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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■j 5. Jahrgang Nummer 11 ^2 Beilage 13. Märr isrs Oie jüdische Gegenwart. Vom Rat des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Wie wir erfahren, werden von den preußischen Rabbinern in i>en Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden inlgen&c Herren delegiert werden: Der Vorsitzende des deutschen Rnbbinerocrbandes Dr. Baeck, Rabbiner Dr. Horowih-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. und Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln a. Rh. Außer diesen vier Herren haben die beiden jüdischen theologischen Seminare in Berlin (Rabbinerseminar und Hochschule für die Wissenschaft des Judentums), sowie das jüdisch-theologische Seminar in Breslau Repräsentationsrecht. lieber die von diesen Instituten zu präsenbierenden Persönlichkeiten verlautet noch nichts. * * * hinein aus verschiedenen Wahlkreisen an den Preußischen Landesverband - jüdischer Gemeinden ergangenen Wunsche entsprechend, sind die Termine für die Wahlen zum Rate verlängert worden. Sie lauten nunmehr wie folgt: 1. Der äußerste Termin zur Einreichung von Wahlvorschlägen durch die Gemeinden (tz 12 'der Wahlordnung): 19. März; 2. der äußerste Termin für die Bekanntgabe der eingereichten Wahlvorschläge durch die Kreiswahlleiter (§ 12, Abs. 2): 24. März; 3. der äußerste Termin für die Abstimmung der Gemeinden (8 13): 5. April: 4. der äußerste Termin für die Feststellung des Wahlergebnisses durch die Kreiswahlleiter (§ 15): 12. April. Oer Sturm im Wasserglas- Aus der Berliner Reprosentantenversammlung. In der Sitzung vom 8. März wurden die laufe-nden Geschäfte erledigt. Auf der Tagesordnung stand aber auch eine gemeinsame Anfrage der Fraktion der Jüdischen Volkspartei und der konservativen Arbeitsgemeinschaft betreffend einen von der Naumann-Partei erlassenen Säulenanschlag, die von Rechtsanwalt Dr. Klee eingehend begründet wurde. Er behauptete irrigerweise, daß in dem Vorwurf Naumanns 'in der Berliner jüdischen Gemeinde herrschten skandalöse Verhältnisse, der Vorwurf der Ehrenrührigkeit gegen die Gemeinde-Verwaltung enthalten sei. Er sollte überhaupt den großen Schlag gegen die liberale Partei einleiten, der mit der dringlichen Anfrage beabsichtigt war. Da die Liberalen aber durch Rechtsanwalt Heinrich Stern sofort erklärten, daß der Aufruf weder von liberaler Seite veranlaßt worden sei noch von den Liberalen gebilligt werde, so war der zionistischen Agitation das Wasser abgegraben. Für den Gemeindevorstand gab der Vorsitzende, Kammergerichtsrat Wolfs, folgende Erklärung ab: ,Aer Vorstand mißbilligt, daß bei der Wahl zum Preußischen Landesverband von verschiedenen Seiten mit unzulässigen Mitteln gekämpft worden ist. Er erachtet insbesondere als unzulässig, Angriffe auf Einzelpersonen durch öffentlichen Anschlag. Der Vorstand ist jedoch nicht in der Lage, gegen den Gebrauch solcher Kampfmittel einzuschreiten." , Es entspann sich eine längere Diskussion, aus der besonders die bemerkenswerten Ausführungen des Herrn Präs. Türk und des Herrn Justizrat Hugo Sonnenfeld hervorgehoven zu werden verdienen. Herr Prof. Türk führte etwa folgendes aus: Die Interpellation pichtet sich gegen einen Mann, der hier nicht anwesend ist und gegen eine Partei, die hier nicht vertreten ist (Zwischenrufe: Das wäre noch schöner!) Sie können gar nicht wissen, ob nicht Herr Naumann bei den Repräsentantenwahlen, die uns bevorstehen, eine eigene Liste aufstellen und dann in unsere Versammlung eintreten wird. Ich fühle weder Beruf nach Neigung ln mir, hier als Verteidiger des Herrn Naumann aufzutreten, um so weniger, als ich der Ansicht bin, daß er Manns genug ist, sich selbst zu verteidigen. Es ist gegen Herrn Naumann der Vorwurf erhoben worden, daß er in den Wahlkampf durch ein Plakat an den öffentlichen Anschlagsäulen eingegriffen hat. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß auch ich nicht wünsche, daß wir unsere Gegensätze an den Anschlagsäulen cmskämpfen. Aber die Gerechtigkeit gebietet, festzusiellen, daß Sie von der Volkspartei mit dieser Methode begonnen haben. . Solange wir Liberale und Konservative allein in dieser Versammlung waren, haben wir unsere Kämpfe stets als eine inner-jüdische Angelegenheit angesehen. Sie haben die Methode der öffentlichen Kundgebungen an den Anschlagsäulen ieingeführt. And wenn wir unseren Unwillen darüber äußerten, haben Sie uns mit Hohn überschütet und gemeint, wir haben noch die alte Getchofurcht in den Knochen. Jetzt ernten Sie die Früchte Ihrer Kampfesweise. Herr Dr. Naumann ist nur Ihr gelehriger ScWer. Sie haben seinerzeit in einer öffentlichen Ankündigung an den. Säulen den Namen Ludwig Geigers angeprangert, als Ihr neuer Gemeinden er ein ein Scherbengericht über diesen Mann abhalten wollte. Sie haben also kein Recht, sich zu beklagen: .Qms tulerit Gracchos de seditiioae querentes. Wenn der Verband der deutschen Juden in dem Plakat von skandalösen Zuständen in unserer Kultusgemeinde spricht, so habe ich namens meiner Fraktion zu erklären, daß wir diesen Ausdruck nicht minder scharf verurteilen als Sie. Vor allem deshalb, well dieser Ausdruck ohne jede nähere Begründung denjenigen, der unsere Gemeindeverwaltung nicht kennt, auf den Gedanken bringen kann, daß es sich um moralische Schäden in unserer Gemeinde handelt. Darum müssen auch wir dieses Wort mit Entschiedenheit zurückweisen. Aber warum gießen Sie die ganze Schale Ihres Zornes über Herrn Naumann aus? Am 3. Januar fand eine Wahlversammlung der jüdischen Volkspartei statt, in dieser tausendköpfigen Versammlung (Zwischenruf: dreilausend!), schön, vor dreitausend Zuhörern, sprach der Gemeinde- Vorsteher, Herr K a r e s k 4, von den skandalösen Zuständen in dem Gemeindevorstand. Ich nehme an, daß Herr Dr. Klee nur vergessen hat, an den Vorstand die Frage zu richten, was er gegen sein eigenes Mitglied zu tun gedenkt, das in dieser Weise öffentlich das Ansehen des Gemeindevorstandes herabseht. Herr Kareski und Herr Naumann arbeiten mit den gleichen Mitteln. In derselben Versammlung hielt Herr Oberregierungsrat G o sl a r eine sehr sympathische Rede, über deren sachlichen Inhalt naiürlich sich streiten läßt. Der Grundgedanke des ersten Teiles ist die Mahnung, den Wahlkamps vornehm und anstänbig zu führend Anmiitelbar darauf nahm Herr Kare Ski das Wort, um in einer Weise, für die mir der parlamentarische Ausdruck lehlt. zwei liberale Mitglieder des Gemeindevorstandes persönlich unzugreifen. Er verkündefe der sensationshungrigen Menge, daß das eine Mitglied des Äorstandes seine Söhne nicht habe-beschneiden lassen — was sein gutes Recht ist — daß das andere Mitglied in einer Mischehe gelebt habe. Ich überlasse es Ihnen, Herr Goslar, zu entscheiden, ob diese Kampfesart in Ihrem Sinne vornehm und anständig ist. Auf dem Plakat hat Herr Naumann die beiden „Regierungs- Zionisten" Badt und G o sZa r mit Namen genannt. Die Frage, ob Zionisten Staatsamter bekleiden dürfen, ist mannigfach erörtert worden und Herr Goslar hat kürzlich seine Stellung zu dieser Frage in einem vielbeachteten Aufsatz dargelegt. Ich persönlich bin allmählich zu der Ansicht gelangt, daß man die Entscheidung darüber am besten den Herren selber überlassen solle. Herr Goslar hat seinen Zionismus dahin erläutert, daß Palästina dasjenige Land sei, in dem die Wiedervereinigung von Volk und Thora, Thora und Volk allein möglich sei. Das lst Romantik, eine Romantik, die an den harten, nüchternen Tatsachen zerslattern muß. ES geht dem Zionismus wie dem Judentum. So viele Juden, so viele Iudentüm-er. Aber wenn Ihr Zionismus wirklich so unpolitisch ist, so hören Sie doch endlich aus. davon zu reden, daß wir im Galuth leben. Sorgen Sie dafür, daß jior nistische Religionslehrer ihre Schüler mit der Behauptung verschonen, daß Palästina unser Vaterland sei. Ich selbst bin 40 Jahre lang Staatsbeamter gewesen. . Ich habe zahllose Generationen von deutschen Knaben unterrichtet und erzogen, aber ich hätte mich dazu nicht für berechtigt und befähigt gehalten, wenn ich nicht das Bewußtsein gehabt hätte, daß ich mit deutscher Kultur, mit deutscher Art und Sitte verwurzelt und verwachsen bin. And noch ein kurzes Wort zu der Antwort des GemeindevorstandeS. Ich hafte den Gemeindevorstand nicht für berechtigt, einem Manne, der feiner Disziplin nicht untersteht, seine Mißbilligung auszusprechen, d. h. eine Rüge zu erteilen. Denn er bringt sich in Gefahr, eine sehr scharfe Antwort zu erhalten. Der Vorstand hätte nur sagen können, daß er die Ausschreitungen im Wahlkampfe bedauere, abe keine Mittel habe, sie zu verhindern. Am Ende dieses Jahres werden wiederum Wahlen in unserer Gemeinde stattfinden. Ich wünsche, daß in den Kämpfen alle Gehässigkeiten vermieden werden. Das gilt für die eine wie für die andere Partei. Die liberale Fraktion brachte folgenden Antrag ein: Die Repräfentantenversammlung bedauert, daß die Anschlagsäulen als Mittel zur Austragung innerjüdischer Kämpfe benutzt wurden. Sie weist mit Entschiedenheit.den Vorwurf zurück, daß in. der Gemeinde skandalöse Zustände herrschen. Mit Befremden erfüllt die von Vorstandsmitgliedern ausgesprochene Verachtung dienstlicher Verschwiegenheitspflicht. Die Nepräsentantenversammlung erwartet vom Vorstand die ernstesten Maßnahmen für einen etwaigen Wiederholungsfall. Iustizrat Hugo Sonnenfeld begründet diesen von seiner Fraßtion gestellten Antrag, der das Naumann-Plakat verurteilt, aber auch ernste Maßnahmen gegen die grundsätzliche Verletzung der Pflicht zur Wahrung des Dienstgeheimnisses durch die zionistischen Vorstandsmitglieder fordert. Es würde ein falsches Bild entstehen, wollten wir die Kampfesweise der Naumann-Partei zum alleinigen Gegenstand unserer Mißbilligung machen und die Aus wüchse der anderen Seite ungerügt lassen. Prof. Türk habe bereits darauf hingewiesen, daß als crfter Herr Kareski von skandalösen Zuständen in der Verwaltung gesprochen hat. Die „Iüd. Rundschau" schrieb am 3. Oktober 1924, daß gegen den Zionismus mit vergifteten Waffen gekämpft werde, selbst Herr Goslar entgleiste am 5. Januar 4925 durch den Vorwurf der Spiegelfechterei; das ,Züd. Echo" scheute sich nicht, am 16. Januar 1925 dem Gegner vorzuwerfen, er führe einen Kampf, der auf die niedrigen Gefühle, auf die Feigheit und An w i s s e n h e i t der Masten berechnet sei. Am 30. Januar 1925 wurde der „C. V.-Zeidmg" oorg-rworfen, daß sie nnl Geschick und Begabu-ng jede P erfühle mitmach-r. Dem ,Züd. Wochenblatt" ist es Vorbehalten geblieben, von den „unsäglich niedrigen taktischen Motiven" zu schreiben, die dem Innigen Seesenbündnis der extremen Trennkngsorthodoxie und chrsm „Sfeoefit" auf der «üner^Sdite und dem <£. B. auf der anderen Seite" unterliegen. Als die allerschlimmste Frucht des Wahlkampfes kennzeichnet Herr Sonnenfeld die Tatsache, ddß die zionistischen Vorstandsmitglieder durch Herrn Kareskl in einer Versammlung von mehr als 3000 Besuchern, also vor der breitesten Öefsentlichkeit, erklärt, daß sie sich an die ,g>apierne S chranke der Diskretionspflicht" nicht gebunden fühlten! Dann machte Herr Kareski verschiedene MittrA-ungen aus dem Gemeindeieben und leider auch eine solche, die der Wahrheit nicht entspricht. Redner ist davon überzeugt, daß Herr Kareski nur das Opfer seines durch Parteistellung getrübten Gedächtnisses geworden ist. wenn er am 5. Januar 1925 ihm — Sonnenfeld — Worte und Gedanken in den Mund legte, die dieser nie gesprochen hat und seiner öffentlich wiederholt dargelegten Einstellung gar nicht entspräche. Würden wir solche üble Erscheinungen stillschweigend dulden, auf der anderen Seite aber eine einmalige Entgleisung des Naumann^Bundes „anprangern", so träfe ans der Vorwurf, die verschiedenen Parteien ungleich zu behandeln, und deshalb sei die Annahme des liberalen Antrages geboten. Es sei gleich hier angefügt, daß Herr Fuchs die Erklärung abgab, die Sonnenfeidsche Darstellung ist zutreffend, die Worte, die ihm Herr Kareski in den Mund legte, hat Herr Sonnenfeld, neben dem er saß, nicht gesprochen. Gleichwohl hielt Herr Kareskl seine Behauptung aufrecht und fügte sogar die Verdächtigung hinzu, daß, wenn sich Herr Sonnenfeld über Ostjuden und Zionisten anders in öffentlichen, anders in vertraulichen Sitzungen ausspreche, dies auch seinen Grund haben könne! Der liberale Antrag wurde einstimmig angenommen, insoweit er das Hinaustragen innerjüdischer Kämpfe in die Öefsentlichkeit mißbilligt. Es wurde abaelehnt mit zehn gegen elf Stimmen, insoweit er Maßnahmen des Vorstandes gegen diejenigen Vorstandsmitglieder verlangte, die ihre dienstliche Verschwiegenheitspflicht nicht halten. Die Zionisten zogen nunmehr ihren Antrag zurück und damit legte sich der Sturm im Wasserglas. Sachlich aber bleibt trotz der Ablehnung eines Teils des liberalen Antrages das bestehen, was unser verehrter Herr Iustizrat Bernhard Breslauer in einer ruhigeren Zeit, nämlich am 7. Dezember 1917 im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Mer die Verpflichtung der Kultusbeamten zur Amtsverschwiegenhei! gesagt hat: „Für die jüdische Gemeinde zu Berlin ergibt sich als Resultat der Untersuchung, daß alle bei ihr als Beamte irgendwelcher Art oder in beamtenähnUcher Eigenschaft beschäftigten Personen, vom Vorsitzenden des Vorstandes und dem Vorsitzenden der Reprosenlantenversamlung an bis zum geringsten Haus- oder Friedhofsbeamten, gleichgültig, ob sie besoldet oder unbesoldet, ob sie dauernd in der Verwaltung oder nur vorübergehend, z. B. in Kom- Missionen oder Deputationen oder aushilfsweise tätig sind, Amtsverschwiegenheit in allen Fällen zu wahren haben, in denen die Geheimhaltung der ihnen bskanntgewordenen Tatsachen ihrer Natur nach erforderlich oder von den Vorgesetzten vorgeschrieben ist." Dem werden sich die zionistischen Vorstandsmitgiieder, freiwillig oder gezwungen, fügen müssen.; ' Wiener Brief. Das unsterbliche Mittelalter. Der letzte Scharfrichter der österreichisch-ungarischen Monarchie — die Republik Oesterreich hat die Todesstrafe obgeschafft — ist dieser Tage gestorben. Aus der Karte erfuhr man. daß der Wiener Henker unter anderem auch Ehrenobmann der Simmeringex Feuerwehr gewesen war. Sicher ein bescheidenes Ehrenamt, aber doch ein Ehrenamt und daher ein Symptom fstr die Wandlung, die in der Volkspsyche in bezug auf tieseingewurzeltg^Bvrrirteile aus^alter Zeit eingetreten ift. Man weiß ja. wie verfemt der Henker jahrhundertelang war. Gerade die Jahrhunderte, in denen sich der „christliche" Geist des Mittelalters ganz ungehemmt ausleben durfte, konnten merkwürdigerweise des Scharfrichters weniger entbehren, als alle anderen Kulturepochen. Aber die Repräsentanten dieses schauerlichen Berufes mußten ihre Unentbehrlichkeit mit ihrer bürgerlichen Ehre bezahlen. Der Henker stand gemieden außerhalb der sozialen Gemeinschaft der „Ehrlichen". Nun hat das christlich.' Volk fein Urteil revidiert. Es hat den lebenden Scharfrichter zum Ehrenfeuerwehrmann ernannt und seinen Tod zum Anlaß einer solennen Trauerfeier genommen» wie sie Wien nur seinen Lieblingen bereitet. Mag der Pessimist diese zärtliche Teilnahme für einen Mann, dessen Beruf die Tötung von Menschen war. als einSymptom der zeitgemäßen, imKriege schamlos gewordenen Brutalität ansehen, der Optimist darf sie vielleicht als ein Zeichen der ällgemeinen Neigung werten, wieder gut zu machen. was die Mächte der Finsternis in vergangener Zeit an geiviffen Menschen. Ständen und Klaffen verbrochen hat. Es ist schon geraume Zeit her. daß der Glaube an Hexen der fortschreitenden Aufklärung zum Opfer gefallen ist. Nun ging auch die „U n e h r l i ch k e i t" der Henker zum Teufel und so ragt nur.mehr eine geistige Säule mittelalterlicher Vorurteile in die Höhe: die Jeinds ch a f t g e g e n Jude,! und Judentum . . . Diese letzte Säule einer entschwundenen Epoche geistiger Verirrungen bekundet leider eine Unerschütterlichkeit. die nachdenklich stimmen muß. Was verleiht gerade dem Antisemitismus eine solche Unverwüstlichkeit unb Lebenszähe? Antwort: Seine Wandlungsfähigkeit. Kaum liegt er besiegt auf dem Boden und ist scheinbar für immer unschädlich gemacht, da wechselt er einfach seine Gestalt und setzt den Angriff in neuer Form und mit verjüngten Kräften fort. Achtzehuhundert Jahre lang wurde Juda als der Verräter und Mörder an Christus angefeindet. Die Zerstörung Jerusalems stellte sich als die Erfüllung einer Christus-ProphezeiuUg dar und die jüdische Diaspora, symbolisiert im ruhelosen Wandern Ahasver«, erschien als Strafe für die Verstoßung des „Heilands". Daß die Juden Jesus nicht als ihren Messias gelten lassen wollten, läßt noch den im Greisenalter unter den Einfluß der Romantik geratenen Goethe ausrusen: „Dulden wir keine Juden unter uns. denn sie leugnen die Grundlage unserer Kultur!" Kurz, der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden wurde als ein religiöser empfunden und wer diesen Gegensatz verschärfen wollte, mußte sein Gifttränklein aus den Mixturen der rituellep Kirche brauen. Solche Mixturen find, das Ritualmordmärchen und die Anschuldigung der Hostienschündung.! Achtzehnhundert Jahre lang sind alle Verhöhnungen und Dergewaltigungen der Juden die Folge ihrer beispiellosen. Treues zur angestammten Religion und der konsequenten Ablehnung! des angeblich allein seligmachenden Glaubens der anderen — bis! diese anderen sich selber von dem strahlenden Glanze ihrer streit-« baren Kirche nicht länger blenden' und jeden nach seiner Fayow selig werden lassen wollen. Die Aufklärung rüttelt an den Ker-s kermauern des Geistes, die französische Revolution an den Gitters toren der Staatsgefängnisse. Als die Bastille gefallen, sind auchi die Ghetto-Mauern nicht länger zu halten. Moses Mendelssohn will die Juden aus der ägyptischen Finsternis der Schmach M-t aus ins gelobte Land der allgemeinen Freiheit. Gleichheit und» Brüderlichkeit führen. Ein Rausch hat die Menschheit erfaßt — und teilt alsbald das Schicksal aller menschlichen Räusche: der Katzenjammer folgt ihm auf dem Fuße. Noch einmal bäumt sich her entthronte Kirchenglaube gegen.sein Schicksal auf..sucht in her verschleierten . Form der romantischen Poesie, die verDorene Herrschaft »wer die Gemüter und Kerlen wieder zu er- Wiigey. ES Mf ihnt nur zum Teil. Zu (füf hat öle weltliche W i s s e n f ch a f t. die. Zeit der geistigen Freiheit ausgenützt und auf Erden so festen Fuß gefaßt, daß ste vor der zurückflutenden Welle der katholischen Renaissance nicht mehr hinweggespült iverden kann. Die Romantik muß mit der Wissenschaft als einen; ernst zu nehmenden Faktor rechnen und sie tut es geschickt genug. ’ Wie im Mittelalter als Frucht der kirchlichen Absorption des ' Aristoteles die Scholastik entsteht, so entspringen im 19. Jahr-i hundert der romantischen Ehe von Glaube und Wissenschaft gov seltsame Kinder, die bald die Züge des Baters. bald jene dev Mutter schärfer ausgeprägt tragen. Die Vorliebe der Romantiker! für das katholisch-deutsche Mittelalter begründete die Germani-> stik. Diese führte girr vergleichenden Sprachwissenschaftj und im Jahre 1808 entdeckte Friedrich Schlegel gemeinsam^ Sprachwurzeln im Jüdischen und. in einer Reihe europäischer) Sprachen. Man schloß daraus auf eine, gemeinsame Abstammung aller indoeuropäischen Völker, die jene Sprachen mit denj gemeinsamen Wurzeln sprechen. Tlls nicht zugehörig zu dieser vornehmen Bölkerfamilie der „Arier" wurden nebst Türken und Negern — die Semiten entlarvt. * So fanden sich die Ju-den auf einmal wieder ausgeschlossen! aus der Gemeinschaft der Glücklichen, mit denen in Freiheit^ Gleichheit und Brüderlichkeit endlich geeint zu sein, ihnen ein« schöner Traum vorgegaukelt hatte. Ja, diesmal schien ihre Vereinsamung noch weit trostloser zu sein: wurden -och die neueNj Ghettomauern anscheinennicht wie -ie alten von blindem Vorurteil gezimmert, 'sondern von d-essen glorreichem Widerpart: der freien^ Forschung des wissenschaftlich geschulten Geistes. Und war die, ' miktelalterliche Absperrung der Juden gewissermaßen nur eine* Abschlagzahlung ihrer nach christlichem Glauben unausbleibli-< chen Verdammnis im Jenseits, so sparte die wissenschaftlich fiut^ vierte Rassentheorie nicht mit restlosen Verdammung-Urteilen über Sem schon im Diesseits. Gobineau, Renan H. St. Chamber-s lain und etliche andere Namen bedeuten lauter Höllenstufen fürs das Judentum im Inferno der Rassenlehre, auf das die Inschrift! Dantes erst eigentlich zu passen scheint: „Laßt, die Ihr eingehl, jede Hoffnung schwinden!" In der Not des mittelalterlichen Ghettos, ja» in der Todesqual der von der Inquisition entflamm-! ten Scheiterhaufen konnte der Jude noch auf die ausgleichendei Gerechtigkeit des Himmels hoffen, dagegen hat ein Otto Meininger aus dem Gestrüppe der Rassenverworfenheit keinen! andern Ausweg für sich gesehen als den Selbstmord, um das! Böse in sich zu töten: „Nur ein gemeiner Verbrecher wartet aus! den Henker. Ein ethischer Verbrecher richtet sich selbst!"' ■ Ein Beweis für die unheimlich suggestive Macht, die die! Rassentheorie nicht bloß auf die Arier ausübte, denen sie schmei-' chelte. sondern auch auf die Juden, gegen die sie ihre Spitze, richtete. j Erst allmählich kam man darauf, daß diese Spitze unfair vergiftet war. Wer sich für das wissenschaftliche Rüstzeug dieser! Entlarvung interessiert, dem sei das Buch „Die Juden als Raffe-! und Kulturvolk" von Frik K a h n (Berlin 1921) empfohlen. Hier! ist alles in amüsanter, auch dem Laien verständlicher Art gegen-! übergestellt, was von unberufener Seite f ü r und von berufener) gegen die Rasseninferiorität der Juden gesagt worden ist. ] Die antisemitischen Politiker halten sich natürlich noch immer, an das erstere. Mag auch die längst ad absurdum geführte Arier¬ und die geradezu grotesk-komische Germanentheorie ihres wissen-! schastlichen Charakters bereits entkleidet sein—die geistige Arm-, seligkeit des Hakenkreuzlertums prunkt eben, da ihr echte Perlen versagt bleiben, mit falschem Schmuck. Daher die geistige und sittliche Hohlheit der Deutschvölkischen Jugendbewegung.) Diese politische Schule hat keinen positiven Inhalt, sondern nüv einen negativen: den Haß gegen die Juden, die größtenteils vom- Deutschtum mehr in sich ausgenommen haben als die^von. der. Natur bestimmten Träger dieses.Geistes. '' } ]

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