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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · page 11

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1 BÜCHERSCHAU, r . Z” ci Jahre km Lande der Bibel. Erlebnisse von Pastor Martin Thilo, Lic. theol. Dr. phil. — J. Meincke, Verlagsbuchhandlung, Neuwied a. Rh. 104 Seiten. Weder als ein an die Scholle gebundener Bauer oder Arbeiter, noch als ein flüchtig das Land und seine „Sehenswürdigkeiten" durcheilender Tourist kann män der Eigenart Palästinas gerecht werden. Mit einer gewissen geistigen Distanz und dennoch mit innerer Begeisterung muß man sich ihm zu nähern versuchen. Man muß die seelische Richtung der Vorzeit in die nüchterne Gegenwart hineintragen. Dann jst cs das Land der Bibel und strömt den wundersamen romantischen Zauber aus, der zum Erlebnis wird, ln solch tiefem Sinne hat sich der Verfasser in das heilige Land ein- ,,elühlt, als er vor 20 Jahren als Leiter der Waisenhausschule in Bethlehem wirkte. Voll warmer Frömmigkeit und starker Bibelkenntnis ist ihm hier das Verständnis für die heilige Schrift erst voll aufgegangen; so erscheinen zahlreiche ßihelstellen in einem neuen Lichte, weil für Thilo Palästina eben „das Land der Bibel" ist. Die Bodenbeschaffenheit und die klimatischen Verhältnisse, die Menschen und die Tiere, die alten heiligen Stätten Israels und des Christentums lernen wir durch das Auge eines modernen, tief religiösen Menschen sehen. Alle diese Eindrücke werden uns aber nicht in lehrhafter Darstellung vermittelt, sondern man merkt es jedem Satze an, daß die äußeren Bilder zu inneren Erlebnissen s ch gestaltet haben. Mit zäher Energie hat sich der Verfasser der schwer erlernbaren arabischen Sprache bemächtigt, deren Beherrschung ihn zu verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten aus dem arabischen Sprachgebiet angeregt hat. Ein anmutiger Anhang von 50 arabischen Sprichwörtern und Redensarten, die für das Leben und Empfinden des Volkes überaus bezeichnend sind, schließt das Buch, dessen Lektüre die Liebe zum Lande der Bibel zu vertiefen vorzüglich geeignet ist. Rabb. Dr. Löwenstamm, Spandau. Das Judentum. Von Dr. I. Weigl. (Zweite Auflage, Berlin 1924, Philo-Verlag und Buchhandlung G. m. b. H. 311 Seiten, broschürt.) Vorliegende Schrift ist in zweiter Auflage erschienen. Schon die erste Auflage interessierte mich gewaltig, so daß ich von der Lektüre nicht loskommen konnte, als wäre das Buch ein spannender Roman. Eine Unmenge von Büchern benutzte in dankenswerter Art eier Verfasser, was nicht nur ein Beweis von Gründlichkeit ist, sondern auch ein Zeugnis warmer Liebe, mit der Weigl in alle dunklen Schatten niedrigen Hasses hineinzuleuchten sucht, um mit Hilfe seines reichhaltigen Quellenmaterials eia beredter und eifervoller Anwalt einer guten Sache zu werden. Von der Warte nichtjüdischer Beobachtung ein Urteil über das Judentum zu fällen, ist wertvoller als vom Standpunkt jüdischer Perspektive, weil der feindliche Angriff das Wort eines Juden als parteiisch behandeln wird. ln echt populärer Form wird ein Gesamtbild jüdischen Denkens, Fünlens und Wollens vor unseren Augen entrollt. Selbst der ungelehrteste Laie, Jude oder Nichtjude, kann sich über alle die jüdische Welt bewegenden Fragen Auskunft holen. Kurz gedrängt gibt uns der Verfasser eine historische Uebersicht von den Uranfängen bis in die Neuzeit und macht uns mit der jüdischen Ethik vertraut. Geschickt und ohne lange Umschweife führt er uns in die Quellenkunde der jüdischen Religion ein und schildert Zweck und Inhalt der jüdischen Institutionen. In einem äußerst belehrenden Anhang Crnalten die breiten Massen Aufklärung über die Nomina „Israelit", „Hebräer", „Jude". Lehrreich sind auch der Abschnitt „Das Judentum als Staatsreligion" und die „linguistischen Bemerkungen". Ich wiederhole: Die Arbeit bewegt sich nicht in den Linien trockener Gelehrsamkeit, sondern ist durchglüht von einem erquickenden Sonnenstrahl, aus dem messianischts Friedensideal, Gegensätze ausgleichend, hervorleuchtet. Männer wie Weigl und Schriften wie die seine hat unsere chaotische Gegenwart nötig. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. Leo Loewy, Gott und Mensch. (Kurt Vieweg, Verlag, Leipzig und New York.) In unserer an wahrer Herzensbildung so armen Zeit ist tla ein Büchlein erschienen, das berufen ist, den Weg durch das Dunkel des Wahnes zu erhellen, viele auf dem Pfad des Glaubens festzuhalten, manchen bereits Abtrünnigen wieder auf ihn zurückzuführen. Niemand, der sich mit den Fragen Gottheit, Menschheit und Menschentum, Weltall innerlich beschäftigt, wird diese Qedankenlyrik aus der Hand legen, ohne in die von tiefstem Erleben durchpulste Geisteswelt des Dichters einen fesselnden Einblick getan zu haben. Bald fließen seine Verse in flüssiger Lebendigkeit dahin und überzeugen durch ihre schlichte Einfachheit, bald nehmen sie die dröhnende Wucht antiker Versmaße an, dann rollen die Distichen mit überwältigender Kraft. Der Dichter wendet tsich an die ganze Menschheit, er sagt: Wir alle stammen von einem Gott, Von einem Vater ab. Für ihn ist jede Menschenseelc ein heiliges Bild: Wie auch solch' Seelen nennen den Schöpfer aller Welt,— Gott wird den Geist erkennen, der tren zum Vater hält! Jede ethische Religion, jedes Bekenntnis zum Sittlich- Guten hat in seinen Augen Berechtigung, das Judentum pber ist ihm der Verkünder des Gottgedankens; so sagt er in der Ballade „Sinai": Doch Israel ward als der Priester entsandt, Die Wahrheit zu tragen von Land zu Land. Trotzdem ist der Dichter ein Deutscher voll lind ganz, imd ein Prachtstück der Gedichtsammlung, ich möchte beinahe sagen ein Musterbekenntnis eines deutschen Juden, stellt bGn „Deutscher Mensch" dar, der mit den Worten beginnt: Doch fragt ihr nun, warum ich Deutscher bleibe, Wenn meine Liebe gelt' der ganzen Welt. Dann spricht der Dichter von seiner Heimat, Mutte i*- sprachc, seinen deutschen Volksgenossen, an die ihn gemeinsames Leiden schmiedet, und schließt: So ward ich deutscher Mensch, bin es geblieben Und will es bleiben bis zur Todcsstund'! Das Buch bildet einen prächtigen Beweis gegen alle jene, die den deutschen Juden ihr Deutschtum absprechen wollen. ",' Eine höchst geschmackvolle Ausstattung macht auch -'Uberlich das Buch wertvoll; es ist wahrhaftig nicht zuviel, yenn man den ehrlichen Wunsch ausspricht, das Buch sollte 1,1 keiner deutsch-jüdischen Familie fehlen. Rudolf Bergander, Dans Kohn: Die politische Idee des Judentums. Meyer & Jessen Verlag München 1924. Preis drosch. 2.50 Mark. , Diese aus dem Gedanken Hermann Cohens und Bube es geknöpfte philosophisch vertiefte und inhaltlich bedeutsame *'Urze Darstellung der Auffassung Kohns vom Wesen, Werden und der Lehre des Judentums ist nicht aktuell und wesentlich genug, um ihr Erscheinen als besondere Broschüre k rechtfertigen. Sie wäre ein wertvoller Beitrag in einer Zeitschrift, wie etwa dem Juden, eignete sich dazu, in eine spatere Sammlung der gesammelten Aufsätze des Verfassers en,verleibt zu werden, rechtfertigt aber nicht die ihr durch die. Art der Veröffentlichung ^gewiesene Selbständigkeit. Dies zumal, als der Titel durchaus irreführend ist. Denn von Politik und politischer Idee im (jemeinsinn ist nicht die Rede. Die Herbeiführung des jüdischen Religionsideals unter den Menschen, die Verwirklichung des Messiasreichs auf Erden kann nicht mit dem Verfasser als politische Idee des Judentums erfaßt werden, weil sie religiöse ist, das heißt, weil sie sich an den Menschen als Einzelnen wendet und nicht an die Menschen in irgend einer Organisationsform. Politik ist nur Wirken für einen überindividuellen Verband, wie es Staat, Kommune, Wirtschaftsvereinigung tisw. ist, oder in Bezug auf einen solchen. Darum muß der Titel, der heute wie eine Spekulation auf die antisemitischen und philosemitischen Interessen wirkt, mit Entschiedenheit abgelehnt werden. Inhalt des Büchleins ist die Darstellung des jüdischen Wesens an Hand des geschichtlichen Werdens, begründet an der Jüdischen Lehre. Das Wesen einer Volksgesamtbeit ist nach Cohn in ihrem Woher nicht erklärbar weder aus Rasse noch Milieu, sondern feststellbar nur in seinen Wirkungen. Das jüdische Volk gehört, im Gegensatz zu vielen anderen zu denen mit ausgeprägter Eigenart und steht als das des Zeitsinns und Gehörs irn Gegensatz zu dem schaubegabten, raumerfassenden Griechenvolke. Den Juden treibt der immer wieder vernommene Aufruf seines Gottes zur ewigen Tat. Seinem Zeitsinn entspricht die fließende Psalmenlyrik, der Gott der Geschichte und das Ziel der messianischen Zukunft. In drei Begriffen hat diese jüdische Idee, die Kohn, wie gesagt, falscher Weise eine politische nennt, ihre Ausprägung im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung gefunden, in dem Gedanken des Bundes, des Menschen und des Reiches. Diese Begriffskreise werden dargelegt in ihrer Entstehung, Vertiefung und Auswirkung. Jede repräsentative jüdische Persönlichkeit und Strebung weiß der Verfasser in eine überzeugende Beziehung zu diesen drei Gedanken zu setzen und endlich im letzten Teile dieselbe durch Belege aus dem Schrifttum zu verankern. Es ist wenig Neues, was der Verfasser hiermit bietet und auch wenig Bestreitbares. Die Weite der Formulierung macht den Beweis und die Verknüpfung unwiderleglich. Was störend wirkt, und was auch veranlaßt gegen die Form der Veröffentlichung — nicht gegen den Inhalt — Stellung zu nehmen, ist die Tatsache, daß für den Wissenden die Gedanken absolut nicht neu und allzu stark au Cohen angelehnt sind, für den Laien die Sprache philosophisch zu tief und schwer verständlich ist. So bleibt der Zweck der Veröffentlichung unklar, da es für die jüdische und besonders die nichtjüdische Allgemeinheit als Propagandabroschüre nicht populär genug, für den jüdisch tiefer Forschenden, mit Ausnahme einiger weniger Gedanken, zu oberflächlich und bruchstückhaft bleibt. Es ist sehr schade, das feststellen zu müssen, da es uns an jüdischer Aufklärungsliteratur wesentlicher und vertiefter Art bitter mangelt. Dr. Erwin S e 1 i g m a n n, Frankfurt a. Main. Mendale Moicher Sfurim (Schülern Joonkew Abramowitsch), Gesammelte Werke. Autor. Uebers. aus dem J'ddischen von Salomo Birnbaum. Bd. 1: Schloimale. Mit Vorbemerkung und Vorspruch. Jüd. Verlag, Berlin 1924. (252 8. und Anmerkungen und Glossen). Der bedeutendste und beliebteste Humorist des Ostjudentums, der vielleicht als der Begründer der jiddischen Literatur überhaupt anzusprechen ist, soll uns deutschen Juden in dieser Ausgabe zum ersten Male in größerem Umfange bekannt gemacht werden, — sicher ein Verdienst des Jüdischen Verlags, zu dem man ihm von vornherein den besten Erfolg wünschen muß. Der vorliegende erste Band ist als Einleitung gedacht; er enthält neben einer Rahmen-Erzählung (dem „Vorspruch") die Selbstbeschreibung der lugend des Verfassers bis zum ersten Jahr des Jeschiwa-^. lebens einschließlich, aus Dichtung und Wahrheit zusammen*" gewoben. Die Geschichte allerdings ist nebensächlich; es ist die hundert Mal geschilderte Geschichte des Jungen aus gutem Hause, das dann verarmt, so daß der Junge als Kost- Esser studieren muß. Das Charakteristische des Buches liegt in der prickelnden und doch gemütvollen Milieu-Schilderung, wie der Dichter bei Gelegenheit selbst sagt: „Wir haben hier einen Antiquitätenladen für das altväterliche jüdische Publikum, . . . wie unsere Eltern lebten, Handel trieben und sich im Hause aufführten, ihr Blick auf Menschen und Menschlichkeit, ihre Gottesfurcht und ihre Weise in der Wohltätigkeit" (S. 239). Mit der behaglichen Breite eines Dickens, mit dem naiven Realismus des scharfen Beobachters, mit alles verstehendem und verklärendem Humor, seltener mit beißender Satire, aber stets mit dem berühmten jüdischen Lächeln unter Tränen, oft unterbrochen von unaufdringlichen einfachen, doch entzückenden Naturschilderungen, oft auch von Sentenzen kleinbürgerlichen Kalibers, so schlendert die Erzählung ihren Weg, mit Stehenbleiben und Abschweifen, — einen wundervollen jüdischen Spitzweg! Auch für uns deutsche Juden gibt sie nicht nur autentischen Bericht über die Jammerzustände des russischen Judentums um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, sondern einen wahrhaften Kunstgenuß ,— ein Zeichen, daß der Verfasser aus dem großen Menschentum der über Zeit- und Raum-Gebundenheit sich erhebenden Künstler schöpft! Daß er dabei in bestem Sinne volkstümlich bleibt, ist ein ganz besonderer Vorzug. Nicht ganz so uneingeschränkt kann die Uebersetzung gelobt werden. Sie sucht zwar mit Geschick das Gemüthafte des Jiddischen ins Deutsche zu übertragen, vergreift sich aber doch oft irn Ausdruck (z. B. im obigen Zitat „sich aufführen", „Blick", „Menschlichkeit"). Mich persönlich stört auch sehr die ungewohnte Umschreibung der jiddischen und hebräischen Worte (z. B. schon im Titel das a von •Mendale und Schloimale, das wir bei Ostjuden sonst als tonloses e hören), die oft seltsam Kunstausdrücken und Fremdwörtern widerspricht. Trotzdem — Mendale setzt sich siegreich durch — und wir danken von Herzen für seine und des Verlages schöne Gabe! Fuchs- Chemnitz. Beiträge zur jüdischen Kulturgeschichte, herausgegeben von der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Heft 1. Die Menorah des Chanukkahtestes von Erich Toeplitz. Mit 12 Abbildungen aus dem Archiv der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Frankfurt a. M. 1924. Als Festesgabe für Chanukkah war wohl die Abhandlung gedacht, die Erich Toeplitz unter vorstehendem Titel in der durch die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler herausgegebenen Schriftenreihe erscheinen ließ. Um das Urteil vorwegzunehmen: Die in dem Vorwort ausgesprochene Absicht, durch Beschreibung jüdischer Kunstdenkmäler einen abwechslungsreichen und eindrucksvollen Ausschnitt jüdischer Kulturgeschichte zu bieten, ist vollauf gelungen. In klaren, wissenschaftlich begründeten Ausführungen, denen zur Veranschaulichung eine Anzahl von Photographien beigegeben sind, entrollt der Verfasser ein Stück jüdischen Lebens aus der Zeit von etwa 1200 bis zur Gegenwart. Die Darstellung beginnt mit einem kurzen historischen Abriß über die Entstehung des Chanukkahfestes. Daran schließt sich eine fesselnde Abhandlung über die Menorah von der einfachsten Form des Steges als Träger der acht Lichter bis zu den kunstvollen Schöpfungen der italienischen Renaissance. Wichtig ist die Feststellung, daß die Menorah, die aus Bronce, Silber oder auch geringerem Metall bestand, nur : ein häuslicher Kultusgegenstand war; erst vom Mittelalter ab bildete sich die Sitte heraus, mit Rücksicht aut Fremde und Arme auch Menorath ln der Synagoge aufzustellen, die im Gegensatz zu der häuslichen Wand menorah als Stand menorah verfertigt wurden. Bekannt ist eine italienische Standmenorah aus Padua mit einer feinen Szene der Tempelweihe. Besonders bemerkenswert ist, daß dieser Leuchter entgegen der Vorschrift des Schulchan Aruch ungleich hohe Arme hat. Was den Schammcs betrifft, so hat man ihm im Laufe der Jahrhunderte die mannigfachsten Formen gegeben. Auf italienischen Menoroth tragen ihn bisweilen Fabeltiere oder Karyatiden; häufig ist ein Krieger oder Vogel der Träger. Besonders originell ist der Schammes an der Menorah In der Synagoge von Ober-Waldbelirungen. Hier ist er gebildet als ein Leuchtermännchen in der Tracht eines Juden aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, der einen Kerzenhalter in der Hand trägt. Die interessanten Ausfiinrungen des ersten Heftes erwecken in dem Leser den Wunsch, daß die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler bald weitere Veröffentlichungen folgen lasse. Rabbiner Dr. Italiener, Darmstadt Jüdische Plaizmusik auf der Marienbrücke, Ein altes Wiener Stadtbild. Von Josef Grob. In der Vorkriegszeit gehörte die Platzmurik zu dem unentbehrlichsten Kunstgenuß derbreiten Volksmasse. Nicht nur in der Metropole, sondern auch in jeder größeren Provinzstadt, in der ein Militärkommando stationiert war, durfte sich die Ortsbevölkerung von Zeit zu Zeit des Kunstgenusses von Musikklängen erfreuen. Es waren die Militärkapellen, die ein- oder zweimal wöchentii:h Platzmusik abhielten, zu der sich eine große Zahl glücklicher Zuhörer einzufinden pflegte. In Wien, wo die Musik mit der Seele eines jeden Ortsbewohners schon an der Wiege ein Bündnis fürs Leben geschlossen hat, genügten auch die vielen Militärkapellen nicht, und es fanden sich immer Musikkapellen ziviler Verbände, die den nimmersatten Wienern auf dem Gebiete des Musikgenusses Platzmusik machten. Dieser billige und für die Einwohner an der blauen Donau unentbehrliche Kunstgenuß hat mit Ausbruch des Krieges fast ganz zu existieren aufgehört. Die Militärmusik ist dazu herangezogen worden, die Landeskinder mittels fröhlich-lustiger Radetzkymärsche in die Schützengräben zu locken, wo sich die meisten von ihr mit den Blechinstrumenten an den Lippen den Heldentod erspielten, die Mitglieder der Vereinsorchester dagegen ließen ihre Instrumente in den Verbandslokalitäten für die bessere Zeit zurück, welche der Siegfrieden bringen sollte und zogen mit Blei und Schwert ins Feld* dieselbe zu erkämpfen. Manche sind nach vierjährigem Ringen zurückgekehrt,, viele auch nicht Pie* einstigen Veteranenverbände jedoch, bei welchen die Musikkapelle zur Unerläßlichkeit gehörte, sind eingegangen, und mit ihnen die in der Vorkriegszeit einzige Volksattraktion — die Platzmusik. Eine einzige, fast schon ein Menschenalter bestehende Platzmusik ist verblieben: die jüdische Platzmusik auf der Marienbrücke. Ihr Kapellmeister, Orchester und auch die Zuhörer bestehen aus einem lebenden Wesen, kaum einen Meter hoch und einen Viertelmeter breit, die Instrumentalien dagegen aus einer nach Ruhe sich sehnenden alten Geige, die oft nur mit zwei Spielsaiten ausgestattet ist. Die Abhaltung dieser eigenartigen Platzmusik ist von keiner Jahres- und Tageszeit abhängig, weil weder Kälte noch Hitze, Licht oder Finsternis dieselbe beeinträchtigt. Tage- und nächtelang, Sommers in größter Hitze und Winters in den strengsten Frösten wird auf der Marienbrücke Musik gemacht. Etablissement Friedrichstraße 59/60, Ecke Leipziger Straße 4 Uhr Täglich 7l/2 Uhr > Unsere Ueberraschungen im grog. März - Programm Ludwig Trautmann der bekannte Filmscbauspieler und Meister-Rezitator mit dem Geigen -Virtuosen Dr. JuL Biber Rath «Rex / Jimmy Mc. Arley Melitta Kiefer u. Heinz Ludwig Lotte Hang il Siegwart Ehrlich E. W. Namarra Die tanzende Modenschau Kapelle Vielen und anderes mehr

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