herzensreichen. Doch nicht nur Armut gegenüber, Schutzlosigkeit oder dem Anglück wird uns das Mitleid anempfohlen. .Verurteile deinen Nächsten nicht, bevor du nicht in leine Lage gekommen bist." Das ist das Mitleid mit ab denen, welche eigentlich den Anspruch verwirkt haben, von uns Bruder genannt zu werden. Sind sie mchi Schädlinge der Menschheit, hindern sie nicht ihr ^orwärlskommen? Schänden sie nicht ihr Menschentum? Gewiß — doch gerade deshalb eben ist unser Mit- 'leid hier am Platze. „Seid barmherzig selbst jenen <!rmen gegenüber," sagt Tolstoi, „die ungeduldig uno erbittert sind. Bedenkt, wie schwer es einem Anglückkchen fällt, allerlei Mißgeschick in einer armseligen Behausung zu ertragen, wenn einige Schritte von ihm überlatngte und prächtig gekleidete Menschen umhergchen." — And ist diese Angeduld und Erbitterung nicht oft jedenfalls die Quelle von Schlimmerem? Es kommen stunden des Erliegens, die Augenblicke bleiben nicht aus, in denen uns der Mut verläßt und wir zum Gutsain Keine Kraft besitzen. Soll uns die Angeduld der anderen oder gar ihre Verbitterung ansiecken und zu leelisch Blinden machen? Mitleid muß Mitverstehen werden — das ist die zweite Forderung. r. Aber die dritte ist die tiefste. Hier sind wir an der stelle, von der aus wir das Wort des jüdischen Meisen begreifen: „Wer sich mit den Menschen abmüht, wird gewürdigt werden, die Tröstung der Menschheit zu erleven. Hier ist der Punkt, wo Schopenhauer anhebt: ,Vas Mitleid ist ganz allein die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe. Sie ist in Wahrheit das große Mysterium, das Urphänomen und der Grenzstein der Ethik." Ja, nicht das Mitleid mit dem Einzelmenschen, sondern das Mitleid mit der Menschheit — es ist das Zeichen tiefster Tragik, reifsten Verstehens unseres Daseins, gewaltigsten Erschüttertseins. Daß wir uns „Krone" nennen der Schöpfung und doch nicht Herren sind der Seelen, das ist der ewige Schmerz der Guten. Nein, nein, das Wort, es ist nicht wahr, daß wir Anmögliches vermögen. Seit Kain den Abel totgeschlagen, sind schon Jahrtausende verflossen, aber das ändert nichts daran, daß es heute stets von neuem geschieht. Da ift's, wo uns das Mitleid packt und tragisches Mitleiden wird. Da ist es, wo sich unsere Welt mit Zentnerschwere auf uns legt und wir die Kraft des Bösen fühlen, wo uns Kultur ein Hohn erscheint und wir nichts tun möchten, als weinen über die arme, arme Menschheit. Doch freilich — so wie Mitverstehen, Mitleben mit den anderen Menschen erst dadurch wahrhaft jüdisch sind, wenn sie die rechte Tat gebären, so auch unser Erschüttertsein. Nicht jene Klage des Psalmisten: „Wie lange soll meine Menschenehre in den Staub gezogen werden" und auch nicht die des neuen Dichters: „O Gott, derchu diese wundervolle Erde geschaffen hast, wie lange wird es dauern, bis sie bereit sein wird, deine Heiligen zu -empfangen? Wie lange, Gott, o wie lange?" — dürfen das letzte Wort in dieser Frage sein. Der Riesenlaft des Bösen muß sich die Riesenkraft des Guten immer wieder und wieder entgegenstemmen und das eine jedenfalls verhüten, daß die Menschheit von ihrem ewigen Feind für immer erschlagen wird. Für alle Wunden, die er uns zufügt, muß uns als herrlichster Balsam immer wieder das Mort der Bibel entgegentönen: „Ich, der Ewige, bin dein Arzt." And immer wieder zu Boden geworfen und immer wieder enttäuscht und beschämt, darf es doch nicht aufhören, in uns zu klingen: „Durch alle Straßen möcht' ich rufend gehn und Schwesterarme jedem Schmerz bereiten. Ich möchte bell in alle Dunkelheiten die Lichter meiner großen Liebe sä'n." Unser Goitesöegriff. Bon S) n n s M « r g o 1 i u 5. 1. Ln diesen Blättern ist in letzter Zeit wieder und ivieder die Rede gewesen von der Notwendigkeit einer Reform unseres Gottesdienstes, von Sinn und Bedeutung religiöser Zeremonien für nns. Und wie c.uel) immer von verschiedenen Seiten in verschiedener Weise über alles dies gesprochen und gestritten wurde, e i n großes Gemeinsames musste hier — wie auch anderswo an vielen Stellen — 'deutlich werden: ein neu erwachender Wille ,yt religiösem Leben. Nicht immer hat dieser Wille in adäquaten Formen 511 uns gesprochen: mit dcr stillen Zurückhaltung und der leisen Skepsis der Bescheidenheit, die dem Menschen vor dem Reich des Transzendenten geziemt. Aber auch gerade in diesen Versuchen unbeholfenen Greifens nach ungewohnten Dingen tzonnte der Wille selbst kaum mehr zu verkennen sein. Was auch alles an Falschem und 'Verfehltem gesagt worden ist, — cs zeigt wohl, daß unsere Zeit religiösem Leben gegenüber noch un- Zahlt den sättigen Beitrag i für das zweite Quartal in Höhe von!! M. 2.50 auf das Postscheckkonto der Vereinigung j;j für das liberale Judentum (£. V., Berlin i|; Nr. 137069 jl; (Näheres in der vorigen Nummer. Für Berlin die. ji; Beilage beachten.) jj, gewohnt, unreif und jugendlich täppisch ist. aber es beweist zugleich die Wahrheit und Wärme eines allgemeinen Verlangens, das, seiner selbst noch kaum recht bewußt, mit dem stürmischen Drängen des Jungen ein neues Leben für sich fordert. Zn manchen Erscheinungen der Jugendbewegung hat es — vielleicht zuerst — gesprochen, in den Absurditäten theosophischcr Bestrebungen, im Interesse an den Lehren des Buddhismus und den Propheten Indiens ist es deutlich geworden. Und es spricht, um vieles reifer und abgeklärter schon, in den Versuchen des modernen Katholizismus, nicht zuletzt auch in dem neuen Liberalismus des Judentums. So erscheint es angebracht und notwendig in höchstem Grade, einmal das ins Auge zu fassen, was tzn Zentrum all dieser Bewegungen steht, ihr Erstes und Letztes, ihr inneres Recht oder die tiefere Unhaltbarkeit ihres Seins bedeuten muß: den Begriff der Gottheit selbst und die Frage nach Gottes Existenz für uns! Denn es kann nicht zweifelhaft fein, daß alles Reden und . 'Streiten über religiöse Formen, über Erneuerung des Gottesdienstes gebunden ist an die Antwort auf diese Frage und alles Verlangen religiöser Erkenntnis als bewußter Wille und als männliches Tun steht und fällt mit dem Sein und Sinn, die wir heute dem Begriff der Gottheit geben können. > 2. Frühere Zeiten haben sich viel gemüht, die Existenz Gottes zu beweisen. Man hat geglaubt, aus der Existenz der Welt auf Gott als auf ihre notwendige erste Ursache schließen zrk müssen. Oder man hat sein Dasein als für bewiesen erachtet durch die Zweckmäßigkeit aller Erscheinungen der Natur. Man hat aus dem Tatbestand der V o r st c l l u n g Gottes die Existenz Gottes bewiesen als die einzig mögliche Ursache für das Vorhandensein dieser Vorstellung im menschlichen Geiste. Oder man hat ans dem Begriff Gottes als des vollkommensten Wesens sein Dasein erschlossen als notwendig zum Ganzen der Vollkommenheit gehörig. Und man hat sehr viel später endlich, in ganz anderer Weise den Versuch gemacht, Gott zu begreifen als den ,,Garanten" für die Möglichkeit einer sittlichen Vervollkommnung des Menschen. — Aber all diese Beweise und Pvstuliernngen sagen uns heut nicht viel: wir nehmen sie hin als schöne Dokumente menschlicher Bemühung, aber die Richtung unseres religiösen Verlangens geht anders, als das Streben, das aus diesen Beweisen spricht. Es geht den u nl g e k e h r t e n Weg. Jenen war Gottes Wesen irgendwie gegeben oder leicht gefunden. Was sie wollten, war: dieses Wesen trotz, mit und i n ihrer Wissenschaft als seiend glauben zu dürfen. — Wir möchten gerne glauben, aber wir wissen nicht, was. Uns steht nicht mehr die Exist e'n z eines Gottes in jenem alten Sinn in Frage. Denn ' wir wissen, daß ,.Existenz" nur eine von vielen Formen des Lebens ist und daß, was i n uns lebendig, wirksam, fühlbar ist, nicht weniger ..Dasein" hat. als das. was mit den Formeln der Physik errechnet wird. Und so tut uns nicht ein Beweis von Gottes „Dasein" not, sondern allein die Bestimmung seines Wesens. Denn was ist uns Gottes Wesen heute? Ueber den „ersten Anfang" der Erde, über die „Zweckmäßigkeit" alles Naturgesckehens wissen wir manches, ohne eines Gottes zur Erklärung zu bedürfen. Vom „Ursprung" dcr Welt wissen wir zumindest, daß wir nicht wissen und nicht wissen werden. „Vollkommenheit" ist uns nichts anderes mehr, als ein Begriff des m e n s ch l i 6) e n Denkens. — Kann aber Gottes Wesen vielleicht mit dem Gebot der Sittlichkeit identisch sein? Die Zeit vor uns hat das geglaubt und. vielfach noch bis > in unsere Tage, Gott und „Gewissen" als Eines gesetzt. Das schien sehr leicht und hat zuletzt sehr seicht gemacht. Wir wissen heute, daß auch die Sätze der Moralen in der Geschichte ihren Menschen-Ursprung haben. Das Wesen Gottes aber scheint uns mehr und Höheres zu bedeuten, als daß es menschliche Gebote erklären und verkörpern sollte. Und wo bleibt dann noch Platz für Gott? Alles Leben ist restlos geklärt, das Geschehen der Natur und der Geschichte als notwendig nach den Gesetzen der Wissenschaften bestimmt oder doch in irgendwelcher Zukunft so bestimmbar. Es scheint tatsächlich, daß nirgendmehr ein leerer Raum ist, wo wir mit Fug und Recht Gott glauben könnten. Es ist kein leerer Raum im Allgeschehen des Lebens. Und doch ist eine Gottheit; lebendig im Dasein, nicht irgendwo und irgendwie als „Lückenbüßer" unsres W i f f e n s; sie ist lebendig überall im Leben! Denn die Welt der Natur und Geschichte ist nur in einer Art menschlicher Betrachtungsweise. Es gilt aber noch eine Art der Betrachtung mehr! 3. ' Das Geschehen der Welt stellt sich dem Menschen in uveierlei Weise dar. Es kann erscheinen als ununterbrochene Folge