Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Ahrsang Hummer io 2,!8e!Inge! 6. März lSL» , Der jüdisdie Liberalismus -Zionismus - Deutsches Staatsbürgertum. Herr Oberregierungsrat Hans Goslar hat in Nr. 7 ö. Bl. eilten Aufsatz „Zionismus und deutsches Staatsliürgertum veröffentlicht Es wird den Liberalen von zionistischer Seite immer der Vorwurf gemacht, daß „im liberalen Programm das einzig Positive die Bekämpfung des Zionismus f e i." Das ist durchaus nicht der Fall. And es muß in breitester Öffentlichkeit dargelegt werden. dasi der Liberalismus schon durch Bekämpfung des Zionismus ein gewaltiges Stück positiver Arbeit leistet. Schon im Dezember vorigen Jahres hat in der ersten liberalen Wahlversammlung in Breslau dem zionistischen Diskussionsredner gegenüber der Schreiber dieser Ausführungen darauf hingejoiesen, daß die jüdische Reformbemegung einen durchaus deutschen Charakter trage. So wie die evangelische Reformation, mag man sich sonst zu dem Protestantismus stellen wie man will, so wie sie ins Leben trat nur von dem deutschen Menschen Marlin Luther gemacht toerden konnte, so ist auch die Reform des Judentums von deutschen Juden im deutschen Sinne und in deutscher Art geschaffen worden. Nur eben mit dem für ihre Eigenart nicht unvorteilhaften Unterschied, daß sie nicht von einer einzelnen Persönlichkeit, sondern von der großen Menge ausging und hierdurch, abgesehen von allem anderen den einzig dastehenden Erfolg hatte, daß sie auch ihren schärfsten Gegner, die Orthodv'-ie. zwang, ihren Kult völlig umzustellen und ihm der deutschen Umwelt und Ietzzeit einigermaßen angemessene Form zu geben. Diesen deutschen Charakter hat die jüdische Reformbewegung auch nicht abgelegt, wenn sie auf die fremdländische Iudenheit Übergriff. Die Klage des Führers der Orthodoxen in der Berliner Repräsentanz, daß „d i e. E m a n z i p a t i o n uns die Orgelsynagogen gebracht und die Iüdischkeit genommen", ist von seinem Standpunkt und seiner Auffassung von „Iüdischkeit" berechtigt: es erscheint unverständlich, daß Liberale snamentlich einige Theologen) diesen Zusammenhang zwischen Emanzipation und Reform bestreiten. Mögen sich unter den liberalen deutschen Juden auch einige zionistisch gefärbte befinden, der jüdische Liberalismus als solcher muß unbedingt zwischen sich und dem Zionismus einen scharfen Trennungsstrich ziehen. Cr würde seiner Geburt, seiner ganzen Vergangenheit ins Gesicht schlagen und seine Zukunft vernichten. Diese letztere beruht auf der Erweckung religiösen Gefühls bei den indifferenten Juden und auf der Uebertragung jüdisch-ethischer Ideen auf die andersgläubige Umwelt. — Und nun wollen wir einmal betrachten, was H. G. über den Zionismus erzählt. Allerdings hat er recht, wenn er sagt, daß das deutsche Volk auch keine Rasseneinheit ist. Das jüdische Bolk war schon keine solche, als es noch in Palästina ein staatliches Gemeinwesen bildete. Der Führer der Breslauer Misrachi hat Zwar nach einem hochinteressanten Vortrag des Orientalisten Professor Ungnad „Ueber die Hethiter" im Breslauer Verein für jüdische Geschichte und Literatur die Vermischung mit den zum Teil arischen Hethitern bestritten. Wir stehen aber nicht auf dem Standpunkt, daß „Vernunft und Wissenschast (bezw. deren Ergebnisse) zu verachten seien" und imcinen, daß gerade unsere Stellungnahme den geistigen Wert des Judentums auch für noch zu erwartende Resultate weiterer Forschungen nur stärken kann. Das erste Exil brachte schon eine weitere Vermischung und die endgültige Diaspora vermehrte in den ersten Jahrhunderten solche noch stark. So hat sich die Judenheil entwickelt. Darum sind Herkommen und Kultur der einzelnen Gruppen ganz verschieden, auch kultische, ja sogar religiöse und moralische Einstellung zum Teil ganz anders geartet; mir das religiöse Endziel ist das gleiche, reinster Monotheismus und Messianismus. Meint nun H. G. wirklich, daß der deutsche oder sagen wir auch nur der westeuropäische 5lude irgend welche kulturelle oder geistige Gemeinschaft mit dem marokkanischen Juden haben kann? Sicher doch erst dann, wenn letzterer deutsch oder englisch oder französisch kulturell beeinflußt sein mird oder aber wenn die messianische Zeit gekommen. Und das mird auch nicht anders werden bei einer palästinensischen Zenieale und durch eine dort gepflegte „jüdisch e" Kultur, über melch letztere noch später zu reden sein wird. Was soll da der Vergleich mit Deutschland, mit der deutschen Ration, zu der wir uns rechnen! Gewiß, der evangelische Ostpreuße und der katholische Süddeutsche haben ganz verschiedene Stammesart und verschiedenartiges Kulturempfinden: sie verstehen sich meist viel Inster mit den jüdischen Mitbürgern der gleichen Gegenden. Aber es eint sie die gleiche Sprache, die gleiche nationale Basis, die gleichen nationalen Interessen. Diese Vorbedingungen Tiiv den Begriff Volk und Nation fehlen nach H. G.'s eigener Ausführung der Gesamtheit der Zu den völlig, deshalb können sie auch niemals u l s Volk angesehen w e r d e n. Dagegen sind die Juden der einzelnen Länder mit ihren andersgläubigen Mitbürgern in politischer Hinsicht fest verbunden. Ueber dieser Bindung steht so hoch, daß sie solche garnicht berührt, eine andere, die rein geistige, ethische, religiöse der gesamten Iudenheit. Wir wollen incht, daß diese rein geistige Bindung in die verhältnismäßig weit niedere der staatlichen gezogen wird, weil sie immer darunter leidet, wie jede der anderen Menschheitsideen, die alle^auf rein jüdische Gedanken Zurückführen. wenn man sie mit Staat und Politik verquickt. Das hat der Weltkrieg und die durch wn hervorgerufene Verhetzung der Völker gezeigt. Wir erblicken deshalb auch nicht in der palästinensischen Vergangenheit des Judentums sein Bestes, an dem wieder angeknüpft werden mutz, weil eben diese Vergangenheit auf nationalen Ge- 2 Zum 1« April sind die Stellungen eines Z 2 Assistenten — bevorzugt werden Herren 2 2 mit urologischer Ausbildung — und zweier Z | Medlzinalpraktikanten an der | S diirargisdi. Ableilang f | zu besetzen. £ Bewerbungen bis zum 11. d. M, an den t Vorstand des Krankenhauses der jüdisch. | Gemeinde, Berlin N 65, Exerzierstr. 11 a. g Sprechsaal. freie iQd. Volks-Hodisdmle. Sonntag, den 8. März, vormittags 11 Uhr, Logenhaus, Kleiststrasse 10, 4. Fortsetzung des Rezitationszyklus „Drei Jahita ie ii MEINHARD MAUR. Karten A»— und 1,— Mark an der Kasse xi. im Sekretariat bei Goldmann, Berlin SW 47, Yorckstraße 88. Telefon: Lützow 4721. sichlspunkten beruhte, die die Ausführung der Propheten-Gedanken unmöglich machten. Daher sehen wir (nebenbei bemerkt in Aebereinstimmnng mit Achad Haam) jeden auch nur irgendwie einzelstaatlichen Zusammenschluß von Mitgliedern der Judenheit schon als einen sehr bedenklichen Schritt.an, der folgerichtig zu den Ideen eines Iabotinski (Aufstellung eines jüdischen Heeres) führen muß. d. h., Verleugnung des messianischen Endzieles, weil Erkämpfung durch körperliche Gewalt. Deshalb erblicken wir in der Zerstörung des Tempels, der Auflösung des jüdischen Staates und der Zerstreuung des jüdischen Volkes keine Strafe, sondern das Walten der Vorsehung, die den jüdischen Gedanken unter den Völkern verbreiten wollte und die jüdischen Gesetze, soweit sie mit Zeit und Boden zusammenhingen. aufgehoben hat, die das Judentum gelöst und sreigemucht von der Bindung an den Grund und Boden, auf dem es erwachsen. Run sagt H. G., der „Z i o n i s m u s w o l l e den Juden (also wohl den Ostsuden) Brot schaffen, sie vor Bedrängung und Pogromen bewahre n." Weiß H. G. nicht, daß Herzl, der Begründer des Neuziomsmus, seinen bedrängten Glaubensbrüdern diese Heimstätte gar nicht, in Palästina, sondern in den viel besser geeigneten fruchtbaren Gefilden Südamerikas gründen wollte und daß man ihn seinerzeit auf einer Zionistenversammlung, der er diese Absicht erösfnete, tobend schmähte. Nun würde ja auch Palästina als Land der Siedlung kein Hindernis für den deutschen Juden sein, wenn sich die zionistischen Ideen von vor 1914 verwirklicht hätten. Man glaubte bis dahin doch, schließlich einmal die Türkei durch Geld oder sonstige Vorteile zur Erschaffung eines Iudeustaates in Palästina betvegen zu können. Dieser Staat sollte ganz neutral und vollständig apolitisch mit dem Sultan als Souverän sein. Aber der Weltkrieg hat das Bild verschoben und diese zionistische Hoffnung vereitelt. England hat sich das Mandat über Palästina, das nicht einmal einen erheblichen Teil der Juden aufnehmen kann, genommen und sich damit einen politischen Stützpunkt geschaffen. H. G. geht über diese Tatsache so leicht hinweg wie über einen Zwirnsfaden und doch kann gerade er über sie schneller stolpern als er denkt. Es braucht noch keine kriegerische Verwicklung zu sein, durch die wir England als Gegner gegenüberstehen; irgendeine wirtschaftliche, die mit Aus- und Einfuhr von oder noch Palästina zusammenhängt, die für P a l ä - stinas Entwicklung sehr nützlich, aber für Deutschland sehr schädlich, kann über Nacht kommen. Wie will sich da der zionistische Pressechef der preuß. Regierung verhalten? Jedem Klarsehenden und Hellhörigen müßte es schon als Gebot politischer Sauberkeit erscheinen, daß ein Zionist nur Staatsämter rein technischer oder wissenschaftlicher Art bekleiden darf, solche von irgendwie politischer Bedeutung aber unbedingt meiden muß. Die politische Sauberkeit soll einem Charakter wie H. G. nicht abgesprochen werden, aber das Klarsehen und Hellhören; er geht wie ein Nachtwandler auf schmalem Pfa-d und weiß nicht, daß ihn irgendein schriller Ruf der Außenpolitik oder das Heulen der Sirenen einer fremden Industrie den jähen Absturz bringen kann, der dann dem gesamten Judentum zum Schaden gereichen wird. — Was H. G. dann von den Tatsachen des August 1914, d. h. von den Aufrufen des deutschen und österreichischen Zionismus an ihre Anhänger zum Kampf für deren Vaterländer sagt» beweist nur, daß das Vaterlandsgefühl manchmal stärker ist als der Zionismus und daß dieser in den genannten Ländern aus die unerwiderte Liebe zum Vaterlande Zurückzuführen ist. Aber damals handelte es sich beim Zionismus um utopistische Zukunftsbestrebungen: heute, wo diese eine ganz archere, auch von den Zionisten nicht erwartete Gestalt angenommen, sieht die Sache ernster aus. Man identifiziert sich durchaus nicht mit dem Standpunkt des Dr. Naumann, wenn man von den deutschen Juden in bürgerlicher Beziehung ein volles Aufgehen im deutschen Vaterlande fordert und den Zionismus als ein Hindernis dafür betrachtet. Deshalb darf die bürgerliche Erziehung nicht durchkreuzt werden von zionistischen Gedanken und Ideen. Unsere Jugend muß noch mehr Wurzel fassen in der deutschen Erde und im deutschen Volke, von dem sein größter Dichter ungefähr folgendes gesagt hat: „Die Deutschen hätten so viel Wesensähnlichkeit mit den Juden, daß man ihnen eigentlich deren Schicksal, die Zerstreuung unter die anderen Völker, wünschen müßte. Dann er st könnten sich deutsche Gedanken in der Welt durchsetzen." — Nun zu dem, was H. G. vom Zionismus nicht gesagt hat. Er hat nicht davon gesprochen, daß die zionistische Presse und sehr prominente Vertreter des Zionismus vor dem Kriege und bald nach ihm den deutschen Juden die Fähigkeit abgesprochen haben, in seelischer und kultureller Hinsicht Volldeutsche zu sein. Erst sehr spät hat ein Teil der Zionisten eingesehen. wie irrig die Ansicht Klatzkins ist. daß „die Freude und das Leid der Wirtsvölker nicht auch Leid und Freude ihrer Juden fei." Mer bis in die allerletzte Zeit sind uns im Kampf mit dem Antisemitismus noch Zionisten mit der Behauptung in den Rücken gefallen, wir gehören nicht zum deutschen Volke, und unsere Forderungen voll und ganz zu ihnen gerechnet zu werden, sei eine Anmaßung. Das ist eben die letzte folgerichtige Konsequenz zionistischen Denkens und Fühlens. — Doch auch von anderem hat H. G. nicht gesprochen, wohl aus vornehmer Bescheidenheit, wie auch sein ganzer Artikel sich in dieser Hinsicht vorteilhaft abhebt von der Schreib- und Redeweise anderer zionistischer Größen. Er hat nicht mit den bisherigen Erfolgen des Zionismus geprunkt. Wenn er allerdings sagt, daß „diese Bewegung zehntausende Juden von dem Abfall bewahrt habe", so scheint das wohl etwas zu hoch gegriffen. Immerhin mag deren Zahl wohl in die Tausende gehen; bei ihnen wird der Zionismus der Weg sein, der sie schließlich zur richtigen Auffassung des Judentums führen wird: denn der Mensch gelangt ja meist erst durch den Irrtum zur Wahrheit: Aber H. G. hat auch kein Wort von den b i s h e r i g e n E r f o I g e n jüdischer K u l t u r i n P a l ä - st i n a erwähnt. Vielleicht aus Klugheit und aus — Ehrlichkeit. Vielleicht teilt er unser Enrpfinden, daß das bisher dort Geschaffene eigentlich gar nichts mit spezifisch i ü d i s ch e r K u l t u r z u t u n h a t. Denn was ist dort geschaffen worden? Hafenanlagen, Häuser, Städte. Elektrizitätswerke. eine Universität usw. Aber womit und wodurch? Durch amerikanisches. englisches, deutsches Geld, mit amerikanischen, englischen, deutschen Maschinen, durch jüdische, geistige Leiter und Arbeiter, vielleicht auch nur durch jüdische Hände. Aber was will das bedeuten? Gab es nicht schon lange vorher ostjüdische Städte, in denen die Handwerker nur aus Juden bestanden? Har (was ja für uns in erster Linie in Frage kommt) jüdischer Geist, hat jüdische Begabung im deutschen Vaterland nicht längst schon Gleiches zustande gebracht? Emil Rathenau hat die A. E. G geschaffen. Messel die herrlichsten Bauten. Liebermann Gemälde, Ehrlich hat das Salvarsan in schwerster wissenschaftlicher Arbeit entdeckt. Einstein die neue Relativitätstheorie. Auch in politischer Beziehung hat jüdischer Geist gewirkt: die Programme aller politischen Parteien Deutschlands und seine jetzige Verfassung haben Juden zu ihren Vätern. Ist nun deshalb die Gründung Emil Rathenaus, die A. E. G., etwas spezifisch Iüdi» sch es. Niemals, aber das Auftreten und die Schrif- ' ten seines Sohnes Walter Rathenau. der die ihm zugemutete Taufe mit der Begründung ablehnte, daß der reinste! Monotheismus doch nun einmal nur im Judentum zu finden! sei. Der, mag man sich auch sonst zu seinen wirtschaftlichen j Theorien stellen wie man will, eine gerechte Verteilung ihrer irdischen Güter, der die Entmechanisierung des menschlichen Denkens und Fühlens anstrebt, das durch das Zeitalter der Maschinen gelitten. Der auf der Konferenz in Genua das Wort gesprochen, das allen Völkern hätte Erlösung bringen können:, „Frieden, Frieden!" Der den von ihm vorausgeahnten Märtyrertod gestorben ist für sein deutsches Vaterland und für sein jüdisches Denken und Fühlen. Und der (man kann darüber nur schmerzlich lächeln) bei seinem Amtsantritt durch das „I ü d t s ch e; Familienblatt". das mit dem Zionismus liebäugelt, von der Schwelle des Judentums gewiesen wurde. Wir sehen genug jüdische Kultur um uns herum. Wenn in jedem Kulturland jeder Arbeiter seinen wöchentlichen Ruhetag hat, wenn man sich der Armen und Bedrängten annimmt, wenn die Sklaverei ausgehoben. wenn soziale Einrichtungen geschaffen worden, wenn! auf der internationalen Tagung katholischer Studenten bic; „pax romana“ (der von Rom ausgehende Friede) propagiert wurde, so sind das die der Menichheit durch das' Judentum übermittelten Gedanken des Sinai. Daß sie nicht als solche gelten, daran ist das Judentum selbst' nicht ganz ohne Schuld. Es hat um seinen innersten Kern so viel Umhüllungen gelegt, daß nur wenige Kundige und Ausdauernde bis zu ihm Vordringen konnten. Es hat sich noch viel zu ängstlich gehütet, in das bürgerliche Leben der Völker einzudringen. „Ihrseid d a s S a l z der Erde!" Dieses Wort sprach zu den Juden der wirklich letzte jüdische Prophet, aus dessen Gestalt man dann den Stifter eines neuen Glaubens machte. Das Salz bedeutet für sich allein nichts und in Verbindung mit anderem und für alles andere alles. Die echt orientalische und das Richtige treffende Redeweise des Vergleiches besagt, wir müssen und sollen eindringen in die Völker, das ist der Daseinszweck des Judentums. Der Zionismus will auch bei tolerantester Auffassung ein Absck) ließen von der Umwelt, also auch vom deutschen Staatsbürgertum. Wir müssen uns vom liberalen Standpunkt aus gegen ihn wehren. Er vermeint (namentlich die misrachistische Richtung) eine Renaissance des Judentums zu schaffen, aber es würde wahrlich keine Wiedergeburt, sondern nur eine Wiederherstellung längst veralteter Form, allergünstigsten Falles ein religiöser „Naturschutzpark". Wir wollen für das wirkliche Leben das Judentum wieder beleben. Der Zionismus marschiert unter den Klängen der neugeschaffenen jüdischen Nationalhymne, der „H a t i k w a h" mit der das deutsche Vaterlandslied nicht gut vereinbar ist. Unsere Hymne ist rein religiös und übernational, sie steht über den Vaterlandsliedern aller Nationeit, wir hoffen, daß sie uns mit den Zionisten immer wieder einen und schließlich einmal alle Völker vereinen wird. Wir machen unseren religiösen Weg mit dem „Ech ' ma 3 i s r o e l r I. Wolffsohn, Bresläm An allem sind die Herren Rabbiner schuld! Es berührt unangenehm, wenn fast in jeder Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung im Sprechsaal oder sonst an einer Stelle den Rabbinern von irgendeinem Laien Musfar gesagt wird. Das eine Mal gefallen die Leichen- und Traupredigten nicht, das andere Mal predigt er zu viel, das andere Mal zu wenig; ein anderer legt ihm die Mißerfolge im Religionsunterricht zur Last, und wieder andere verlangen einen Einklang von Lehre und Leben und fordern die Rabbiner auf, sich über die Speisegesetze hinwegzusetzen oder sonst zu zeigen, wie „liberal" man denkt und — handelt. So hat Herr Iuftizrat Breslauer, der alte Kämpe im liberalen Judentum Deutschlands nur sein Hem ausgeschüttet ond „rücksichtslos chnen die Meinung gesagt". Er hat aber — wie es immer der Fall, wenn man „rücksichtslos" seine Meinung äußert, in vielem über das Ziel hinausgeschossen und hat Verallgemeinerungen gebraucht, die vielleicht aus seinen Berliner Erfahrungen richtig sein können — aber auch das möchte ich bestreiten —, die aber nicht unwidersprochen bleiben dürfen. And wenn jetzt ein „Rabbiner" dem „Laien" eine Predigt hält und kündet, was den Rabbinern an den Laien nicht gefällt, so bitte ich dies als mit gleicher Münze heimbezahlt und als Ausfluß schwäbischer Offenheit und Aufrichtigkeit entgegenzunehmen. Woran es vor allem fehlt, das ist an der Achtung vor dem Rabbiner oder dem geistlichen Leiter der Gemeinden. Wcchrend in allen anderen Religionsgemeinschaften der Geistliche nicht bloß das geistliche Oberhauot der Gemeinde ist, sondern auch in allen Fragen der Gemeinschaft gehört wird, ist bei uns Juden das „Laienprinzip" derart stark betont, daß jeder Jude Vorstand oder Vorsitzender der Gemeinde sein kann und nach außen hin als Vertreter der Gemeinschaft zu gelten hat, nur nicht der Rabbiner. In Württemberg war dies bis zur Verfassungsänderung von 1924 nicht der Fall; aber auch hier haben allmählich die Gelüste nach diesem Titel überhand genommen und man hat damit die Rabbiner Württembergs in den 'Augen der anderen Gemeinschaften degradiert und ihre bisherige soziale Stellung untergraben. Es wirkt absonderlich, wenn in der evangelischen Kirchengemeinde der Pfarrer T. unterzeichnet, während bei den Juden der Herr Justizrat A. oder der Herr Bankier B. als Vertreter der ijrealitischen Kultusgemeinde gilt. Wir beklagen uns, wenn wir von unseren christlichen Mitbürgern hintangesetzt werden und wir sehen unsere eigenen Geistlichen herunter. Ebenso ist es auch bei den sogenannten Landesverbänden: Mährend die evangelische Landeskirche liberall einen Geistlichen an ihrer Spitze hat. ist es bei uns Juden immer ein Laie. Es gibt ja Gründe, die dafür und dagegen sprechen, aber wenn einmal der Rabbiner der Laien sagen soll, was er zu beklagen hat, so muß man mit der Stellung beginnen, die ihm die Gemeindemitglieder innerhalb der Gemeinde und der Gemeinschaft geben. Denn mit dieser Frage hängt alles ianos u.llugel ca. ISO Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilzahlung gestattet! Hans RehbocK&Co.t Motzstr.78 WWWWWWWRWRWWRWW (a. Generalvertretung von Schiedmay er & Sohne