Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 12 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Punkt 7 V* haben die Tanten ihre einknöpfigen Hellgelben Glaces fest aufgepreßt. Im selben Moment pfeift unten das Auto. Franczesko ist schon früher mit der Elektrischen weg, aber Agent Levy verlaßt die Damen nun nicht mehr. In einem Auto fahren sie nach zwölfjähriger Pause!! Die Tanten sagen gar nichts mehr. Rasch, wie der Alexander- und der Schloßplatz jagt wehes Erinnern an ihnen vorüber: Vater — Mutter — Geschwister — alle in Nakel auf dem guten Ort — Reichtum — Armut ■— Alltag — Feiertag — (Tante Röschen benutzt, obwohl sie keinen Schnupfen hat, immerfort ihr Taschentuch, ein Tranchen nach dem andern drängt sich ihr ins Auge. Kaum hat Tante Julchen diese Tränen festgestellt, so geniert auch sie sich nicht mehr. Levy denkt, man könnte glauben, wir fahren zum Begräbnis.) Nur wenige Minuten weiter und der Portier des Blüthnersaals reißt den Wagenschlag auf. Ehe die Tanten sich besinnen können, steuert Agent Levy mit ihnen auf die erste Reihe im Saal zu. In Riesenlettern starrt sie das „Reserviert" an, reserviert für sie, die Hauptpersonen. (Neben ihnen die Presse.) „Der Saal ist" — Röschen flüstert es Julchen zu — „schwarz vor Menschen, kein Apfel kann zur Erde'fallen." Sie erkennen neugierige alte Bekannte, die den Enkel vom seligen Kohn tanzensehen wollen. Einige treten an die Tanten heran: „Ja, er muß morgen mit dem ersten Zuge fort — vorher eingegangene Verpflichtungen — Hamburg — Amerika — nicht zu ändern." Die Musik beginnt. Tante Röschens Herz schlägt wie ein Hammer an ihr gutes Kleid; Tante Julchen betet leise, ganz leise, — ihre Lippen bewegen sich unmerklich; im verdunkelten Saal kann es nicht belächelt werden. Röschen nestelt an ihrem Korsett — die Stangen drücken so furchtbar — sie erträgt es heldenhaft. Langsam schiebt sich der rote Vorhang auseinander, ganz langsam. Auf der Bühne bewegt sich nur einer und dieser eine ist ihres Blutes. Verstohlen suchen die Hände der Tanten einander, nur mit vereinten Kräften halten sie sich aufrecht. Beide unterscheiden nicht: hat sich der Sturm, der sie wie auf einem Schiff hin und her zu schleudern scheint, in ihnen erhoben oder im Saal oder hier wie dort? Julchen erinnert sich eine Sekunde an Capri, an die Ueberfahrt, an die Ausbootung, das Scnwindelgefühl, das Schwanken. Dann aoer folgen blitzschnell Minuten, die aufwärts führen, nur aufwärts. Freudentränen ’ schimmern in Julchens Augen, sie schämt sich ihrer nicht mehr, wischt sie nicht schnell ab. Alles sieht sie nur noch durch silbrigen Nebel. Zum letzten Male hat sich Franczesko verneigt. Langsam wird der eiserne Vorhang heruntergeschoben. Alle erheben sich. Bekannte sind zu Die weltberühmten amerikanischen Manischewitz-Mazzoth die unter strengster rabbinischer Aufsicht erzeugt und von vielen Rabbinern aller Weltteile als streng anerkannt werden, sind durch diS \ «au MM Generalvertretung für Deutschland 3. Weininger, Berlin Schönhauser Allee ISS * Amt Humboldt 1246 zu beziehen. Die soeben eingetroffene Sendung ist bald vergriffen, um rechtzeitige Bestellung wird daher gebeten. Freunden geworden. Sämtliche Mieter aus der Münzstraße scharen sich so fest um die Damen, als gehörten sie zur Familie. „Noch Minuten und alles ist vorüber" summt es in Julchen. Hoch aufgerichtet steht sie neben dem Neffen, der, schon umgekleidet, an sie herangetreten ist. Alle sonst für Tante Julchen wichtigen Angelegenheiten hat dieser Augenblick in ein Nichts zusammengeschrumpft, aufgelöst wie Schnee vom Sonnenschein. Was geht der kommende Tag sie an mit seinen gefürchteten Besprechungen, die kalt und grausam den Enthusiasmus dieser Stunde umbringen könnten; was bedeuten ihr die einförmigen arbeitsschweren' Tage, Monate, Jahre, welche ihr noch in der Münzstraße beschießen sein mögen? Julchen hat aus Nakel nicht viel klassische Bildung mit nach Berlin gebracht. Hörte sie andere zitieren, so kam ihr das immer etwas verstiegen vor; sie mochte dergleichen nicht. Aber in diesen Minuten gleitet etwas durch ihre Seele, das Gebildetere kurz dahin präzisiert hätten: „Ein Augenblick gelebt im Paradiese, wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt." Nein, so deutlich versteht Tante Julchen nicht die Stimme in sich, und hätte sie sie verstanden, so käme sie sich wohl schon morgen — spätestens übermorgen selbst total verrückt vor. Wieder stehen die Tanten in der Garderobe, wieder will der eine Gummischuh' nicht „an", wieder besteigen sie das Auto, wieder fühlt Julchen, daß die Stange ihres Korsetts furchtbar drückt, wieder jagen sie über den Schloß- und Alexanderplatz in die Münzstraße, wieder steigen sje die kahlen drei Treppen bis zu ihrer Wohnung herauf. Sonderbar, schon während des Heraufgehens scheinen die Tanten wieder ein wenig kleiner geworden zu sein. Wie klein wird das Leben sie wohl noch' hämmern? BÜGHERSCHAU. Die Ostjuden gehen den gleichen Weg, wie die Westjuden vor 150 Jahren: vom Ghetto zur europäischen Kultur. Wer dies erkennen will, der lese das Buch von H. D. Nomberg: Flügelmann, Novellen aus dem Jüdischen. Uebersetzt von Suhl. Verlag Schemesch-Leipzig. Die Sprache ist jüdisch. Das jüdisch-religiöse Ghettomilieu aber, sonst kennzeichnend für ostjüdische Erzählungen, ist verschwunden. Die erste Erzählung spielt in Warschau, die zweite in Bayern; aber auch der Held der ersten Erzählung hätte an jedem anderen Orte leben können. Nur dje Seelenverfassung des Helden verrät Juden einer Uebergangszeit. Aus dem alten Boden entwurzelt, in dem neuen noch nicht wurzelnd. Schwächliche Menschen, die reden und nicht handeln; die über Leben und Liebe philosophieren, die aber weder das Leben noch die Liebe gewinnen können. Der eine verliert den Verstand, der andere geht in den Tod. Dr. Georg Wilde. „Der Weg zu Gott.“ Von Georg Casper (2. Auflage, 6. Tauin Württemberg; Preis —.90 M. send, 42 Seiten, broschiert), Johannes Baum - Verlag, Pfullingen Eigenartig aut den ersten Blick und scheinbar ins Schwärmerische gehend, ist Caspers „Weg zu Gott". So für den flüchtigen Leser. Wer jedoch die wuchtigen Gedanken analysiert, die das Ganze bewegen, merkt, daß sich hier ein Menschenschicksal, eingeengt in dumpfe Mauern, nach Erlösung sehnt. Im Kämpf der Weltanschauung weicht das Wohlbehagen, das der Priesterberuf mit sich bringt, der schreienden Notwendigkeit Aufklärung zu erlangen. — Der frühere katholische Priester Georg Casper geht nach langjähriger Ausübung seines Priesterberufes erneut auf die Universität Kiel, um die innersten Wahrheiten philosophischer Gedankenwelt zu ergründen. Der Leser von Caspers Arbeit fühlt sich angernutet wie von einem platonischen Dialog. Gleich Plato sieht Casper die materielle Welt als die weit des Scheins an, und in den Dingen; wie wir sie konkret sehen, liegt gleichsam ein Göttliches, höchste Wahrheit, wirkliches Sein. Dieses Sein vermögen wir als Ebenbild Gottes zu erkennen. Caspers Ziel ist es, den Willen im Menschen zu höchster Entfaltung zu erziehen. Wir sollen immer mehr wissen, dann können wir wahrhaft glauben. An leicht faßlichen Beispielen führt uns Casper die Leiter höchster Begriffs hinan I und läßt Gott erschauen, wer ihn verloren hat, wer ihn sucht, wer ihn vertiefen will zu bleibender Stärkung, Was besagt das Ergebnis von Caspers feinsinniger Be. irachtung anders als das, was tief erfühltes Judentum uns lehrt: Entwicklung des Menschen zu hoch, ster sittlicher Kraft auf der Grundlage freier^ ungehemmter Forschung! Rabbiner Dr. Arthur Rosen t hat, Berlin-Licbtenberg, Roland von Bremen: Falsche Propheten. . Lumturo-Verlag, 1. Fildstedt, Bremen. Ein politisches Heftchen. Widerlegt die Dolchstoßlegende. Zeigt die Unwahrheit der modernen Judenfeinde. Interessant eine Stelle aus: „Vertrauliche Mitteilung Dr. Stresemanns an die Delegierten der Provinzialverbände der Nationalliberalen Partei in Berlin am 13. Oktober 1918": „Musterhaft sei die Haltung unserer Sozialdemokratie, namentlich des E b e r t , der Scheidemann weit über sei." Dr. Georg Wilde, Magdeburg. §251.Prcuß.-Staats-Cottcrie | || Hauptgewinn ev.: | SS 2 Millionen Mark SS Si 1 Million Mark jj 12». 1AOOOOO 8 21 jj 2 Gewinnt Ir .1000000. 1000000 600000 .4000001 ji 500000 M. Ä Gewinne i 300000 M. Ü Q Gewinne II fm i 200000 M. _ lOSKlOOOOQOj >4“™. 300000] 14^,700000 Ziehung 17. und 18. April 1G25 8 8 ll» V* Vi 1 Doppellos S 82 3,— 12,- 24,- 48,- M. pro 5«. ja Jj offeriert und versendet 8 II Staatlicher Lotterte-St»»eh«er H Ji Felld&enf el<l Ü || Berlin SW IS, Kommandantenstraße 69 || || Fernspr.: Qfinhofl 8897. Postscheckkonto Berlin 31157Ü Kalendarium ffir die Zeit vom 21.3. dis28.3.1925 März 1925 «War 5665 Sonnabend 21. 25. Aeumondveihe Docheuabschnitt: Dajakhel-Pkude. 12. 3, M. Kapitel 35,1—40,38) parschas Hachobesch (2. SM: Kapitel 12,1—20) Haftarah: Ezechiel Kap. 45,16; 46,1—18 Sonntag 22. 26. Montag 23. 27. Dienstag 24. 28. Mittwoch 25. 29. . Ion» Kippur Koton SNsfan 5685 Donnerstag 26. 1. Äosch/Chodesch Freiiag 27. 2. Sonnabend 28. 3. Wochen-Abschnitt: Dajikro Geschäftliche Mitteilungen. Die weltberühmten amerikanischen Manischewitz-Mazzoth' sind soeben in Berlin eingetroffen. Wir verweisen unsere Leser auf die Anzeige der deutschen Generaluertretung der Firma T. Weininger. Berlin, Schönhauser Allee 168, Amt Humboldt 1246. Der Vorrat kann nicht ergänzt werden, im eigenen 2v«i teresse ist rechtzeitige Bestellung empfehlenswert.! Das Billard zwischen den be'den Meistern Jean Bruno und Han» Weiß begann gestern im Margareien-Gaal del Eafö Zielka. Oer Anfang stand wie meist unierveri Wirkung des neuen Tuckes, und konnlen si« die Meister schwer in das richtige Tempo hineinfinden. 'Um zweiien Abschnitte des 'Turniers erzielte-Weiß in der vierten Aufnahme, eine sckön gespielte Serie von 58 4- und konnte dieser Folge hi der nächsten Aufnahme 8! anfügen. Auch 25runo, der schwierig: Anstöße brillant löste, kam etwas über da» schwierige Material hinweg, und spielten beide Meister einen unter diesen Aerhältntffen gut zn nennenden Lu chschnii von 16. Oer Stand der Partie ist: Weiß 1300 (inst. Vorgabe) 7 runo 880, so baß dieses Turnier, das als Doriurnier auf 2000 Löste gespien, einen wirklich nennenswerten Kampf lief ei. Die Spielzeiten -sind 4 Uhr nachm., 8 lh M abends. Das Haupiiurnier auf 3000 Bälle beginnt Mittwoch, d. 18. d, 3)1, nachm. 4 Lhr» © _ -- I Lebende Karpfen« Schleie« Brassen« Hechte und sämtliche anderen Sorten Flußfische und Seefische empfiehlt in nur erstklassigen Qualitäten Karl Vogler« Breslau, Markthalle II (Gartanstraße), Stand 234/36. — Telephon: Ohle 4542 OOGtDOOOOOOOOOOOOOOOGOOOOOGOOGOG BRESLAU Täglich Aaltreten erstklassiger Künstler Ia Küche und Keller Täglich Tanz Barbetrieb ^OOOQGGOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO© Ittgel «a. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilsah lang siestattet! Hans Rehbock & Go.f Molzstr.78 HMannHHi (a. Generalvertretung von Schiedmayer&. Söhne Freie Jüdische Volkshochschule Sonntag, den 22. März, vormittags ll Uhr, Logenhaus, Kleiststraße 10 Letzte Fortsetzung des Rezitätionszyklus: „Drei' jüdischeDiimooi“ ALEXANDER GRANACH Karten zu 2.— und 1,— Mk. an der Kasse und im Sekretariat bei Goldmann, Berlin SW 47, . Yorckstraße 88 G. 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