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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-06 · 10 (6.3.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
10 (6.3.1925)
Date
1925-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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s. Jahrgang Mnmer 10 1. Beilage 6. Mär, 1925 IMchOerale3eil>W Durch die Taufe zum — Lu-entum. Ein Kleiner Zusallsvorgang von tiefer symbolischer Bedeutung! ' Vor langer Zeit entschloß sich eine Familie Löwisohn oder Löwensohn zur Taufe. Natürlich mit nachfolgender Namensänderung. Lange suchte man nach einem schönen, klangvollen Namen, der aber auch eine leise Beziehung zum abgelegten Familiennamen bewahren sollte. Endlich entschloß man sich zur Aebertragung des alten Namens ins — H e b r ä i s ch e. Löwensohn heißt hebräisch Ben ari, Sohn des Löwen, also nannte man sich B e n a r i. Man übersetzte sich selbst dauernd aus dem Jüdischen hinaus, den N a - men aber bleibend ins Hebräische hinein. In einer Knappen Formel, in einem kennzeichnenden Beispiel ist hier das Wesen der Taufe beleuchtet. Vor einiger Zeit setzte mir ein Mann von Charakter und vornehmer Gesinnung in einem zehn Seiten langen Briefe die Gründe auseinander, durch die er sich im Gemüt bewogen fühlte, sich laufen zu lassen. Ich antwortete ihm, daß ich natürlich seine Gründe gelten lassen muß, ohne sie zu billigen, ich sagte ihm aber auf Grund alter Erfahrungen voraus, daß er nach der Taufe viel öfter an sein Judentum erinnert werden, daß er innerlich und äußerlich viel mehr mit seinem Judentum sich zu befassen haben würde, als je vorher. Der gebildete Indifferentismus, in weiten Schichten leider so sehr verbreitet, gibt sich kaum jemals ernstlich mit religiösen Problemen ab. Man nimmt wohl nach gutem Herkommen die hohen Feiertage wahr, sonst aber vergißt man gewöhnlich sein Judentum völlig. Der meist äußere Anlaß zur Taufe aber führt dazu, sich die Gemeinschast, ihre Seele, ihr Wesen genauer zu betrachten, aus der man scheiden will, und n a ch der Uebersiedlung in eine andere Glaubensvereinigung wird man der verlasienen, derjenigen, der man den Rücken gekehrt hat, um so häufiger gedenken, je reineren Gemüts, je ehrlicheren Charakters man ist. Irgendeinen kleinenSeelenriß irgendeine mehr oder minder bemerkbare Gernütsverlehung ruft solch eine gewaltsame Uebersiedlung aus einer Konfession in die andere eben hervor, und da geht es uns wie bei der Verletzung an einer Hand. Zinmer und überall stößt man sich schmerzhaft just am verwundeten Finger. 3n seiner Glaubenstragödie, in „Zaire", weist Voltaire auf eine der Quellen dieser tiefen Anhänglichkeit an den ererbten Glauben hin, auf das Elternhaus, auf die Kindheitserinnerungen. Er läßt seine Heldin sagen: Je le vois trop: les soins, qu’on prend de notre enfence Forment nos sentiments, nos moeurs, notre croyence. ünb das gilt doppelt, gilt dreifach vom altjüdijchen Hause, dessen ganze Atmosphäre bestimmt ist von der Religiosität, die seine Seele ist. Und sehr wahr ist, was Gutzkow seinen Acosta sagen läßt: „Tief in unserem Volke wurzelt die Familie." Daraus erklärt es sich denn auch, daß Austritte aus dem Judentum, trotz aller Lockungen und Hetzen verhältnismäßig gering sind. Derselbe Voltaire stellte das mit einiger Verwunderung fest, indem er (Oevres Bd. 19. S. 324) schreibt: ,,Le judaisme est de toutes les religio ns du monde celle, qui est la p 1 u s rarcment a b j u r e e.“ In einer reizvollen novellistischen Skizze „Iahrzeit" schildert Leopold Kompert ergreifend den Seelenzustand eines Getauften, der zur „Iahrzeit" eines Angehörigen in der Heimatsgemeinde und im Tempel erscheint — zerknirscht, gebrochen. In der Redaktion eines angesehenen Berliner Blattes satz ein älterer, still und ernst seiner Arbeit hingegebener Redakteur Harry. Eines Tages sah er besonders blaß und müde aus — es war an einem Versöhnungstage. „Was fehlt Ihnen denn heute, lieber Harry," fragte ihn teilnehmend der Chefredakteur. „Ich kann das Fasten so schlecht vertragen," seufzte Harry und fuhr nach einer Weile fort: „eigentlich habe ich es ja gar nicht nötig. Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren getauft. Aber ich kann's nun einmal nicht lassen." Wie so oft begegnen uns derlei Getaufte, die an ihren Iugenderinnerungen mit tieferer Inbrunst hängen, der jüdischen Bräuche mit stärkerer Gemütsbewegung gedenken, als wenn sie noch im ererbten Glauben verharrten, teilnahmslos wie vordem. Aber auch von außen her werden sie an den Glaubenswechsel immer wieder erinnert. Ist er aber gar, wie so ost, mit einem Namenswechsel verbunden, dann wird dem armen Täufling das Taumeln zwischen dem alten Namen, den noch alle Welt gebraucht, und dem neuen, an den man sich selbst, an den die Umgebung sich nicht gewöhnen kann, zu einer wahren Hölle. Vollends wenn es noch gilt, die Anerkennung des neuen Namens zu erwirken, die formelle Eintragung zu besorgen, die Verständigung mit den irgendwie interessierten Behörden herbeizuführen. Und täglich, stündlich, bei jeder Begegnung spielen sich die gleichen Szenen, die gleichen Verwirrungen ab. Auf Schritt und Tritt wird dem Getauften der Glaubens Wechsel präsentiert, wobei es auch gegelegentlich zum Protest kommt. Gronemann hat eine Namens-Tragikomödie dieser Art in seinem Roman „Tohn wabohu" so wahr wie ergötzlich geschildert. Ein klassisches Beispiel von solch einem durch die Taufe bewirkten tieferen Hineingeraten ins Judentum ist H e i n r i ch Heine. Der frivole Spötter, für den er sich gerne ausgab und für den er vielfach gilt, ist Heinrich Heine im Grunde nie gewesen. Wenn er sich gelegentlich mit einem derben Scherz aus einer rührseligen Stimmung losreißt, befreit, dann ist der Spott eben nur die Maske, hinter der sich ein tieferes Empfinden schamhaft verbirgt. Gar so viel Spuren einer tieferen religiösen Veranlagung weist seine Jugend nicht auf. Im Freundeskreise werden Glaubensprobleme nicht oft erörtert. Der Verkehr im Hause Zunz in Berlin und die allerdings ganz eifrige Beteiligung an der Gründung des „Vereins für Kultur und Wissenschaft des Judentums" bilden nur eine kurze, bemerkenswerte Episode. Man ist im Ganzen heiter, lebenslustig, man trotzt jeder Stunde alles ab, was sie an Genuß und Gewinn irgend herzugeben vermag, und läßt Gott einen guten, jedenfalls einen vergessenen Mann sein. Wie anders nach der Taufe! Immer und immer wieder kehren Heines Stimmungen und Gedanken zum verlassenen Judentum zurück. Aus dem Scherz, hinter dem sich der tiefere Ernst vergeblich versteckt, bricht zuweilen jäh ein gellender Schmerzenslaut hervor. Zu einer wahren Trauersinfonie vereinigen sich aber diese Klagelaute in einem stattlichen Banoe, in dem Dr. Hugo Bieber alle Aeußerungen Heines über den Glaubenswechsel aus seinen Dichtungen und Briefen zusammengetragen hat. Aus den verschiedensten Perioden seines Lebens stammend und vierzig Jahre, von der frühen Jugend -- 1816 — bis zum schmerzlichen Ende in der Matrahengruft 1856 umfassend, vereinigen sich diese .mannigfachen Aeußerungen über seine Beziehungen zum Judentum in Vers und Prosa, in Dichtung und Korrespondenz zu einem einzigen Klagelied, zu einem großen Bekenntnis, zur „Confessio Judaica", wie auch Hugo Bieber sein verdienstliches Sammelwerk richtig betitelt. Verdienstlich trotz mancher Bedenken. Mit der Idee zu einer solchen Zusammenstellung aller seiner Aeußerungen über das Judentum, die sich zu einer wertvollen Ergänzung und Beleuchtung der Heine-Biographie gestalten würde, hat sich schon Gustav K a r p e l e s getragen. Wer wäre auch berufener dazu gewesen als gerade Karpeles, der eifrigste Heineforscher, der gediegenste Heinekenner, dessen Finderblick und Finderglück soviel zur Aufhellung von Heines Leben, von Heines Seelenwandlungen aufgespürt und herbeigeschatfi hat. Karpeles, der zugleich als der Verfasser der jüdischen Literaturgeschichte, als der Begründer der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, der als langjähriger Herausgeber der ehemals Philippson'schen „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bis an sein allzu frühes, jähes Ende dem Dienste des jüdischen Schrifttums, des jüdischen Volkstums mit priesterlichem Ernst und Eifer sich gewidmet hat! Heine und Judentum, zwischen diesen beiden Polen spielte sich das Leben von Gustav Karpeles ab. Schwer zu entscheiden, ob die gewisse Heine-Aehnlichkeit im Wesen von Karpeles, die Neigung insbesondere, tiefes Empfinden hinter einem losen Scherz verlegen zu verbergen, angeboren oder durch die Vertiefung in das Leben und Schaffen Heines erworben war. Jedenfalls wäre Gustav Karpeles durchaus dazu berufen gewesen, uns ein solches Heine-Bekenntnis aus dem Gesamtwerk des Dichters, das keiner vor oder nach ihm so gründlich beherrschte, zusammenzustellen. Er schreckte aber immer und immer wieder vor dem Versuch zurück. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß Heine, der sich selbst kaum jemals über die große Rolle ganz klar geworden war, die seine jüdischen Erinnerungen und Stimmungen, in seinem Leben, in seinem Werke spielten, eine solche Aneinanderreihung seiner zu den verschiedensten Zeiten, Mehrere jüdisch interessierte Persönlichkeiten für vornehme Akquisitionsarbeii per sofort gesucht. Schriftliche Bewerbungen an die Redaktion dieser Zeitung erbeten. 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