Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 12 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Obgleich Leine besonderen Einladungsschreiben ergangen warm, konnte Herr Dr. Mayer seine interessanten Ausführungen über Wesen» Zweck und Ziele dieser Bewegung vor der restlos vLrsawmelte« jüdischen Gemeinde vortragen. Herr Dr. Mayer verstaub es durch seine geistreichen und mitreißenden Worte, das Interesse seiner Zuhörer zu wecken und wir glauben, daß auch hier die Bewegung einen fruchtbaren Boden und manchen Förderer gefunden hat. •v?~ - . -- - Hamburg. Am II. d. Mts. fand eine Veranstaltung der hiesigen Ortsgruppe der Bereinigung für Las liberale Judentum statt, zu der Herr Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. Main als Referent gewonnen worden war. Der Leiter der Brrsammlung, Herr Dr. Urias. gedachte zuerst in warmen Worten des am gleichen Tage erfolgten Hinfcheidenv des Herrn Max Friedländer, der feit vielen Jahren einer der eifrigsten Förderer der liberalen Bewegung in Hamburg war. Dann erstattete Herr Rabbiner Dr. Seligmann fein Referat, in dem er im wesentlichen folgendes ausführte: ' Bis vor ca. 150 Jahren, z. Zt. Mendelssohns, hatte das Judentum feit zwei Jahrtausenden seine äußere Form fast unverändert bewahrt. Solange die Juden im Ghetto vereinigt waren, bildete die Meinung der Glaubensgenossen einen AnhEspunkl, der ifctt Einzelnen das treue Festhalten an den Formen erleichterte. Es gab damals nur Extreme, Keinen Uebergang zwischen der jüdischen Erziehung und "der andersgläubigen, so daß jemand, der nicht alles halten Konnte, was damals gefordert wurde, sehr leicht ganz den Zusammenhang mit dem Judentum verlor. Die liberale Bewegung stellt dieses Bindemittel dar. Es darf allerdings unter Liberalismus nicht Jndifferentismus verstanden werden. Es gibt in Deutschland, und vielleicht in der ganzen Welt Tausende von Juden, die anscheinend nichts mehr vom Judentum wissen, aber dennoch ein warmes Herz haben, wenn man sie um finanzielle Opfer bittet, und es sehr unangenehm vermerken, wenn man sie nicht mehr zu den Juden zählt. Diese wieder zu wirklich religiösen Menschen zu machen, und ihnen die Kenntnis der hohen geistigen Werte des Judentums zu vermitteln, ist w i r k l ich liberales Judentum, wie es von uns geübt werden soll, wie überhaupt die Verbreitung jüdischen Wissens eine unserer wichtigsten Aufgaben ist. Der Redner betonte, daß es wesentlich sei. nicht immer das Trennende zu betonen, sondern das Gemeinsame zwischen uns und den anderen Richtungen herauszufinden. Mit den Orthodoxen haben wir gemeinsam, daß wir wie sie das Judentum als eine religiöse Gemeinschaft auffassen und verehren. Es besteht ein Unterschied zwischen Pietät und Religiositat. Religionsoorschriften, die nur aus Pietät befolgt werden, dienen nicht innerer Frömmigkeit. Man kann eine Religion nicht ererben, sondern muß sie persönlich erwerben, und gerade für uns Liberale ist die Religion hauptsächlich eigenes inneres Erleben und nicht Gehorsam gegen unsere Bäter. Die Zeiten ändern sich, und mit ihr die Lebensmöglichkeiten, denen die äußeren Formen der Gottesverehrung sich anpassen müssen. Was die Rotte der Muttersprache im Gottesdienst anbetrifft, so ist es wünschenswert, einen großen Teil der Gebete in deutscher Sprache zu verrichten, da die Kenntnis des Hebräischen bei den meisten unter uns unzureichend ist. Schon zur Zeit der zweiten jüdischen Staatsform, als die Umgangssvrache der Inden das Aramäische war, hat man z. B. die KÄuscho in das Aramaische übersetzt, da man wünschte, daß das Volk die tzauptgebete völlig und gründlich verstehe. Dies zeigt, daß schon in den früheren Zeiten die Führer der Juden heit sich nicht auf hergebrachte Formen festlegten. Alles, was mit lebendiger Kraft wirken soll, muß sich dauernd ändern und den Zeitverhältnissen anpossen. Die Zionisten haben ohne Zweifel viel für das Judentum geleistet, und soweit ihr Programm eine Erstarkung des FudeMums mit sich bringt, und eine Wiedergewinnung von Interesse amjüdischen Lebens bedeutet»-, ist«kein. Grund vorhanden, diese Bestrebungen zu bekämpfen. Wir stimmen mit den Zionisten darin überein, daß viele unserer überlieferten 'religiösen Lebensgesetze heute nicht mehr beobachtet werden können» weil sie nur vor vielen Jahrtausenden einmal richtig waren. Wenn die Zionisten dann aber iveitergehen und den Sinn des modernen Judentums in der Wiederherstellung einer Volksgemeinschaft sehen, so trennen sich unsere Wege.' Zum Schluß wies der Redner noch einmal auf die Bedeutung dieser »ersten liberalen Zusammenkunft nach zehnjähriger Panse hin. Obgleich sich eine Reihe unserer Gegner eingefunden hatte, gelang es, die Versammlung unter dem erhebenden Eindruck des Vortrages zu beschließen, ohne daß in eine Diskussion «ingetreten werden mußte. Königsberg. Wir entnehmen der Königsberger Hartung scheu Zeitung vom 6. b. M.: „Ueber das Thema .Jüdische Jugendbewegung" führte Dr. Lewin i-n der „Vereinigung für das liberale Judentum" am Mittwoch etwa folgendes aus: Noch kein anderes Jahrhundert erkannte je der Zugend einen solchen Vorrang zu, wie wir heutigen es tun. Früher ward die Zugend da rauf deschränkt, zu lernen und sich zu bilden — zu lehren und zu führen blieb dem Alter Vorbehalten. Ganz besonders aber galt in der jüdischen Gemeinde stets die höchste Schätzung des Alters. Das 'Suchen nach neuen Werten, Las Verlassen alter Bahne», das blieb in ZlsraR Lem Alter Vorbehalten. Heute fordert bla Ä^endbewegung ihr Seibftbestlmmungsrecht. Di« Wurzeln dieser Periode bewegung ihr Seibftbestimmungsrecht. Di« Wurzeln dieser Periode liegen in der Zeit-der AufittLmng und der Aomantilk. Das 19. Jahrhundert brachte arns wohl eine ungeheure technische Bereicherung, aber glücklicher ist die Menschheit dadurch nicht geworden. DKeMechantsirrung und Materialisierung hemmte die Sünerttchkeit der alten Zeit-der Postkutschen. Diese Schäden ernannte die Zugend deutlicher als das Alter, sie sah ein. wie krank und morsch die Zivilisation war. Die Alten hatt-rn kein Verständnis tür die neue Weitanschauung der Zugend» so kam es zu einem tiefgehenden Zwiespalt. Auch die jüdische Zugend konnte an dieser Entwicklung nicht vorübergeheu, sie wurde aber von den anderen Zugendbünden zurückgewiesr-n,' so mußte sich eine eigene jüdische Jugendbewegung bilden. Die jungen Menschen suchten nach den positiven Kräften des Judentums. — Die Eltern vermochten es nicht, auf diese Fragen Antworten zu erteilen. Sie stunden der durch den Antisemitismus hervorgerufenen Seelennot ihrer Kinder verständnislos gegenüber. So war auch hier der Zwiespalt gegeben, und da die Juden konsequenter und rationaler sind als irgend ein anderes Volk, so wurde der Gegensatz zwischen Jugend und Alter hier auch besonders stark. ES ergab sich ein hermetisches Abschließen der Jugend, eine GeheiMbündelei. Damit aber droht der kontinuierliche Zusammenhang, der das Judentum so mächtig machte, zu zerreißen. Line jüdische Zukunft ist nur denkbar, wenn der Zusammenhang mit den Wurzeln gewahrt bleibt. Mit dem Zerreißen der FamMeubande geht auch die jüdische Beiskakeit verloren. So Mdiert man heute lieber die Führer der deutschen Jugendbewegung — Wynrken und Blüher —, als daß man sich mit Moses und Jeremias brschäftWe. Oder es wird in einzelnen Gruppen der Materialismus offen proklamiert oder kommunistischeu Ideen gehuldigt. Eine Aenderung kann heute nur durch das Mitwirken der Elternschaft herbeigeführt werden. Die Ettern müssen zu der Jugend hinabsteigen, sie müssen Brücken schlagen zu den Herzen ihrer Kinder. Sie müssen selbst vertraut sein mit den Problemen, die die Jugend beschäftigen, sie müssen ihren Kindern das Heim zurückgeben, das jüdische Haus, nach dem sie sich sehnen. Nur so kann und wird es möglich sein, die Jugend zurückzugewinnen. — Die Diskussion brachte noch eine lebhafte Auseinandersetzung für und gegen die Jugendbünde." Landau (Pfalz). Am 14. März hielt der Syndikus der Vereinigung Herr Dr. Max Mayer den längst angekündigten Bortrag. Ausgehend von der Schilderung und Charakterisierung der verschiedenen Arten des falschen Liberalismus verbreitete sich der Redner über „Grundlagen, Ziel und Gegenwartsaufgaben des religiösen Liberalismus". Die unter den Juden in erfreulicher Werse erwachte religiöse Sehnsucht muß in die rechten Bahnen geleitet itnb zum Willen zum I u d e n t rr m gesteigert werden. Ohne Betätigung kann dieser nicht sein. Aber diese darf nicht dem Belieben und der Willkür des einzelnen überlassen bleiben, so daß — wie man so zu sagen pflegt — jeder seinen eigenen Schulchan Aruch sich schafft, sondern es muß die Gleichgültigkeit überwunden und das Gemeinschaftsgefühl geweckt werden. Zum Wahle der Gesamtheit hat jeder seiner Bequemlichkeit Opfer abzuringen. Ohne Opfer geht es nicht. Nicht ein gedankenloses starres Festhalten am Alten und Ueberlieferten führt zum Ziele, sondern die Uebung des Judentums muß im Einklang stehen mit dem Leben: Verstand und Gefühl müssen in gleicher Weise zu ihrem Rechte kommen. Es genügt nicht eine bedingungslose Angliederung an die Vergangenheit, sondern auch die Forderungen der Gegenwart und die Verpflichtungen gegen die Zukunft müssen berücksichtigt werden. Nach einigen Andeutungen über die Ausgestaltung des Gottesdienstes lGemeindegesang neben dem Kunstgesang u. a.) wandte sich der Redner in einem warmen Appell an das Elternhaus. Mit eindringlichen Worten, schilderte er die Bedeutung der religiösen Erziehung "öutch Lehre und Vorbild, durch die die Zukunft des Zubentums^ gesichert wird' und die Jugend nicht allein dem. Judentum wieder gewonnen und erhalten und gegen alle Gefahren des Lebens gefestigt werden kann, sondern auch die nur allzu berechtigten Klagen über die Einstellung der Jugend zum Judentum. über ihre Geringschätzung der Autorität der Eltern und der ihr durch Wissen und Erfahrung Ueberlegencn ihre Berechtigung verlieren werden. Die Reformbewegüng im vorigen Jahrhundert wurde in ihrem Entstehen und in ihren Leistungen gewürdigt, die Bedeutung der Richtlinien klargelegt. — Die erschienenen Gemeindemilglieder folgten mit gespannter Aufmerksamkeit den trefflichen Ausführungen des Redners und es darf wohl als der beste Beweis ihrer Zustimmung betrachtet werden, daß bei der Aussprache niemand sich zum Wort meldete, dagegen fast alle Anwesenden der Bereinigung als Mitglieder beitraten. Es ist zu Haffen, daß nun auch bald an die Gründung einer Ortsgruppe in Landau gedacht werden kann und daß die vielen, denen sicher die Liebe zum Judentum im Herzen schlummert und die gern für ihr Judentum leben und wirken möchten, in zielbewußter Arbeit zum Wvhle unserer Gemeinde und zum Heile des Judentums sich zusammenfinden. Potsdam. Indisch-Liberaler Jugendtag in Potsdam! Der Aussprache unö dem Beisammensein der Berliner und Magdeburger Ili-Mitalieder bei ihren Potsdamer Gastfrevndeu soll,, diese Veranstaltung dienen. Sonnabend, 14. März vereinig,, der Potsdamer In seine Freunde in einer geselligen Bera». staltuna, die zugleich der Begrüßung der Magdeburger Gas,! galt. Rach einem musikalischen und einem Gedichtoortrag » beide wohlgelungen — hielt der Potsdamer Rabbiner, Dr. Schreiber die Festrede. An das Purimfest knüpfte er „ um dann den Typ des heutigen indifferenten Juden darz«! steilen und in warmen Worten oen Ilt ln seinem Kampf geg«, diesen verderblichen Typ anzufeuern. Auch der Vorsitzende der Potsdamer Gemeinde sprach in einigen kernigen Wort«, seine Freude über die Itt-Bewegung und Jli-Arbeit und sein« Hoffnung für eine alückliche Fortentwicklung aus. 'Danach blieb man tanzend noch lange beisammen. Dem ernsten Teil der Jli-Arbeit war der Sonntag vormittag gewidmet. Dazu kamen die Gruppen des Berliner Zli « corpore an. Werner Basch - Berlin hielt ein Arsen „Ueber unsere religiöse Arbeit". Er knüpfte «, die Aussprache auf dem Delegiertentag in Magdeburg (3anuor 1925) an und berichtete von der religiösen Arbeu, wie er sie int Berliner Ili kennt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit, sagte er, liegt nicht in den Beranstaitungen, auf denen di« Jli-Mitglieder einen Portraa hören und dann nach mehr oder weniger an. regender Aussprache nach Hause gehen, sondern in der intensiven Arbeit in kleinerem Kreise, in den Gruppen. Hier werden di« Mitglieder zu aktiver Mitarbeit durch Ueberuayme von Reßraten veranlaßt, hier können sie wirklich durch Bibellesen, durch Eindringen Zn die jüdische Geschichte unb Literatur sich jüdisches Wissen erwerben. Die Pflege des Deutschtums fst st selbstverständlich, daß sie im Gegensatz zu dem meist so vernachlässigten Jüdischen gar keiner besonderen Erwähnung I* darf. Strittiger stnd die Freitagabend-Feiern. Ob in größerem, ob in kleinerem Kreise: womit sie füllen, mit Referaten und Di«. Kussionen wie an den übrigen Heimabenden, oder mit gemein, samer Lektüre irgendeines Werkes der schonen Literatur? Schließlich sei das Erlernen des Hebräischen eine nicht zu hart« Forderung an die Jli-Mitglieder. Auf dieses Referat folgte eine lebhafte Aussprache, an der sich unter anderem auch einige jüngere Potsdamer rege beteiligten. Besonders um die Fordcrung nach dem Erlernen des Hebräischen drehte sich die Debatte. Worin alle übereinstimmten, war der Gesichtspunkt, daß He. bräifch, wenn überhaupt, dann so erlernt werden müsse, dax man imstande sei die Bibel im Urtext selbständig leseu zu können. Andrerseits sei diese Forderung keineswegs eine conditio sine qua non für die Jli-Arbeit. Jm Gegenteil fei zu bedenken, daß positive Kenntnis der jüdischen Religiov und Geschichte einer so oft nur oberflächlichen Kenntnis des Hebräischen weit vorzuziehen sei, ein Standpunkt, der gerah bei der heute üblichen Praxis des Religionsunterrichts feine Berechtigung habe. Darauf folgte eine sehr humorvolle Rede des Magdeburger Rabbiners Dr. Wilde über „Die religiöse Fortbildung der Fügen d". Anstatt eine schwere theoretische Abhandlung vorzutragen, der zu folgen nach den vorausgegangenen Debatten gewiß nicht mehr' leicht gewesen wäre, erzählte Herr Dr. Wilde eine Geschichte. Jm Jahre 1935 treffen sich, so führte er aus, in einer neuentstandenen Stadt im Innern Afrikas mehrere ehemalige Ili-Freunde, die sich zusammenschließen, ganz frei von irgendeiner Rücksichtnahme auf Altes oder Bestehendes ihren eigenen Gottesdienst, ihr eigenes religiöses Leben neu schaffen. Zn diesen Formen wächst'dort ihre Jugend heran und bei einer feierlichen Gelegenheit hält jemand dort eine Rede über „die religiöse Fortbildung der Jugend", darin fordert er die Jugend auf, sie solle sich denken, ebenfalls in einer neuen Stadt sich neue Formen der religiösen Gemeinschaft zu schaffen. Unbehindert vom Alten oder vom Bestehenden solle sie nun ihre Meinung aussprechen. wie sie es machen wolle. Und damit schloß der Redner. In dieser reizvollen Form hatte Herr Dr. Wilde auf die Lösungsivexie für manche Probleme hingewiesen und der künftigen Diskussion im Ili über dieses Thema die Richtung gezeigt. Der lebhafte und herzliche Beifall bewies, daß die Zuhörer der Mahnung eingedenk fein werden, sich nicht über diese und jene Einzelheit endlos zu streiten, sondern auf das Ganze, das da werden sott, ihr Sinnen zu richten. Damit schloß die Tagung des Vormittags. Nach kilrzer Mittagspause zogen die Jli-Mitglieder untef heftigen und fröhlichen Schneeballschlachten durch den Park van Sanssouci nach der Station Wildpark. Dort trank man als Gast des Potsdamer Ili Kaffee und stärkte sich an Kuchen. Eine weitere gewaltige Schneeballschlacht, in der Berlin gegen Potsdam und Magdeburg kämpfte, schloß die Tagung. cie wird in ihrer rechten Mischung von Ernst und Scherz all» Teilnehmern eine liebe Erinnerung sein. Im Anfang des Sommers hoffen sich die Ili non Berlin, Magdeburg und Potsdam — wie im vorigen Jahr — wieder zu treffen, aber nicht zu debattieren und diskutieren, sondern um in Weltkämpfen ihre körperliche Ueberlegenheit sestzustellen. L. L. Ein verpfuschtes Leben? Heiteres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. Von A r k u r Schweriner, Berlin. X. (7. Fortsetzung.) Heimat, du Heimat! Zwei Tage Ausspauimng in der P o s -: n | <f> c n Kleinstadt. Mit einer richtiggehenden Bahn kann man dorthin gelangen. Ein geschichtliches Ereignis war es vor zehn Jahren geweien: vormittags fährt zum letzten Male der Omnibus nach Schönlanke und nachmittags läuft der erste Zug -ein. Was war die Gemeinde aufgeregt, als die -laubumkränzte Lokomotive-sichtbar wurde. „W i -2 das da a n k d in m t mit 'nein Pupperepu!" ruft begeistert Frau Jacobsohn. den fauchenden Auspuff des Lokomotivdampfes sprachgewandt beschreibend. Der Rabbiner begrüßt gleich nach dem Bürgermeister den Zug. Ilnsec Rabbiner kann reden wie ein Reichskanzler. Viel zu schade für die Gemeinde. Der kann es mir den Amtskollegen in Filehne und Schönlanke aufnehmen! Gleich bei der Probepredigt hatte er entzückt. „Sie hätten mal hören müssen, wie der Mann die Fremdwörter ausspricht, daß sic jeder verstehen kann!" „Wie der Alaun gesprochen hat — so zart, so empfindlich... wie wenn ein leiser Wind über die Menschen bläst!" „Endlich einmal ein Redner mit 'ncr Drösche, die Hand und Fuß hat!" So urteilten die Gebildeten der Stadt, und das war maßgebend. Zwei kleine Gruppen hatten Bedenken. — An der Spitze der einen der vereidigte Kill «rüderer Jakob, der der prinzipiellen Meinung war: ein unverheirateter Rabbiner wird gesellschaftlich zuviel abgelenkt. Mal wird er hier eingeladen, mal da, — eine Partie mit d em Rabbiner ist besser als mit einein Arzt, säst so gut wie mit einem Rechtsanwalt —, die Gesellschaften dauern' oft bis elf Uhr in der „Rächt", und dan n verschläft der junge Rabbi den Margengottesdienst. And wenn er das dreimal tut, ist er geliefert. Die zweite Gruppe bestand aus -einigen Schlachtern, die gehört hallen, der Rabbi wäre ein gestrenger Herr. Er hätte vor einem Zahre zwei Monate vertretungsweise in Wronke amtiert, und da wären von 50 Gänsen über zwanzig „trefe" gewesen. B e i einer „S ch a a l o h" p u st -e er so heftig, daß etwas platzen müsse . . . Können Sie sich denken, welch schweren Stand der Schachet bei den Schlächtern hatte! Aus Furcht vor tätlichen Beleidigungen verkündete er das „Trefe" erst, wenn er aus demSchlachtr a u m heraus war durch einen T ü r s p a l 1, um im Galopp davonzueilen. Als ich nach Haus kam, war.meine Mutter gerade dabei, eine Telegramm-Reklamation entgegenzunehmen. Die Frau P i n c z o w e r hatte gebeten, ein Telegramm für die Hochzeit ihrer Richte in Koschmin äufzusetzen. Was Zulius Kahn ausgeschrieben hätte, wäre zu lang: „Da Stephan jedes Wörtchen zählt, Habe ich den kürzesten Wunsch gewählt: Freude, Glück, Zufriedenheit Mögen bei Euch seien allezeit!"' Wer könne das bezahlen! „Und wo man hin hört, wird das Telegramm abgeschicki." Also schreiben wir: „Die herzlichsten Glückwünsche zur Hochzeit sendet Familie Pinczower." Zögernd kommt es heraus: „Meine Schwester hat gemeint, es müßt' in der Depesche drin Vorkommen etwas von einem „donnernd Hoch!" Mit einem donnernden Hoch ging das schmerzgeborene Telegramm an den festlichen Bestimmungsort.- Heimat, o Heimat! Wie fortgeschritten in der Kultur. Richts mehr von der traulichen Petroleumlampe. Gaslicht! Nicht nur Gas in der Stube, auch Gas — Gottesrounder! -— in — der Küche. „Grohartig!" sagte Frau Nathan zu -ihrer Nachbarin, die sich immer -noch nicht zu der revolutionären Neuerung entschließen konnte, ./großartig! Man hat keine schmutzigen Hände mehr, man hat keine schmutzige Schürze mehr, man hat keine schmutzigen Töpfe mehr: ein Dreh, ein Puff und es brennt!" — — — — — — — —- — — Was wißt ihr Großstädter von dem Sabbatfriede-n in einer kleinen Posenschen Stadt. Die Marktbewohner brauchen kein Kalendarium, um Sabbalanfang festzustellen. Wenn bei Gumpert Cohn der Rolladen knatternherunlergehl, daun.steckt man die Sabbatlichle an. Bis auf Marg-oninskis, die vorne streng geschlossen haben, aber hintenherum verkaufen, gibt es ausschl ießlich f r v m m t Leute in der Gemeinde. Der liberale Einschlag des Herrn M. ist nur auf die moderne Frau zurückzuführen. Die hat er in Polzi» weoen Rheumatismus kennengelernt — welcher einfache Provinziale kann sich Rheumatismus leisten! — und das war -fein Verhängnis. Sie zog ihn an! And was k a m h i m t e r h e r heraus? Sie stammte aus Hannover — das liegt schon nach Belgien zu! — und hatte nichts. Leute, die über ihre Verhältnisse gelebt haben! Und heute?! Nicht einmal am heiligen Sonnabend läßt s>r ihrem Manne Ruhe! Was die auch brauchen kann- Nichts ist ihr gut genug. Selbst ihr Zimmer hat sie sich >» Berlin tapezieren lassen! Dr es eines ehrbaren Chronisten Pflicht ist, die Wahrheit Z» sagen, muß hinzugeßügt werden, daß es noch einen Liberalen in der Gemeinde gab: den Stadtrat Cohn, reu Juden und Christen hochgeachtet. Bei Schwänlein kamen allabendlich die christlichen Honoratioren der Stadt zu einem Abendschopprn zusammen. Herr Cohn fehlte nie. Er trank mit, er sang mit ... Er war die recht: Hand vom Bürgermeister. Daß einer, der schon um 6 Uhr abends zwei Glas Bier -trinkt —- Abend für Abend und zwar vor dem Essen — kein guter Jude sein kann, ist klar. Aber dieser Assimilant hatte doch Takt. Jeden Sonnabend stattete er der Synagoge eine kurze Visite ab. Weil c[ nicht aufgerufen werden wollte — böse Zungen meinten, er könn: die „Brache" nicht auswendig — kam er erst stets zum Einheben. Rur am V e r s öhmun gs fest blieb Herr Cohn den ganze» Tag in der Synagoge. Und -das kam so. Als er vor dr-ei Jahren am 3vm Kippur das Gotteshaus ocgc» ein Uhr mittags verlassen hatte, ging ein Raunen durch die Reihe» der Andächtigen: „3 e h t g e h t er frühstücken!" Diese Randbemerkungen waren Herrn Cohn zu Ohreu flc" kommen und verletzten ihn in seiner Ehre. Um die Lästermäuiel M stopfen, blieb er den Tag über in der Gemeinschaft Frommen und las während der „SMchoth". in d enen er sich n':d,‘ zurecht finden konnte, das „Berliner Tageblatt". (Fortsetzung solgi.)