Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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V-rlln. Herr Professor Dr. Seligmann, der Direktor vom waienisch-bakteriologischen Institut der Stadt Berlin ist znm Vorsteher des jüdischen Krankenhauses an Stelle von Herrn Dlscktor Kareskigewählt worden. Herr Professor Seligmann gchört jls liberales Mitglied dom Borstand der jüdischen Gemeinde zu Zerltn an. Berlin. Direktor Isidor Grunroalü, der Leiter des zweiten Waisenhauses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Pankow ist »erstorben. Einen der ältesten, tüchtigsten und erfolgreichsten Besten hat die Gemeinde verloren. Als Herr Grunwald aus Leobschüh, wo er Lehrer und Prediger war, die Verwaltung des Pankower Waisenhauses übernahm, fand er eine für ihn völlig neue Aufgabe vor. Es war zcht leicht, sich in die Eigenart dieses Institutes einzuarbeiten. Ln Haus für Waisenkinder mit dem Zweck, sie zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden — das war die Aufgabe, die die Begründer des Hauses dem Leiter stellten. Mit restlosem Eifer unterzog sich Herr Grunwald dieser Aufgäbe. Er verstand es, den Unterricht dem Zweck des Hauses an- »apassen, bei der Instandhaltung des Hauses durch die Waisenknaben, beim freien Spiet und während der Erholung den Sinn der Kinder mit Liebe zu ihrem zukünftigen Beruf zu erfüllen and dabei ihnen das fehlende Elternhaus zu ersehen. In Güte, aber ohne Weichlichkeit, mit Strenge, aber ohne teerte, trat er ihnen stets gegenüber und erreichte es dadurch, ijj sie alle, ohne Ausnahme alle, an ihm wie an ihrem Vater dingen. Aber auch während der Ausbildung für ihren Beruf stand er ,nen in gleicher Weise zur Seite. Er verschaffte ihnen die Lchrreister, stand mit diesen in ständigem Konnex, wußte Zwistigkeiten jjn begütigen, aber auch etwaigen unberechtigten Angriffen mit Linst und Festigkeit gegenüberzutreten. Waren die Zöglinge selbständig geworden, so fehlte es ihnen, )en „Pankower Kameraden", nicht an seinem Rat und seiner Äsenden Tat; für jede Klage und jeden Wunsch hatte er ein offenes Ohr und seine Hilfeleistung war unermüdlich. Als das Haus, das bekanntlich früher auf einer Privat-Gründvng beruhte, von der Gemeindeverwaltung übernommen wurde, mchs mlt der größeren Zahl der Zöglmge die Verantwortung es Direktors. Das alte Haus wurde zu eng, die Gemeinde ließ ein prächtiges neues errichten. Der Direktor aber blieb einfach and bescheiden wie er vorher war und wußte den alten Geist des ^Hauses zu schützen und dem Sinn der Zöglinge zu erhalten. Es war für. ihn wohl das freudigste Ereignis, als es ihm ttzelang, durchzusetzen, daß den Zöglingen ein ganz einfaches Eriholungsheim an der Ostsee verschafft wurde, in dem die schwäch- Ilichen Knaben zur Kräftigung und die starken zur Erhaltung fand Beständigkeit ihrer Gesundheit Sommeraufenthalt nehmen I konnten. Daß Herr Direktor Grunwald den Lehrern des Hauses ein Igütiger Vorgesetzter und zuverlässiger Freund war, verstand sich loon selbst. Die Ahlemer Anstalt, die von seinem Schwiegersohn lgeleite! wird, ist nach dem Pankower Vorbild errichtet und jechaiten. Mit den Mitgliedern des Kuratoriums und den Vorgesetzten [in den städtsichen Behörden hielt Herr Grunwald auf das engste zusammen. Auch mit den Lehrern der anderen Anstalten in Pankow and mit den christlichen Geistlichen beider Religionen (dieses Ortes stand er in freundlicher Verbindung. Seine früheren Schüler und Zöglinge werden den Dahinjgeschiedenen nicht vergessen. Auch die Gemeindeverwaltung wird stets seiner gedenken als eines seiner hervorragendsten, treuesten und — es sei nochmals wiederholt — erfolgreichsten Beamten. (Ehre seinem Andenken. , Berlin. Mit IuliuS Hirschberg, der am 17. Februar Im seiner Wohnung am Schiffbauerdamm in Berlin im 82. Lelbensjahr fünft entschlief, ist einer der berühmtesten Augenärzte lder Erde und eiNer der größten GelÄhrt'ek Deutschlands'öähm-! gegangen. Dabei ein gnindgütiger, liebenswerter Mensch, der ldie Armen umsonst behandelte und für alle gemeinnützigen Be- Istrebungen lebhaftes Intereste und eine offene Hand hatte. Als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns in Potsdam geboren, studierte er in Leipzig und Berlin Medizin und wurde 1867 bei Gräfe, der auf seine überragende Begabung aufmerksam wurde. Assistent. 1869 habilitierte er sich an der Berliner Selb st sucht fast als höchste Tugend hingestellt und gepflegt hat. Gerade diese Bevorzugung deä Rühlichen aber ist etwas, was ganz und gar nichtinunserendeutschen Krieger st and hineinpaßt un dH ingehört. (Sehr richtig! rechts.)" „Wenn die Zeit nicht schon soweit vorgeschritten wäre," fuhr sich unter großer Aufmerksamkeit des Kreises fort, „würde ich I^huen sagen, wie sich mir gegenüber Abgeordnete über die Raabgeäußert haben. Deshalb nur drei kurze Erklärungen. Rcichstagsabgeordneter Dr. F r a n k -Mannheim schrieb: geehrter Herr! Die Rede verstieß gegen das klare 'Recht, gegen die geschichtliche Wahrheit und jgegen den guten Geschma dt." Ihr ergebener Dr. Frank- Mannheim. , Ilnd Reichslagsabgeordneler Severing? (Der heutige Mi-!n:,ler. Sch r i f U c i t it n ß): „Sie ^begehen nach meiner Meinung ein verdienstliches Merk, w e n n Z i e „d i e s e A r t d e s g e i st i g e n K a m p f e s" niedriger hänge n." . ^^r Vertreter Bremens im Reichstage, der fortschritt- Uche Horm an n. sicht in dieser Rede das Wiederausflammendes Antisemitismus und damit der Verrohung der politischen M o r a l. And Sie am meisten Betroffene lassen solche tsrcIJöcn Dinge kühl bis ans Herz? Dann sind die ocutfchen Juden nicht wert, daß man sie gegen infame Beleidigungen schützt!" ' I -. icht sp stürmt fch, junger Mann", erwiderte ruhig und > ic-ic^bar überlegen der alte Äosenthal. „Solche Reden sind ver- >avichenungswürdig. Gewiß! Aber sie sind doch Ausnahmen.! -e>r spüren hier nichts vom Risches. Ihre Broschüre?LC 9 c n R"ab h a t mehr Risches gemacht als seine oif 0 0 c c Hcin M e ns ch etwas gelesen hat. <>oer ich weiß, der Kampf gegen den Antisemitismus ist heule , GuC!) ein Geschäft geworden. Miesmacher von Beruf! R'-Iches hat es gegeben, solange Juden leben. Mal ein bißchen cm weniger. Mit Verachtung strafen, ist die beste Methode; viel Geschrei machen die schlechteste." "I st e s nicht ein Skandal, daß Raab in Schmalualden nur gewählt wurde, weil die Iuden in der Stichwahl sich nicht entschließen konnten, den Sozialdemokraten zu wählen?", schrie ich. r« "-a IUc r, i e freisinnig können wir jüdischen Höfts leute nicht gehen. Meinen Sie, ich sage meinen Bauern, daß ich R e u m a n n - H o f e r wähle? W e n u seinwerden, werden Sie begreifen. Rur kein > rben in der O e f s e n t l i ch k e i't machen! Das Ichadet uns am meisten! Lassen Sie Raab krähen! Kümmern Sie!•,4.um* " r c Zukunst. Sehen Sie, daß Sie Geld verdienen und C c r n ü n f t i n C Exislenz grünöen. Junge Poli- , e Schnorrer! Lassen Sie sich das vom alten Rosentha! gosaat sein, mnger stürmischer Freund." och wurde müde und ging zu Bett. (Fortsetzung folgt.) Universität für Augenheilkunde und schrieb dann im Laufe der Iahrnchnte seine großen Werke, die in alle Sprachen der Erde übersetzt worden und ihm Weitnchm verschafften. Das Bewundernswerte und Einzigartige an diesem Mann war, daß er, dessen Augenklinik von Kranken aller Länder besucht wurde, der täglich operierte, Assistenten ausblldete, an der Universität las und Sprechstunden abhielt, gleichzeitig noch ein großer Mathematiker, ein Altphilologe allerersten Ranges, eln Kenner sämtlicher moderner und alter arabischer, türkischer und persischer Idionie und Schriften, ein Musikhistoriker von Fach und — ein Weltreisender war. Auf allen diesen verschiedenen Gebieten leistete er Hervorragendes. An geradezu märchenhafter Gelehrsamkeit konnten es mit ihm nur der verstorbene Wilhelm Wundt und der noch lebende Historiker Eduard Meyer aufnehmen. Als Mathematiker schrieb er seine „Mathematischen Grundlagen der medizinischen Statistik", als Augenarzt eine unübersehbare Reihe von Abhandlungen und Büchern. Unsterblich wurde er als Ophthalmologe durch die Einführung des E l e k t r o - magneten in der Augenoperation bei Verunglückten, mit der er Unzähligen, denen Elsensplitter ins Auge geraten waren, das Sehvermögen rettete. Dann schrieb er eine sechsbändige, umfassende Geschichte der Medizin. Bei seinen historischen Werken über die Augenheilkunde der Griechen, Araber und Aegypter schöpfte er infolge seiner außerordentlichen Sprachkenntniffe überall aus den Urquellen. Prächtige Reiseroerke aus Amerika, Afrika, Hellas, deren jedes das Lebenswerk eines normalen Gelehrten sein könnte, schrieb er „nur so nebenbei". — 1923, als Achtzigjähriger, verfaßte er noch seine autobiographischen „Erlebnisse und Erinnerungen". Mit Ehren ist er wie wenige Menschen überhäuft worden, aber in einem seiner Briefe bekennt er, daß sein schönster Lohn stets der „Händedruck eines von ihm Geheilten gewesen sei!" —- Wer den herrlichen Gelchrtenkopf mit dem wallenden schneeweißen Haar im Opernhaus, — er war bei allen wichtigen Aufführungen zugegen, — jemals gesehen hat, wird ihn nie wieder vergessen! — Schade, daß Gelehrte dieses Ausmaßes so selten sind. — In der Geistesgeschichte unseres Volkes ist ihm ein dauernder Ehrenplatz sicher. Berlin. Hier verstarb Kommerzienrat Arie Goldfarb, der bekannte westpreußifche Tabakindustrielle, der sich durch mustergültige soziale Einrichtungen zugunsten der Arbeiterschaft seiner Betriebe hervorgetan hat. Die Einäscherung im Krematorium Wilmersdorf fand am 13. Februar in Anwesenheit eines zahlreichen Trauer,gefolges statt. Abordnungen aus seiner Vaterstadt Pr.-Stargard (Staregard), deren Ehrenbürger er war, der Verbände und der Arbeiter der Goldfarbschen Tabakfabriken waren erschienen. Bremen. Die hiesige Katser-Frtedrich-Lvge 484 U.O. B.B. beging am 8. d. M. festlich das Iubiläunr ihres 25jährigen Bestehens. Am Vormittage hatte die Loge die Mitglieder der Bremer israelitischen Gemeinde aus diesem Anlaß zu einer Morgenfeier eingeladen, in der Herr Rabbiner Dr. Aber über die Entwicklung des Humanitätsaodankens sprach. In seinem ausgezeichneten Vortrage ging der Redner von dem Humanitätsideal des Confucius aus und zeigte dann die verschiedenen Quellen auf, aus denen das Humanitätsideal bei Griechen und Römern entstand, nämlich als Folge geschichtlicher Entwicklung und des Bestrebens, aus dem Nationalstaat das Weltreich zu machen. 3m Gegensatz dazu entsprang der Begriff der Humanität im jüdischen Volke und später in der christlichen Kirche dem religiösen Erleben und philosophiicher Grund einstellung. Nicht die realen Tatsachen führten zur Erkenntnis der Hum'anttätsidee; das biblische Humanitätsideal setzte sich vielmehr ausgehend von der Gottesähnlichkeit dxs MMchen.und der Golteskindschasi aller Menschen * Wllebcr&ittSiirtjf her reMn TaMchen ziM Ziel. I Wer. Wbn?r durchwanderte dann mit dem Wanderstabe gründlicher Kenntnis ausgestattet, die verschiedenen Epochen des Mittelalters, in denen der Humanitätsgedanke vom Lippenbekenntnis wieder zur Tat wurde, schilderte den Einfluß von Renaissance, Barock und Rokoko, von Aufklärung und Romantik auf die Humanität und führte aus, wie im 19. Jahrhundert der Kampf um den Absatzmarkt den Humanitären Bestrebungen ein verändertes Betäti- ZinLnzskandale in alter Zeit. Häßliche Finanzskandale halten seit Wochen die öffentliche Meinung in Atem. Derartige Dinge sind leider niefjt neu. lieber die Finanzskandalc der Wilhelminischen Epoche hat erst vor kurzem Heinig ein Buch vcröffenilicht. Die ärgerlichen Borgänge, die sich jetzt abgespielt haben, sind allerdings noch unsympathischer als die der Vorkriegszeit; denn ein in breiten Schichten verarmtes, ausgepowertes Volk ist diesmal der leidtragende Teil. Aber die ganze Torheit und Ungerechtigkeit gewisser politischer Kreise tritt wieder einmal augenfällig in Erscheinung. Da die Rainen einiger jüdischer Kaufleule bei' den Skandalen häufig genannt wurden, kann sich ein Teil der deutschen Presse nicht genug darin tun, gegen die Iuden im allgemeinen zu hetzen. .Keine Verdächliciimg und keine Insinualivn ist so widerlich, daß sie nid)t in den Spalten verschiedener Preßorgane Ausnahme fände. Dazu ist zunächst einmal zu sagen, daß man sich in letzter Zeit bei Aufdeckung gewisser Mißstände gerade ein paar Juden herausgesucht hat Ware man rücksichtslos gegen alle die Industrie- und Wi'tschaftskreise eingeschritien, die eigene Interessen unter Verletzung von volkswirtschaftlichen Allgemeininteressen rücksichtslos verfolgt haben, so hätte man auch gegen unzählige Nichtjuden einschreiten können! Dann muß konstatiert werden, daß d-urd) die wirljd-astlichen Wirrnisse der Nachkriegszeit keine Bevvlkerungsgruppe so geschädigt wurde wie gerade die jüdische. Denn diese besaßen im allgemeinen keine Güter und Immobilien, die an Wert nichts Verloren haben. Fast die gesamte Landwirtschaft Deutschlands hat z. B. schon den Beginn der Inflation dazu benäht, um. ihre Versd)>ulüungen abzulösen. Unter den gegen eine Anzahl ostjüdifcher Firmen echobenen Vorwürfen taucht auch die alte Beschuldigung des Wuchers wieder auf. „Alles wiederholt sid) nur im Leben," meinte nid)t nur Rabbi ben Akiba, sondern auch Schiller. — Viele Iahre habe icf> mich damit beschäftigt, das Wirtschaftsleben unseres Landesteiis in früheren Iahrhunderten zu studieren. Id) habe gefunden, daß es auch früher ganz ähnlich zuging wie heule. Die Menjd-en pflegten ^amals so wie heute sorgfältig aus den Splitter im Auge der anderen zu achten, ohne des Balkens im eigenen gewahr zu werden. Ein paar historische Fakta mögen in diesem Zusammenhänge in die Erinnerung der Oeffentlichkeit zurückgevufen werden. 1472 schickte Kursürst Albrecht Achilles seinen Rat Hertnid von Stein nach Rom; dort soll dieser vom Papst einen Gebotsbrief gegen das Wuchern der märkischen Geistlichkeit erwirken; die christlichen Priester „gebrauchen sid) des Wuchers in manfeltig «eis hy innen im Land so gar gröblich, -atz es sund und schand ist." Als im Iahrr 1480 die Ritterschaft den Kurfürsten Iohann bittet, die brandenburgischen Iuden zu vertreiben, unals Grund für diese Bitte den jüdischen Wucher anqibt. erteilte Kurfürst Iohann eine auSweichen-e Antwort. Der Chronist aber schreibt: .„Eigentlich war ein anderer Bescheid beabsichtigt worden; es sollte nämlich die Ritterschaft daran erinnert werden, daß zu der gungöfeld eröffnele. Die Gegenwart fordert humanitäre Betätlamrg ln zwejerle! Hinsicht: Eatnücklung und Erziehung zur menschlichen Einzelpersönlichkelt und Linderung der Rot der Mitmenschen. Die von Herrn Dr. Walter Cohen auf der Vivline meisterhaft vorgetragene und von dem bekannten Bremer Pianisten Hans Heinemann begleitete Legende von Wieniawsky und das von Fräulein Else Eorell unter Begleitung von Frau Harry Cohen In vortreffllcher Welse zu Gehör gebrachte Hummelsche Halleluja umrahmten den Vortrag und gestalteten die Morgenfeier zu einer würdigen Festlichkeit der Bremer Loge und Gemeinde. Ein weiterer vtsizleller Festakt der Loge, zu dem zahlreiche Vertreter anderer Bundeslogen aus allen Teilen Deutschlands gekommen waren, eln Festessen.und daran anschließend ein fröhlicher Ball beschlossen das Jubelfest der Bremer Kaiser-Frie-rich-Loge. Cassel. Die jüdische Schule in Meerholz bei Hanau ist wegen geringfügigen Besuchs eingegangen. Wir hatten diese Rachricht bereits in der letzten Nummer versehentlich unter Casseler Nachrichten veröffentlicht, so daß der Eindruck entstehen konnte, als sei eine jüdische Schule in Cassel eingegangen. Göppingen. Am Sonntag verschied hier der in weiten Kreisen bekannte israelitische Religionslehrer und Gemeindepfleger Karl Bodenheimer. Der Verstorbene stand im 65. Lebensjahre und übte sein Amt 44 Iahre aus. Roch vor wenigen Tagen sah man den allgemein geschätzten Herrn, obwohl er seit längerer Zeit schwer leidend war, seinen Spaziergang machen. Der Tod ereilte ihn, als er im Bette sitzend, sich mit einem Besucher unterhielt. Mainz. Dem „Mainzer Anzeiger" entnehmen wir folgende Nachricht: Die hiesige israelitische Gemeinde kann in diesem Iahre einen besonderen Gedentzjag feiern. Am 19. März sind es gerade 100 Iahre, daß die Einweihung der neu erbauten Synagoge erfolgte. Dieser Tag bedeutet einen Markstein in der so wechselvollen Geschichte der hiesigen Synagogengemeinde. Weiß doch der Chronist folgendes zu berichten: Am 7. Dezember 1695 wurde in der Gomeinderechnung eingetragen, daß die Erhebung des Iuden- Weidegeldes nun aufhöre, weil der letzte Jude fortgezogen ist. Es dauerte mehrere Iahre, bis wieder Iuden eingezogen waren. — Zur Einweihungsfeier selbst überliefert der Chronist was folgt: Die Israeliten zu Sprendlingen hielten ihre gottesdienstlichen Versammlungen seit langen Iahren in einer Stube des Herrn Iosef Salenen im St. Iohannerviertel. Die Stube war niedrig und beengt. Da wurde von der israelitischen Gemeinde in der St. Gertrudenstr. ein Platz gekauft und eine Synagoge erbaut. Die Einweihung derselben am 19. März 1825 war feierlich und glänzend. 12 israeliliswe Musikanten sangen und musizierten: dieselben begleiteten den Zug, auf welchem die heiligen Geräte aus dem früheren Versammlungshavs in den neuen Tempel gebracht wurden, und im Tempel die religiösen Stücke und Hymnen, durch deren Vortrag diese seltene Feier erhöht und verschönert wurde. Wie verlautet, soll der Gedenktag von der israelitischen Gemeinde würdig gefeiert werden. Reichensachsen, Kreis Eschwege. Der seit einigen Jahrzehnten an der hiesigen Volksschule angestellte Lehrer, Herr Dachrach, ist zum 1. April in den Ruhestand verseht worden. Eine Wiederbesetzung der Stelle erfolgt durch das Vorsteheramt der Israeliten in Cassel. Stuttgart. Der Israelitische Oberrat hat die Rabbiner und Reltgionslehrer, in deren Dienstbezirken Strafanstalten gelegen sind, durch Erlaß vom 2. Februar 1925 angewtosen, falls sich in diesen Strafanstalten israe-Msche Strafgefangene befinden, diese mindestens einmal im Laufe eines Monats aufzusuchen, sich ihrer anzunehmen und ihnen seelsorgerischen Beistand zu leisten. Die Verwaltungen der Strafanstalten werden den zuständigen israelitischen Beamten Mitteilungen zugehen taffen, sobald sich in ihnen israelitische Strafgefangene befinden. Die Rabbiner und Religionslehrer haben vierteljährlich dem Oberrat über diese Besuche Bericht zu erstatten. 1k-r Fevmar 'chsMg»der '^Wnti'^W^osef Sulzer in Wien leinen 75. Geburtstag. Der Iubilar ist der Sohn des einstigen Overkantors der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde und Professors am Musikkonservatorium in Wien, Safomon Sulzer, der als Komponist synagagaler Gesänge in der jüdischen Welt bekannt ist. Iosef Sulzer, der ebenfalls als Komponist hervorgetreten ist, ist in den letzten Iahren nicht mehr auf dem Konzertpodium erschienen. Zeit, als die Iuden unter her Regierung Friedrichs II. aus dem Lande verwiesen waren, die Ritterschaft von den Christen noch ärger als vorher von den Iuden mit Wucher bedrückt worden war. Aus diesem Grunde seien die Juden mit ihrem Handel wieder zugelassen worden, und solange dieselben nur den ortsMichen Zins forderten, würde er, der Markgraf, ihnen nicht entgegentrelen." — Im sechzehnten Jahrhundert, in dessen erster Hälfte die Juden ebenfalls aus der Mark vertrieben waren, war der Wucher der Nichtjuden hier allgemein; denn Kurfürst Joachim U. erließ während dieser Zeit wiederholt strenge Befehle und Strafandrohungen gegen den Wucher und besttmmte, daß nur 6 % Zinsen genommen werden dürften. Um das Iahr 1560 und in den folgenden Jahren kamen in Frankftnt a. Oder, das damals einer der ersten Handelsplätze der Mark Brandenburg war, größere Finanzskandale vor. Der Magistrat der Stadt Frankfurt beschwerte sich mehrmals in geharnischten Worten beim Kurfürsten Ioad)im II. und gab vor allen Dingen der Iudenschast die Schuld an all den Hebeln. Immer wieder bat der Magistrat, man möchte ihm doch erlauben, die Iuden aus Frankfurt zu vertreiben. Kurfürst Joachim II. antwortete dem Rat der Stadt in einem köstlichen Briefe vom 10. 3uli (Donnerstag nach Kilian) 1565, aus dem gewisse politische Kreise unserer Zeit noch einiges lernen könnten und in dem es u. a. heißt: „Und erstens die Juden betreffend, so wollen wir die nicht schützen, sondern lassen sir mit allen Lastern, so Ihr chnen schuld gebt, besudelt, des Teufels, da sie sich nicht bekehren, sein und bleiben. Wir achten aber aud) hinwiederum, daß es besser wäre, dieselbigen geduldet und gelitten, als solches auch sonsten im heiligen Äeich' teutscher Ration hin und wieder geschieht, und sie zu mehrer ihrer Schmach und Strafe bis an der Welt Ende oleiben sollen und müssen, denn auf ihr Austreiben und Verjageu so hart drängen und sich nid)t minder ihrer Sünden und Laster zuin äußersten befleißigen. Denn es ist nnvermeintlich, wahr, daß leider jetzt unter den Christen nid)t geringere wie nicht größere Gotteslästerungen im Schwange, denn eben unter den Juden. Mit Verringerung ^aber und Vcrderbung der Münze, mit Wucherei und anüeren'unziemlidien Händeln und Aufsätzen sind die Christen nunmehr der Juden Meister so weit, daß die armen Iuden, denen es auch an großen Hauplsummen mangelt, diesfalls gegen die Christen nur als Schüler zu achten sind. So dürft Ihr auch dergleicben Meister nicht weit suchen. Ihr werdet sie bei Euch in den Ringmauern finden können, deren Vermögen viel geringer sein würde, denn es also ist, wenn sie sich der jüdischen Wucheret und anderer jüdischen Händel nicht mehr und unziemlicher beflissen, denn eben die Iudrn selbst thun können und dürfen. Und zwar läßt sich auch Eure Weigerung, die Iuden anzunebmen, mehr dahin ansehn, daß sich Etliche bei Euch von ihren jüdischen Händeln Rachtheil oder Eintrag befahren, denn daß es aus sonderlichem christlichem Eifer und andächtiger guter Wohlmeinung geschehe" usw. Hat dieser Brief des anscheinend hochintelligenlen Fürsten nickt eine merkwürdige Aktualilat? — Schiller hat wirklich red)t; „AlleS wiederholt sich nur im Leben!". Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin.