Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 12 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ihr großer 'Augenouoc. Von Franziska Mann. Franczesko (eigentlich hieß er nur ganz schlicht Franz), Franczesko hat sich bei den Tanten angemeldet! Revolution! Ein unzulänglicher Ausdruck, um die Wirkung dieses Briefes aus Florenz zu schildern! Erstlich und überhaupt! Zwölf Jahre des Getrenntseins gehen nie spurlos an Menschen vorüber; aber welch ein Unterschied zwischen den Erlebnissen, die sich früher in solch einen Zeitraum drängen konnten und dem Wandel seit 1914! Fräulein Röschen und Fräulein Julchen Kohn sind von den Ereignissen auch längst aus ihrem beschaulichen Leben aufgeschreckt. Das Schicksal machte selbst vor ihnen nicht Halt, vor ihnen, die doch einst zur Elite von Nakel gehörten, und die in der Schweiz früher so zu Hause waren wie heutein der Münzstraße. „Beruf“, meinte Tante Röschen, „was heißt Beruf? Wer hat je in Nakel an Beruf gedacht? Sowas kam doch gar nicht in Betracht. Und übrigens, wie viele laufen heute auch hungrig herum mit Beruf.“ Noch schützt die behaglich geräumige 8-Zimmer- ,Wohnung vor dem Schlimmsten, w enn — ja, wenn sie vermietet ist. Oft aber stehen die großen Stuben leer, und die Folgen machen sich sofort auch in den Taschen der Tanten fühlbar. Ja, wäre die Münzstraße im Westen von Berlin, aber die Gegend, in der sie sich nun mal ausstreckt, muß doch wohl nicht nach jedermanns Geschmack sein. Allmählich hat der Alltag sämtliche Großstadtallüren von den Tanten abpoliert. Auch sie rangieren in die Armee der Zimmer vermiete rinnen, auch sie in das Heer derer, die das Mädchen abschafften und deren Hände die Spuren grober Arbeiten nicht mehr verleugnen können. — Seltsam, je härter das Leben die Damen anpackt, je mehr kommt Nakel an ihnen wieder zum Vorschein, Manchmal hätte man glauben können, sie wären ihrem kleinen Geburtsstädtchen nie untreu geworden. Am glücklichsten fühlten sie sich dort! Wer [genoß in Berlin noch solchen Kowed? k Das Schicksal respektiert auch die angesehensten [Leute aus Nakel nicht; es versucht, sie klein zu bekommen, wie ungezählte andere. — — *■ In dem Jahr, in welchem Franczesko bei den iTanten auf tauchte, trugen sie längst den Mülleimer persönlich herunter. Sie waren nur noch Kleinbürgerinnen ganz ohne Schwung, deren Gedanken cenug leisteten, wenn sie vorsorgend den kommenlen Tag bewältigten. — — * Zerstreuungen kamen nie mehr bis an die Damen hieran. Nur die Feiertage, vor allem der Freitag- -abend brachte ihnen „in Schul“ Erholung und [Vergessen. Ihrethalben hätte die Andacht viel ausgedehnter sein können. In den Tempel trug man (seine Kümmernisse. Anders kannten sie es nicht; (schon in Nakel war das Brauch1 und an der Gewohnheit halten sie fest. Auf dem Heimwege fühlte man sich1 gestärkt, —- alles Schwere ist gut um die Hälfte leichter geworden. Die Gebete der Tanten [sind von der härten Zeit auch1 leise verschoben. Früher galt der Hauptinhalt ihres Flehens idem Wohle des Neffen, aber vor den Aengsteri und Alltäglichkeiten der Wirklichkeit hat Franczesko weichen müssen. Zuviel des vorher nie Gekannten, nie Erlittenen schreit dringend an jedem Freitag, abend nach1 Zwiesprache mit Gott. [ Glichen sich1 früher die Tanten nur äußerlich, so Hat die Mühle des Lebens sie auch innerlich1 fast gleich gemahlen. Sorgen fragen nicht rücksichtsvoll nach1 der Tragfähigkeit verschieden gearteter Naturen. Sie mahlen — mahlen — mahlen. Hin und wieder unterbrechen sie sich, meist nur so lange, um mit erneuten Kräften weiter zu mahlen. Sie zermalmen ja selten rasch1 wie es gewaltige Steinblöcke Jtrni, nein, sie arbeiten langsam, aber sicher. Gute [Eigenschaften an 'Menschen bedrohen sie und bringen dafür bei fast allen; weniger gutes ans Tageslicht. Die Tanten haben ihr lebelang in derselben Mühle gesessen, der gleiche Stoß traf immer beide. Auch1 jetzt. Sie sehen sich verwirrt an, wissen nicht, wie ihnen geschieht: Franczesko kommt — und das ist eben das Kolossale — das Nichtzufassende, (er kommt, um in Berlin auf zu treten. Der Sohn ihrer guten, zu früh' dahingegangenen Schwester» Mill auf treten! Vor vielen Leuten, vor möglichst vielen! — Die Tanten hatten schon den Zider in der Hand, als der Briefträger klingelte. Röschen holte die Brille behutsam aus dem Pompadour und 'las vor. Sie las — und beide Tanten zögerten; Konnten sie — konnten Frauen aus Nakel so be- Carl Pisdtkc Inh. Otto Hoffmann Feine Schüttwaren nach Maß, besonders für Fußleidende Berlin WSO, Nürnberger Straße 66. f&ngmther:*SMnpMt 3X43. Tastet vor ihrem Gott erscheinen? Bald würde es ja aber von allen Anschlagsäulen in die Welt schreien (der italienische Vorname wird nicht über den alten ehrlichen Vaternamen hinweg täuschen —), daß Franz Brodzki — Tänzer geworden ist, daß er, der Enkel vom seligen Kohn für Geld im Berliner Blüthnersaal von jedem — wie Röschen sagt — ganz nach Belieben „madig“ gemacht werden kann. Tänzer! Ein Rumspringer! Tante Julchen erinnert sich nicht ohne Unbehagen an das Hin- und Herwippen, das In-die-Höhe-fliegen vieler Tarlatanröcke der Dell Era im Berliner Opernhaus. Sie hat damals immer wfeggesehen, der Anblick war ihr zu unsympathisch. Jetzt aber sprach man ja sogar von Nackttänzen, für die der kürzeste Rock immer noch zu lang sein sollte. — Wenn Franz denn schon durchaus Künstler sein mußte (ausgerechnet!), warum nicht Standesgemäßeres? — Zufällig steht die Wohnung nicht leer, daher lautet die erste Frage: Wo schläft der Junge? Denn — das merken die Tanten gleich — ihre Liebe gehört ihm immer noch, ihm, dem Franz, der so fein und so fleißig, der so gut geraten war. Mit einem Sprung scheint er gleich wieder mitten auf dem besten Platz in den Herzen der Tanten zu thronen. Für sie bleibt der jetzt Dreißigjährige „der Junge“ — daran soll sich nicht auch noch was ändern; das fehlte noch. — Franz ist rücksichtsvoll und herzlich. Seine Augen leuchten als wollen sie Zeugnis für den ganzen blauen italienischen Himmel ablegen. „Ihr armen Würmchen“ denkt der Junge und gibt sich die größte Mühe, den Tanten wohlzutun. — „Eigentlich merkt man ihm absolut nichts an“, stellt Tante Röschen erleichtert fest, „nur daß er in Florenz einer der beliebtesten Tänzer geworden ist und daß er eine riesengroße Mappe angefüllt mit glänzenden Besprechungen und eigenartigen, sehr, sehr eigenartigen Photographien mit sich führt, -- das ist das Bedenkliche.“ Die guten Tanten! Sie reiben sich ganz im geheimen die Augen und dann steht cs für sie fest: Nichts anderes bleibt ihnen übrig, als des Neffen Interessen zu teilen: Sie wollen ihn doch behalten, behalten um jeden Preis. „Geben wir uns jetzt keinen Dreh“, flüstert Tante Röschen, „so wird er 1111s fremd, fremder noch als durch die lange, brieflose Entfernung. Schon nach einer Woche sprechen die alten Damen von Beziehungen, die geschaffen werden müssen, von Agenturen, Kritikern und Mäzenen. Wer sie hört, schwört darauf, daß! sie sich' seit Jahrzehnten in religiöse und groteske Tänze vertieften, in Gruppentänze, in Bewegungsorgien ieder Art, daß nicht eine neue Note in der Tanzkunst ihnen entgeht. Leicht ist es nicht, aber es muß! sein; denn es ist der Kaufpreis, für den sie den Jungen behalten. — Tante Röschen studiert in jeder freien Minute Oskar Bies großes Werk über den Tanz (nebbich', es hat 300 Seiten);. Tante Julchen interessieren besonders rhythmische Hebungen für Frauen nach der Schulung Rudolf von Labans.. (Man kann nicht wissen — ein -Versuch müßte im stillen Schlafzimmer gewagt werden.)! Der Dauermieter, Agent Levy, stellt sein helles Zimmer zur Verfügung. Auf allen Stühlen funkeln sorgfältig ausgebreitet Franczeskos Kostüme. Sonderbar anzuschäuende Gestalten fragen nach Franczesko Brodzki. Oeffnet ihnen Tante Röschen die Tür, so können weder breitkrämpige Künstlerhüte noch! langwallende, Haare sie aus. den Fassung bringen. Ach', leicht ist das alles nicht! Die Tanten, seufzen, wenn sie beide allein sind, nur wenn sie ganz allein sind. Was erlebt man nicht alles, bis die Siebenzig erreicht sind. „Weißt du“, hat Röschen jetzt schon mehrmals geäußert, „weißt du, Julchen, Mütter sind nicht zu beneiden. Wenn sie nicht „Ja“ und „Amen“ zu allem sagen, sind sie — nebbich' — die Schlechten. Wie oft häb’ ich midi über Pinchen1 Lesser gewundert, weil sie aflei Sprünge von der Tochter mitgemacht hat. Das sag’ ich' dir, Julchen, von jetzt ab hör’ ich auf, mich' zu wundem — man tut den Alten bitter unrecht, wenn man sagt: „Ich wundere mich'". Alles soll man begreifen. Mit unserm Jungen — das geht ja noch» er liätt’ noch1 auf Schlimmeres verfallen können — meinst du nicht, Julchen?“ Julchen meint; „Tänzer sein ist „sogar“ interessante Neuerdings trägt Tante Rosdien täglich ihr zweitbestes Kleid, das im Modesalon Gereon bestellte damals — Gott, ist das lange her, — für Lugano — das bordeaufarbene, mit den vielen schwarzen Knöpfen — täglich, ohne es zu schonen — keine! Kleinigkeit! Manchmal wirbelt es ihr im Kopf — aber wozu es merken lassen?) Beide Damen haben 4 bei allem, was sie im Leben traf, Haltung bewahrt. Es gibt sogar Leute, die sagen: „Fräulein Kohns sind verstochen.“ Das ist aber eine himmelschreiende Ungerechtigkeit Fräulein Kohns ließen sich' nur nie gern in die Karten sehen. Wozu auch? Bemitleidet wollten sie nicht sein, und freuen taten sie sich1 auch lieber allein: Freuen? Die Male in den letzten Jahren sind doch1 zu zählen «— freuen —!?. Wehmütig lächeln die Tanten. Niemand denkt jetzt an den Mülleimer. Der Aufwartefrau müssen zwei weitere Stunden zugebilligt .werden, ändern läßt„ si.ch!vdas^ia_immer_wiedeL. Nichts scheint mehr ungewöhnlich im K^Kn’schen Reich. Ja, es kommt sogar vor, daß die Tanten „auswärts“ Mittag essen — bei Berg oder Elkan. Viel Geld hat Franczesko zwar nicht mitgebracht, aber es reicht doch, um die alten Damen gelegentlich auszuführen. Von der Zahl der Jahre und der Schwere der Zeiten sind Fräulein Röschen und Fräulein Julchen — wie könnte das auch anders sein? — jeden Tag ein klein klein wenig krummer gehämmert worden. Nicht nur äußerlich. Franczeskos Anwesenheit macht sie neuerdings an jedem Tage wieder ein klein klein wenig gerader — aber nicht nur äußerlich'. Sie sehen wieder ein bißchen mehr vom Himmel. Und wenn der Neffe — wie es seiner Galanterie entspricht — den Tauten beim Kommen und Gehen die Hände küßt, so bebt ein längst Verklungenes in ihnen. Ist s doch jedesmal als verschönte diese nie mehr gewährte Höflichkeit, ihre einst zarten, vom Arbeiten nun unbarmherzig vergröberten Hände. — — Eines Tages aber — Franczesko ist kaum vierzehn Tage in der Münzstraße — eines Tages tritt das Unerwartete ein: die Tanten fangen an stolz auf den Neffen zu werden; „eingebildet“ konnte man auch sagen. Sie gehen nicht mehr scheu an den Hausbewohnern vorüber. Wie wenig liegt daran, arm zu sein? Eigentlich’ gar nichts. Man unterscheidet sich ja trotzdem nicht wenig von den andern. Was wissen die von Kunst? An den nächsten Freitagabenden wickeln die Schwestern mit gänzlich veränderten Gefühlen den Zider in das Zeitungsblatt. Sie wissen selbst.gar nicht, wie verwandelt sie „die Schul“ betreten, durchaus nicht mehr befangen, als müßten sie Gott um Verzeihung bitten — nein, stolz auf Franczesko flehen sie um Gelingen und um gute Kritiken. Hinter fest verschlossenen Türen proben Röschen und Julchen ihre Festkleider an. Ein bißchen zu weit sind sie geworden (wie sollten sie nicht? Zwölf Jahre auf Bügeln, eingesteckt in weiße Laken), aber die Kanten sind echt und die FaQon ge-, rade wieder hochmodern geworden. Zwar die runden großen Granatbroschen sitzen etwas unmotiviert oben am Kragen, und die vielen Armbänder fänden vor den prüfenden Blicken eines Juweliers Unter den Linden keine Gnade. (Gottlob, daß die Forderung für diese Erbstücke von Friedländer abgelehnt wurde.)! In der letzten Nacht vor Franczeskos Auftreten — wie sollte es anders möglich' sein: „Schläfst du, Julchen? Ich' kann kein Auge zutun.“ Schlecht geschlafen haben sie ja schon von dem Tage ab,’ als Franczeskobei ihnen und. in ihnen alles urage-, \vsdRtelt hät. ,X;'Y!"H * ' / #' Trotz innerer und äußerer Unruhe verschönt das lebendige Leben die Tanten am 15. Januar viel mehr als die guten seidenen Kleider (lila Grund, weiß gepunktet). Nachmittags stärken sich die Damen erst noch’ bei Gumpert mit starkem Kaffee (extra gut). Agent Levy begleitet sie; er ist selbst verständlich Besitzer eines Freibilletts (Platz 8Mu Von Gumpert gehen die Tanten direkt zum Friseur.! Sie erkennen sich selbst nicht und einander noch weniger mit ihren ondulierten Köpfen. (Die vielen! Haarnadeln sind auch nicht gerade ein Vergnügen.} ■ h Me Römer im Taunus M niederließen, erkannten sie sofort den hohen Wert der dort entspringenden Kochfalzquellen. Aus den beiden * besten derselben werben seit 40 Jahren die bekannten Fays echten Godener Mineral-Pastillen hergestellt, die gegen Husten, Heiserkeit ünd Verschleimung Weltruf genießen. Friedrichstraße 59/60, Ecke Leipziger Straße Etablissement £ M,Uhr Täglich 7y,.Uhr ->'§ Unsere Ueberraschungen im 0 :;grofr ,-März - Programm Ludwig Trautmunn der bekannte Filmschauspieler und Meister-Rezitator mit dem Geigen-Virtuosen Dr« JliL Siber Rath«Rex / Jimmy Mc. Arley Melitta Kiefer u. Heinz Ludwig -LotteHane u. Sle^wart Ehrlich .?'&&'■' VT«»!**' f E. W. Namarra Die tanzende Modenschau Kta. p--e -l 1 e V i o t e n und anderes mehr