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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · page 12

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Werbt neue Mitglieder und Bekanntlich gehören zu Musikproduktionen unter freiem Himmel nicht nur eine größere Anzahl von Musikern, sondern auch, neben Streich- und Schlagwerken, in die Luft schmetternde Blasinstrumente. Daher ist es angezeigt, wenn man sich den Kunstgenuß der auf der Marienbrücke abgehaltenen Platzmusik gönnen will, sich der Stätte ganz zu nähern, wie es die Umstände erfordern, und dann erst würde es nicht schaden, mit Fernrohr und Hörrohr sich auszurüsten. Auf einem Raum von kaum einem Quadratmeter Breite kauert ein Wesen, das man nur im Hochsommer genau sich ansehen kann: ein Manderl, groß wie ein Volksschulknabe, dürr wie eine im Schaufenster jubilierende Banane, ein Au’ge ganz ausgeronnen, das zweite das Gegenstück einer gebrannten Mandel, ein Bart, zwei schmalen Zwirnsträhnen ähnlich, der sich den Luxus eines Kammes schwer zu leisten in der Lage zu sein scheint, die Wangen, wenn solche an diesem Zwerge überhaupt zu entdecken sind, nach innen ganz eingezogen, ein Steifhüterl von 34 Kopfweite mit unzähligen vom Alter der Zeit beigebrachteil Ventilationen, in Beinkleidern, die längst keine sechs Zentimeter des Herstellungsstoffes ihr Eigen nennen dürfen, und mit Schuhen an den Füßen, die für jeden zu Hühneraugen Inklinierenden das beste Heilmittel sein könnten, das ist der ewige Platzmusikant von der Marienbrücke. Zur Winterzeit würde man sich vergebens anstrengen, die Umrisse dieses Miiiaturbildes zu enträtseln. Da muß schon das Ohr herhalten und nicht nur .ein feines, unbedingt fachmännisches Ohr, sondern ein menschlich fühlendes Herz ist notwendig, um sich das von G- und D-Saite vorgespielte Bild in seiner Originalität vorzustellen. Jahrzehnte schon dient mir dieses Bild als Lebensorakel. Nicht immer ist es mir gut gegangen. Oft war ich schon dem Lebensüberdrusse nahe, und als es mir am schlechtesten zu gehen schien, da wanderte ich zur Marienbrücke, und kaum dort angelangt, war ich einer der Glücklichsten . . . Als ich in einem starken Schneegestöber am späten Winterabend der Marienbrücke mich näherte, bemerkte ich hart an der Marienstatue ein kleines Bündel schneebedeckter alter Fetzen. In Gedanken vertieft und vom Sturm gepeitscht, vergaß ich ganz die ewige Platzmusik dieser heiligen Brücke und glaubte, eine von einem, gewiß mit einem ganzen Gewände beschenkten Bettler abgelegte Garderobe zör mir zu sehÄ 0i8. Öftr jedoch, das schon so fiele eigene und fremde Leiden zu hören bekam, erhörte sich auch diesmal ein Bild, das in seinem Elend und Kummer selbst vom größten Kunstmaler realistischer nicht gezeichnet werden könnte. In Lumpen gehüllt, kauerte das alte Männchen an der Seite der heiligen Maria und hatte es vornehmlich auf die G-Saite, die bekanntlich strapazfähiger ist als ihre Berufsgenossinnen, abgesehen. Sie ächzte und stöhnte, die silberne G-Saite, und zog einem die menschliche Seele aus dem Leibe. Zumeist alte jüdische, noch von Goldfaden stammende, durchweg im traurigsten Moll gehaltene Weisen, die, wenn man ihnen mit Gefühl und Verständnis lauscht, eine lange, düstere Elendsgeschichte zu erzählen scheinen: ein armer, sehr armer Jude bin ich. Habe für Weib und Kinder, die in einem kalten, finsteren Raum verkommen, zu sorgen. Vor vielen Jahren kam ich, gezwungen vom Elend, aus 'dem weitesten Osten in diese mildtätige und glückstrahlende Wienerstadt. Jahrzehnte schon sitze ich hier und erbettle mir mit meiner Fiedel die nötigen päar Groschen auf Brot für meine hungernde Familie. Früher einmal, als die Menschen die gute Zeit für schlecht hielten und sich durch Feuer und Tod eine bessere zu erkämpfen gedachten« da ging es mir noch gut. Ich hatte täglich meine zwei, drei Sechserl zusammengebracht, das genügte auf Brot und Salz und einen Viertelliter Petroleum. Auch für Beheizung finden sich oft hochherzige Wohltäter, die mir ab und zu einige Kilo Kohle und Holz schenkten. Bekleidung war auch nicht sehr schwer zu bekommen. Was zählte bei den reichen Leuten eine alte Hose, ein Rock oder ein paar ausgetretene Schuhe? Es ging — ja es war schwer, aber es ging. Jetzt aber — jammerte die eingefrorene Silbersaite — jetzt ist's schlecht, gar nicht gut. Man gibt nicht, man schenkt nicht und dafür habe ich auch nichts; und ich armer Mann lebe leider noch, und das Weib zu Hause ist krank, und die Kinder frieren und selbst bin ich auch schon ganz eingefroren, kann aber nicht nach Hause, bis ich meinen Angehörigen ein Brot mitbringe. Spät ist es schon. Die Meihigen erwarten mich, harren meiner mit Sehnsucht und Hunger. Schenkt, gute Menschen, einem armen Familienvater auf ein Brot, — bittet die aus den Lumpen hervorsteckende Kinderhand eines Familienernährers, mit dem Ficdelbogen die G-Saite streichelnd — und . . . Ein heftiger Sturm riß rtiir den Hut vom Kopf und vertrug ihn in der Richtung zur Ferdinandsbrücke, wo er in den kalten Wellen des Donaukanals unrettbar unterging. Nachdem ich mich die Unmöglichkeit» meinen Hut zu retten, einsehend, umwandte, dachte ich1,« daß auch der Klumpen, der das lebende Elendsbild vorstellte, gewiß vom Sturm weggeflegt wurde, was jedoch nicht der Fall war. Sicherlich war der Alte zufolge des langen Sitzens in dieser Eiseskälte derart am Boden angefroren, daß selbst ein Orkan ihnnicht mehr wegzubringen imstande wäre. Ich ging, nicht ohne dem Armen zuvor eine Spende gegeben zu haben, die sicherlich noch lange für einen Laib Brot nicht ausreicht, und dachte mir: wieviele Menschen hätten es notwendig, des öfteren die Platzmusik auf der Marienbrücke sich anzuhören. Das Bild, das sie sich dadurch erhören würden, könnte nicht nur für sie Erleichterung bringen, sondern auch das traurige Los des armen Platzmusikers von der Marienbrücke vielleicht verbessern. Tante Cölestine. Von Lucy Ave llis. ,,Dic Nichtannahme des Opfers der Nichtfertigstellung des Kleides Deines Lenchens zu meiner Sophie mindert nicht den Dank zu Deinem Lenchen!" Müßte man nicht annehmen, daß schwere diplomatische Verwicklungen diesem Schreiben zugrunde lagen? Daß die darin enthaltenen scheinbar harmlosen Worte nur da standen, um einen tieferen, unheilvollen Sinn zu verhüllen? Aber nein, dieser Satz war wirklich nur einem von Tante Cölestines berühmten Briefen entnommen, die in der Familie, von einem Mitglied zum andern wandernd, stets einen Heiterkeitserfolg erzielten, um den moderne Schwankdichter die Autorin beneiden müßten. Bei dem oben angeführten Schreiben, das mir beim Kramen in alten Familienpapieren in die Hände gefallen war, handelte es sich um einen höchst simplen Vorgang: Tante Cölestines Brief war an ihre Schwester Amalie gerichtet, deren Tochter Lenchen aber hatte sich bereit erklärt, ihrer Kusine Sophie, also Tante Cölestines Tochter, den Vorrang bei der Schneiderin zwecks Anfertigung eines Kleides zu lassen. Das war der Tatbestand. Und nun, als ich das alte vergilbte Blättchen, über das wir oft so herzlich gelacht hatten, wiedersah, versuchte ich, mir der Tante Bild ins Gedächtnis zu rufen. Sie war von einer unwahrscheinlichen Güte, die Tante Cölestine, von einer Selbstlosigkeit, die wir törichten Kinder ia gar nicht erfassen konnten. Was unwiderstehlich auf unsere. Lachmuskeln wirkte, war eben die merkwürdig geschraubte Art ihrer Ausdrucksweise, die in ihren berühmten Briefen sich noch viel eigenartiger zeigte. Der Urgroßeltern jüngste Tochter war sie, mit ganz besonderer Sorgfalt erzogen, außerordentlich „gebildet" und „belesen". Anmutig und liebenswürdig soll sie gewesen sein und von ihrem Deklamationstalent wurde uns Kindern viel erzählt. Den Monolog der „Iphigenie" habe sie „wie die Wolter" gesprochen. Und als wir dann selbst große Heroinen hören und bewundern durften, war wohl das höchste Lob, das die ältere Gereration in unserer Familie spendete: „Wie Tante Cölestine!" Auch daß ein bekannter Arzt, der nun eine europäische Berühmtheit war, sie in seiner Jugend verehrt hatte, wob einen verklärenden Schimmer um sie. Damals hatte er als mittelloser Student bei Cölestines Eltern, den wohlhabenden Rabbinersleuten, einen Freitisch gehabt. Wie war da an eine Verbindung mit der fein erzogenen Tochter zu denken? Ach, und dann war trotz aller Klugheit und Vorsorge der Familie, oder vielleicht gerade deshalb, Tante Cölestines Ehe eine recht unglückliche gewesen. Der Auserwählte, ein gutmütiger aber unfähiger Mensch, hatte bald die ganze Mitgift verbracht. Was er begann, mißglückte. Cölestine war ihm nach Amerika gefolgt und von dort kehrte sie dann eines Tages mit einer blassen, mickerigen Tochter zurück. Die Söhne waren „drüben" geblieben und haben es später zu Reichtum und Ansehen gebracht. Für Tante Cölestine viel zu spät. Der Weltkrieg kam und jahrelang konnten keine Nachrichten, keine Geldsendungen aus Amerika sie erreichen; kurz vor dem Friedensschluß starb sie — in Dürftigkeit, wie sie immer gelebt hatte, — nichts ahnend von dem Wohlstand ihrer Kinder und ganz ganz allein. Etwas Eigenartiges ist mir noch in Erinnerung geblieben: Zur allgemeinen Verwunderung erschien Tante Cölestine nämlich eines Tages in tiefer Trauer. Niemand kannte zuerst den Anlaß. Dann erfuhren wir, daß der uns allen unbekannte Gatte in Amerika gestorben sei. Und um ihn, der doch zum mindesten keine Lücke in ihrem Leben hinterlassen konnte, wenn nicht gar sein Ableben eine gewisse Erleichterung bedeutete —, um ihn also trauerte sie? Aber das war keine äußerliche Geste, das war nur eine Bestätigung ihres wahrhaft vornehmen Charakters. Ihm, dem Vater ihrer Kinder, mochte er ihr auch wenig Glück bereitet haben, sollte dies Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu ihm nicht vorenthalten bleiben. Ganz schlicht bekannte, sie Abonnenten sieb so zu dem fernen Gatten. Wie töricht war cd von uns, dies als Verschrobenheit zu belächeln. I Obwohl nun Tante Cölestines Verhältnisse reclil beschränkte waren, blieb es ihre größte Leidenschaft! zu schenken. Nie besuchte sie uns, ohne ein GÜ mit „Eingemachtem" mitzubringen. „Saure Kiri sehen" waren ihre Spezialität. Meine Mutter machte! ihr dann ernste Vorhaltungen und bat sie, von alleml „Mitgebrachten" abzusehen. Tante Cölestine \\rar| leicht verletzt. Sie schwieg zu den Ermahnungen! aber sie änderte nur die Form ihres Schenkensj Freundlich lächelnd kam sie mit anscheinend leered Händen zu Besuch. Erst als sie gegangen, entdeckte! man in irgendeiner Ecke, unter den Polstern eines) Sofas oder in Kissen versteckt, das berühmte GlJ mit „Eingemachtem", von uns Kindern mit JubeJ geheul begrüßt. Diese ihre Manie führte leider J einem tragischen Konflikt mit Tante Cölestines! Lieblingsbruder. Auch er hatte sich alle Geschenke seiner Schwester aus Rücksicht auf ihren schmalen Geldbeutel ein für allemal verbeten. Aber als iinj ernste Erkrankung ans Zimmer fesselte, glaubte) Cölestine sein Verbot umgehen zu können. Nacij ihrem Fortgang wollte es das Unglück, daß der) Patient sich ermattet auf das Sofa niederließ, uw mit einem Schrei des Entsetzens aufzufahren. Hrl hatte sich auf eines von Tante Cölestines Gläsern! mit sauren Kirschen gesetzt und die Wirkung war fürchterlich. Sein Anzug, das Sofa, der Teppich wiesen Spuren auf, die jeden, dem die näheren Um} stände nicht bekannt waren, unbedingt auf eit« Meuchelmord hätten schließen lassen müssen. Der cholerische, durch seinen leidenden Zustand gereizte) Patient aber schrieb an die unglückliche Cölestine) einen so groben Brief, daß sie aufs tiefste gekränkt] das Haus des Beleidigers mied. Und sie betrat eq erst wieder als es zur Versöhnung zu spät war! als der Bruder sich über ihr „Eingemachtes" wedet) freuen noch ärgern konnte. Trotz der Tragik diesen Erlebnisses blieb Tante Cölestine ihrer Gewohn-i heit treu. Eigenartig war ihr Verhalten, wenn man sie ittl ihrer kleinen bescheidenen Häuslichkeit besuchte! Unermüdlich wanderte sie hin und her, um aus eine™ altmodischen Servante Teller und Gläser, Keks utii| Wein zu holen. Meine Mutter wehrte ab: „Laß| doch, Cölestinchen, wir essen wirklich nichts, kommen eben vom Frühstück". Aber die Tante hörte! schwer als sie älter wurde. Und so ging sie nwl freundlich lächelnd auf und ab, immer wieder zujl Keks und Wein nötigend. Von einer Unterhaltung) konnte unter diesen Umständen natürlich keine Rede sein. Sie erging sich dann meist in Klagen, die sie in wohlgesetzte Formen drechselte, darüber, daß sie die Mutter und uns so selten sah. In diesecjl Weise verstrich bei solchem Besuch die Zeit. Brach! man dann auf, so stieg ihre Verzweiflung auf deü|| Höhepunkt und es war sehr schwer, ihr endgültig! zu entrinnen. I| In ihren Geburtstagsbriefen an meine Mutten liebte sie es, dieser das Glück auszumalen, das sie im! Kreise ihrer „geliebten" Angehörigen genieße}) Solche poetischen Auslassungen trafen aber häufig ein, wenn in der weitverzweigten Familie irgend] etwas besonders „Mieses" vorgefallen war, UvH Tante Cölestines lichtvolle Schilderung der paraj diesischcn Zustände bei uns hatte auf meine Mutted stets eine Wirkung, die die Schreiberin sicher nicht!, beabsichtigte. , J Sagte ich schon, daß Tante Cölestine überaus) empfindlich war? Ihre Schwerhörigkeit mochte defll berechtigte Grund dafür sein. Sie hatte besondera) in größerer Gesellschaft oft die Empfindung, den! andern lästig zu sein, und da sie der Unterhaltung) nicht immer genau folgen konnte, war ein Anlaß! zu Mißverständnissen und Verstimmungen leichfl gefunden. Ein solches Erlebnis mag es gewesen sein, das die gute Tante Cölestine dazu trieb, <M| nachfolgenden Brief an ihren Neffen Isidor, cka(| Sohn ihrer Schwester Amalie, zu schreiben: 1 „Lieber Isidor, wenn Du, inspiriert von Deinen lieben Mutter Wunsch, mir eine so freundliche Ein I ladung sendest, so könnte mich nur diese Erwägung! von meinem gefaßten Entschluß, solche Gastrollull nicht mehr zu akzeptieren, dieses Mal dazu bestim4 men, dem himmlisch guten Walten Deiner MutterJ dessen ich mich zu erfreuen habe, entgegenzü4 kommen, um dessentwegen ich nicht vermag, andern ihr Aergernis zu bereiten. Ich freue mich deshalb) sehr, dieselbe zur festgesetzten Zeit und mit ihr dtäl eingeladenen Gäste, speziell aber Dich, begrüßt] zu dürfen, und verbleibe bestens dankend Deine Tante C. . Gute alte Tante C.l Während ich über DeinE Brief lächelte, übermannt mich ein Gefühl, das sidj| schwer in Worte kleiden läßt. Wie fein, wie gütig! warst Du bei aller Wunderlichkeit, aller Verschnür! kelung Deines Wesens, wie unbeirrbar war Deine» Anhänglichkeit, wie tief Dein Familiensinn! 0*i) warst für mich die letzte Vertreterin einer Gei*e'| ration, deren Charakter die Merkmale echten JudeN'I tums trug. Ein Strom von Liebe, der alle, die tW| nahe standen, überflutete, ist mit Dir versiegt.

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