Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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,'MWWMWW^DffsWW s. Jahrgang Nummer s IMchliberaleZeitung 1. Beilage 20. Februar 192$ | g | Oie jüdische Gegenwart. g s Zum Heimgang der Frau Professor Steinthal. Als der Tod am 5. Februar d. 3. Frau Professor Jeanette Steinchal von ihrem langen Leiden erlöste, schloß er auch für immer die Pforten eines deutschen und jüdischen Gelehrtenheims. Was der Denker und Forscher, der „das anspruchsvolle Bewußtsein" hatte, ,daß er sich an die Menschheit wendet, für sie arbeitet", in dem Arbeitszimmer, von dessen Arbeitstisch den tretenden die Statuette Wilhelm von Humboldts begrüßte, geschaffen hat, ist in den Annalen der Wissenschaft aufbewahrt und wirkt im Geist und Gemüt der Leser fort. Weniger bekannt dürste der Geist sein, der in dem ganzen Heime waltete. Wie Steinlhals Forschen und Schassen von der Idee der Humanität getragen war, io atmete das Haus, dessen Seele feine Gattin war, edle Menschlichkeit. Sie die schon als Jungfrau zu dem Dr. Steinthal, dem Freund: ihres Bruders Moritz Lazarus, in Verehrung aufgeblickt halte, erwies sich ihm in der Ehe seelenverwandt. Das tiefe Weh, das ihnen der Verlust zweier hochbegabter kleiner Kinder bereitet hatte, trugen sie in demutsvoller Ergebung, wie sie in innigem Dankgefühl bis an das Lebensende die Herzenserquickung genossen, die ihnen in der vortrefflichen einzigen Tochter beschieden war. Dieses erzählten die Eltern, wenn sie drei vertraulich beisammen faßen, was die Heimgegangenen gesagt, getan und wie sie waren, und erzählten es so heiter, als wären sie nur abwesend und könnten jeden Augenblick eintreten. Mit ihrer verehrungsvollen Liebe half die Frau dem Manne das Schicksal tragen, das in seinem Lebensgange seiner Würdigkeit nicht entsprach und bewirkte sie, daß der Gleichmut des Weisen, wenn auch vorübergehend getrübt, doch ernstlich nie gestört wurde. Und so erschloß sich im Hause die kindlich reine Seele des Menschen, der Fernerstehenden leicht kalt und zurückweisend erscheinen konnte. Auch heiter, ja herzlich lachen konnte man ihn an den Dienstagabenden sehen, an denen einzelne Jünger und Mttsorscher an dem den beschränkten Verhältnissen entsprechenden, aber durch sinnreiche Gespräche gewürzten Abendbrot teilnahmen. Sehr wohltuend war hier auch der Gattin herzliche Freundlichkeit: Diese empfanden auch andere junge Männer, denen es vergönnt war, die Schwelle des Hauses zu betreten. Sie verstand es, Schüchternen die Zunge zu lösen, interessierte sich für die persönlichen Verhältnisse der jungen Leute, ihr wissenschaftliches Streben und stand ihnen mit ihrem klugen Rat zur Seite. So erwies sie sich gar manchem als mütterliche Freundin. Dank ihrer Geistes- und Herzensbildung konnte sich die zwischen dem Gatten und Mitforschern bestehende Freundschaft zu Freundschaften der Familie gestalten. Dief^rvußte sie durch kleine sinnige Gaben zu erfreuen, denen jeder gewissermaßen eine Rose beilag. So wird auch ihr Andenken in all denen fortleben, die ihr näher getreten sind. Ein Lehrgut -es Reichsbrmdes jüdischer Frontsoldaten. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten bau! das 170 Morgen große Gut Buckow bei Berlin zu einem Lehrgut aus, aus dem jüdische Knaben und Mädchen in mehrjährigem Lehrgang zu Landwirten und Gärtnern herangebildet werden. Auf dem Gute werden sämtliche für den Boden geeignete- Halm- und Hackfrüchte, ferner im Gartenbau sämtliche Gemüsoarten angebaut. Auch eine kleine Baumschule wird angelegt. Reben zahlreichen landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten sind 6 Pferde und diverses Rind- und Kleinvieh vorhanden. Im Winter tritt .zu der praktischen Ausbildung noch die theoretische. Somit ist die Garantie dafür geboten, daß diese, auf breite Basis gestellt, allen Ansprüchen gerecht wird. Die Leitung des Gutes hat ein aus der bekannten Ahlemer Anstalt hervorgegangener jüdischer Inspektor übernommen. Das Gutshaus wird renoviert, um alten Ansprüchen des Geschmacks und der Hygiene zu genügen. Die Auswahl der Schüler geschieht im Geiste der Neutralität, der den Frontbund bei allen seinen Anternehmungen leitet. Mit der Ausbildung von Landwirten und Gärtnern auf eigener Scholle hat der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eine alte, von ihm schon lange gehegte Idee, der stärkste positive Abwehrkraft innewohnt, verwirklicht. Er geht damit mit denjenigen Organisationen Hand in Hand, die in einer Umschichtung der Berufe den Weg zu einer Regeneration des Judentums sehen. Wie feine großzügig angelegte Sportpropaganda zu einem machtvollen Ausbau der Sportidee innerhalb des deutschen Judentums führen soll, so will auch hier der Aeichsbund tätig milwirken an der Zukunf! unseres Judentums. Für religiöse Gewissensfreiheit. Der jüdische Senator Polacco, Professor an der römischen Universität und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Rom, ergriff im italienischen Senat während der Diskussion über das Erziehungsbudget das Wort und schilderte die Zwangslage, hi der sich die religiösen Minderheiten in Italien hinsichtlich des Rettgionsunterrichles befinden. Es sei ein Anschlag gegen das religiöse Gewissen, sagte er, wenn man Kinder anderer Religionen zwingt, an dem katholischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen teilzunehmeii. Die bemittelten Juden können die sem Gewissenszwang ausweichen, indem sie ihre Kinder in Privatschulen schicken. Aber die Kinder des jüdischen Proletariats, die öffentliche Schulen besuchen müssen, werden gezwungen, dem katholischen Religionsunterricht beizuwohnen, wodurch sie ihren jüdischen Eltern entsremde-t werden. Es ist auch im staatsbürgerlichen Sinne ungerecht, Kiuder zu einer ihrem Elternhause fremden religiösen Erziehung zu zwingen; über die Erziehung der Kinder haben nur die Eltern zu bestimmen. Man muß auch vor dem Glaubensbekenntnis der religiösen Minderheiten Achtung haben, da aus diesen Minderheiten verdiente italienische Patrioien hervorgegangen sind. Um nur von den Juden zu sprechen, erinnere ich an Giuseppe Finzi, Jsacco Maurooordalo, Jsacco Arlom, Giacomo Dina, die Benetianer Giuseppe Revere, Leopoldo Franchotti, Sidney Sonnino, Luigi Luzalli. Senator Polacco erinnerte an die internationalen Verträge über die Minderlieiten und sagte, man zerstöre die Grundlagen des öffentlichen Rechtes, wenn man die Freiheitsprinzipien in der Schule nicht gelten läßt. Der Unterrichlsminister Fedele billigte die Ausführungen des Senators Polacco und nahm dessen Tagesordnung an. Jüdische Mitarbeit an der Zugendwohlfahrt. Von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wird uns mitgeteilt: Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden war in der vergangenen Woche zusammen mit den Vertretern der anderen Verbände der freien Jugendwohlfahrt vom Reichsministerium des Innern zu einer Aussprache eingeladen. Der Zweck der Anssprache war, Klarheit darüber zu schassen, ob nach den Erfahrungen der freien Verbände der Grundgedanke des Reichsjugendwohlfahrisgesetzes, nämlich das Zusammenwirken von privaten und öffentlichen Organen in furchtbringender Weise zur Geltung gekommen ist. Die freien Verbände der Jugendwohlfahrt, darunter auch die Zentralwohlfahrtsstelle, haben dem Ministerium ihre Wünsche zur Kenntnis gebracht. Es hat sich nämlich gezeigt, daß sowohl bei Landesjugendämtern als auch bei den Jugendämtern die Mitarbeit der freien Verbände noch nicht in einer befriedigenden Weise gesichert ist. Aus diesem Grunde werden die Jugendämter seitens des Ministeriums darauf hingewiesen werden, daß in Zukunft möglichst dem Sinne des Gesetzes entsprechend die freie Wohlfahrtspflege zu einer tatsächlichen Mitarbeit in der von ihr gewünschten Form herangezogen wird. Die Zentrale der freien Jugendwohlfahrt wurde mit der Ausgabe betraut, eine Prüfung des jetzigen Standes der Zusammenarbeit von dem Gesichtspunkte der freien Wohlfahrtspflege aus vorzunehmen. Die jüdischen Wohlfahrtsämter bzw. die Vereinigung der Jugendwohlfahrt seien nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Mitarbeit bei dem für sie zuständigen Jugendamt von größter Bedeutung für die zukünftige Gestaltung der jüdischen Jugendwohlfahrt ist. " Ein Fachausschuß für Jugendwohlfahrt ist als Beirat zur Zentralwohlfahrt gebildet worden. Das Jubiläum -es Malers Zsaac Israels. In aller Stille beging dieser Tage der Maler Jsaac Israels, der Sohn des verstorbenen großen Malers Jozef Israels, seinen 00. Geburtstag. Jsaac Israels genießt in Kunstkennerkreisen einen guten Ruf: seine Werke wurden von vielen Museen angekauft. NWWWWWWWWWWWWWWWM^MWWMVWWWWWWMWMWWMM Es gibt noch Richter. Vor dem Schöffengericht Derlin-Schöneberg wurde am 12. Februar der Prozeß gegen den Rittergutsbesitzer Frey und den Kaufmann Gröniger, die den sozialdemokratischen Reichst: ischaeor> neten Dr. Kurt Rosenseld in einem Abteil deS O-Zuges Berlins Stuttgart beleidigt hatten, durchgeführt. Der Falt hatte das Go, richt schon mehrfach beschäftigt, der Prozeß konnte aber nicht * Ende geführt werden, da der angeklagte Frey stets ausgedl-iebeiz war. Zuletzt hatte das Gericht gegen ihn Haftbefehl erlassen. Inzwischen wurde Frey wegen Betruoes verhaftet und nunmehr als Antersuchungsgefangener vorgeführt. Der nun zur Erledigung gekommene Vorfall, der seinerzeit in politischen Kreisen erhebliches Aufsehen erregt hatte, hat sich nach der Schilderung des Abg. Kurt Rosenfeld, der sich als Nebenkläger dom Verfahren angeschlossen hat, wie folgt abgespielt: Als Dr. Rosenfcld am 5. April 1924 auf dem Anhaller Bahnhof den O-Zug nach Stuttgart bestieg und in einem Coup,; erster Klasse Platz nehmen wollte, äußerte der Angeklagte Frey zu Gröniger: „Sind die Reichstagsabgeordneten auch immun gegen Backpfeifen?" Später sagte er: „Mein Freund Helfserich äußerte: die Schweine werden wir schon alle erledigen. Schacht ist auch so ein Jude. Diese Schweinehunde müßte man nicht erschießen oder aufhängen, sondern gleich vierteilen." Das Gericht verurteilte Frey zu zwei Monaten Gefängnis, Gröniger zu 1000 Mark Geldstrafe. In der Urteilsbegründung heißt es, die Angeklagten wollten einen Exzeß herbeiführcn, der auf antisemitische Gesinnung und kapitalistische Aeberhebung zurückzusüyren ist. Nach den Landesverbandswahsen Oie „religiöse Mittelpartei für Frieden und Einheit -er Gemeinde". Von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). Im Talmud (Traktat Berachoth 58 b) lesen wir: „Wer einen lieben Freund nach Verlauf eines Jahres wiedersteht, soll ihn mit den Worten begrüßen: ,Loruch mecbLjeb Hs-Messim, gelobt sei Gott, der die Toten zum Ldben erwemt." Mit dielen Worten mühte der jüdisch-religiöse Liberalismus seine liebe, gute Freundin, die „religiöse Mittelpartei" begrüßen, die ihm nach mehr als 15 Jahren zum ersten Male wiederzusehen vergönnt ist. Im Sommer 1908 hatte die Gründungsversammlüng der „Vereinigung für das liberale Judentum" stattgefunden. Da trat ein Jahr später eine neue Vereinigung ins Leben. Eie nannte sich „Freie jüdifcheVereinigung"; andere nannten sie die „Mischmasch- Partei", auch die „Eine-rseits-anderseits-Partei". Ihr Programm veröffentlichte sie u. a. im jüdischen Volksblatt" (Breslau) Nr. 41 vom 11. Oktober 1909. Nicht weniger als 64 Rabbiner und Dozenten halten das Programm unterzeichnet. Das Programm aber war ein Muster an Unklarheit und Verschwommenheit. Welche Unklarheit in den Köpfen mancher Unterzeichner geherrscht haben muß, erhellt schon aus der einen Tatsache, daß drei von ihnen drei Jahre später ihre Unterschrift zu den Richtlinien zu einem Programm für das religiös-liberale Judentum gaben, von denen dann wiederum einer seine Unterschrift hinterher zurückzog. In dem Leitartikel, der „Allgemeinen Zeitung de§ .Judentums" vom 24.. Dezember 1909 habe ich --damals das Programm 'der Mittelpartei beleuchtet unter der Uebe-rschrisi: „Die freie jüdische Vereinigung, der neueste konservativ-liberale Block, und habe die heillose Verworrenyeit, die aus den Sätzen des Programms spricht, aufgezeigt. Da wird zunächst die orthodoxe Richtung mit dem Satz abgetan: „Auf der einen Sette haben sich Vertreter der strengsten Observanz verbunden, welche die Anwendbarkeit des Gesetzes der geschichtlichen Entwicklung auf das Judentum grundsätzlich in Abrede stellen und darum alle Zugeständnisse an die moderne Zeit abweisen." Nachdem so das mittelpartettiche Programm mit ausdrücklichen Worten anerkannt, ist, daß das Gesetz der Entwicklung vor den Toren des Judentums nicht Halt machen kann, fährt es unmittelbar darauf fort: „Auf der andern Seile hat sich unter dem Schlagworl des Liberalismus ein Verband gebildet, dessen Programm die Verbindlichkeit der Bibel und der Tradition nur insoweit anerkennen will, als diese Quellenschriften mit dem Leben in Einklang stehen." Hier wird also dem Liberalismus ein Strick daraus gedreht, daß er das Entwicklungsgesetz anerkennt und demzufolge Zugeständnisse an das Leben der Gegenwart fordert. Dieser Mangel an Logik, diese Verschwommenheit, dieses „Hinken nach beiden Seiten" zieht sich durch das ganze Programm. Die Mittelparkei will „die Einheit in den Gemeinden erhalten und nicht den Zwiespalt in ihnen noch erweitern". Sie will mithin die Einheit erhalten, deren Vorhandensein sie in demselben Atemzuge leugnet. Weiter: „Wir wollen die Autorität der Quellenschriften unserer Religion nicht erschüttern . . . Bei aller Treue gegen die Heiligtümer unserer Väter dürfen und wollen .wir uns jedoch auch den Ansprüchen der Zeit nicht verschließen, soweit diese demWcsen unseresBekenntnisses nickt widersprechen." Die Autorität der religionsgesehlichen Schriften soll also nicht erschüttert werden und doch, wenn die Zeitumstände es erfordern, wohl erschüttert werden. Und darüber, was unter dem „Wesen" des Judentums zu verstehen ist, schweigt sich das Programm wohlweislich aus. Gegen Schluß des Programms heißt es dann: „Wir wollen dafür sorgen, daß unsere Kinder als moderne Menschen erzogen werden, daß ihnen aber auch das Erde unserer Väter unangetastet übergeben werbe." In dem ersten Teil des Satzes huldigen die Mittelparteiler der liberalen, im zweiten Teil der konservativen Auffassung. Sie sollen uns doch einmal zeigen, wie sie es fertig bringen, die Kinder zu modernen Menschen zu erziehen, ohne auf Schritt und Tritt gegen die Bestimmungen des Talmud und des Schulchan aruch zu verstoßen und so,/das Erbe unserer Väter" anzutasten'). Anderthalb Jahrzehnte hat die Mittelpartei den Schlaf des Gerechten geschlafen. Jetzt ist sie zu neuem Leben erwacht; die Mahlen zum Landesverband der jüdischen Gemeinden in Preußen haben sie auf den Plan gerufen. Zwar heißt es in ihrem Wahlaufruf: „Wir sind keine Partei des Kampfes"; das hat sie jedoch nicht gehindert, auf dem Kampfplatz zu erscheinen. Was die Mittelpartei nun aber tatsächlich will, das erfahren wir aus ihrem Wahlaufruf kaum deutlicher als aus ihrem Programm von 1909. „Die jüdische Gemeinde soll im Geist unserer Väter gestaltet sein." Das sagt gar nichts, weil es zuviel sagt, well es die Forderung aller Parteien ist. Und wenn der Aufruf weiter fordert: „Jeder Gewissenszwang sei in ihr verpönt. .Niemand darf sich in seiner religiösen Aeberzeugung beengt fühlen. Voller Begeisterung treten wir für die Lebenserneuerung des Judentums ein. Sie muß sich von innen heraus, den wirklichen Bedürfnissen entsprechend, entwickeln", so sind dies alles ausdrückliche Forderungen des jüdischen Liberalismus. Dann sagt der Aufruf weiter: „Radikale Reformen nach unjüdischen Mustern führen zur Zersetzung unserer jüdischen Religion, zur Zerstörung unterer religiösen und geschichtlichen Eigenart." Was aber sind „radikale Reformen ’) Siche auch Norden: Grundlagen und Ziele tei rellglSö-lib. Judrnli'.mi, SIS f. I nach unjüdischen Mustern?" Vor hundert Jahren galten als solche u. a. die Predigt in der Landessprache und der Chorgesang; I heute freilich will selbst der orthodoxeste Gottesdienst sie um keinen Preis missen, so daß die Mittelpartei sich da auf die Haltung der Orthodoxie berufen darf. Wie aber steht es mit gottesdienfüichen Einrichtungen, die von der Orthodoxie noch heute als radikale Reformen nach unjüdischen Mustern gewertet und als solche mit aller Enffchiedenheit abgelehnt werben? Wie steht es mit der Orgel, mit der Einsegnung der Mädchen, mit weiblichen Stimmen imSynagogenchor? Ueber diese „radika 1 en Reformen nach unjadischenMustern"seht sich die Mittelpartei mit aller Gemütsruhe hinweg, da läßt sie alle Bedenken fallen, da werden die Quellenschriften und die Schriften späterer Autoritäten gleichmütig beiseite geschoben, da wird demGesetz der Entwicklung, auf das der Liberalismus sich beruft, Rechnung getragen. Wo bleibt da die Folgerichtigkeit? Was will die Mittelpartei denn eigentlich, wenn sie wischen der Orthodoxie und dem Liberalismus altlos hin und her pendelt? Weiß sie vielleicht selbst nicht, was sie will? O, ja, sie weiß es wohl; doch saat sie es nur in verschleierter Form. Sie nennt sich nämlich die Partei des Friedens. Wenn wir diese Worte bei Lichte besehen, so heißt das: „Die Orthodoxie und der-Liberalismus stören den Frieden iJCfr?n Gestte.inden» ÖjU»*t bedaif es der Mi 11«!- Partei,umd en Frieden zu wahren und zu schützen". Das aber ist entweder eine böswillige Verleumdung, die wir Liberalen — und sicher auch die Orthodoxen—-mit aller Entschiedenheit zurückween, oder zum mindesten eine unglaubliche Verkennung dessen, was die Parteien erstreben. Daß alle Parteien die Auswüchse verurteilen,, die jüngst während der Wochen der Wahlagitation in Wort und Schrift zutage getreten sind, braucht doch wohl nicht versichert zu werden. Daß aber die Parteien als solche, ihr Wirken und Arbeiten in den Gemeinden, eine Störung des Friedens bedeuten, wem glauben die Mittelparteiler das einreden zu können? Wissen sie denn nicht oder wollen sie es nicht wissen, daß das weile Gebiet des talmudischen Schrifttums angefüllt ist mit religiösen Streitfragen von großer und geringerer Bedeutung? Msten sie nichts oder wollen sie nichts wissen von den religiösen Parteien im Altertum und im Mittelalter? Wissen sie nichts oder wollen sie nichts wissen von den Kämpfen, die sich einst um die Person und die Schriften des Maimonides drehten? Wissen sie nichts oder wollen sie nichts wissen von den bewegten Kämpfen des vorigen Jahrhunderts in den jüdischen Gemeinden Deutschlands? Möchten sie alle diese religiösen Kämpfe (von den Auswüchsen, von denen sie nicht selten begleitet waren, natürlich abgesehen) aus der Geschichte des Judentums gestrichen wissen, diese Kämpfe, welcheZeugnis oblegen von der lebendigen Kraft, die unserm Judentum innewohnt? Möchten sie gestrichen wissen, was unser größter Ruhm bedeutet, daß wir Juden nie aufehört haben, mit leidenschaftlicher Hingabe zu ämpfen und zu ringen um das Ewige, das Göttliche?. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß es ein großer Fehler wäre, wollten wir das Unheil gering achten, das die Mittelpartei cmrichten kann, wenn es ihr gelingen sollte, mittels der schön klingenden Worte von Frieden und Einheit ahnungslose Gemüter zu verwirren. Alle Parteien, die Orthodoxen, die Liberalen, die Zionisten, sehen es als eine ihrer Hauptaufgaben an, gegen die trostlose Gleichgültigkeit anzukämpfen, die leider in unsern jüdischen Reihen weit verbreitet ist.. Dann m ü s s e n s i e aber vor allem dieser „F r i rd en spa r t ei" schärfsten Kamps an sagen, weil sie mit ihrem Einer seits-anderseits-Programm, mit ihrem „Wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß", mit ihrem „Ruhe ist die erste Bürgerpslicht", mit ihrem „Got!es Wasser über Gottes Land fliehen lassen", die religiöse Gleichgültigkeit geradezu züchtet. Es ist mir unbegreiflich, wie ein Mann wie Herr Professor Wolde im Hamburger israelitischen Familienblatt" vom 5. Februar, von der Mittelpartei sagen kann, daß sie „ihr Schicksal geringer Bedeutung int Gemeindet eben mit der Einflußlostgkeit des Pazifismus in Deutschland teilt", wie er sich eines Vergleiches bedienen kann, der dock so nach allen Regeln der Kunst hinkt. Wie kann man den Pazifismus und die Mittelpartei in einem Atem nennen, den PazlsiSnms^der dem bestialischen Völkermorden ein Ziel setzen und die Menschheit der mestianischen Zeit der Völkerverbrüderung näher bringen will, und die Mittelpartei, die darauf ausgeht, den geistigen Strömungen und Strebungen innerhalb des Judentums durch Verwüsterung und Verwischung der Gegensätze Einhalt zu gebieten und das Judentum mit Ruhe Und FriÄen zu beglücken, mit der Ruhe der Gleichgültigkeit, mit dem Frieden des Kirchhofs! Vielleicht hätte der Aufruf der Mittelpartei überhaupt keine« ResonnanAoden gefunden, wenn im Wahlkampf nicht hüben und drüben manch unliebsame Dorgäuge sich abgespielt Kütten, wenn die sachlichen Gegensätze nicht zuweilen in persönliche Gehässigkeiten ausgeartei wären. Dadurch hatte der mittelparteiliche Sirenengesang, der Frieden und Einheit kündete, für diesen und