Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613795--1199-2618536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5. Jahrgang Nummer«? 2. Beilage 13. Kebruar 1925 IMchÄMckZeilma Der jüdische Sprechsaal. Zionismus und deutsches Staalsbürgertum. Don Oberregierungsrat Hans Goslar. Dor einiger Zelt fand an dieser Stelle eine Diskussion statt über die Frage, ob Zionisten deutsche Staatsbeamte fein könnten. Hierzu sendet uns Herr Oberregierurmsrat Hans Goslar, der -er misrachistifchen Bewegung angchört, die nachstehenden Ausführungen, die wir gern zur Erörtemng stellen. Herr Oberreglerungsrat Goslar ist der Pressechef der preußischen Regierung. Die Redaktion. Das schon vor Monaten bei mir eingelaufene freundliche Ersuchen der Redakkou dieses Blattes um eine Stellungnahme zu der auch in feinen Spalten sich abspielenden Diskussion Wer die Stellung der deutschen Zionisten innerhalb des deutschen Volkes füll endlich einmal feine Erledigung finden. Ruhig und fachlich, vor allem aber wahrheitsgemäß und im Gefühl der Verantwortlichkeit soll das Thema erörtert werden. Zwei Dinge find es, die immer wieder anscheinend in nichtzionistischen Kreisen der deutschen Juden die Vorstellung erwecken, als ob eine Diskrepanz zwilchen zionistischem Judentum und der staatsbürgerlichen Zugehörigkeit mm deutschen Volke in einer Art vorhanden sei, die zum mindesten theoretisch zu Kollisionen zwischen zwei Pflichten- und Interessenkreisen führen könne. Einmal das Bekenntnis der Zionisten zu einem jüdischen Volkstum. Zum anderen die Mitarbeit an dem Aufbau der ersehnten jüdischen Heimstätte in Palästina. Zwei Seelen, -lfo anscheinend eine deutsche und eine jüdische, in einer Brust, ein Hinaustendieren sowohl aus dem Rahmen des deutschen Volkes wie des deutschen Landes! Ist das ganz richtig oder auch nur mm Teil, und stellt sich damit der Zionismus und der deutsche Zionist in Gegensatz^-zum Lande seiner Geburt? Jüdisches Volkstum: Aus Rassethevrlen und anderes mehr kann in diesem knappen Artikel wicht eingegangen werden. Selbst der erbittertste Gegner eines jüdischen Volkstums wird aber vernünftiger- und gerechterweise zugeben müssen, daß mit mindestens so viel Recht wie von den Deutschen wahrscheinlich aber biologisch betrachtet mit größerem Rechtsanspruch die Juden noch heute als ein Volk angesehen werden ichnnen. Ein Volk, ein Stamm, eine Bluts- und Schicksalsgemelnschaft wenn man will, eine Gemeinschaft also, die zwar seit 2000 Jahren kein Territorium besitzt, die aber durch die zwei ungeheuer starken und großen Gemeinsamkeiten, der Thora und des Blutes, zusammengehnlten wird, zu denen noch gemeinsames und geschichtliches Erleben und vielfach, gemeinsames Zukuwftshoffen hinzukommt. In Aegypten wurden Jakobs Söhne — ohne eigenes Territorium, wenn auch räumlich zusammensthend — „zum Volke"; endgültig zusammengeschwsrßt und für alle Zeiten durch die Verleihung des überzeitlich gedachten ewigen Gesetzes, als religiös-nationale Gemeiwsch-aft geboren am Sinai. Seitdem ist — über jüdischisraelitifche Staatenkämpfe, über babylonisches Exil, über Tempelzmtörungen und Austreibungen in alle Welt hinaus wie über die mchr als 1800 Jahre des Exils hinweg Zusammengehörigkeitsgefühl und -Bestimmung der Mischen Menschengemeinschaft (nennt sie: Bock, Ration oder wie ihr sonst wollt, es ist unerheblich. Die Tatsache der Gemeinschaft besieht auf alle Fälle) geblieben,- Richtig ist also historisch-objektiv diese Gemeinschaftsanerkennung, falsa» nur der subjektive und willkürliche Schluß aus dieser Tatsache, daß nämlich hier ein dem deutschen analoges BolkStum konstruiert werde und — da wir doch zum deutschen Volke gehörten — nun plötzlich Volk gegen Volk, Interesse gegen Interesse stände, daher unser Deutschtum durch den jüdischen Volksgedanken bedroht, ln weiterer Konsequenz unsere staatsbür ge rlicheStellunggefährdet sei. Das ist falsch. Denn: entscheidend und maßgebend ist die Tatsache, daß für uns, wie ffir jeden historisch denkenden positiven Juden das jüdische Volk kein Volk ist wie die anderen Völker, seine Existenz daher und auch sein Heimots- oder wenn man durchaus so will, Staatsgedanke nichts ist, was sich mit den nationalen und Staatsinterejsen der Völker stoßen kann, in deren Mitte Juden leben. Der Wille und das Interesse der übrigen Völker ist eingestellt auf Macht und machtpolitische Fragen. Heer, Flotte, Kulturpolitik, Handels- und Interessensphärenverlräge sind die Hilfsmittel zur Erreichung ihrer nationalen Ziel«. Konflikte entspinnen sich um Häfen, Erzlager, Kohlengebiete, koloniale oder europäische Produklionszentren und Absatzmärkte, strittige Sprachzonen, miliiärisch-politische oder weltwirtschaftliche Hegrmoniefragen u. a. m. All diese Dinge interessieren die jüdische Gemeinschaft überhaupt nicht. S i e ist — ganz'im Ginne des Satzes des Propheten Sechariah „Richt durch Macht und nicht durch Kraft, sondern mit meinem Geist" ... — ein Volk anders als die anderen Rationen. Jüdisches Endziel ist nicht, wie antisemitische Kindsköpfe und Geschäftslügner es behaupten, die Weltherrschaft und die Knechtung der Rationen, sondern die Entwicklung des eigenen Volkes und auch der anderen zum höchsten Menschentum und das immer Näherkommen zu Gott durch das Leben der Thora. D a s ist das Letzte (man las es gerade am vergangenen Sabbat in unseren Synagogen): „Und meine Wohnung wird bei ihnen sein, und ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein" (Iecheskel). Thora and jüdisches Volk gehören unlöslich zusammen. Das Volk ohne Thora verliert feine Existenzberechtigung, seinen Boden unter den Füßen. seine Kraft und sein Lebenswerk. Und die Thora ohne ein jüdisches Volk, das sie nicht nur lehrt und lernt, sondern auch zu leben versucht, schwebt fit der Luft, erfüllt wicht den Zweck ihrer Sendung. Voll und ganz g e l e b 1 und wie eine Fahne vor der ganzen Menschheit aufaerichtet werden kann aber die Thora nur in Erez Israel, in Palästina, nur dort, wo Juden ganz nach ihrem Gesetz, ihrem Herzen, ihrer Eigenart leben können. Die Wiedervereinigung von Volk und Land oder wenigstens (weil dir Rückführung des ganzes Volkes nur ein Akt der göttlichen Geulah sein kann) eines Teiles des Volkes n'.ü dem Lande zurWiederbelebungüesVolkesdurch dieThoraundderThoradurchoasVolkmuß daher bas Streben jeder jüdischen Generation sein. Mit diesem Ziel, das in nichts dem deutschen Interesse widerstreben kann, weil es unpolitisch, ja unmateriell ist, well es keine auch nur tertiäre Frage des Deutschtums tangiert, ist zugleich schon das Programm des Misrachi, der für meinen Begriff konsequentesten Richtung im Zionismus umschrieben. (..Der Misrachi ist eine Gruppe von Zionisten, die den Ausbau Palästinas im Sinne der überlieferten jüdischen Gesetze erstrebt.") Run wird man mir entgegnen: Das Misrachi-Programm ist nicht das des gesamten Zionismus und dieser ist areligiös. Er nennt sich eine politische Bewegung und setzt sich p o I i t i s ch e Ziele. Run: man verwechsle nicht Zionismus und zionistische Organisation! Der Zionismus als Grundidee im Mischkn Volke, die seit dem ersten Exil, von Serubabel, Esra und Rehemia an Immer wieder über aste pseudo-messlanischen Bewegungen hinweg ihren Ausdruck gefunden hat, der Zionismus, olejer leidenschaftliche, tief in.der Volksseele dor Juden verwurzelte AMe zur Wieoeranknüpfung an das Beste ihrer Geschichte, zur -AückKHr z« ßch, zu Gott, zu dem Lande, das all dieses Streben gewissermaßen verkörpert, die jüdische Idee der Aenaistance und des Wiederaufbaues Un Sinne d«S HöheremporwachsenS immer einer Generation über die vorangegangenen bis zur letzten Leitersproffe der mefstanischen Zeit — dieser Zionismus kann nicht areligiös sein. In ihm sind Irdisches und Göttliches untrennbar verbunden, er ist etwas Synthetisches, Ganzes. Aber die zionistische Organisation, die nur eine Etappe in der Entwicklung des Zionismus darstellt, kann (ob ste es soll und vor allem dauernd sein soll, ist eine ander« Frage) ln einer Zelt, wo die Anprüche und das Lebensinteresse der jüdischen Masten mit politichen Mitteln verfochten und verteidigt werden müssen, die Ercheinungsform der politischen Organisation wählen. Einmal, um unter bewußtem Verzicht auf Stellungnahme zur Frage, ob religiös, liberal oder konservativ endlich einmal alle Juden auf eine Plattform zu bringen, um alle Kräfte für die friedliche Gewinnung und Kolonisation des Heimstättenlandes für die verzweifelnden Masten einzusehen., And zum anderen, weil die Rot des jüdischen V o 1 k e s, der jMschen Menschen in der Gegenwart so groß ist, daß es vor allem gilt, sie erst einmal am Leben zu erhalten, sie vor Progrom, Mord, Mastensterben und Mastenverelendung zu schützen, che man daran geht, diese Masten nun auch religiös, kulturell und moralisch wieder aufzubauen. Es ist etwas Richtiges an dem, was G r o - n emann einmal'einem Rabbiner sagte, der die Areltgiosität des Zionismus beklagte: „Wir wollen erst den Juden Brotschaffen, ihre Aufgabe ist es dann, dafür zu sorgen, daß sie „Mauze machen". Die zionistische Organisation als überparteilich gemeinte Zusammenfassung des jüdischen Lebenswillens kann daher areligiös (niemals natürlich antireligiös) sein. Aber auch als politische Organisation Mt kolonisatorischen und kulturpolitischen — niemals aber rnachtpolitischen, wirtschaftsimperialistischen und ähnlichen Plctken ist sie nichts, und erstrebt sie nichts, was dem Intereste Deutschlands zuwiderläust und was einen vaterländisch empfindenden deutschen Juden hindern könnte, Zionist zu sein. Daß im übrigen für viele von uns und auch für mich die zionistische Organisation von heute noch kein Idealgebilde ist, daraus habe ich nie ein Hehl gemacht. Sie wird auf die Dauer an den tiefsten Fragen der jüdischen Seele, an dem „Relickösen" nicht mit vorsichtiger Reserve Vorbeigehen können, wenn sie die wirkliche Volksbewegung sein will. Sie muß positiv zu ihnen Stellung nehmen. Das wird in dem Maße erfolgen können, als ihre eigenen Menschen, die oft aus ganz assimilierten Kreisen stammen und erst durch das Erlebnis des Zionismus überhaupt von der Tatsache ihres Iude-seins erfahren haben, nun auch konsequent weiter fortschreiten und immer jüdischer werden. Schon heute und gestern lag nnd liegt das ungeheure Verdienst des Zionismus darin, daß er Zehntausende, sonst dem Abfall sicher, beim Judentum gehalten hat und ste und all ihre biologischen Erbgüter und ihre Kinder für uns gerettet hat. Diese physische Erhaltung für die Juden heit ist aber die Vorbedingung für die psychische Wiedereingliederung in das Judentum, die früher oder später kommen wird. Und der Aufbau Palästinas? Und das englische Mandat? Wir bauen nicht für England und nicht für irgendeine Macht. Daß heute Englaird und nicht, wie vor Jahren die Türkei, der Verbündete Deutschlands, die Oberherrschaft inne hat, ist eine weltstistorische Tatsache, die nicht wir ru verantworten hüben und die nicht im mindesten etwas an dem klaren PrograMN und Willen der Juden ln Palästina ändern kann, dort eine hebräisch -jüdische Kultur und ein jüdisches Leben zu schassen.' Der Zionismus ist keiner politischen Macht dienstbar und darf und kann es niemals sein, ohne seinen Charakter als jüdische Bewegung zu verlieren. Deshalb ist die Tatsache, daß Palästina augenblicklich englisches Mandatland ist, für die Einstellung der deutschen Zionisten in Deutschland bedeutungslos. Und auf die Bemerkung, daß aber doch — gewollt oder ungewollt — die Arbeit in Palästina dem eiHllschen Imperium zugute kommt, möchte ich sagen: Die englische Weltmacht ist nicht Ewiges, wer weiß, viÄleicht bröckelt schon in zehn Jahren Kanada oder Australien aus ihr heraus, sprengt eine gewaltige indische Explosion das Ganze in die Luft. Palästina aber als Ideal und Hoffnung des jüdischen Volkes bleibt ewig und ist — unter den großen und weiten Perspektiven, in denen wir Juden in unserer dreioinhalvtausendjährlgen Geschichte zu denken gelernt haben — unabhängig von den letzten Endes ach so kleinen und wechselnden „weltpolitischen Konstellationen". Was soll aber all das theoretische Reden? Entscheidend sind die T a t s a ch e n. Vor mir liegt die „I ü d l s ch e Rundscha u", das Zentralorgan der deutschen Zionisten, vom 7. August 1914. Ich lese da zuerst den Aufruf der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, in dem es heißt: „3n dieser Stunde gilt es für uns, aufs neue zu zeigen, daß wir stammesstolzen Juden zu den besten Söhnen des Vaterlandes gehören. Der Adel unserer vieltausendjährigen Geschichte verpflichtet. Wir erwarten, daß unsere Jugend freudigen Herzens f r e i - willig zu den Fahnen M. Deutsche Juden! Wir rufen euch auf, im Sinne des alten jüdischen Pflichtgebotes mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen euch dem Dienste des Vaterlandes hinzugeben." Sodann der Leitartikel Heinrich L o e w e s: . . Wir Juden, wir Zionisten, die wir in den Zeiten des Friedens uns scheuten, mit Patriotismus zu prunken, die wir allek Nachdruck auf unser Judentum legten, das der Betonung mehr bedurfte als unsere selbstverständliche Treue zum deutschen Vaterlande, wir werden heute als deutsche Bürger freudig alle Forderungen an Hab und Gut, an Leben und Blut erfüllen. Es bedarf sicherlich nicht erst unseres Aufrufes an unsere jungen Gesinnungsfreunde, in die Reihen der Kämpfer zu treten. Alle unsere jungen Hasmonäer und V.I.St.er, alle Bär-Kochbaner und Makkabäer stehen bereits in den Reihen der Kriegsfreiwilligen . . und ferner enHustostiisch-patriotische Aufrufe der jüdisch-nationalen Frauen, der zionistischen Studenten usw. Im offiziellen Blatt der ö st e r r e i ch i s ch e n Zionisten heißt es: „. . . Die herzliche Freude der Erkenntnis können wir Zionisten nicht unterdrücken, daß wir jetzt — im Momente der Erprobung — unsere Reichstreue ungeschwächt bekunden können. Mcm hat uns von jÄischer Seite bisweilen vorgeworfen. der Zionismus sei mit diesem Patriotismus unvereinbar; der Patriotismus von Männern, die wollen, daß ste seihst oder ihre Kinder den Staub des Vaterlandes von den Füßen schütteln, um ihn gegen den Zions zu vertauschen, das sei ein Patriotismus zweiter Güte. Run denn, wir wollen unseren Kindern den brennenden Schmerz ersparen, nicht als vollwertige Staatsbürger geschäht zu werdend, wir sehnen uns nach einem Vaterlande, in welchem die Wellen der valriotischen und nationalen Begeisterung nicht nur ineinander spielen, sondern in gleichem Rhythmus, sich gegenseittg verstärken-, emporschlagen. ^>ch unser Patriotismus „zweiter Güte^ ist echt, tief und klar, weil niemand das Gefühl für das hohe Ideal des Staates, weil niemand das Gefühl der Treue, der Pflichterfüllung und des rückhaltlosen Opfermutes so innig empfindet als der dafür durch sein Sinnen und Trachten geschulte Zionist." And ich frage angesichts dieser Tatsachen und der großen Blutopfer, die die zionistische Jugend Deutschlands gebracht hat — zum größten Teil freiwillig — ununter denen ich mit Wehmut mancher gedenke, die zu den Allerbesten und Reinsten unserer Generation gehörten: Soll eine Treue, die in schwerster Zeit sich so bewährt hat, irgendwie brüchig, soll ein Patriotismus, der sich so manifestiert hat. minderwertig sein, nur weil der Zionist auch als selbstverständlich sein Judentum in der religiös-nationalen Ganzheit betont, weil er das 100prozentige Deutschtum eines Raumann als verständnislose theoretische Künstlerei^ines in das jüdische Problem niemals Eingedrungenen belächelt? Lasset uns darum, jeder zu seinem Teil, an unserem Judentum bauen und den Andersdenkenden achten, aber entsagen wir den im tiefsten unjüdischen Methoden, den Andersdenkenden als Mensch und StaatÄUrger herabzusetzen und zu verdächtigen. Es wäre mir eine Freude, wenn die Aussprache über diesen Artikel in einem solchen Geist erfolgen würde. Um den Berliner Religionsschulinspektor. i. In Rr. 5 der .^üüisck-Liberalen Zeitung" hat Isidor Borchardt unter der Ueberschrift „Ein Märchen — aber doch kein Märchen" die Schwierigkeiten geschildert, die die Berliner Rabbiner der Ordnung und Gesundung des jüdischen Religionsschumnterrichts Es klingt in der Tat märchenhaft, was hier geschildert wird, und ich muß mich fragen, wie es möglich ist, daß so wichtige Dinge in unserer Gemeindeverwaltung Vorgehen — nach dem Artikel seit 25 Jahren vor sich gehen —, ohne daß die jüdische' Öffentlichkeit davon Notiz nimmt! — Jubiläen, silberne Hochzeiten und ähnliche Feste interessieren doch nur einen sehr Kleinen Kreis von Lesern und werden doch in größerer oder wieder großer Breite der jüdischen Oeftentlichkeit unterbreitet, und Vorgänge, die in das Religionsschulwesen der halben Iudenheit Deutschlands tief einschneiden, werden unter Ausschluß der Oeffentiichkeit verhandelt! — Wen trifft die Schuld hierfür? — Was den Inhalt des Artikels betrifft, so klingt er so unglaublich, daß ich vorläufig annehmen möchte, es handle sich wirklich nur um ein Märchen. Ich glaube. daß der Artikel bei seinem Kleindruck am Ende der Wahlnummer in der Oeftentlichkeit nicht die genügende Aufmerksamkeit gefunden hat und erkläre es mir nur so, daß unsere Rabbiner noch nicht das Wort zur Richtigstellung gefunden haben. Vielleicht schickt die verehrliche Redaktion jedem der Herren die Rümmer zu, und ich muß doch glauben, daß dann eine Richtigstellung der Mitteilung erfolgt, nach der unfern Rabbinern, die in erster Linie zu Hütern unserer Religion berufen sind, nichts geringeres vorgeworfen wird, als daß sie eine gesunde Reorganisation unseres Religlonsschulwesens verhindern,ja, schon seit 25 Jahren verhindert haben, Rechtsanwalt S. Hamburger. II. Der Herr Kollege Unikower aus Lauenburg i. P. hat mit seiner Zuschrift „Ein Schrei nach dem Religionsschulinspektor" in Rr. 6 Ihrer Zeitung den Schwerpunkt des Gegenstandes, den ich besprochen habe, verschoben. Bis vor einem Jahre etwa hat die Leitung des Aeligionsschulwesens der jüdischen Vemeiirde zu Berlin in der Hand eines Mannes gelegen, der ste niederlegte, weil er andere wichtige Aufgaben zu lösen hatte. Der Herr war kein Schulmann. Die Gemeindebehörden kamen zu dem Schluß, diese Stelle mit einem Schulmanne zu besetzen. Auch Herr Unikower wird es billigen müssen, daß eine Gemeinde von dem Umfange der Berliner Gemeinde lieber einem Fachmann — Herr Unikower hat ihn den Titel eines Schulinspektors beigelegt — den Vorzug gibt. Herr Unikower scheint anzunehmen, daß unser Religionsunterricht bisher nicht inspiziert worden ist. Das ist ein Irrtum. Der Religionsunterricht in unserer Gemeinde ist inspiziert worden, aber jede Schule von einem .anderen. Eine Anzayl Herren hatte sich bereitwilligst für dieses Amt nebenamtlich und chrenamtlich zur Verfügunggestellt. Sie haben nun die Wahl, welcher Institution Sie den Vorzug geben wollen, Herr Unikower, einem Schul inspektor oder einigen Dutzenden! —Ist doch auch die Ein heitlichkeit des Religionsunterrichtswesens in Ihrer kleineren Ge meinde durch Ihre Person (ich nehme an, daß Sie einziger Re ligionslehrer sind) gewahrt! Auch die Annahme des Herrn U. ist irrig, daß sich „die R e - ligionslehrer" der Berliner Gemeinde der Anstellung eines Schulinspektors entgegenstellen. Der Widerstand geht lediglich von Gemeinderabbineru aus. die behaupten, es sei ihrem Ansehen abträglich, wenn der Schulinspektor ihre Schule inspiziert, und sich nicht damit begnügen wollen, daß sie persönlich von jeder Inspektion frei sind. Ganz unverständlich ist hierbei der Widerspruch der Gemeinderabbiner, die sich solange eine Schulinspektion, wie sie oben beschrieben worden ist, ganz ohne Widerspruch haben gefallen lassen. Auch die große Zahl von Rabbinern (Lehrerrabbinern zum Unterschiede von Gemeinderabbinern), die im Rebigionsschulwesen der Gemeinde tätig sind, hat keinen Widerspruch erhoben. Was diese Dinge mit der Unterrichtsmethode und mit der Frequenz zu tun haben sollen, ist mir völlig unklar. Soll die Frage einer wertvollen Methode oder eines besseren Schulbesuchs etwa unter einigen Dutzenden nebenamtlich tätiger Schulinspektoren besser gelöst werden als unter der Leitung eines Mannes, dessen einzige Sorge unser Religionsschulwesen ist? — Rein, verehrter Herr Unikower, es ist nicht der „Schulinspektor", nach dem ich inbrünstig verlange, es geht hier darum. Ordnung, Einheitlichkeit, Stetigkeit in unser Re-' ligionsschulwesen zu bringen, die für eine gedeihliche Entwicklung unerläßlich sind, und Sie könnten sich ein Verdienst um diese Sache erwerben, wenn Sie dazu beitrügen, daß in dieser Angelegenheil nur Persönlichkeiten das Wort nähmen, die wenigstens mit den Berliner Schulverhältnissen einigermaßen vertraut sind. Roch ein kleiner Irrtum, Herr Unikower! Nicht ,chie Sorge um die Zukunft des Judentums" — wie Sie schreiben — hat mir die Feder ln die Hand gedrückt. Die Sorge schwebt übe', jeder ehrlichen jüdischen Arbeit, und so habe ich nicht a^chriebei:. Ich habe gesprochen „von der Sorge um unser Religionsschulwesen", für das lch^als Mitglied des Schul- und Taimnd-Tyora- Vorsiandes mit die Verantwortung trage. I. Borchardt. Werbt neue Leser