Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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neue Mitglieder und Abonnenten! Aufwärts. Von Franz Cingia. Wir stehn im tiefen Tale wie verborgen, Um auf ein wundertätig Wort zu lauschen. Doch naht uns nie ein himmelsstarkes Rauschen, Wenn wir zu sehr verkümmern in den Sorgen. Wenn wir in dumpfer Stille müßig warten, Wird uns das Schicksal nie ein Lächeln senden, Und alle Wege müssen dunkel enden,- Mit Blumen schmückt sich niemals unser Garten. Wir dürfen nicht im dunklen Tal verweilen Und unser Herz in Lebensnot vergraben, Wenn auf den Höhen gold’ne Feuer brennen; Wir müssen tatenvoll die Nacht durcheilen, Dann schenkt das Schicksal auch die guten Gaben Und tiefe Wunder werden wir erkennen. Reubeni in Venedig Von Max B r o d. Ans dem noch unvollendeten Renaissance-Roman stellt uns der Dichter die nachfolgende, im Jahre 1524 spielende Episode zur Verfügung. Reubeni trat (geschichtlich) als Sendbote eines unabhängigen Staates in Arabien (Chabor) auf, um die Waffenhilfe christlicher 'Mächte (besonders des Papstes) zur Eroberung Palästinas anzuruien. Noch am Sabbatausgang kam der Synagogendiener und überbrachte die Einladung für den nächsten Vormittag. Castilz hatte offenbar doch den Eindruck unterschätzt, den das Auftauchen des rätselhaften Fremden auf die Gcmeindeältesten gemacht hatte. So betrat denn am Sonntag, gefolgt von seinen beiden Dienern, der Sar (Fürst) David Reubeni den Ponte Ghetto. Die sechs Stock hohen Häuser drüben ragten wie Festungsmauern aus dem graugrünen Wasser herauf; die mächtigen Rauchfänge wie Zinnen auf den Dächern. Alles abgeschlossen und sich angstvoll und noch mehr abschließend. Keine Gasse führte vom Brückchen, nur ein enger Soltoportico ließ unter den schwarzen Steinmauern ins Dunkel eintreten. Von allen Seiten Kinder, Neugierige. Ueberall in Venedig wohnt man dicht zusammengedrängt, doch hier auf der engen, den Juden zugewiesenen Insel gab cs fast schon mehr Mcnscherileiber als Luft. Der Raum der beiden Straßen, des stattlicheren Ghetto nuovo und des ganz schmutzigen, schmalen Ghetto vecchio durfte nicht erweitert werden; und so wuchs neues Leben schmerzhaft wie Krebsgeschwür ins alte hinein. In der Synagoge warteten die neun Vornehmsten der Gemeinde, an ihrer Spitze Rabbi Schimon ben Ascher Meschulam. — Rabbi Elia Chalfon fehlte, er war nach Bologna gereist, um Unterschritten, der dortigen Rabbiner für seine Gutachten zu erlangen. -Dagegen war sein Widersacher Jacob Mantino anwesend, kenntlich durch die völlig unjüdische Kleidung, den kurzen Rock mit kostbarer Gürtelspange. Deutlicher noch als der Maler Castilz trug er den ,,Bürger von Venedig" zur Schau. Auf dem lang niederfallenden Haar saß das schwarze Barett des venezianischen Edelmannes, Wangen und Nacken waren sorgfältig rasiert, nur die lange, gebuckelte Nase und die dicke Oberlippe, von einer Warze gekrönt, hoben sich aus dem zu würdigen Ebenmaß zurechtgerückten Senatorengesicht auffällig hervor. Die Botschaft, die der Sar durch" seinen Dolmetsch" den Versammelten übermitteln ließ, war kurz: „Ich hin ein Jude aus der Wüste Chabor, gesandt von den siebzig Aeltesten. Ich gehe nach Rom, zum Papst, dessen Ruhm erhoben werden möge. Da es sich uni eine Sache handelt, die zum Wohle aller Juden geschieht, fordere ich' eure Unterstützung. Dann werdet ihr einen Teil an" der Tat haben und werdet bald gute Nachrichten zu hören bekommen." Es folgte längeres Schweigen. Die Vorsteher sahen einander mit einiger Enttäuschung an, sie hatten mehr erwartet, genaueren Aufschluß. Flüsternd sagten sie es einander. Dann nahm der alte Rabbi Schimon das Wort. Sichtlich erregt: die Hand zitterte, mit der er durch den schüttcrn Bart hindurch sein Kinn rieb. „Wir bitten dich, uns zu sagen, wer du bist." "Ich heiße David, aus dem Stamme Reuben." Wiederum Schweigen, als fürchte man, näher an die merkwürdige Erscheinung .des Fremden heranzugehen, als könne schon bloßes Fragen den Schein des Einverständnisses hersteilen, vor dem man ebensosehr zu fürchten schien wie vor der unbesonnenen Zurückweisung eines sich mächtig anbietenden Helfers. Endlich begannen einige der Jüngeren fast gleichzeitig: „Eure Diener sagen, daß Ihr ein Prinz seid. -- Ist das wahr? — Und wovon sprecht Ihr, wenn ßjr vom Stamme Reuben sprecht? Wer sind die siebzig Aeltesten? — Und welche Botschaft habt dir an den Papst?" >>Was ich dem Papst zu sagen habe, ist nur für das Ohr Seiner Heiligkeit bestimmt," ließ Reubeni nur dem einen der Fragesteller erwidern, als genüge das, um auch "die anderen in die Schranken zu weisen. Hierauf verbeugte er sich leicht, erhob sich von dem Sitze, den man ihm angewiesen hatte und gab seinen Dienern einen Wink, ihm die Tür zu öffnen. Das Flüstern steigerte sich" zum lauten DurcKeinandersprechen. Rabbi Schimon bat den Gast zu bleiben, indes der Rat im Nebenzimmer schlüssig: werden wolle. Fast augenblicklich' kam man mit der Entscheidung zurück. Man sei willens, dem Unternehmen die Hilfe, die gefordert werde, angedeihen zu lassen. Insbesondere wolle man dem Herrn Empfehlungsbriefe an die Juden nach Rom mitgeben, ferner eine Bedeckung von geworbenen Landsknechten beistellen, da die Reise durch die kriegswütige Romagna jetzt nicht ungefährlich sei. Nur eine Bedingung: der Sar solle erklären, ob er jener Fromme sei, von dem bereits Briefe aus Damaskus Kunde nach Venedig gebracht hätten und der durch seine Predigten im heiligen Lande Aufsehen erregt habe. „Ich bin kein Prediger, ich bin ein Krieger," war Reudenis Antwort. Dabei trat er etwas zurück, wie es die Art kleingewachsener, dabei starkmütiger Leute ist, die ihren Gegner vom Kopfe bis zum Fuße messen wollen. Ohne die Stimme zu erheben, ließ er seinen Dolmetsch ferner berichten, daß er viele Kriege geführt und im Kampfe mehr als vierzig Feinde erschlagen habe. Die Wunden an seinem Körper seien noch zu sehen. Und die Fahne, die er mit sich führe, sei seine Kriegsfahne. — Dabei griff er nach ihr (der Diener hatte sie ihm wie immer getragen) und hob sie den Ratsherren entgegen. „Wir sind friedliche Menschen," rief der Vorsteher Schimon, mit beiden Händen abwehrend. Den Juden Venedigs lag in der Tat der Gedanke einer Auflehnung gegen ihr Schicksal fern, vielleicht ferner als allen anderen jüdischen Gemeinden. — Zwar wurden sie als Handelskonkurrenten von den Venezianern seit jeher hart behandelt und nur zu untergeordneten Geschäften zugelassen. Doch hatten sie sich an diese strenge Zucht gewöhnt, die keine Uebergriffe duldete, aber auch selbst keine beging. Dazu kam, daß die Inselrepublik des heiligen Markus alle fremde Einbürgerung peinlich fernhielt, daher auch den Zuzug fremder Juden verboten hatte. Die jüdische Gemeinde war seit Jahrhunderten auf die alteingesessenen, reich gewordenen Familien beschränkt; die Verfolgungen, denen die Juden des Festlandes ausgesetzt waren, schlugen kaum eine Welle über die Lagune, nicht einmal die große Zerstörung des spanischen Judentums hatte mehr als einzelne versprengte Flüchtlinge hierher entsendet, während sonst alle jüdischen Gemeinden Italiens von Scharen der leidvoll erregten, ja schwärmerischen Vertriebenen überflutet waren. So kam es, daß gerade in diesem Saale eine Angelegenheit, die angeblich alle Juden, in erster Linie aber doch wahrscheinlich" die verfolgten ausländischen Juden anging, mit einiger Kühle aufgenommen wurde. Befremdet schüttelten die Vorsteher der Gemeinde ihre Köpte. Man war zwar gewohnt, schwierige Fragen zu entscheiden, die Gelehrten wußten immer Rat, diesmal aber waren sie in aufrichtiger Verlegenheit. Der Sar wartete nicht lange. Den Dolmetsch’ 'schob er beiseite und sprach in seinem schwer verständlichen berg- und wüstenrauhen Hebräisch die Versammlung unmittelbar an: „Ich verstehe euch. Ihr seid friedlich. Ihr fühlt die Schmach nicht mehr, die euch angetan wird. Ihr seid feige. Deshalb wollt ihr mich ja auch möglichst schnell von hier weghaben. Weil ihr die Signorie fürchtet, den Rat der Zehn, die Staatsinquisitoren, die auf mich und euch aufmerksam werden könnten. Und mit Bedeckung wollt ihr mich nach Rom schicken! Wie klug die Weisen Israels sind! Zunächst gehen eure Waren ohnehin in der nächsten Woche unter bewaffnetem Schutz nach Rom. Da kann ich also mitgeführt werden, es kostet nichts. Und der Obrigkeit gegenüber kann es ein kluger Sachwalter so darstellen, daß ihr mich wie einen Gefangenen von euren Söldnern habt außer Landes bringen lassen." Ein wildes Wort schien auf seinen Lippen zu schweben, doch plötzlich zwang er die Wut nieder und sprach ganz ruhig weiter. „Wäre es nicht schicklicher gewesen und der richtige „Weg der Erde", auf den ihr euch doch soviel zugute haltet, wenn ihr mich, statt eure wertlosen Briefe und Landsknechte anzubieten, vorerst gefragt hättet: Was ist dein Begehren? Wir wollen es erfüllen. Wir wollen tun und hören." Im Saale war es still geworden. Das Außerordentliche begann zu wirken. Der Sturm, der von dem Fremden ausging, sein heißer Blick, seine ungewohnte Ausdrucksweise, die nicht nach Art der Gelehrtenrede in Bibelzitaten verschmolz, sondern hart und fest war, — so daß erst der eine Satz aus der Offenbarungsgeschichte, mit dem er geschlossen hatte (dieser aber mit der ganzen Kraft der Wahrheit), die Rede ins Reich des Erhabenen erhob! Die jüngeren Ratsmitglieder mochten von diesem in ihre Beengtheit plötzlich einbrechenden Leben sogar erschüttert sein. Den alten, schlauen Rabbi Schimon Ben Asclfer Meschulam dagegen beunruhigte mehr noch" der Umstand, daß der Fremde so genau erraten hatte, was mit der schnellen Empfehlung nach Rom und mit den Landsknechten beabsichtigt war. Deutete es nicht auf höchste Klugheit, daß ein Mann, der aus Alexandrien und angeblich noch viel weiter her kam, die Lebensgewohnlieiten und die ganze Lage der Juden Venedigs in den wenigen Tagen seiner Anwesenheit oder gar von langer Hand her vorbereitend, so genau erforscht hatte? Und war es nicht vollends unbegreiflich, daß er ihn, den klugen Rabbi Schimon, auf den ersten Blick durchschaute? Immer erregter rieb der gewitzte Vorsteher den Bart am Kinn. Den Mann, der ihn, sogar ihn durchschaut hatte, mußte er achten. „Was ist es also, was ihr von uns begehrt?" Mühsam kamen die Worte von seinen Lippen. Man konnte merken, wie unbequem ihm die ganze Sache war, wie ihrn geradezu davor graute, sich weiter als unbedingt nötig einzulassen, und wie er dennoch keinen anderen Ausweg sah. „Ein Krieger — wozu brauchen wir einen Krieger!" rief einer der Beisitzer ganz laut, wurde aber von Rabbi Schimon zurechtgewiesen. Reubenis Gesicht war wieder ganz unbeweglich geworden, wie durch lange Uebung gewöhnt. Die Meinung der Versammelten war ihm indes nicht ungünstig und als er beharrlich schwieg, von der mißvergnügten Aufforderung des Vorsitzenden gleichsam beleidigt, wiederholten andere in Gestalt von Bitte und freundlicher Rede, er möge seine Wünsche an die heilige Gemeinde Venedig getrost Vorbringen. Alles, was er zu hören bekam, schien von ihm genau geprüft zu werden, doch nicht dem zu genügen, was er erwartet hatte. Haib abgewendet, stolz, rang er sich endlich die Worte ab, daß er Geld brauche, dreihundert Scudi, um sich und seine Diener für den Besuch beim Papste gebührend auszustatten. Zwar war er bei der Abreise aus seiner Heimat mit allem versehen worden, was eine fürstliche Romfahrt benötigte, doch die Reise dauere nun schon einige Jahre lang, wiederholt sei seine Karawane aufgefallen und beraubt worden, — daher seine Bedürftigkeit. Der Eindruck war schlecht. Seine Verschlossenheit, der durchblitzende Scharfsinn hatten für ihn eingenommen, die offenbar werdende Not stieß zu-* rück. Hatte er sich nicht soeben zu einem der vielen erniedrigt, die aus Geldmangel an die Tore der reichen Gemeinde klopften? Sofort war sein Ansehen gesunken. Da und dort lachte einer auf, man flüsterte, scherzte. Und Jacob Mantino, der bisher abseits gesessen war und kein Wort gesprochen hatte, benützte den Augenblick. Nicht gleichgültig und bloß ungern aufgestört wie die andern, sondern vom ersten Moment an feindselig, hatte er still brütend an der unentschiedenen Beratung teilgenommen. Er hatte nicht eingegriffen; war er doch selbst aus Spanien eingewandert und wich daher Erörterungen, die fremde Juden betrafen, am liebsten aus, um an seine Herkunft nicht zu erinnern. Doch alles, was der Gast sagte, mehr noch sein ganzes hoheitsvoll wortkarges, auch in seiner Stummheit beunruhigendes, ja aufrührendes Wesen schien ihm dem Ziel zu widerstreben, das er sich mit höchster Leidenschaft vorgesetzt hatte und bei jeder Gelegenheit auch öffentlich erörterte, — dem Ziel, Venezianer und nichts als Friedrichstraße 59/60, Ecke Leipziger Straße 4 Uhr Täglich 7l/a Uhr Unsere Ueberraschungen im groß. Mürz - Programm Ludwig Trautmann der bekannte Filmschauspieler und Meister-Rezitator mit dem Geigen-Virtuosen Dr. Jul. Siber Rath*Rex / Jimmy Mc. Arley Melitta Kiefer u. Heinz Ludwig Lotte Han6 u. Sieg wart Ehrlich E. W. Namarra Die tanzende Modenschau Kapelle Vieten und anderes mehr