Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bei den verschiedensten Anlässen —, in den verschiedensten Lagen gefallenen Aeutzerungen gescheut hätte, insbesondere hatte Karpeles ernste Bedenken, Stellen aus vertrauten Briefen durch eine solche zweckvolle Zusammenstellung zu einer Bedeutung zu erheben, die ihnen der Verfasser bei der flüchtigen Niederschrift gewiß nicht geben wollte. Er sagte sich, daß Heine die betreffende Stelle gar nicht oder doch ganz anders geschrieben hätte, wenn ihm der Gedanke gekommen wäre, daß sie in die Öffentlichkeit gelangen würde. Besonders aber fürchtete Karpeles den Mißbrauch, den Böswilligkeit mit einer solchen Zusammenstellung treiben könnte. Der jüngere, zu so weitgehenden Bedenklichkeiten und Rücksichten minder gehaltene Herausgeber der „Confessio J u d a i c a“ hat den Mut zu dieser Sammlung aufgebracht. Er hat viel Fleiß, hat allen Eifer und oft auch eine gewissenhafte Kritik an seine Arbeit gewendet. Da überdies ein sehr wertvolles Dokument menschlicher Seelenkämpfe, menschlicher Gemüts¬ und Gewissensnöte hierbei zutage getreten ist, dürfen wir das Werk als eine Bereicherung unserer Heine-Literatur wie unserer religiösen Literatur dankbar begrüßen. Einen aufschlußreichen Beitrag zur Psychologie der Taufe bedeutet sie jedenfalls. Wenige Dichter der klassischen Zeit, der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts insbesondere, haben sich soviel, so oft, so eindringlich mit religiösen Skrupeln und Erörterungen befaßt wie der als fivol verschrieene Heine. Einen massiven Band von über 280 Grohoktavseiten füllen die von Dr. Bieber aus den gesammelten Werken hervorgeholten und chronologisch aneinandergereihten Auslassungen über das Judentum. In besonderen Abschnitten werden die verschiedenen Perioden seines Lebens behandelt: die Jugendjahre (1816 bis 1825), zwischen Taufe und Exil (1825—1831), „Im Exil" (1831—1846), „aus der Matratzengruft" (1849 bis 1856). Nimmermehr hätte sich Heine mit religiösen Fragen, besonders aber mit den Angelegenheiten des Judentums soviel und so ernst beschäftigt, nimmermehr hätte er sie in breit ausgeführten Gedichten, in Erzählungen, im Briefwechsel so ausgiebig erörtert, wenn nicht die Nachwirkung der Taufe ihn immer wieder zum Judentum zurückgedrängt hätte. An dieser seiner Taufe übt er schärfere Kritik als irgendeiner derjenigen Freunde, die ihm den Aebertritt verdachten. Aeber den Anlaß und den Akt der Taute gleitet Heine verlegen, scheu, hinweg, oder er verbirgt sich hinter Allegorien. An Moritz Embden in Hamburg schreibt er im Mai 1825 aus Göttingen geradezu: „Getauft und als Dr. jur i s werde ich nächstens nach Hamburg kommen." Zaghafter schon schreibt er an Charlotte Embden: „grüße mir Moritz und, wenn er keine Plaudertasche ist, sage ihm, ich sei jetzt nicht nur Dr. juris, sondern auch . . " Das Weitere ist ver¬ Ein verpfuschtes Leben? Heiteres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. Don Artur Schweriner, Berlin. (5. Fortsetzung.) VIII. Einige heitere Erlebnisse aus den Parlamenten Preußens und des Reiches um die Jahre 1907—1912. Beratung des Postetats. Der Sozialdemokrat Zuheil spricht über die wirtschaftliche Rot der Postunterbeamten. Nach ihm kommt der Antisemit W e r n e r - Hersseld, Schriftsteller von Beruf. — nicht zu verwechseln mit seinem Gesinnungsfreund Oberlehrer Werner-Gießen — zu Wort. Werner ist unten im Saale und oben bei den Journalisten als Freund des Alkohols bekannt. Man roch ihn schon, obe man ihn sah. Werner, der nicht immer nüchtern die Rednertribüne betrat, hatte seinen polemischen Tag und wetterte gegen Znbeil. Er, Werner, könne nicht verstehen, wie ein Budiker von Beruf ein glaubwiirdiger Vertreter der Postunterbeamten sein könne, da dieser die Not der Beamten am eigenen Leibe nie habe svüren können. Zubeil antwortet in einer persönlichen Bemerkung, er sei gewiß einmal Gastwirt gewesen, habe aber den Betrieb einstellen müssen, weil es bei den meisten seiner Arbeiterunb Beamtengösto zu einem Schnäpschen nicht mehr gereicht habe. „Hätte idi nur einen solchen Kunden gehabt wie den Kollegen Werner, dann wäre ich heute noch Budiker!" * « « Der bekannte redegcwaltige freisinnige Führer Oskar Gaffel hatte die Angewohnheit, nicht ruhig auf seinem Platz zu bleiben, wenn er im Abgeordnetenhaus auf der Rednerliste stand, sondern nervös in den Seitengängen auf und ab zu gehen, bis er an der Reihe war. Auch bei weniger wichtigen Fragen war der verwöhnte Führer unwiliig, wenn er nicht das Ohr des Hauses hatte. Den Präsidenten v. Kröcher störte cs nicht im geringsten, wenn Cassel sich zu ihm umdrehte, um ihn stumm aufzufordern, für Ruhe zu sorgen. Herr n.-Kracher spielte den Dnmmen. Empört läuft Abgeordneter Pachnick e die Sinsen zum Präsidenten sitz hinauf und bittet den Präsidenten energisch. Ruhe im hoben Hause zu schaffen. Präsident v. .Kracher schwingt die Glocke und sagt mit der ihm eigenen Wurschtigkeit: „M eine Herren, ich bitte um Ruhe, es will einer zu hören!" * * * Der fortschrittliche Kämpf war zum Präsidenten des Reichstages gewählt worden und gab Parlamentariern, Regierungsmcinnnn und Presseleuten einen „Bierabend" in den Räumen des Reichstages. Auf dem schweren roten Teppich, um das Marin ordenkmal Wilhelm I. herum, wurde Speise und Trank reichlich zu gesprochen. Feudales Abendessen mit erstklassigen Weinen. Der Zufall wollte es. daß ich ganz in der Nähe der zwei kleiuen Tische saß. um die sich die „Wirtschaftliche Vereinigung" gruppiert hatte. Die echten Deutschen tranken immer noch eins, als sähen sie auf Bärenhäuten. Sie waren die lustigsten und lauesten, ohne zu merken, daß sie ernste parlamentarische Gespräche rn dem Tische des Kriegsministers von Heeringen so stgrk störschluckt. Dem Freunde Moses Moser gegenüber sucht Heine schamhaft kleine Amwege. Cr schreibt ihm im September 1825: „Vielleicht schicke ich Dir heute noch ein Gedicht aus dem „Nabbi" (von Bacharach). Ich bitte Dich, das Gedicht sowie auch, was ich Dir von meinen Privatverhältnissen sage, niemandem mitzuteiien. Ein junger spanischer Jude, von Herzen ein Jude, der sich aber aus Luxusübermut Laufen läßt, korrespondiert mit Abarbanell und schickt ihm jenes Gedicht, aus dem Maurischen übersetzt. Vielleicht scheut er sich, eine nicht sehr noble Handlung dem Freunde unumwunden zu schreiben, aber er schickt ihm jenes Gedicht -Denk' nicht darüber nach .. Wenige Wochen danach schreibt Heine aber an denselben Freund Moser Über seine Taufe u. a.: „Cohn versichert mich, Gans predige das Christentum und suche die Kinder Israels zu bekehren. Tut er dieses aus Aeberzeugung, so ist er ein Narr, tut er es aus Gleisnerei, so ist er ein Lump. Ich werde zwar nicht aufhören, Gans zu lieben, dennoch gestehe ich, weit lieber wär's mir gewesen, wenn ich statt obiger Nachricht erfahren hätte, Gans habe silberne Löffel gestohlen. Daß Du, lieber Moser, wie Gans denken solltest, kann ich nicht glauben, obschon es Cohn versichert. Es wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, würde ich mich nicht getauft haben. . . Vorigen Sonnabend war ich im Tempel und habe die Freude gehabt, eigenohrig anzuhören, wie Dr. Salomon gegen die getauften Juden toszog und besonders stichelte, wie sie von der bloßen Hoffnung, eine Stelle zu bekommen (ipsissima verba) sich verlocken lassen, dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden. Ich versichere Dir, die Predigt war gut, und ich beabsichtige, den Mann zu besuchen." Am 9. Januar 1826 schreibt Heine an denselben Moses Moser aus Hamburg: „Ich bin jetzt bei Christ und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, daß ich mich getauft Hab'; ich sehe gar nicht ein, daß es mir seitdem besser gegangen sei. Im Gegenteil, ich habe seitdem nichts als Unglück ... Ist es nicht närrisch, kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrien. Ich sage Dir: nichts als Widerwärtigkeiten seitdem." And am 23. April 1826 an denselben Freund u. a.: . . Du hattest damals einige sehr gute Gedanken über die Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten fortzuräumen, sondern auch etwas erlangen, etwas erschachern wollen, und dergleichen Gedanken mehr, die Du einmal aufschreiben solltest. Was mich betrifft, so brauch st Du Dich wegen meiner nicht zu genieren..." Aber auch wenn das erworbene Christentum in ihm sich geltend machen will, gelangt Heine in Gewissensten, daß sich der hohe Herr mit dem typischen patriarchalischen Bart wiederholt verwundert umsah. Ich war nicht verwundert, sondern ärgerlich. Kämpf hatte im Wahlkampf eine flrofte Rolle gespielt; war doch gerade e r von den Antisemiten ols die Verkörperung des verjudeten Vcmk- und Börsenkapitals, als Dividendensäger und 30faches Aufsichtsratsmitglied zu widerlichen agitatorischen Zwecken in den Schlamm des Wahlkampfes hinabgezogen worden. Und wenige Wochen nach den Wahlen erscheinen die Herren Antisemiten in corpore zu Gast bei dem Melgeschmähten?! Die Urfidelitas hatte bereits eingesetzt. Ehe noch mein Nachbar. ein Abgeordneter aus dem Elsaß, der mich ständig bat, diesen charakterlosen Leuten auf Kosten eines reinen und frohen Genusses nicht soviel Beachtung zu schenken, daran Kindern konnte, rief ich den Antisemiten mit erhobenem Sektglas laut zu: „Prosit! Kämpf einst und setzt — o quae mutatio rerum!!“ „Nichts als konsequente Bekämpfung des Kapitalismus? Wir helfen auch heute mit. den Drachen Kapital zu töten!" scholl es in übermütiger Weinlaune zurück. „Na, meine Herren, wenn Sie Drachen mit der Zunge statt mit dem Schwerte töten, dann wird es Herr Kämpf beim nächsten Wahlkampf leicht haben, wenn er fid) auf Götz von Berlichingen beruft!" Mein Nachbar warnt mich elsässisch grob, weiteres unliebsames Aufseben zu erregen, sonst müßte er sich von mir trennen ... sich schwieg. Auch am Antisemitentisch wurde es ruhiger. Man fing allmählich an, zu begreifen . . . * * Sozialdemokratischer Parteitag in Magdeburg. Stürmische Nachtsitzung. Die badischen Budgetbewilliger unter Führung Ludwig Franks sitzen auf der Anklagebank. Bebel sucht zu vermitteln,, spricht von seinem ..Liebling" Frank; alles vergebens. Die Revisionisten wollen nicht reuig in die Arme der revolutionären Sozialdemokratie zurückkehren. Toben um Haase und Rosa Luxemburg, die jeden Vergleich ablehnen: „Ausschließen! Ausschließen!" Fritz Ebert übernimmt das schwierige Amt. die Kluft Überdrücken zu helfen. Verhandelt bald mit Frank, bald mit Hanse. Um ihre Unbeugsamkeit zu bekräftigen, verlassen die Revisionisten den Saal. Ebert soll nächtlicherweile die Lösung finden. Am Pressetisch erscheint der antisemitische Parlament Stimmungsbildschreiber der „Täglichen Rundschau", wie fast immer: im schönsten Rausch. Ein Original! Man nahm ihn in den Reihen der politischen Gegner deshalb nicht tragisch. „Was ist nun los?" „Heute Nacht soll weiter vermittelt werden! Ebert soll hinter den Kulissen sein Heil versuchen!" „Quatsch! Die . . . die . . . werden wohl telegraphisch bei der „Alliance israelite“ anfragen, wie man die feindlichen Hebräer einigen kann." „Nein. Kollege, nein — man ist gerade dabei, an Ihren Chef Rippler in Berlin zu telegraphieren, wie er das unglaubliche Kunststück fertig bekommt» seinen Vertreter auf der Iournalistentribüne des Reichstages nüchtern zu machen, wenn feine Sinne noch sostark umnebelt sind. Nach diesem Rezept will Ebert verfahren, um Frank und Haase zur politischen Nüchternheit zurückzuführen." * .* * Ein antisemitischer Amtsrichter hält feine Jungfernrede. Nach dem zweiten Satz stockt er. Die Linke ruft immer wieder laut: bedrängnis. Im Oktober 1826 schreibt er cmS LÜnebmg an Moser: „Es ist doch wirklich belächelnswert. Während ich im Begriff bin, mich so recht wohlwollend über die Absichten der römischen Kirche zu verbreiten, erfaßt mich plötzlich der angewöhnte protestantische Eiter, der ihr immer das Schlimmste zumutet, und eben oieser Meinungszwiespalt in mir selbst gibt mir wieder ein Bild von der Zerrissenheit der Denkweise unserer Zeit. Was wir gestern bewundert, hassen wir heute und morgen vielleicht verspotten wir es mit Gleichgültigkeit . . Anders als B ö r n e, der es versucht hat, mit Geist und klugen Gründen seine Taufe zu erklären, zu rechtfertigen, hört Heine niemals auf, seinen Aebertritt zu verurteilen, zu geißeln, zu verspotten. Mit einem Spott, hinter dem wir oft Schmerz und Trauer herausfühlen. Mit besonders stachligem Witz wehrt er die Versuche ab, in der literarischen Polemik sein Judentum gegen ihn ins Feld zu führen. Der Herausgeber der „C o n f e s s i o J u d a i c a", Herr Or.Hugo Bieber, der mit erstaunlichem Fleiß und fast zu großer Gründlichkeit alles gesammelt hat, was Heine über seine Stellung zum Judentum geschrieben hatte, und der aus dem „Nabbi von Bacharach", aus „Ludwig Börne", breite, vielleicht allzu breite Kapitel übernommen, größere Gedichte wie die „Disputation" in vollem Umfange wiedergegeben hat, ging hier an mancher charakteristischen Aeußerung achtlos vorüber. So ist mir wenigstens eine kennzeichnende Stelle einer Auseinandersetzung mit P l a t e n in dem recht umfangreichen Buche nicht begegnet. Heine läßt sich da über seinen gräflichen Widersacher, dem er oft allzu hart zusetzte, unter anderem wie folgt aus: „Weit schlimmer geht es dem „getauften Heine". Ja, ja, du irrst dich nicht, lieber Leser, das bin ich, den er meint, und im „König Oedipus" kannst du lesen, wie ich ein wahrer Jude bin. Wie ich, wenn ich einige Stunden Liebeslieder geschrieben, gleich darauf mich niedersehe und Dukaten beschneide, wie ich am Sonnabend mit langbärtigen Mauscheln zusammenhocke und den Talmud singe. Wie ich in der Osternacht einen unmündigen Christen schlachte und aus Malice immer einen unglücklichen Schriftsteller dazu wähle . . . Nein, lieber Leser, ich will dich nicht belügen. So gut ausgemalte Bilder stehen nicht im „König Oedipus". And daß sie nicht darin stehen, das ist der Fehler, den ich tadle .. ." In einem Ludwig Marcus gewidmeten Gedenkwort feiert Heine die abgründige Gelehrsamkeit, den reichen Geist von Gans überschwänglich, den Glaubenswechsel von Gans aber nennt er eine „unverzeihliche Felonie", „um so widerwärtiger, als Gans vorher im „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" bestimmte „Präsidialpflichten übernommen hatte." An den ftommen Regungen während der letzten Leidensjahre hat aber nicht etwa Heines Todesscheu oder eine Jenseitsangst irgendwelchen Anteil. Heine Hört! Hort!, wenn er weitersprechen will. Der Arme ringt mit seiner Stimme, ringt mit sich und tritt leichenblaß ab. Der schlaue Liebermann v. Sonnenberg erkennt die Situation. stützt den Lampenfieberkrauken und führt ihn unter dem Gelächter der Linken aus dem Saal. Liebermann v. Sonnenberg, in den Saal .zurückgekehrt, zur Geschäftsordnung: „Mein Fraktionskollege X. D. ist soeben von einer Herzbeklemmung auf der Tribüne ereilt worden, die es notwendig machte, daß er sich sofort in ärztliche Behandlung begeben mußte. Fd) nehme an, daß die Herren dort drüben, die vorhin gelacht haben, sich jetzt ihrer Handlungsweise schämen werden!" sEine Stimme aus dem Hintergrund): „Det is doch keene Herzbeklemmung, wenn einem det Herz in de Hose fällt, det is — Herzaweiterung!" «- * * In der reichstagslosen Zeit halte ich Vorträge über den „Anteil des Juden an der Politik der letzten 60 Jahre". Mein Weg führt mich nach dem schönen weingesegneten Städtchen Kitzingen in Bayern. Nachmittags 3 Uhr erscheint eine Deputation bei mir: der Borstonh des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. „Fhr Wunsch, meine Herren?" „Heute Abend wird uns in unserem Literaturverein.- führt der Obmann des Vorstandes gewichtig aus. „eine große Ehre zuteil, die größte seit Bestehen des Vereins. Unser Bürgermeister wird Ihrem Ngxtrage beiwohnen. Da ist uns so in den Sinn gekommen, Sie könnten in Ihrem Vortrag etwas über — Antisemitismus sagen." „Allerdings, meine Herren." „Das dürfen Sie keineswegs, sonst müßten wir Sie kitten» über ein anderes Thema zu sprechen. Unser Bürgermeister weiß nämlich gar nicht, was Antisemitismus ist. und wir möchten nicht, daß ein Herr aus Berlin kommt und ihm klar macht, was Antisemitismus bedeutet." * * m Mufenftadt. Schluß des Vortrages. Die Aussprache soll Le* ginnen. Vorher fünf Mnuten Pause. Ein Herr tritt auf mich zu. „Sehen Sic da den jungen Mann mit dem hellen Uekerzieher an dem linken Quertisch?" „Ich sehe!" „Sehen Sie neben diesem Mann eine blonde Dame in elegantem Kostüm mit der gelben Reiherfeder auf dem Hut?" M sehe!" „Sehen Sie da neben meiner Frau — die Dame, die sich setzt gerade umsteht! — ein junges Mädchen in weißer Bluse mit 'nem Perlenkettchen? . . . Das ist mein Nichtchen!" «Ich sehe!" „Der Mann, den ich Ihnen zuerst gezeigt habe, hat die Frau geheiratet, die neben ihm sitzt: eine Christin. Nicht ein Hemd aus dem Leibe hat sie angehabt und setzt macht sie Ansprüche bis dorthinaus. Nichts ist ihr gut genug. Der Mann hat nichts zu sagen, sie kommandiert. Mein Nichtchen. ein gebildetes, gut erzogenes jüdisches Kind aus erster Familie mit 20 000 Mark Mitgift und gediegener Aussteuer — kein Flitlerflatter. wie es heute Mode ist — hätte den Mann für ihr Leben gern geheiratet. Nein — es mußte eine Christin sein, die nichts hat, und nichts ist. Ist das ein Skandal oder nicht?! Das bringen Sie einmal in der Diskussion vor!!" lFortsetzung folgt)