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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-20 · 8 (20.2.1925) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
8 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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5. Jahrgang Tlummer 8 2. Beilage 20. Februar ^825 m Der jüdische Zionismus und deutsches Nationalbewußtsein. Sehr geehrter Herr Oberregierungsrat! Wenn ich es auch begrüße, daß Sie persönlich die Frage „Zionismus und deutsches Staatsbürgertum" zur Diskussion Itcllcn.Jo bin ich mir doch der Unlösbarkeit der Aufgabe bewußt, Durch Teilnahme an einer Diskussion zur Lösung von Problemen beizutragen, die im letzten Grunde auf bewußten und unterbewußten seelischen Vorgängen beruhen. Wenn ich mich lrotzdem an einer solchen Diskussion beteilige, so geschieht es in dem Wunsche, daß eben wie Menschen einander verstehen können, auch dem Standpunkte eines nichtzionisbischen deutschen Juden von zionistischer Seite Achtung und Verständnis entgegengcbracht werden möge. Eine Diskussion mit Ihnen ist von vornherein erschwert, weil Sie einer ganz bestimmten Richtung des Zionismus angehören, die in der Misrachi-Organisation den Aufbau Palästinas auf der Grundlage der GesetzeStreue und der wörtlichen Auffassung der messianischen Verheißung erstrebt. Die Grundtriebfeder Ihres Zionismus scheint mir ein Moment zu sein, das sich jeder Diskussion entzieht: Glaube. Wenn ich als liberaler Jude die Verheißung des Propheten Iefaia in einem weiteren Sinne aufsasse, wenn ich daran glaube, daß die endliche sittliche Vollkommenheit deS Menschengeschlechtes nicht an das Wirken des Judentums gerade in Palästina geknüpft ist, wenn ich daran glaube, daß der Tempel, der wiedererbaut werden soll, seine Grundmauern nicht in die Erde Jerusalems zu senken braucht, sondern daß er nichts weiter ist als die Versinnbildlichung reinsten Menschentums, so werden Sie begreifen, daß eine Diskussion über Ihren Zionismus mit mir und anderen meiner Gesinnungsgenossen unmöglich ist. Nur sowoit Ihre Argumentation mit der des Zionismus, der sich politisch und organisatorisch auswirken will, zusammenläuft, kaum und will ich mich mit Ihren Ausführungen befassen. Das Bestehen einer jüdischen Stammesgemeinschaft erkenne ich unbedingt an. Ich bin mir ebenso wie Sie der Tatsache bewußt, daß ich ein Glied in der Kette jüdischer Generationen darstelle. Es braucht an dieser Stelle die Streitfrage nicht angeschnitten zu werden, ob am Sinai bereits ein jüdisches Volk vorhanden war, das die Thora empfing, oder ob erst diese Thora das jüdische Volk geschaffen hat. Die biologische Tatsache einer jüdischen Stammesgemeinschaft wäre jedenfalls in menschlichem und seelischem Sinne au sich absolut gleichgültig, wenn sich nicht mif ihr besondere Aufgaben verbinden, die sich über die Erhaltung dieser Gemeinschaft um ihrer selbst willen hinaus erstrecken. Für mich ist die Erhaltung einer jüdischen Stammesgemeinschaft nur gerechtfertigt durch die Aufgabe dieser Gemeinschaft, daS Judentum zu erhalten und in seiner Erhaltung und Bekennung in Wort und Tal an der Erfüllung deS messianischen Menschbeitsideals mitzuarbeiten. Wenn Sie diese Stammesgemeinschaft als „Volk" in diesem Sinne bezeichnen, können wir einig gehen, wenngleich es gefährlich ist, durch die Anwendung gerade dieses Wortes, dem im allgemeinen Sprachgebrauch ein ganz anderer Sinn innewohnt, zu verhängnisvollen Mißverständnissen Anlaß zu geben. Wenn sie sagen, das jüdische Volk sei kein Volk wie die anderen Völker, so liegt aber ein unlösbarer Widerspruch darin, daß für dieses Volk, das seine Existenzberechtigung nicht auS einem biologischen Willen zum Leben, sondern einzig und allein aus seiner religiösen Mssion ableiten muß, Einrichtungen verlangt und Ziele ausgestellt werden, die es zum Volk in politischem Sinne machen müssen. Mit der philanthropischen Aufgabe, Angehörige der jüdischen Gemeinschaft auä drückender wirtschaftlicher Rot und Körperlicher Bedrängnis zu erlösen (u. a. durch Ansicdlung auch in Palästina) hat dies nicht das geringste zu tun. Eine «religiöse Organisation kann und darf nur diese philanthropische Seite der Not jüdischer Stammes- und Glaubensgenossen behandeln, wenn sie mit Recht verlangen will, daß auch Juden aller jüdischen Richtungen sich an ihrem Werke beteiligen. Verbindet sie aber die rein menschliche Aufgabe tätiger Hilfe mit Zielsetzungen jüdisch-politischer Natur, so wird das Problem „Zionismus und deutsches Staatsbürgertum" für jeden aktuell, der sich vor die Frage gestellt sieht, ob er an einem solchen Merke Mitarbeiten kann und darf. Um ganz klar zu sein: Die Problemstellung „Zionismus und deutsches Staatsbürgertum" ist falsch, weil Slaatsbürgertum nur eine, und zwar periphere Seite der Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft darstellt. Es kann und soll nicht bezweifelt werden, daß auch der glühendste politische Zionist ein guter Staatsbürger in dem Sinne sein kann, daß er seine staatsbürgerlichen Pflichten von der Steuerzahlung angefangen bis zum Kriegsdienst getreulich erfüllt, und zwar nicht nur dem Zwange des Gesetzes gehorchend, sondern aus innerer sittlicher Nötigung heraus. Einen Konflikt zwischen Zionismus und deutschem Staalsdiirgertum in diesem Sinne halte ich nicht für gegeben, wohl aber besteht das seelische Problem der Vereinigung von Zionismus und deutschem Rationalbewußtsein, wobei ich unter Rationalbrwußtsein politischen und kulturellen GegenwartS- und Zukuuftswillen verstehe. Der konsequente Zionist, dessen Lebensziel es ist, selbst nach Palästina zu gehen, um dort am Aufbau mitzuarbeiten, kann — mag er nun eine jüdische Autonomie in Palästina auf dem Boden eines jüdischen Staates oder anderswie erstreben — politischen und kulturellen Zukunftswillen im Sinne deutscher politischer und kultureller Zukunst nicht haben. Rationales Bewußtsein in diesem Sinne seht den Willen im einzelnen Staatsbürger voraus, seine und seiner Kinder politische und kulturelle Zukunft tu Deutschland verankert und gesichert zu lohen. Es ist möglich, daß ein Zionist als deutscher Staatsbürger oder soirstwie nicht nur an politischen und kulturellen Gegenwarlsaufgaben, sondern auch an derartigen Zukunstsaufgaben des deutscheir Volkes in voller Hingebung Mitarbeiter: ein seelischer Konflikt erscheint mir für den betreffenden Menschen immer damit gegeben zu sein, daß er diese Zukunft nicht auch als die eigene will. Damit liegt eS mir vollkommen fern, die vaterländische Gesinnung deutscher Zionisten irgendwie deklassieren zu wollen. Fest scheint eS mir aber zu stehen, daß dem deutschen Valcrlande damit am besten gedient ist, daß sich Persönlichkeiten in seinen Dienst stellen, die seelische Einheit und Geschlossenheit der Persönlichkeit durch ihren deutschen Zukunftswillen in politischem und kulturellem Sinne besitzen. Dieser Gegenwarts- und Zukunftswille wird nicht nur nicht gemindert, sonbern erfährt noch weitere seelische und sittliche Antriebe durch das lebendige Bewußtsein, in der vererbten jüdisch-sittlichen Aufgabe einen weiteren unschätzbaren seelischen Kraftquell zu besitzen, dessen Ströme jederzeit mühelos zur Erfüllung deutschvaterländischer Aufgaben herangezogen werden können und müssen. Die Erhaltung dieses Kraftquells durch Erhaltung des -mdentums und die Erhaltung jüdischer Gemeinschaft einzig und allein um des Judentums und damit der ganzen Menschheit willen ist für mich deshalb eine unbedingte Notwendigkeit. verbleibe, sehr geehrter Herr Oberregierungsrat, in ausgezeichneter Wertschätzung Ihr ergebener Dr. Max Mayer, Berlin. Sprechsaal. Laienpredigt gegen die Herren Rabbiner, Als ich eines Abends in der Sitzung des Verbandes für jüdische Wohltätigkeltspflege einen Antrag, der mir am Herzen lag, besonders eifrig vertrat, wandte sich eine der anwesenden Damen an ihren Nachbar, einen Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, mit der Frage, woher es wohl käme, daß ich heute so besonders scharf sei. Die Antwort lautete ungefähr: „B. ist immer so scharf." Der Herr Rabbiner wird, wenn er sich des kleinen Vorfalles noch erinnern sollte, und mit ihm werden es seine Herren Kollegen mir nicht verdenken, wenn ich auch einmal den Herren Rabbinern gegenüber den Ausspruch ihres Herrn Kollegen bewahrheite. und ihnen hier rücksichtslos meine Meinung sage. Man hat bisher aus Achtung vor dem hohen Stande der Herren, aus Verehrung für ihre Gelehrsamkeit, aus der Empfindung heraus, daß man den geistigen Häuptern der Gemeinde mehr zugute halten müsse, als den Gemeindemitgliedern, in der Oeffentlichkeit über sie und ihre Tätigkeit, abgesehen von AusncchmefäUen, geschwiegen. Im Geheimen aber hat gar mancher seinen Anmut zum Ausdruck gebracht. Da ist es denn auch an der Zeit, einmal öffcnilich auszusprechen, inwieweit die Liberalen mit dem Verhalten der Herren Rabbiner nicht einverstanden sein können. An der Achtung vor den Herren und vor ihrem Amte soll damit nicht gerührt werden. Aber sie sind Menschen wie wir Gemeindemitglieder auch und sind ebenso wie wir der Schwäche und den Fehlern unterworfen. Während des Krieges hatten die Geistlichen aller Religionen und Konfessionen versagt; es schien fast so. als ob die Macht der Religion aus der menschlichen Gesellschaft getilgt worden sei. Auf keiner Seite, in keinem Lande hat ein Geistlicher gewagt, darauf hmzuweisen, daß die Religion, und zwar jede Religion, Mord, Raub und Plünderung untersagt, daß ein Krieg nur zur Verteidigung des Vaterlandes oder der Heimat zulässig ist. daß auch dem Feinde gegenüber Achtung und Schonung zu walten habe und daß hierbei die äußersten Grenzen deS Möglichen innegehalten werden könnten und müßten. Als Feldprediger allerdings haben die Geistlichen aller Religionen, und nicht zuletzt die jüdischen Feldprediger, im vollen Maße, und manchmal darüber hinaus, ihre Pflicht als Seelsorger auSgeübt. Wenn Klagen von jüdischen Soldaten laut wurden, man habe keinen jüdischen Feldprediger zu sehen bekommen, so lag daS an der geringen Zahl derselben und an dem Umfang und an der Ausdehnung der Truppenteile, denen sie zugeteilt waren. Anders war dies in der Heimat. An gar manchen Stellen war die Klage, daß die Seelsorge fehle, begründet. Sei es, daß die Last der in der Heimat zurückgebliebenen Rabbiner zu groß war, sei cs sonst auS einem Grunde, kurz, in manchem Lazarett, in «nanchem Gefangenenlager fehlte der geistliche Zuspruch. Die Berliner Hilfskriegskommission mußte hierfür Laienhelser einsetzen, die bereitwilligst daS Ehrenamt übernahmen und fast überall es zur Zufriedenheit der Beteiligten ausfüllten. In einem Punkte aber versagten die Rabbiner im Felde und in der gequälten Heimat (man denke an den Kohlrübenwinter). Keiner der deutschen Herren brachte eS (im Gegensatz zu manchem Kollegen auä dem Osten) über sich, öffentlich darauf hinzuweisen, daß auch die strengsten Speisegesetze in Zeiten der Rot ven-etzt werden dürfen, wenn es sich um Fristung des Lebens handelt. Die Erhaltung des Lebens und dir Fürsorge für diese Erhaltung geht allen Verboten vor. Es ist mir von einzelnen Feldpredigern bekannt — von den übrigen habe ich in diesem Punkte nichts gehört — daß sie mit bewundernswürdiger Entsagung im Felde, in der schwersten Arbeit und bei der größten Gefahr die Speisegesehe bis ins Kleinste innegehalten haben. Aber diese wie ihre Kollegen scheinen vergessen zu haben, daß für gewöhnlich der Mensch kein Held ist, und daß die Oual der Entbehrung vergrößert wird, wenn man den Hungernden nicht darauf hinweist. daß er erreichbare Nahrungsmittel, auch wenn sie sonst verboten waren, zu sich nehmen dürfe. Man hat mir früher, als ich diesen Vorwurf erhob, vorgehalten, daß man überall ein Auge zugedrückt habe, daß man sich aber nicht für berufen gehallen habe, „selbst den Zaun niederzureißen". Das aber halte ich für ganz falsch. Was man meint, muß man aussprechen, besonders wenn man Seelsorger ist; und wer offen die Ausnahme gestattet, wird Verständnis finden, wenn er Rückkehr zur Regel fordert. Aber auch sonst, namentlich in der Heimat, schien man keine Rücksicht auf die Zeitverhältnisse zu nehmen. In Berlin wie überall tat sich alles zusammen, um gemeinsam zu helfen und gemeinsam die Zeit der Rot zu überwinden. Diese gemeinsame Tätigkeit überließen aber die Herren Rabbiner meistens den Laien. Als eine Vereinigung aller Institutionen der MohlfahrtSvflege, auch der religiösen, zusammengekommen war, machte ein hervorragendes jüdisches Mitglied der Vereinigung darauf aufmerksam, daß zwar Geistliche der beiden christlichen Religionen, aber kein Rabbiner mit einer Einladung bedacht worden sei. Sofort wurden bereitwilligst zwei Rabbiner zur Teilnahme ausgewählt und eingeladen. Keiner der beiden antwortete, und keiner erschien in den Sitzungen: beide überließen den freundlichen Laienhelfer seiner Verlegenheit. And wie bei der gemeinsamen Wohlfahrtspflege, so hielten und halten sich auch die Rabbiner von anderen gemeinschaftlichen Unternehmungen, mag eS sich um künstlerische oder wissenschaftliche handeln, fern. Es ist mir wohl bekannt, daß einer von ihnen durch seine Vorträge und Mitarbeiten in einer philosophischen Gesellschaft sich weithin Anerkennung und hohen Ruf erworben hat, aber das ist eben eine Ausnahme, die leider die Regel bestätigt. Die übrigen Rabbiner aber, abgesehen von vielleicht einigen zionistischen Herren, hallen sich von der weiteren Oeffentlichkeit zurück. Und weiter auf dem Gebiete der Wissenschaft! Was ist hier — immer abgesehen von dem einen, aber auch von einem inzwischen verstorbenen Herrn — geschehen, um in der Oesfentlichlleit erkennen zu lassen, daß auch der jüdische Geistliche auf der Höhe der Zeit steht. Weiche Werke» die die Ausgaben der Zeit darstellen, die geistige Bewegungen und deren Resultate schildern, das Allgemein-Menschliche in der Gegenwart in Erscheinung treten lassen, können die Herren Rabbiner verzeichnen? Wer von ihnen hat es auch über sich gebracht, es sei denn in kleinen Artikeln in jüdischen Zeitungen urb» et orbi darzutun, warum die Auffassung so vieler christlicher Gelehrten über das Judentum falsch ist, daß z. B. das Spenglersche Werk vom Untergang des Abendlandes die Bedeutung des Judentums verkennt und sein Wesen schief darstellt: daß über Judentum und Talmud von Gelehrten geschrieben wird, die keinerlei Kenntnis unserer Schriften haben können. Je mehr man das Gebiet der Oesfentlichkeit durchforscht, immer will mir scheinen, daß sich der moderne Rabbiner von der Betätigung auf dem Gebiete der allgemeinen Wissenschaft fernhält, und daß er seiner Gemeinde in diesem Punkte nicht als Vorbild dient. Nichts aber kann der Stellung des Rabbiners in der Welt mehr zum Vorteil gereichen, als wenn er auf dem Gebiete allgemeiner Interossen, die die Anhänger aller Religionen berühren, in der Oeffentlichkeit bekannt wird. Er hebt seine Stellung in der Gemeinde und außerhalb derselben und wird durch sein öffentliches Auftreten ganz besonders dazu behilflich sein, Verständnis für das Judentum zu verbreiten und die Schranken zwischen den einzelnen Religionen niederzureißen. And weiter! Als einige liberale Rabbiner in Deutschland auftraten, um alle, die mit ihnen gleichen Sinnes waren, zu sammeln, ging, so schien mir, ein freudiges Aufatmen durch die ganze Iudenheit. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland wurde errichtet. Eine verhältnismäßig große Zahl von Rabbinern schloß sich ihr an. Allmählich aber verstummte der Enthusiasmus. Der und jener zog sich wieder zurück, er fürchtete die Angriffe der Gemeinde-Orthodoxie. Es kam zur Beratung der Richtlinien. Schritt für Schritt mußte man sich dagegen wahren, daß bei ihrer Formulierung die guten liberalen Gedanken in den Hintergrund gerückt oder abgestcllt wurden. Es wurde viel Wasser in den Wein gegossen. Auch nachdem die Richtlinien in die Welt gegangen waren, waren sie manchem wieder nicht mehr recht; ein ernstlicher Versuch, sie dem Gcmeindelebcn zur Grundlage zu machen, ist nicht bekannt geworden. Immer war es die Angst, hier oder da anzustoßen, die den Weg versperrte. Was wird der Gemeindevorstand sagen? Eines Sonnabends traf ich einen jetzt schon verstorbenen liberalen Rabbiner in der Straßenbahn. Ich wußte, daß er krank war und daß er in die Synagoge fuhr. Trotzdem geriet der Herr in die tödlichste Verlegenheit. Er drehte sich errötend fort, sah krampfhaft zum Fenster hinaus bis er ausstieg und tat so, als ob er mich nicht erkannt habe oder erkenne. Kam das Gespräch auf die Speisegesehe, so wollten die Herren hiervon nichts wissen. In neuerer Zeit verlangt der eine oder der andere von ihnen sogar glatt ihre vollständige Aufrechterhaltung und hält sich trotzdem für liberal: alle aber wissen, daß fast die Gesamtheit der Mitglieder aller Gemeinden die Speisegesetze nicht mehr halten, weil sie ihnen nichts mehr bedeuten, wenn sie sie auch noch hier und da in ihrem Haushalt beachten. Ein strenggläubiger Zionist hat mir einmal auf meine diesbezügliche Frage erklärt, daß er hier noch die Speisegesehe zum Schuh gegen die Umwelt ausrechterhalte. In Palästina würde er sie nicht mehr beachten. Es will mir scheinen, daß ein so übereinstimmendes Verhallen von vielen Zehntausenden von Gemeindemitgliedern ein Verdikt enthalte, für das die stillschweigende Duldung nicht am Platze ist. Aber zur Verkündung, daß die vox popuii auch die vox dei sei, reicht der Mut nicht. Auch die tieferen Grundlagen der Religion werden von den Herren Rabbinern nicht so behandelt, wie cs der Zeit entspricht. Man hoffte, daß die Zeit des reinen Rationalismus überwunden sei, daß die Menschen ansingen, sich nicht mehr ausschließlich um die Aeuszerlichkeiten dieses Lebens zu kümmern, sondern auf dem Wege wären, zu ernsterer Selbstbetrachtung überzugehen und sich aus dem gewöhnlichen Wust des Tages in höhere Gcistessphären zu erheben. Schleunigst wird der Rationalismus in Grund und Boden verdammt, das Irrationale ist das allein Seligmachende und der Irrationalismus artet fast zum Mystizismus aus. Hierbei war wohl bei manchem der Herren Rabbiner der Wunsch der Vater des Gedankens. Und es bedurfte der ganzen Bodenständigkeit der Laien, um das Allzuviel und Allzuweit zu überwinden. Nicht, daß etwa absichtlich oder gar böswilligerweise ein Rückwärtsrevidieren ins Werk gesetzt wurde. Aber der mystische Nebel, der sich verbreitete, begann bereits die klaren Grenzlinien zu verschleiern und die Bestrebungen zur Fortentwicklung einzudämmen und lahmzulegen. Glücklicherweise hatte alles dies keine tiefere Bedeutung für die Gesamtheit gehabt und erlangte im Gemeindeleben keinen besonderen Einfluß. Das Leben in der Gemeinde, insbesondere in Berlin, ging ieinen unveränderten Weg und unverändert blieb auch das Veralten der Herren Rabbiner. Wenn man zu regerer Beteiligung hierbei anzuregen suchte, bekam man zur Antwort: gebt erst dem Rabbiner die gebührende Stellung -im Gemeindovorstande, dann wird er . . . (usw.). Ein völlig irriger Standpunkt. Gerade der Liberalismus hat sich stets bemüht, dem Rabbiner die ihm als den: geistigen Führer bestimmte Stellung in der Gemeinde zu verschaffen, aber die Sache liegt doch so, daß jeder, der im Leben eine Stellung erringen will, sie sich selbst dadurch verschaffen muß, daß sich aus seiner Tätigkeit die Berechtigung zur Erlangung der erstrebten Slellung ergibt. And so bleiben die Herren Rabbiner dem Gemeindeloben nach Möglichkeit fern. Jeder einzelnen städtischen Schulverwaltung muhte nach dem Gesetz ein Ra-dbiner zugeteilt werden. Das geschah. Und sehr bald beklagte sich die Mehrzahl dieser Schulabteilungen darüber, daß der Herr Rabbiner nur selten erscheine. Auf Befragen erklärte mancher der beteiligten Herren, er habe nur bei Verhandlungen über Fragen zu erscheinen, die jüdische Angelegenheiten beträfen. Das war aber ganz falsch. Der Rabbiner war von Gesetzes wegen Mitglied der Schulverwaltung und hatte seine gewichtige Stimme in allen zur Verhandlung stehenden Fragen zur Geltung zu bringen. — In den Kommissionen der Gemeindeverwaltung, in die sie hineingewählt wurden, erscheinen die Herren nicht immer und nicht zu allen Sitzungen. Es ist mir eine sehr wichtige Kommission bekannt, in der der Herr Rabbiner fast nur erschien, wenn ein Gegenstand auf der Tagesordnung stand, der ihn oder einen seiner Schützlinge betraf. — Dann kam der jahrelange Zwist um die Bestellung eines Schulinspektors. Bekanntlich sträuben sich noch heute die Herren Rabbiner einen Schulinspektor anzuerkennen, der anch die von ihnen geleiteten Schulen inspiziert und obwohl der in Aussicht genommene Schulinspektor ihnen auf das taktvollste klar machte, daß es ihm völlig fern liege, irgendwelche Eingriffe in den Unterricht seiner Kollegen (er ist Rabbiner und Religionslehrer) vorzunehmen, blieben die Herren bei ihrer Weigerung. Es gibt keine öffentliche Verwaltung sonst, die sich ein solches Verhalten gefallen ließe, durch das iede gesunde Ordnung, Erhaltung und Durchführung des Unterrichts unmöglich gemacht wird. Und nun kam es zu den Mahlen zum Landesverband. Schon an den Vorbereitungen beteiligten die Herren sich fast gar nicht. Rur selten entschloß sich ein einzelner, in einer öffentlichen Versammlung zu sprechen. Die meisten — wie leider übrigens auä)' alle gelehrten Männer der Wissenschaft — weigerten ^sich, eine Kandidatur anzunehmen. Hier stand der Vorsitz bei einer jüdischen Vereinigung im Wege, der Mitglieder aller Parteien ongehörlen. dort war man gar der Meinung, der Rabbiner dürfe nicht parteipolitisch tätig sein. Auch hier wieder ein völlig irriger Standpunkt. Gerade der Rabbiner muß öffentlich seine Ansicht vertreten, wenn er der wahre Führer seiner Gemeinde sein sott. Einer hat den Mut seiner Ueberzeugung gehabt; er, der durchaus religiös-liberal ist, dessen Gemeinde übrwiegend aus konservativ gesimlten Mitgliedern besteht, dem aber Konservative wie Liberale gleiche Anhänglichkeit erweisen, hat vor der Wählerversammlung ruhig und unentwegt seine persönliche Meinung bekannt und vertreten; er brauchte nicht darum zu bangen, daß ihm auch nur ein einziges seiner konservativen Mitglieder abfallen würde. In einem anderen Falle konnte man allerdings nach der Art des Verhaltens sagen: Vestigia terrent. Das ist es ja aber gerade, wenn man alle hier behandelten einzelnen Gegenstände zu einem Ganzen zusammensaßt, daß es an der Entschlossenheit zur Betätigung der eigenen Ueberzeugung fehlt. Es ist nicht richtig, daß der Rabbiner seine liberale Gesinnung nicht vor aller Oeffentlichkeit und unter Nutzanwendung aus alle ihm unterstellten Fragen aus-

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