Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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andere zusammen. Gebt uns eine vollständig unabhängige Stellung, stellt uns nicht unter den Vorstand noch unter die Kontrolle eines jeden einzelnen Gemeindeinitgliedes, so werden wir „liberale Rabbiner" auch mehr die Möglichkeit haben, uns frei zu entwickeln und unseren Anschauungen gemäß zu leben. Der Vorstand lin seiner Gesamtheit) wechselt immer wieder, solange wir nicht (wie in Amerika oder in der Reforingemeinde Berlin) einheitliche Gemeinden haben, solange muh der Rabbiner bei jedem Wechsel gewärtig sein, dem neuen Vorstande nicht zu gefallen. Nicht jeder Rabbiner hat die geistige Kraft, sich stets in Widerspruch zu setzen zu seiner Gemeinde: rr möchte es nicht jedem recht machen — das kann niemand — aber in offenem Gegensatz leben zu Vor stand und Gemeinde ist auch nicht sein Wunsch. Geben Sie uns die gebührende Stellung, dann fehlt es uns auch nicht an „der Entschlossenheit zur Betätigung der eigenen Aeberzeugung". Ilm den Rabbinern alles zu sagen, was zu sagen ist, greift Herr Breslauer sogar noch auf die Kriegszeit zurück und macht dabei den Rabbinern den Vorwurf, daß sie nicht „gegen Raub, Mord und Plünderung"- ihre Stimme erhoben haben. Wer war denn damals so muüg, nicht im Namen der Religion, so doch im Namen der Menschlichkeit dagegen aufzusichen und zu predigen? Wer durfte sich dies — bei Freund oder Feind — erlauben, ohne nicht des Landesverrats schuldig gesprochen zu werden? Wer hatte diesen prophetischen Mut? Ich glaube, nicht einmal ein Herr Justtzrat Breslauer noch sonst einer der Größen einer Großgemeinde. Warum nun jetzt gerade den Rabbinern einen Borwurf daraus machen? 3a, Herr Jnstizrat, ich kenne Rabbiner, und zu diesen gehöre auch ich — die jede „haltet aus" oder „Kriegsanleihe" oder „Goidablieferunaspredigt" zu halten sich geweigert haben und die sich nie dazu chergcgcben haben, kriegshetzerische und überpatriotifche Reden zu halten. Also — es gab auch andere Rabbiner, deshalb keine Verallgemeinerung. Und glauben Sie wirklich, daß kein Geistlicher in dem Kriege einen Verteidigungskrieg gesehen Hai? Ich nehme es zum besten der Kollegen aller Gemeinschaften an, daß sie alle darin eine „gerechte" Sache gesehen, für die wir streiten und kämpfen. Aber wozu aus all dem einen Vorwurf gegen die Rabbiner! Ebenso wenig berechtigt ist der Vorwurf, daß die „Rabbiner" in der Kriegszeit es unterlassen haben, manches vom religiösgesetzlichen Standpunkt aus Verbotene jetzt zu erlauben. Wem sollten wir es erlauben? Ganz von selbst hat bei vielen Familien in der Kriegszeit der rituelle Haushalt ausgchört: bei nur wenigen hat er wieder nach dem Kriege Aufnahme gefunden, ein Zeichen, daß es den vielen verhältnismäßig leicht fiel, altgewohnter Sitte zu entsagen. Es ist das für.uns ein Beweis, daß diese Familien auch sonst so gehandelt hätten, ob es der Rabbiner erlaubt oder verboten hätte. Entweder der Rabbiner ist der Priester im katholischen Sinn und kann dispensieren — so achtet uns auch danach — oder er ist der Laienpriester, so hat jeder nach seinem eigenen Gewissen zu handeln und braucht keine priesterliche Bestätigung. Jede Religion verlangt Opfer von ihren Angehörigen: inwieweit der einzelne dazu imstande ist. Opfer zu bringen, das hängt von seiner religiösen Einstellung ab. Zudem wissen Sie, geehrter Herr Justizrat nicht, ob nicht der' eine oder der andere liberale Rabbiner in der Kriegs- und in der Folgezeit auf manche religiöse Anfrage ein „Erlaubt" als Votum abgegeben, wo sein orthodoxer Kollege anders entschieden hätte. In vielen Fällen wurden auf Anfragen betr. Pessach gegenüber den Friedenszeiten Erleichterungen gestattet und auch sonst ist man den berechtigten Wünschen entgegengekommen. Was mich aber am meisten entrüstete, war Ihr Vorwurf, als ob es die Kollegen haben daran fehlen lassen, den schweren Aufgaben, die der Krieg in der Wohlfahrtspflege mit sich gebracht hat, gerecht zu werden. Wenn zufällig in Berlin zwei Rabbiner sich nicht die Zeit genommen haben, dementsprechenden Anforderungen nachzukommen, so ist das kein Grund, allgemein daraus den Vorwurf abzuleiten, wir hätten hierin unsere Pflicht vergessen. Mas. .in. Brr sin aeschhehb. .ist . nicht maßgebend., für dgs 'ganze ÄStch ÄNÄ ich"glüllve, daß Ruch die Beeiitzer'Kollegen nicht böswillig oder ohne Grund der Einladung nicht gefolgt sind. Wer -in der „Provinz" oder auf dem „Lande" in der Kriegszeit tätig war, der weiß, welche Anforderungen an die Rabbiner gestellt worden sind, aber auch, wie sie mit Aufwand an körperlichen und materiellen Kräften überall mitgearbeitet haben. Alles allein zu leisten, war ihnen nicht möglich: es ist nicht überall ein Rabbiner oder Lehrer gewesen, wohin Verwundete und Kranke kamen, und überall zu derselben Zeit zu sein war auch nicht möglich, wir mußten gar oft Glaubensgenossen aus benachbarten Gemeinden bitten, nach Kranken und Verwundeten zu schauen und sie haben uns sehr gerne geholfen. Und wenn heute in der Wohlfahrtspflege der Rabbiner nicht an leitender Stelle steht, so sind auch die „Laien" Menschliches - Ltnrnenschliches! Erlebnisse einer Rigaer Arztfrau während der russischen Revolution. Von Ellinor L i p s ch ü tz. Herauc-gegeben von Ellen A n d r e s e n. Meine liebe ferne Schwester! Hier im Kreise unserer Lieben empfinde ich es besonders schmerzlich, daß Du so weit von uns getrennt bist. Gern hätten nur Dich und die Kinderchen hier bei uns. dann wäre die Freude vollkommen. Die kleinen Kinder, die wir in Leipzig verließen, find nun wohl schon erwachsene Menschen und weder Levchen noch Karrinka können wir jetzt noch ans dem Schoß schaukeln. — Fast ein Fahrwhnt war ich von den lieben Meinigen abgerissen. Run sitze ich hier und erzähle Tausend und eine Nacht von den Erlebnissen dieser Fahre. Es ist ein unerschöpfliches Material: da wir uns wohl nicht so bald persönlich sehen werden, will ich Dir unsere Geschichte, unser Leben während dieser vielen Fahre Mitteilen Ein unglückseliges Geschick trieb uns im Fahre IM5 aus Riga fort. Wenn wir diese Stadt nicht verlassen hätten, wären wir, wie alle dort gebliebenen Aerzte. mit Praxis überhäuft. Heute sind wir ruiniert und müssen wie Neugeborene von Anfang anfangen. Riga mar damals ein Kriegslager. Die Stadt war mit Flüchtigen überhäuft und wir sahen das ganze Eiend der Heimatlosen. Aus dem Bereiche des Krieges waren damals alle Fuden ausgewiesen. „Die Fuden sind alle Spione, hieß es, und wir verlieren nur den Krieg, weil die Fuden uns verraten." Fn 24 Stunden sollten alle ohne Erbarmen fort. Was konnte man in 24 Stunden mitnebmen? Es war der wahre Auszug aus Aegypten. Hundcritausende, heimatlos gewordener Fuden zogen die Landstraßen entlang mit Kindern und Greisen, mit Kranken und Paralysierten, mit Blinden und Krüppeln. Alle waren zu Spionen gestempelt, aus ihrem Heim herausgeschlcudert. Hochschwangere Frauen ließ man nicht ein paar Stunden länger, bis sie geboren hatten. Vom Hohn der christlichen Bevölkerung begleitet und von manchem nachfliegenden Stein getroffen, zog diese verleumdete unglückliche Fudenflut aus — Fn den Wäldern unterwegs kamen Frauen nieder. Gesunde schleppten mühsam die Alten und Kranken mit. — Wagen in solchen Mengen waren nicht aufzutreiben und dieses menschliche Eend hatte sich bis an die Tore Rigas gewälzt. Hier wollte man sie nicht bineinlassen. Sie sollten weiterziehen. an der Stadt vorbei. Den Einwohnern war es unter Geldstrafe verboten. Flüchtige bei sich aufzunehmen. Dessen ungeachtet füllten sich Straßen und Plätze mit Kranken und Krüppeln, die sich nicht weiterschleppen konnten und Zurückbleiben mußten. Der Platz an der Synagoge mar mit Unglücklichen überfüllt. Fhr Klagen und Stöhnen konnte einem das Herz zerreißen. Das große südische Elend lag auf der Straße, unfähig, sich weiterzuschleppett. Es hieß nun, zuerst den Kranken schnelle ärztliche daran schuld'. All die größeren Wvh-ifahrtsorganisakionen suchen sich als Vorsitzende und Leiter Laien und keine Rabbiner, so gerne mancher milarbeiten möchte. Wir haben dies letzthin in Stuttgart erfahren, wo meinerseits ein Kollege vorgeschlagen war, der sich gerade um die Stuttgarter Zentrale große Verdienste erworben hatte: aber nein, der Vorsitzende der Gemeinde Stuttgart mußte auch dieser Landesorganisalion vorstehen. Wir arbeiten trotzdem in allem mil Leschem M'zwoh und verzichten gerne aus die Ehre, aber uns dann nachher den Vorwurf zu machen, wir würden unseren Pflichten nicht Nachkommen, ist ungerecht. Es wird weder dem „Charitas" noch der „inneren Mission" einfallen, einen Laien an ihre Spitze zu stellen, aber bei uns Juden ist der Laie zu allem geeignet. Wir freuen uns darüber! Aber man darf es nicht machen, wie die Antisemiten, die, wenn der Jude seine Arbeit und sein Können der Allgemeinheit opfert, sagen, er dränge sich vor, und wenn der Jude bescheiden im Hintergrund bleibt, er habe keinen Sinn für die Allgemeinheit. Und weiter, aus dem Gebiete der Wissenschaft! Muß jeder Rabbiner eine wissenschaftliche Größe sein? Ist jeder Geistliche auf dem Gebiete der Wissenschaft eine Leuchte? Der Rabbiner ist von seinem Berufe so ausgefüllt, daß ihm nur wenig Zeit übrig bleibt, neben seiner amtlichen Tätigkeit und seiner Fortbildung allen Gebieten s o Rechnung tragen zu können, daß er die Ausmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf sich zieht. Zudem sind mir in Württemberg manche Kollegen bekannt, die durch ihre Mitarbeit an den Volkshochschulen viel Kiddusch Haschem geleistet haben, sei es durch Vorlräge aufklärender Ratur auf jüdischem Gebiete oder durch Vorträge auf dem Gebiete der Literatur, Kunst und Philosophie. .Soweit mir erinnerlich, hat Kollege Beermann in Heilbronn voriges Jahr bei der allgemeinen Kantfeier die Festrede übernommen. Wir sind aber vor allem Rabbiner, Lehrer des jüdisch-göttlichen Mortes und deshalb ist es zunächst unsere Ausgabe, für jüdisches Wissen und dessen Verbreitung zu sorgen und auf diesem Gebiete etwas zu leisten. Und daß hierin die deutschen Rabbiner den Geistlichen anderer Konfessionen nachstehen, dürfte doch niemand behaupten. Also worin haben es nun unsere Rabbiner fehlen lassen und besonders die „liberalen" Rabbiner, daß man ihnen nicht die nötige Achtung entgegenbrinaen kann, daß man ihnen eine „Laienpredigt" halten muß ob ihrer Pflichtvergessenheit? Ich g'aube, gerade die „Liberale Vereinigung" dürfte hierzu am wenigsten Grund haben. Die Rabbiner, die im besten Glauben und »ach bestem Gewissen die „Richtlinien" aufgestellt, die offen und frei ihre Meinung kundgetan und die mit diesen „Richtlinien" positive religiöse Arbeit leisten wollten, sie wurden von den Laien desavouiert und mancher „Richtlinienrabbiner" mußte es fühlen, daß er die Richtlinien unterschrieben hatte. „Ein ausgesprochener liberaler Rabbiner ist nichts für unsere Gemeinde" hat mancher liberale Gemeindevorstand behauptet, als es galt, die Rabbinerstelle in seiner Gemeinde neu zu besetzen. Dem Versuch, die Aickilinien zur Grundlage des Gemeindelebens zu machen, stellten sich die Laien entgegen: und ohne Herde kann ein Hirt seines Amtes nicht walten. Rein, Herr Justizrat, wir haben keine Gemeinde, die unseren Intentionen folgen wird, und daher ist unsere Arbeit von Anfang an umsonst gewesen. Ob Sie durch diese Ausführungen eines anderen belehrt worden sind, ich glaube nicht: denn Lebenserfahrungen, die man am Ende seiner Tage zusammenfaßt, sind so tief eingegraben, daß sie durch keinerlei Gegenrede sich verwischen lassen. Aber eins möchte ich wünschen, daß Sie, geehrter Herr Justizrat, davon überzeugt sein möchten, daß es wirklich liberale Rabbiner gibt, die sich nicht scheuen, mit ihrer Meinung und ihrer Ileberzeugnng vor allen Dingen Kunde zu geben, daß es liberale Rabbiner gibt, die den Mut haben, Lehre und Leben im liberalen Sinne in Einklang zu bringen, und daß es nur die „Laien" sind, die ihnen diesen Willen und diese Tat erschweren. Damit aber sei auch von seiten der Rabbiner „Protest" erhoben, gegenüber Ihren zu allgemeinen Ausführungen! . Rabbiner Dr. Straßburger, Illm. Warum ich nidit Zionist bin? Von einem liberalen Rabbiner. Wertes Fräulein! Es ist nicht schön von mir. daß ich Sie so lange auf einige Zeilen von mir warten ließ, aber ich wollte Fhnen einmal recht schreiben, d. h. Fhnen meine Anschauungen über Fuden und Fudentum nlarlegen und über die Aufgabe des Fudentums innerhalb der Menschheit und Sie werden dann daraus wohl erkennen, warum ich nicht Zionist bin und anderseits tolerant allen Anschauungen gegenüber. Hilfe zu leisten. Fn diesen Tagen hat die jüdische Wohltätigkeit Wunder getan. An der Spitze des „Limro Hazedeck" staud damals mein Mann. Schnell entschlossen verwarf er den Plan der Wohltätigkeitsvereine, erst um Erlaubnis nachzusuchen. Die Not war zu schreiend, zu ungeheuer, es mußte sofort gehandelt werden. Telepyonijch rief er Leute an, die helfen konnten und wollten und im Laufe von einigen Stunden hatte der eine sein Haus, der andere Betten, der Dritte Wäsche — kurz alles Nötige zur Verfügung gestellt. Wir alle. Damen aus der Gesellschaft, ja, wer nur ein fühlendes Herz hatte, waren sofort zur Stelle und hatten alles hergerichtet, um die Blinden, Paralysierten und Kranken aufzunehmen. Fn diesem provisorischen Lazarett genossen die Unglücklichen ärztliche Hilfe und liebevolle Pflege. Astes umsonst, bis sie imstande waren, aus der für sie hergerichteten „Eschelonger Bahn" ins Zentrum Rußlands befördert zu werden. Durch dieses Chaos von jüdischen Ausgewiesenen und anderen Flüchtlingen vom Kriegsschauplatz entstand allmählich eine allgemeine Panik auch unter der Rigascheii Bevölkerung. Wer irgend kannte, verließ die Stadt, und als von Deutschen Aeroplanen die ersten Bomben unweit van uns die Eisenbahnbrücke beschädigt hatten, beschlossen auch wir. die erstbeste Gelegenheit zu benutzen, und die bedrohte Stadt zu verlassen. Wir gingen ursprünglich nach Petersburg, und nun begannen unsere Wanderjahre. Fn Petersburg waren wir nur ein paar Monate. Das Klima war für Borja schädlich und wir zogen nach Moskau. Am uns hier vollkommen neu einzurichlen und eine geordnete Praxis aufzunehmen, hatten wir zu beschränkte Mittel. Wir nahmen deshalb ein Angebot zwei Stunden von Moskau, in Cholkowo, an einer Fabrik an. Hier arbeitete mein Mann als Arzt ein Fahr lang, ich setzte unterdessen mein Studium als Zahnarzt fort, wozu ich einigemale wöchentlich nach Moskau fuhr. Als ich mein Studium beendet, zogen wir wieder nach dieser Stadt in der Hoffnung, uns dort einzurichten: aber es glückte uns wieder nicht. So sahen wir uns nach ein paar Monaten gezwungen, die Stelle in Gowardawa als Fabrikärzte anzunehmen. Wir gingen also nach Gowardawa. Daselbst betrat ich die Stelle als Zahnarzt. So arbeiteten wir zusammen. Kaum waren wir drei Tage in Gawardawo. als plötzlich die Revolution lasbrach. An der Fabrik begann ein reges politisches Leben und ohne zu wallen, wurden auch wir bald hineingczogen. Hach wallten die Wagen der Revolution. Die Arbeiter sehnten sich, das Fach des Kapitalismus van sich zu werfen. Die Fabrikbesitzer wohnten aber weit van ihnen und zumeist kannten sie sie gar nicht. Fhre ganze Wut wandte sich also gegen ihre nächsten Vorgesetzten, gegen die Fngenieure. Sie wollten nicht begreifen. daß diese ebenso Angestellte waren wie sie und auch einem fremden Willen gehorchen mußten. „Wir brauchen keine Fngenieure" hieß es, „die Fngenieure wollen wir ertränken und uns die Fabriken selber ancignen." Zwischen diese Rebellen warf sich Borja und dank seiner Rednergabe und seinem großen Einfuß auf die Arbeiter gelang es ihm. manche Greuel abzuwenden. Die Fuden find zum Volk nicht geborm und der Gang der I Geschichte, in dem wir eben doch die göttliche Vorsehung erkennen I müssen, beweist uns dies am besten. Wer die Geschichte Israels I genau kennt und sie objektiv erschaut ahne nationale oder inter- I nationale Voreingenommenheit, der muß schauen, daß Fsrael nie die Kraft hotte, sich o!s ein Volk zu gestalten, eigene Kultur zu zeugen und zu pflegen. Israel hatte das Internationale, oder noch besser das Übernationale" als Keim von Anfang an in sich. Es ist geboren zu reinem Menschentum und reines Menfchentum verträgt keine Nation. Nation ist schon ein Begriff, der Mensch vom Menschen trennt, der Sonderinteressen verlangt gegenüber den Allgemeininteressen, der dos Prinzip der Nächstenliebe durchkreuzt. Fsrael ist immer* schlecht dabei gefahren, so die Völker chauvinistisches Nationalitütentum trieben und ich glaube, gerade die heutige Zeit 'dürfte den besten Beweis hierfür liefern. Wir Juden haben, um uns als Religion und religiöse Weltanschauung zu halten, gegen jede Berhimmlung der Rossen und Nationalitäten anzukämpsen: denn sie verdunkeln sofort die Grundlagen des Fudentums, die Grundlage aller Weltreligionen. M e i n Zionismus liegt in der Lehre, die von Zion ausging und die im mefsianischen Endziel endet. Diesem Ziel führt uns ober keine „Volksgemeinschaft" entgegen, sondern nur eine Religionsgemeinschaft. Als Nationen werden sich die Menschen nie linden, in Religionen müssen sie sich finden. Das ist das Ziel unserer Propheten, die ich mehr als die Geschichte liebe; das ist dos Ziel unserer Religon, die wir achien müssen und kennenlernen. Fn welcher Weise sind die Zionisten Fuden? Fch muß sagen: nur der Fude. der seine Religion nicht kennt und nicht liebt, kann Zionist sein, wer aber seine Religion kennt, kann kein Zionist sein. Dabei Hobe ich nicht das orthodoxe Fudentum im Auge, denn es ist zu sehr an nationale Sitten gebunden, ich meine das reine prophetische Fudentum. mit seinen allgemeinen hohen rein ethischen Fdeen. das den Glauben an Gott und seine Sittlichkeit als sein Lebenselixier in sich trägt und das uns zum Menschen führt. Wir sind leider zu sehr Trotzjudcn als Herzensjnbcrt; wären wir mehr Herzensjuden. Fuden um des Fudentums willen und nicht weil wir als Fuden verfolgt werden und daher aus Trotz unser Fudentum behauvten, dann würden wir mehr leisten können. Aber das religiöse Moment fehlt bei den meisten. Man hat dies allmählich auch im Zionismus neiüh't. uud wenn Achad Haam eine jüdische Kultur und ein jüdisches Kulturzentrum will, so ist es ihm zunächst um Erhaltung der südlich-religiösen Anschauungen zu tun. wie es seine Schriften lehren — Achad Haam stehe ich sehr nahe, schon weil er auch eine freiere Beurteilung des Fudentums zuläßt. Feder Zionist, der eine positiv-jüdische und dach liberal-religiös-jüdische Weltanschauung in sich trägt, ist mir willkommen. Wer aber national denkt und fühlt, ihm kann ich nicht innerlich nahe kommen, wenn ich ihn auch verstehe. Wir Menschen sind durch d i e Begriffe, die uns die höchsten sein sollten, Religion und Vaterland, getrennt, weil wir sie entwürdigt haben. Das Fudentum ist zuviel Gesetz geworden, das Christentum zuviel Dogma. Urjudentum und Urchristentum ist mir das einzig Richtige, so wie es vielleicht im Propheten Fesaia und F e s u s sich gezeigt, nicht im Fesus des Evangelium, sondern in dem Menschen Fesus, Das ist meine religiöse Anschauung. Fch möchte Sie Fhnen gern noch näher erklären und bin bereit, gerade mit Fhnen mich weiter über diese Probleme auszusprechen und weil ich sprechen wollte, deshalb mußte ich ein ruhiges Stündchen suchen, in dem ich all dies kurz wiedergeben konnte. Gar manches hierin wird Fhren Widerspruch finden, aber ich will ihn haben und hören. Nicht vom Zionismus will ich Sie abbringen, aber Fbnen zeigen, wie man ein guter Fude und Rabbiner fein kann, ohne dabei Zionist zu fein. Das Höchste, wa» wir fein können, find Menschen, und so ist für mich jeder Mensch eine Aufgabe. Und weil ich die Menschen liebe, bin ich ihr Seelsorger, ihr Freund. trotz unserer Armut ist Deutschland reich an. kochsalzhaltigen Quellen, besonders im Taunus. Aus zwei der besten werden durch Abdampfung die berühmten Fays echten Sodener Mineral-Pastillen hergestellt, die als Hausmittel bei Husten, Heiserkeit usw. Weltruf genießen. Trinkkur mit Sodener Wasser ebenfalls sehr wirksam. Er stellte sich an die Spitze der ganzen Arbeiterbewegung, verhinderte blutige Ausschreitungen und organisierte sie unter der Fahne der Sozialdemokratie. Bald aber brach der Bolschewismus durch. Lange hotte Borja die Bewegung im Zaum gehalten. Die Zahl seiner Gegner nahm aber immer mehr zu und die ihm vertrauenden Arbeiter waren nicht imstande, ihn zu schützen. Wir bekamen Drohbriefe, sollten die Fabrik verlassen, sonst würde man sich an Borja für seinen Einfluß auf die Arbeitermassen rächen. Fch sah die Gefahr nahe. Die Atmosphäre wurde immer drückender. Verzweifelt bestand ich darauf, daß Borja zeitweilig nach Moskau gehe und nicht eher zurückkomme. bis die Gefahr beseitigt sei. Wir fuhren also zusammen nach Moskau. Fch ließ jedoch meinen Mann dort zurück und eilte noch cm paar Tagen zur Fabrik zurück. Wie groß aber war meine Bestürzung, als ich am Bahnhof ankam und dort sofort verhaftet wurde. Es war Kriegszustand. Wie es sich herausstellte, waren die Bauern der Umgebung ausständig geworden und hatten auch die Arbeiter mit hineingezogen. Die Organisation dieser Rebellen hatte man Borja zugeschrieben, weil die Bauern in unserer Abwesenheit zur Fabrik gekommen waren mit der Bitte. Borja solle sie organisieren. Das Kriegsgericht verurteilte ihn daraufhin sofort zum Tode. Meinen Zustand, liebe Schwester, kannst Du Dir denken. Fch war verhaftet und konnte nur von meinem Fenster ans sehen, was draußen vorging. Das fortwährende Donnern der Geschosse ließ niein Herz stillsteben. Erwar viel Militär herausgeholt und dieses verfuhr ccbarmungslas mit den Ausständigen. Der Cohn unseres Feldschers, ein idealer, edler Füngling, war von ihm ergriffen, des Verrat"-- angelrlagt. auf den Fabrikhof gezerrt und dort vor den Auge;' aller Arbeiter halbtot geschlagen, Honda und Füße zerbrachen und erschossen. Mengen von Arbeitern wurden arretiert, dir Reichen ergriff man und verhängte über sie Feldgerichte. Fe zu 80 Mann mußten sie sich Gruben ausgraben, wurden dann alle herumgestellt und erschossen. Biele, die noch lebend geblieben waren, sielen mit den Toten zusammen hinein und wurden bei lebendigem Leibe verschüttet. Es wütete der Terror. — Auf die Forderung der Arbeiter, sie hätten ihren Zahnarzt nötig, ersetzte man meine Verhaftung durch Stubenhaft, wobei ich meine Tätigkeit ausüben kannte. Schwere, schivere Stunden habe ich damals durchlebt. Fch wußte, daß Borja zu Tode verurteilt war und fürchtete von Stunde zu Stunde, er könne? hcimkehren und in die Hände der Soldaten fallen. Und doch mar ich ständig unter- Aufsicht und konnte ihn von allem Ge schehcn nicht in Kenntnis fetzen. Arbeiter kamen zu mir und sagten, auf der Eisenbahnlinie wäre Befehl gegeben, man feile Borja verhaften und ihn sofort, ahne ihn hierherkommen zu lassen, erschießen. Fch schickte einen Arbeiter nach Moskau. der Borja von der ihm drohenden Gefahr wissen ließ, und dank der Ausogserung dieses Menschen wurde mein Mann gerettet. (Schluß folgt.)