Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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jenen elwaS Bestechendes. Wir werden in Zukunft streng darauf halten wüsten, Person und Sache voneinander zu trennen. Ich zweifle nicht daran, daß auch die Orthodoxen und die Zionisten hierin mit unS eines Sinnes sind. Ein schöner Ausspruch des Talmud muh uns bei -er Austragung unserer jüdisch-religiösen Kämpfe Wegweiser sein: „Selbst Vater und Sohn, Lehrer und Schüler werden sich bei religiösen Erörterungen bisweilen als Gegner gegenüberstehen; aber sie scheiden nicht voneinander, bis sie sich wieder zu Freunden geworden sind" (Traktat Kid duschin 30 b). Au f solche Weise wird es unsäelIngen, denjenigen den Boden unter den Füßen zu entziehen, die uns Frieden und Einheit predigen wollen auf Kosten eines gesunden, kräftigen jüd i j ch e n Geisteslebens. Naumann und wir. Mit unserem Freunde Naumann und seiner Kampfesart muhten wir uns ja leider schon des öfteren beschäftigen. Bei den Wahlen zum Landesverband glaubte Herr Naumann uns dadurch helfen zu müssen, daß er am Sonnabend vor den Wahlen ein Plakat an die Berliner Anschlagsäulen kleben ließ, in dem er uns gewissermaßen als das kleinere Ilebel hinsteilte und seine Freunde ausforderte, für uns zu stimmen. Aus diesem Plakat schreibt Herr Naumann: „Bei den Zionisten (Jüdische Bolkspartei) stehen an erster Stelle dieselben Männer, die verantwortlich sind für die skandalösen Zustände in unserer Berliner Kuitusgemeinde. Woher wissen Sie, Herr Naumann, daß in unserer Berliner Gemeinde skandalöse Zustände herrschen? Ich habe leider noch nie das Vergnügen gehabt, Sie in unserer Gemeinde bei Aufstöderung skandalöser Zuständd begrüben zu können. Ich habe bisher auch nicht gesehen, -ah Sie oder einer der führenden Herren Ihres Verbandes sich überhaupt um die Zustände in der Berliner Gemeinde gekümmert haben. Solange wir Liberalen die Mehrheit im Berliner Gemeindevorstande haben, sind wir für die Zustände verantwortlich. Wir beabsichtigen auch nicht, diese Beranb wortung von uns abzuwälzen. Und ich muß Ihnen erklären, daß, wenn auch in der Gemeindeverwaltung nicht alles ideal ist, so doch sicher das Wort „skandalöse Zustände" in keiner Weise auf unsere Verwaltung zutrifft. Des weiteren denunzieren Sie auf diesem Plakat die Herreu Badt und Goslar. Man kann der Ansicht sein, daß sich Nationaljudenlum und Tätigkeit in einer leitenden preußischen Staatsstellung nicht vereinbaren läßt. Die Herren Badt und Goslar sind sicher davon überzeugt, daß ihre Einstellung zum Judentum mit ihrer Beamtenstellung nicht in Widerspruch steht. Aber selbst wenn man der gegenteiligen Meinung ist, hat man keinen Anlaß, bei innerjüdischen Kämpfen diese seine Meinung an den öffentlichen Anschlagsäulen zu sagen. Was wollten Sie damit bezwecken, daß Sie diesen Ihren Ausruf den christlichen Parlamentsmitgliedern zugehen liehen? Es handelte sich doch schließlich, was ich Ihnen immer wieder zurufen muß, um eine Wahl für einen Verband jüdischer Gemeinden, und ich glaube, gerade von Ihrem Standpunkt aus ist es wünschenswert, daß sich am unsere ReNgionsangelegenbeiten Andersgläubige nicht kümmern. Also, Herr Naumann, wenn Sie uns Helsen wollen, setzen Sie sich ml! uns vorher in Verbindung und treiben Sie keine Agitation, durch die unsere Freunde verbittert werden und die mit den Ansichten, die wir von einem Kampf unter Juden haben, nicht in Einklang zu bringen sind. Moritz Rosen thal, Mitglied deS Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Zum Berliner Wahlergebnis. Daß der Berliner Liberalismus in dem schweren Wahlkampf der letzten Wochen'alle.^Svgner-fieaveah .bestanve«? hcttl dass er mehr Stimmen und Mandate für seine Liste erringen konnte, als die vier anderen Parteien zusammengenommen, ist in diesen Blättern schon mitgeteilt worden. Manchem wird diese Nachricht genügen, mancher wird jedoch Genaueres über das Wahlresultat zu erfahren wünschen. ist«»» doch die Bilanz über die Vergangenheit und der Ausgangspunkt für die Arbeit der Zukunft. Zn 56 Wahlbezirke war Groß-Berlin eingeteilt. Eine Be« trachtung de» Wahlergebnisses in diesen Bezirken bringt als erste die hocherfreuliche Feststellung, daß der Liberalismus ln nicht weniger als 4v Bezirken die absolute Mehrheit erzielt, also mehr Stimmen als die Gesamtheit der anderen Parteien erhalten hat. Dabei ist es besonders bedeutsam, daß diese Bezirke sich nicht etwa auf die altbekannten Domänen des Liberalismus befchränken. Neben der kompakten Masse des Westens mit den westlichen Bororten, des Nordwestens und Südens gehören dazu dir Wahlbezirke in Neukölln, in Lichtenberg, in der Kurischen Straße (Gegend Ereifswalder Straße), in Weißensee. Bornholmer Straße (mit Pankow). Pankstraße. Also die gesamten »Außenbezirke Berlins sind sicherer liberaler Besitz, und strittig sind nur der innere Norden und Osten mit dem starken ostjiidischen Einschlag seiner jüdischen Bevölkerung. Zn noch 6 Bezirken, meist im O, SO. NO sind die Liberalen, ohne die absolute Mehrheit zu besitzen, die stärkste Partei, während in 6 Bezirken von N. NO und C das gleiche von der zionistischen jüdischen Volkspartei gilt und in 5 Bezirken des Nordens die jüdische Volkspartei absolut ilberwiegt. Dazu gehören vor allem die 4 Bezirke des Postamtes N 54. das eigentliche Ghetto, wo die zionistische Uebermacht recht bedeutend ist. Die anderen drei Parteien haben es in keinem Teile Berlins zu einer größeren Bedeutung gebracht. Die Mittelpartei, die infolge der Art der Aufmachung ihrer Kandidatenliste und ihrer Agitation besonders im Westen große Erfolge erhoffte, hat in keinem einzigen Bezirk */• der abgegebenen Stimmen überschritten: meist ist sie noch erheblich unter diesem Prozentsatz zurückgeblieben. Die Orthodoxie, die im Westen völlig bedeutungslos ist. mußte sich sogar in ihren Ostdomünen mit 8. 9, 11 o. H. begnügen und hat in 2 Ostjuden-Bezirken von N54 mit 12 und 19 v. H. ihren Gipfel erreicht. Die Poale Zion-Partei spielt überhaupt keine Rolle außer in Weißensee. wo sie unter Verdrängung der zionistischen Echmesterpartei mit 19 v. H. der Stimmen die führende Oppositionspartei gegen die siegreichen Liberalen ist — eine Erscheinung, die übrigens schon bei den 1920er Repräsentantenwahlen aussiel. Nach diesem Rundblick sollen die einzelnen Stadtteile noch besonders betrachtet werden. Der Westen Berlins einschließlich der Vororte hat in 26 Bezirken allein 20 750 Stimmen, über 40 v H. der Gesamtzahl aufgebracht. Auf die Liberalen entfielen hier 13 339 Stimmen. Bemerkenswert ist die völlige Gleichmäßigkeit der Wahlergebnisse aus dem Westen. Zn nicht weniger als 22 Bezirken liept der Prozentsatz der liberalen Stimmexi zwischen 60 und 70 v. H.. um am Lützowuser auf etwas über 70, in Schlacktensee sogar auf 80 v. H. zu steigen, andererseits in einem Alt-Schöneberger Bezirk auf 55 v. H und nur in dem ganz besonders stark ostjüdischen Bezirk Pestalozzistraße unter die Hälfte auf 43y2 v. H. zu sinken. Auf der anderen Seite liegt der Prozentanteil der Zionisten fast durchweg zwischen 15 und 20 v. H. und steigt, abgesehen von der Pestalozzistraße (dort 38 v. H.). nirgends über 23 v. H. Es ist also unrichtig, wenn — wie es wiederholt vorpekommen ist — irgendwelche rechtsstehende Winkelgemeinden im Westen behaupten, sie hätten die jüdische Bevölkerung ihrer Gegend hinter sich. Am deutlichsten spricht hier das Beispiel Friedenaus, wo sich der Vorsitzende des dortigen überwiegend liberal gerichteten Religionsvereins, der schon 1920 eine Extratour getanzt hat, auf die Liste der Mittelpartei hat setzen lassen und das klägliche Ergebnis von 72 Stimmen gegen 369 Liberale erzielt hat. Galt der Westen als liberale Domäne, so war der NW von se umstrittenes Gebiet. Aber dieses Gebiet ist von unseren Parteifreunden um so intensiver bearbeitet worden. Ein Prozentander Liberalen von 58 bis 65 v. H. in allen 4 Bezirken ist ' wohlverdiente Lohn unserer Mitarbeiter aus NW geworden. Mit besonderem Stolz können sie auch darauf Hinweisen, daß der Bezirk in der Leoetzowstratze nach zwei Ostjuden-Bezirken von N 54 die stärkste Wahlbeteiligung in ganz Berlin ausgewiesen hat. Der Süden Hot ebenfalls durchweg liberale Mehrheiten ergeben, in der Kottbuser Straße eine geringe relative, sonst überall absolute Mehrheiten. Aber die Ergebnisse sind doch schon ungleicher. Während im Bezirk Belleallianeestraße dank ganz vortresslicher Arbeit unserer Freunde volle */s der Wähler liberal gestimmt haben, hätten die Mehrheiten in der Anhalt- und Llndenstraße wohl noch größer sein dürfen. Im Osten — hier angesehen in der Begrenzung durch die Spree, im Süden, den Friedrichshain im - Norden — entbehrt der liberale Verein bisher völlig der Organisation. Die Gegend galt als stark zionistisch und orthodox zugleich. Zm Lichtenberger Bezirk, der nachher eine absolute Mehrheit der Liberalen ergeben hat. gelang es erst wenige Tage vor dem Wahltag eine Wahlorganisation zu schaffen, lim so erfreulicher ist das Ergebnis: daß in der Gesamtheit der Bezirke 39 bis 43 die Liberalen als stärkste Partei erschienen sind. Hier muß weitergebaut werden. Alle Freunde aus dem Osten werden ganz besonders gebeten, sich umgehend bei der Zentrale zu melden. Eine kraftvolle Bezirksorganisation muß hier erstehen. Was im O zu tun ist, ist im W auf schwierigstem Boden schon geleistet worden. Die Arbeit unserer Freunde Folkenberg. Gottfeld. Kausfmann-Weißensee u. a.. die Arbeit besonders auch jugendlicher Hilfskräfte hat ihre Früchte getragen. Auf die liberalen Mehrheiten in allen Außenbezirken wurde schon oben hingewiesen: ein Ergebnis wie z. B. die 000 liberalen Stimmen von 1077 insgesamt in der Kurischen (Greifswalder) Straße hätte niemand von uns selbst vor der Wahl erwartet. Zm Gesamtergebnis von O (mit C) steht, wes keinen Ortskundigen wundern wird, die Jüdische Volkspartei stark an der Spitze. Aber wenn man nur die vier Bezirke von N54 abzieht, so überwiegen in den verbleibenden Stimmbezirken (1, 44 — 48, 53 — 50) bereits die Liberalen. N54 allein gibt Anlaß zu einer ernsten Betrachtung. R54» das typische Ghetto, ist typisch auch für das osijüdische Votum. Hier stehen 3239 Stimmen der Volkspartei. 608 Konservativen. 392 Poale Zion. 240 Mittelpartei, nur 886 Liberale gegenüber, also knapp Ve der Gesamtzahl — offenbar ziemlich identisch mit der deutschsirdischen Mürderheit dort. Man ist berechtigt anzunehmen, daß die ostjüdischen Minderheiten anderwärts in gleicher Weise für die Volkspartei gestimmt haben, daß unter den 14 600 Stimmen der Liste Klee—Badt sich gut 10000 ostjüdische befinden werden, unter den 1700 der Liste der Poale Zion vielleicht 1500. Kann cs anders sein? Ich glaube nicht, solange die Agitation der Liberalen so ausschließlich wie bisher auf die deutschen Juden eingestellt ist. solange sie es nicht verstehen, die weder zahlenmäßig noch geistig unbedeutenden Teile des ostjüdischen Vevölkerungsteiles an sich heranzuziehen. die m unserem, im guten Sinne Assimilanten sind, wie vielfach unsere eigenen Vorfahren in Posen und Schlesien vor 150 Jahren. die. ohne sich gleich als Deutsche oder gar als Nationaldeutsche auszuspiclen, ohne ihr Judentum, den Glauben ihrer Väter verleugnen zu wollen, sich dem Kulturmilieu ihrer Umgegend, den religiösen und sozialen Auffassungen, wie sie einer deutschen jüdischen Gemeinde unserer Tage entsprechen, anzupassen bestrebt sind. Das ist meiner Auffassung nach die wichtigste Lehre, die das sonst so erfreuliche Wahlergebnis gibt. Aas den Gemeinden. Berlin. In der Repräsentanienversammlung der Jüdischen Gemeinde zn Berlin am 15. Februar herrschte auf der rechten Seile des Hauses von Anfang an eine erregte Stimmung, die wohl als Rachklang der Wahlen anzusehen war. Diese Erregung brach auch manchmal in den Reden der Herren recht lebhaft durch, so daß verhältnismäßig nur wenig Dinge erledigt worden sind. Subvention wurde der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der Akademie für dir Wissenschaft des Judentums und dem Breslauer Rabbiner-Seminar bewilligt und einige Persoualangele- . genheiten erledigt. Auch in der nicht öffentlichen Sitzung scheint es recht lebhaft hergegangen zu sein. Berlin. Freie Jüdische Volkshochschule. Fortsetzung des Rezitationszyklus „Drei Jahrtausende jüdische Dichtung", am Sonntag, den 22. Februar, vormittags 11 Ähr, im Logenhaus, Kleiststraße 10. Frau Edich Herrn st adt-Oettinger trägt Dichtungen Ms alter und neuer Zeit vor. Karten an der Kasse und im Sekretariat bei Goldmann, Bvrcksir. 88. Ein verpfuschtes Leben? Heileres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. Von Artur Schweriner, Berlin. % Fortsetzung.) Die nächste Stunde Unterhaltung mußte ich selbst bestreiten. Man habe mich eingeladen, betonte die Hausfrau, um von mir ein anschauliches Bild vom Leben und Treiben im Reichstag zu erhalten. Witzchen könne man sich erzählen, wenn ich nicht dabei fei. Die Leutchen waren der irrtümlichen Auffassung, daß Reichstagsjournalist dasselbe bedeute wie Parlamentsstenvgraph. Die Stenographen haben, belehrte ich sie, die Reden der Abgeordneten wortwörtlich aufzunehmen und lösen sich alle zehn Minuten ab, um das aufgenommene Diktat sofort zu übertragen. Die Reichstagsjournalisten sind p o l i t i s ch e Menschen. Ein r e ch t s st e h e nd e r Kollege stürme hinauf in den „Entenpfuhl", das Speisezimmer der Journalisten, sobald Stadthagen das Wort ergreife, und die Linksfakultät habe kein Interesse an der Rede eines Herrn Raab. Für mich fei es ein großer Vorzug, die Antisemiten an der Quelle studieren zu können. „Dann haben Sie wohl auch die provozierende Rede Raabs gegen die Zulassung jüdischer Clnlahriger zum Referveoffizierdienst mltangehört?" Hören Sie, was ich am 26. Februar 1911 in meinem Tagebuch niedergeschrieben habe: „Ich saß auf der Iournalistentribüne des Reichstages, als Her Raab, mit einem Aktenbündel bewaffnet. zur Redner tnbune schritt. Die Linke straft Herrn Raab und seine Freund gern mit Nichtachtung. Kein Wunder, daß Herr Raab nur etw zu drei Dutzeno Abgeordneten sprach, die vom Zentrum un den Parteien der Rechten gestellt waren. Im Vordergrun dieser kleinen Gemeinde bemerkte man vor allem den fanatisch sien Antisemiten des Reichstages, Herrn Landschaftsmale -S r n d e w a l d, dem Raab ein Freudenfest bereitet zu habe schien. Herr Bindewald war außer sich vor Entzücken, und nar jedem Satze der Raabschen Ausführungen hätte der stenr grafische Bericht eigentlich sagen müssen: „Stürmischer Beifa des Abgeordnelen BindvwaLd." Die Rechte, vor allem der Prk » ^des preußischen Abgeordnetenhauses. Herr vo Krocher, amüsierte sich köstlich. Die starken Heiterkeitsaubruche lockten allmählich viele Abgeordnete herbei, die tm al gemeinen etwas Besseres zu tun haben, als Raabsche Rede anzuhören. Man wollte sich auch amüsieren. Zur Ehre de Deutschen Reichstages sei es gejagt, die Linke vergnügte sic mcht. Die Empörung auf der Linken gab sich i einem Hagel von Zwischenrufen knnd, der übe Herrn Raab niederging, in höhnischem Gelächter, das orkar ^c,tr Raab von einer giftigen Rüfikamn« des Antisemitismus sprach. Dieselbe Stimmung oben auf der Iournalistentribüne. Bei treter der konservativen Prefle ergötzten sich mit jeder Beleid Wng gegen das Judentum mehr. Zn den Empörten, denen d a Blut zornig i n die Adern fchotz und sich mit all« Kraft zurückhalten mußten, um nicht Herrn Raab entgegenzuschreien: „Sie gemeingefährlicher Ehrabschneider!" gehörte ich nicht nur allein. Auch meine christlichen Kollegen von der liberalen Presie schlugen zornig auf den Tisch und waren empört, daß im Jahre 1911 eine solche Rede im Reichstag überhaupt möglich ist. Es ist noch etwas anderes, ob man eine Rede hör! oder liest. Ich kann nur sagen, daß ich krank zu Haufe ankam. Das war zu viel an Ehrenkränkung für mich, einen „typischen Vertreter" der Mchrheit unserer Maubensgenossen, d. h. für einen gutdeutschen Mann, der sein Vaterland, ln dem er geboren und erzogen ist, innig liebt, der aber auch fein Judentum liebt wie sein deutsches Vaterland. Das war zu viel an gemeinen ltnterfiellungen, daß aus .geschäftlichen Gründen" von uns die Forderung immer stürmischer gestellt wird, den, der bereit ist, sein Blut für das Vaterland zu opfern, feines Blutes wegen nicht zurückzustoßen. Die Verhöhnung der Staatsbürger jüdischen Glaubens, die stoiz darauf sind, Ritter des eisernen Kreuzes zu sein; die Bespöttelung „ergreifender und patriotischer Reden am Versöhnungstage", um ,chie Mär vom jüdischen Mut und jüdischer Tapferkeit^ zu beweisen; die Fülle von jüdischen Witzen, die den gemeinen Soldaten geradezu zum Ungehorsam gegen einen jüdischen Vorgesetzten aufstacheln müssen; die Lästerung der jüdischen Soldaten, di« durch unreife Elemente im Heer, welche die Raabsche Rede gelesen haben, schwer werden zu leiden haben, — das alles war zu viel, selbst für einen deutschen Juden mit Nerven ausStahl! Ein christlicher Kollege hat noch an demselben Sonnabend Abend mich ln meiner Ansicht unterstützt, die schamlose Rede Raabs hineinzuwerfen in die Masten meiner Glaubensgenossen, die politisch aleichgültig dahinleben und keinen Finger rühren und sie zum Protest aufzutordern, damit dem deutschen Reichstag fernerhin solche schamlosen Vechetzangen gegen das Judentum erspart blieben." , „Wäre es nicht bester, lieber Freund, Sie buchten solche Vorgange unter Konto Weiteres aus meinem Leben?" Wenn ich mich über allenBlödftnn ärgern so Ute. den Antisemiten verzapfen, hätte ich viel zu tun!" meinte Herr Rosenchal. And die anderen stimmten heiter zu. Jetzt riß mir der Geduldsfaden. Ich kanzelte die Cyanuckagemeinde ab wie Schulbuben und sie Hetzen es sich ruhig gefallen, da sie bald einsahen, we r Veranlassung zur Heiterkeit hatte. Griff in meine Aktentasche und las ihnen nur einen kleinen Teil drS Stenogramms der Raabschen Rede vom 25. Februar Ml vor. „Hören Sie, jüdische Freunde, -atz es Ihn«, in den Ohren gelle! Hören Sie. was Herr Raab .Weiteres für Ihr Leben" von der Tribüne des Reichstages gesprochen hat: (heute nach 14 Jahren besonders interessant. SchrifNeitun g.) „Wenn wir de« Juden die Offizierslaufbahn allgemeiner eröffnen, Msten wir uns auch klar werden, datz bald eine Menge Inden in unser Offizierkorps hineinströmen würde ... Meine Herren, ich kann mir nicht vorstellen, -atz bei diesem so wenig kriegerisch veranlagten Volke eine wirkliche Neigung zum Soldatenstande vorhanden ist, UNdie reelle Absicht besteht, auch im Ernstfälle die Konsequenzen ihrer Stellung auf sich zu nehmen. (Sehr richtig bei der Wirtschaftlichen Vereinigung.) So lange der Friede am Himmel steht und weiterhin gesichert erscheint, ist es ja verhältnismäßig gefahrlos, Offizier zu fein. Wie Vires aber werden, wenn es einmal böse ausfehen sollte? Vielleicht ist es bei unseren jüdischen Mitgliedern die orientalische Vorliebe für bunte Farben, die sie veranlaßt, sich nach der Offiziersuniform zu sehnen. Oder sollten einige darunter sein, die meinen, daß mit dem Offiziertitel auf der Visitenkarte, ja, mit dem Offizierstitel in der Anzeige in der Zeitung bessere Geschäfte zu machen seien? (Heiterkeit.) Wer weiß, was da den Leuten alles vorschwebl? Mer weiß, ob nicht einzelne sagen: wenn ich Leutnant der Reserve bin» dann kann ich von meinem zukünftigen Schwiegervater hunderttausend Mark Mitgift mehr herausholen, als sonst möglich sein (Heiterkeit.) Gegen den kriegerischen Sinn der Juden spricht auch, glaube ich, ihre Geschichte der beiden letzten Jahrtausende. (Sehr richtig! und Heiterkelt.) — Run ganz gewiß spricht ihre Geschichte dagegen. Sie sollen mir doch erst einmal sagen, wie es denn kommt, daß ein Volk 2000 Jahre existiert und erkennbar vorhanden ist, ohne ein einziges Mal einen ernsthaften Versuch unternommen zu haben, sich wieder mit den Waffen eine nationale Selbständigkeit zu erwerben. (Sehr richtig! bei der Wirtschaftlichen Vereinigung.) Die Geschichte zeigt: alle anderen Völker gehen entweder völlig unter in nutzlos aufreibenden Kämpfen oder sie erreichen ihr Ziel unwerden wieder ein selbständiges Volk. Für uns Deutsche würde sich gewiß die Geschichte so gestalten: wir würden so lange kämpfen, als -le Aussicht für uns bestände, wieder selbständig zu werden, wenn uns einmal das Schicksal -er Anterdrückung beschieden sein sollte, oder wir würden untergehen und verschwinden. Die Juden sind' in dieser Beziehung «"> (3lIrofc links., Wie aber in unseren Tagen Kleingefchichte gemacht wird, scheu wir an den fast scherzhaften Erzählungen der Verleihung der Eisernen Kreuze. Ich habe mich gewundert, daß Herr Kollege Gothein nicht wieder ans die jüdischen Ritter des Eisernen Kreuzes yingewiesen hat. Er mag wohl gemerkt haben, daß damit nicht immer viel zu machen ist. Wir wißen, daS jüdische Volk hat feine großen Talente und feine hervorragende Begabung. Die liegt aber sicher nicht auf militärischem unkriegerischem Gebiete. Wo sie liegt, das sehen wir an den Erfolgen, die sie im Erwerbslebam, in den studierten Berufen »sw. erzielen. Ich von meinem Standpunkt aus führe -tele sichtbaren Erfolge allerdings hauptsächlich darauf zurück, - atz das Judentum bis heute praktisch die