Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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schreibt im 3uni 1850 an seinen Verleger Campe: „Ich hin kein Frömmler geworden, aber ich will darum doch lischt mit dem lieben Gott spielen. Wie gegen die Menschen, will ich auch gegen den lieben Gott ehrlich verfahren, und alles was aus der früheren blasphematorischen Periode noch vorhanden war, die schönsten Giftblumen, habe ich mit entschlossener Hand ausgerissen und bei meiner physischen Blindheit vielleicht zugleich manches unschuldige Nachbargewächs in den Kamin geworfen ... Neben mir hörte ich die ironische Stimme eines Mephistopheles, die mir zuflüsterte: „Der liebe Gott wird dir alles weit besser honorieren als Campe . Und weiter: „Glauben Sie nicht den umlaufenden Gerüchten, als sei ich ein frommes Lämmlein geworden. Die religiöse Umwälzung, die in mir sich ereignete, ist eine bloß g e i st i g e. Ein Akt meines Denkens mehr als des seligen Empfindens, und das Krankenbett hat wenig Anteil daran, wie ich mir fest bewußt bin . . An den Bruder Maximilian schrieb Heine im Dezember 1848: „In meinen schlaflosen Marternächten verfasse ich sehr schöne Gebete, die ich aber doch nicht niederschreiben lasse, und die alle an einen sehr bestimmten Gott, den Gott unserer Väter, gerichtet sind." Mit solchen Bekenntnissen steht Heine aber keineswegs allein in der Reihe der Getauften. Auch bei. Börne, der in seinen Aeutzerungen so zurückhaltend war wie Heine explosiv, so bedächtig und abwägend wie Heine sprudelnd, sind ähnliche Stimmungen wahrzunehmen. Dr. Paulus E a s s e l, der gefeierte Prediger der Berliner Christuskirche, in der Galerie der berühmten Getauften eine der merkwürdigsten Erscheinungen, ist in seiner Weise nicht minder eine Bestätigung unserer Theorie von der Bekehrung zum Judentum durch die Taufe. Die Beschäftigung mit religiösen Problemen war bei ihm, dem begeisterten Theologen, Berufssache. Ihn führte der Mystizismus zum Glaubenswechsel, den er so ordnungsmäßig vollzog, daß er am Morgen des Taustages noch sein hebräisches Morgengebet in aller Andacht verrichtete, um dann den Weg zur Taufe anzutreten. Die alte Rechnung sollte sauber beglichen sein, ehe die neue eröffnet wurde. Als Saul Cassel betrat er die Kirche, als Paulus Cassel verließ er sie — „aus den: Saulus war er zum Paulus geworden", um fortan hingebungsvoll seiner neuen Glaubensrichtung zu dienen. Als aber gegen Ende der siebziger Jahre der neue Antisemnismus sich regte, — Form und Name waren damals neu — da besann sich Paulus Cassel auf sein früheres Bekenntnis und beharrlicher, schärfer, temperamentvoller als irgendein deutscher Rabbiner stritt Paulus Cassel, von seinem christlichen Standpunkt aus, gegen die Judenfeinde, insbesondere gegen Stöcker und sein Gefolge. Auch jener David Mandel, der als „N e a n d e r" zürn eifrigsten protestantischen Theologen, zum. gefeierten Professor der Theologie geworden und zu den höchsten kirchlichen Würden gelangt war, gedachte oft gemütvoll seiner jüdischen Jugendperiode, der sein Mystizismus ihn entrückte. Aehnlich stellte sich zum Judentum Josef Joachim, den sein Künstlerschicksal früh zur Taufe geführt hatte. Mehr oder minder deutlich spüren die Getauften alle, wie wahr das Wort Goethes ist, der da, von je ein Gegner des Konventitentums, einmal schrieb: „Es bleibt jeder, der seine Religion verändert, mit einer Art Makel bespritzt, von dem es unmöglich scheint sich zu reinigen." Aber je tiefer das Gemüt, um so tiefer bohren sich auch die religiösen Skrupel und Bedenklichkeiten in das Wesen deS Getauften. Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint uns Heine, der aller Welt für einen frivolen Spötter galt, an der Hand dieser oft so inbrünstigen, immer aber so grundernsten Conf658io .1 u d a i c a in einem ganz neuen, überraschend neuen Licht. Um dieser in ihrer Geschlossenheit so überraschenden neuen Einblicke in das Gemüt und Wesen Heines willen ist die gewissenhafte, allzu gründliche Biebersche Sammelarbeit, ist die C o n f e s s i o J u d a i c a Heines willkommen zu heißen. Für das, was wir in der Vollständigkeit der Sammlung übertrieben nennen, sind gleich die e r st e n Worte bezeichnend. Sie bringen, als erstes Stück, drei Zeilen aus einem Brief des jungen Heine vom 6. Juli 1816 an Christian S e t h e. Und in diesen drei Zellen schreibt er: „Hauptsächlich muß ick dich bitten, dich deS armen Levy anzunehmen ... Ich beschwöre dich bei allem was dir heilig ist, hilf ihm ..!" Was hat das mit Heines Beziehung zum Judentum zu tun? Ketn Zweifel, daß Heine ebenso dringend sich verwendet hätte, wenn es sich um die Not eines Schulze oder Schmidt gehandelt hätte, und auch das Mitleid an sich wollen wir nicht als eine ausschließlich jüdische Regung in Anspruch nehmen. Der „Welt-Verlag", B e r l i n, hat dem Buche eine geschmackvolle, würoige Ausstattung zuteil werden lassen. Vielleicht hätte das Werk aber noch bester in den, inzwischen nach Berlin übersiedelten, alten Heine- Verlag von Ho ff mann & Campe gepaßt, der heute noch seinem berühmtesten Autor eine so pietätvolle Pflege widmet. Vergessen sei übrigens bei diesem Anlaß nicht, daß Heine die Treue, die er dem verlassenen Glauben bewahrte, auch dem verlassenen Deutschland gewidmet hat. Und dieses Bekenntnis drückte er in einer wahrhaft klastischen, kurzen Formel aus: „Als ich das Vaterland aus denAugen verlor, da fand ich es in meinem Herzen wieder." I. Landau. Wiener Brief. Der Mann ohne Ahnung. Ein jüdischer Großkaufmann ist hier wegen betrügerischer Krida verhaftet worden. Als man das kostbare Meublement seiner Wohnung pfändete, die prächtigen Teppiche zusammenrollte und die des Gemäldeschmucks beraubten Zimmerwände in trostloser Nacktheit ein ungemütlich gewordenes Heim umschlossen, wo eben erst die Behaglichkeit eines üppigen Luxus geherrscht hatte, beging die verwöhnte Frau des Hauses Selbstmord. Angeblich hatte sie von den verhängnisvollen Geschäften ihres Gatten keine Ahnung gehabt. Diesem Ilmstand hat der Zionistenführer Stricker in seiner „Morgenzeitung" einen Leitartikel gewidmet, in dem er die „Frau ohne Ahnung" als typische Ursache des moralischen und materiellen Zusammenbruchs des jüdischen Familienvaters unserer Tage hinstellt. Nun ist es gewiß nicht zu bestreiten, daß eine Frau, die weder. Verständnis noch Interesse für die Sorgen und Mühen des Gatten aufbringk, eine Lebensgefährtin zweifelhafter Güte ist. Ob aber dieser Typus just in der Gegenwart besonders grassiert und zwar gerade in den jüdischen Häusern gleichsam epidemisch geworden ist, wie Herr Stricker Klagt, ist denn doch zu bezweifeln. Der wertvolle Mann, der seine besten Kräfte im Dienste eines seelenlosen Weibchens vergeudet, das ihm in naiver Weltfremdheit die größten Opfer zumutet und mit dem Lächeln der Unschuld das Lebensmark aussaugt, ist eine tragische Figur, die in der Literatur aller Zeiten und Völker wiederkehrt. Ich glaube aber, daß gerade das jetzige Leben solchem männlichen Martyrium nur wenig Raum gibt. Heute wird auch die Weiblichkeit in viel größerem Ausmaße und in viel höhere Schichten hinauf als je vom Trubel des Erwerbslebens erfaßt. Auch Töchter der sogenannten besseren Gesellschaft, deren Erziehung in früheren Zeiten wirklich darauf bedacht war, sie ängstlich vor jeder Berührung mit dem realen Leben zu bewahren, müssen jetzt frühzeitig diesem brutalen Gegner Aug' um Auge gogenübertreten und 'mit ihm um ihre persönliche Geltung, ja, oft genug ums liebe Brot ringen. Daß gerade in dieser Sphäre mutig in den Kampf ums Dasein eingreifender Weiblichkeit das ahnungslose Sirenentum besonders üppig gedeiht, ist wenig wahrscheinlich. Speziell die jüdische Frau war stets durch besonders verständnisvolle Teilnahme an allem, was des Gatten Herz bewegt, ausgezeichnet. Belaß er ein eigenes Geschäft, dann hat sie in diesem nicht selten selbst mit Hand angelegt und es ist im jüdischen Leben viel öfter der Fall zu verzeichnen gewesen, daß die Frau das Geweroe ihres Mannes zur Blüte gebracht, als daß sie seinen Ruin verschuldet hätte. Die Gattin eines Angestellten hatte früher weniger Gelegenheit, aus dem häuslichen Wirkungskreis herauszutreten, um so segensvoller verstand sie es, innerhalb dieser beschränkten, aber der weiblichen Natur angemesseneren Sphäre durch weise Oekonomie mit den vom Gatten erworbenen Mitteln ihm und sich das Leben behaglich zu gestalten. Die Not unserer Tage macht aber auch die Frau des Angestellten nur allzu oft zu seiner Berufskollegin. Eie verdient sich meistens ihren Lebensbeüars selbst, aber auch, wenn sie auf Zuschüsse aus dem Einkommen des Gatten angewiesen ist, wird sie durch ihre Berufstätigkeit vor der Unterschätzung der Mühen, die der Broterwerb dem Manne auferlegt, und vor der Ueberschätzung der materiellen Opfer, die sie ihm zumuten darf, bewahrt. Wie kommt es, daß diese Tatsachen heute zwar jedem Kinde bekannt sind, doch gerade dem „Bolksmann" Stricker so entgangen sind, daß sich seinem, über das jüdische Leben zärtlich wachenden Auge die entgegengesetzte Entwicklung zeigt? Seine merkwürdige Auffassung deklariert Herrn Stricker als den — Mann ohne Ahnung und ich wage die Behauptung, daß dieser Typus viel gefährlicher ist als die von dem jüdischnationalen Leitartikler gerügte „Frau ohne Ahnung. Diese wird doch nur ihrer eigenen Familie zum Verhängnis. Der Mann ohne Ahnung über bringt er, wie der Fall Strick« lehrt, ym einstuhreichen Parteimann, zum öffentlichen Mandatar und zum Vorgesetzten zahlloser Arbeitnehmer, deren Wohl und Wehe von seinem sozialen Verständnis abhängt ... Wie dieses Verständnis bei Herrn Stricker in der Praxis aus- Kabe ich ln der .jüdisch-liberalen Zeitung" schon öfter geschildert. Nun hat der Wiener Zionistenführer in eigener Person die T h e o r i e zu dieser Praxis entwickelt. Er hat einen Fonrag gchalten, in dem er seine Stellungnahme zur sozialen Frage darlegte. i kurz zu sagen: Herr Stricker lehnt die soziale Frage glatt ab. Das hält er für ein zionistisches Axiom. Gründe: das allgememe Wahlrecht in Palästina würde dort die Juden in der Legislative stark in die Minderheit gegenüber den Arabern drängen. Ebenso würde die internationale Klassensolidarität die Maiorcherung der palästinensischen Gewerkschaften durch die Araber zur Folge haben. Die soziale^Frage besteht also für Herrn Stricker n der Frage nach der Majorität in Parlament m»d Gewerkschaft. Das ist der charakteristische Standpunkt des Berufspolitikers. Ob die Gewerkschaftsbewegung den jüdischen Arbeitern zugleich mit den Arbeitern anderer Abkunft den ihnen gebührenden Anteil an den Gütern des Daseins sichert ober nicht, interessiert Herrn Stricker nicht. Er sicht nur. daß die internationale Arbei ersolidarilat ihm und seinesgleichen nicht zu Mandatschren verhilft. In Palästina ebensowenig wie — in der Leovoldstadt. Daher ist sic antizionistisch und antijiwisch. Für die Juden hat die nationale Solidarität wichtiger zu sein als die proletarische Schön. Was gedenkt also Herr Stricker zu tun, uni c Solldarltatsgefühl des jüdischen Arbeitnehmers mit denl Arbeitgeber aus Kosten der Klassensolidarität mit deni christlichen und mohammedanischen Kollegen zu stärken? Er brauchte sich darüber gar nicht den Kopf zu zerbrechen, sondern sich bloß das Vorbild jenes Zionisten vor Augen zu halten, der vor etlichen Jahrtausenden Israel aus Mizraim führte. Auch dieser Mann hatte das Bestreben, das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl über das soziale Problem, das sich damals in der Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens gefährlich auszusprechen begann, siegen zu lassen. Zu diesem Zwecke schuf er als das ganz Israel einigende Band ein Gesetz, welches von sozialem Geiste üurchtränkt ist. daß seine sinngemäße Anwendung selbst im ärmsten Proletarier die Ueberzeugung seiner sicheren Geborgenheit in der jüdischen Gemeinschaft wecken mußte. Was tut Herr Stricker, um dem jüdischen Arbeitnehmer von heute, dieselbe Ueberzeugung zu verschaffen? Man befrage die Beamten der Kultusgeineinde, in deren Vorstand Herr Stricker sitzt, man frage die Angestellten der zionistischen Partei^lnstitulionen, in denen Herr Stricker allmächtig schaltet und waltet' Tatsache ist, daß alle diese Nutznießer Strickerscher Sozialethik heule nach der sozialdemokratischen Partei gravitieren, weil sie sich von der internationalen Arbeitersolidari'tät mehr Schutz in dem harten Kampf ums Dasein versprechen als von der- „natioualen" Solidarität der jüdischen Arbeitgeber, von denen sie beharrlich um den Wert ihrer Arbeit und um ihre menschliche Würde geprellt werden. Herr Stricker, der Kollckrivoerlräae unterschreibt und dann nicht einhält, der Angestellte nach langjähriger Dienstzeit auss Pflaster wirft und ihnen die Abfertigung streitig macht, ist der Ansicht, daß die sozialistische Einstellung der jüdischen Arbeitnehmer ein reiner Mutwillens- und Bosheitsakt undisziplinierbarer Elemente ist. Er ist eben ein — Mann ohne Ahnung ... Dr. Hugo Spie gl er. Aus den Gemeinden. Berlin. Die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden ha! ihr bereits angekündigtes Gesamtverzeichnis der geschloffenen und halboffenen Elnrichtungen der jüdischen Wohlfahrtspflege ln Devtschland herausaegeben. (Erschienen bei F. A. Herbig, Berlin.) Das 75 Seilen starke Büchlein ordnet in übersichtlicher Tabellensorm im Teil I die Anstalten und Einrichtungen nach dem Zweck, dem sie dienen, und im Teil II nach Ländern und Provinzen. Das. Buch enthält Angaben über Namen, Adressen, Gründungsjahr. Träger, Bettenzahl, Personal und vor allem auch über Aufnahmebedingungen und Zweck. Dieses Anstaltsverzeichnis wird allen jüdischen Gemeinden, Wohlfahrtsorganisationen, Vereinen, Anstalten und interessierten Einzelpersonen ein willkommener Führer sein. Es ist gegen Voreinsendung von 1,50 Mark bei der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin E 2, Nosenstraße 2-4, zu beziehen. Berlin. Meinhard Maur spricht in der Freien jüdischen Volkshochschule in der 4. Fortsetzung des Rezitationszyklus: „Drei Jahrtausende jüdische Dichtung" am Sonntag, den 8. März, vormittags 11 Uhr, Logenhaus, Kleiststraße 10. aus Werken von Heine (Rabbi von Bacharach), Juda Halevi, Eh. N. Bialik, Alfred Kerr, David Frischmann, Richard Beer-Hoffmann. Berlin. Die jüdische Gemeinde beabsichtigt, Herrn Rabbiner Dr. Josef Carlebach aus Hamburg nach Berlin zu berufen. Die Verhandlungen sind so weit gediehen, daß nach Klärung einiger Punkte seine Wahl als gesichert erscheint. Bremen. Wie rege auch in mittleren Gemeinden das Interesse und die Tätigkeit unserer Glaubensgenossen sein kann, zeigt aufs vortrefflichste die Fülle der Veranstaltungen, welche in der vergangenen Woche innerhalb der Bremer jüdischen Gemeinde stottfanden. Am 23. Februar hielt der K r a n k e n wohltätigkeitsverein der israelitischen Gemeinde seine 72. Generalversammlung ab, die gut besucht war. In ehren- Jbandeshuier \Cn.ln.e.n - und Se-b ildruebe.re.i .F.V. 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