Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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men. Wie in früheren Jahren öfter bei den Repräsentantenwahlen wollte man -rlediglich um einen Wahl Kampf zu vermeiden — auch die Wahlen zum Landesverband durch ein Kompromiß aus der Welt schaffen. Diejenigen Liberalen» die für ein Kompromiß eintraten, hatten aus der Entwicklung der beiden letzten Jahrzehnte nichts zugelernt. Trotzdem es für jeden Eingeweihten klar war, daß die Liberalen bei den Kompromißwahlen stets den Kürzeren gezogen hatten, so auch bei der letzten Repräsentantenmahl, die den Liberalen nur eine hin und her schwankende Majorität sicherte, die von einem neutralen Kandidaten. dem sogenannten „Zünglein an der Wage" abhängig ist. bedurfte es der allergrößten Redekunst, um Fraktion und Vorstand des Liberalen Vereins davon zu überzeugen, daß für die erste Wahl zuin Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen unter allen Umständen gewählt werden muß. Daß es ein Glück für die Liberalen mar, daß gewählt wurde, das haben nach der Wahl alle eingesehen. Hoffentlich für alle Zukunft. Unsere Organisationen schlafen ein, wenn sie nicht vor den Wahlen aufgerüttelt werden. Ein Jammer, wenn man die einzige Gelegenheit, die Indifferenten aus ihrem Dauerschlaf zu wecken, sang- und klanglos vorübergehen läßt. Heute muß jede Gelegenheit mahrgenommeir werden, die uns gegeben ist, olle gleichgültigen Glaubensgenossen an ihre Pflichten dem Judentum gegenüber zu mahnen. Aber auch die Pflichten, welche die preußischen Juden als Staatsbürger jüdischen Glaubens zu erfüllen hatten, kündeten diesmal mit besonderem Nachdruck das Gebot der Stunde: Kein Kompromiß! Und drängten nicht noch zwei befand'.re Umstände zum Wahlkampf? Einmal die Tatsache, daß unsere Frauen zum ersten Male in jüdischen Gemeindeangelegenheiten an die Wahlurne treten konnten, ein Recht, daß die leitenden Persönlichkeiten der jüdischen Frauenvcreine nicht nur im Interesse der Gleichberechtigung, sondern zur Förderung der jüdischen Religion selbst seit Jahren schon herbeigesehnt hatten. Dann aber war es wohl die höchste Zeit, das Zahlenverhältnis der drei Hauptparteien, der Liberalen, der Konservativen und der Zionisten festzustellen, jeder Partei den ihr nach ihrer Stärke gebührenden Platz anzuweisen. Wenn es nach den ..großen Reden" der Zionisten ginge oder nach den Märchen, welche die Schein-Konservativen so gern verbreiten. müßte es in der Berliner jüdischen Gemeinde nur noch Zionisten und Konservative geben. Liberale? Ach Gott, ja, so ein paar dürften wohl noch vorhanden sein. Es war einmal, sagten unsere Gegner. Es kam aber anders! Der Kampf ist nun vorüber. Er hat die Geister aufeinander platzen sehen, wie kaum zuvor. (Daß er auch Auswüchse gezeitigt hat, werden heute auch sicherlich diejenigen bedauern, denen der Wahlkampfrummel zurzeit ganz gut in den Kram paßte.) Juden, die sich seit Jahr und Tag nicht mehr um ihr Judentum kümmerten, sind aufgeweckt. Es haben Leute gewählt, die garnicht wußten, worum es sich eigentlich handelte. Der bloße .Kampfruf: „Für Judentum und Deutschtum" gegen den Zionismus hat manchem Juden den Wahlzettcl in die Hand gedrückt, der sich erst nach der Wahl über die Bedeutung des Landesverbcmdes Auskunft einholte. Der Sieg ist den Liberalen zugesallen. Er ist noch viel gewaltiger zu werten, wenn man berücksichtigt, .daß der größte Teil der Nichtwähler aufseiten der Liberalen steht. * k Was müssen wir für eine Lehre aus dem Wahlkampf ziehen? Niemals Kompromisse mit anderen Parteien schließen! Die Gegner wollen den Untergang des Libera- K&rctä, wir aber wollen seinen Aufstieg. Nur vom Aufstieg des jüdischen Liberalismus hängt das Wohl und Wehe des gesamten deutschen Judentums, ja vielleicht des Judentums der ganzen Welt ab. Was das deutsche Judentum im vergangenen Jahrhundert für die gesamte Judenheit geleistet hat. ist im Wesentlichen der Arbeit liberaler Geister \m Judentum zuzuschreiben. Mr» die wir in jungen fahren selbst konservativ erzögen worden sind, sind erst durch die vernunftmäßige Auffassung von der jüdischen Religion, wie sie der jüdische Liberalismus lehrt, aufrechte und warme Verfechter des Judentums geworden und mit uns die vielen, deren Eltern und Großeltern einst auch konservativ gewesen sind. Gewiß sind auch viele nach ihrer Abkehr vom orthodoxen Judentum indifferent geworden. Sie zur Teilnahme am lebendigen Judentum zurückzuführen, muß fortan eine der wichtig st en Aufgaben des jüdischen Liberalismus sein. Was die Orthodoxie nicht mehr vermag, was der Zionismus nur zu einem kleinen Teil fertig gebracht hat. das muß jetzt der Liberalismus mit der ganzen ihm innewohnenden Kraft und Begeisterung der Vollendung entgegenführen. Wenn wir Liberalen ein Judentum lehren imb leben, dann kann es nur ein Judentum sein, wie es die Propheten gekündet haben, das allein auch den Indifferenten etwas zu sagen hat. Dabei können und sollen Formen, die in die Zeit Hineinpassen und die unseren heutigen Anschauungen von Aesthetik entsprechen, .sehr wohl beibehalten werden. Ist es aber nicht ein Jammer. daß sich so viele wertvolle Glaubensgenossen in den letzten Jahrzehnten aus Unkenntnis den Gesellschaften für ethische Kultur und dem Monismus zugewandt haben! Ausbildung tüchtiger Rabbiner und Seelsorger, sowie tüchtiger jüdischer Religionslehrer. der beste Unterricht in der jüdischen Religion für die ganze jüdische Jugend. Fortbildung der aus der Schule entlassenen Jugend auf allen Gebieten der jüdischen Lehre, das sind die Forderungen des Tages. Kann eine jüdische Erziehung, eine jüdische Seelsorge in der Berliner Gemeinde, die fetzt mehr als 250 000 Seelen zählt, von nur 11 Rabbinern mit Erfolg durchgeführt werden? Müßte ihre Zahl nicht verdoppelt, ja verdreifacht werden, wenn wirklich lebendiges Judentum das Resultat der Erziehung sein soll? Je mehr die Liberalen ihre Organisation ausbauen und stärken. desto fester wird das Fundament sein, auf dem weitergebaut werden kann. Die große Majorität, welche die liberalen Juden in Preußen erlangt haben, ist auch im übrigen Deutschland vorhanden. Möchte diese Tatsache nun endlich die große Zahl von wirklich liberalen Rabbinern schaffen helfen, die wir nötig haben. Haben wir erst eine genügende Zahl von liberalen Rabbinern, dann wird auch die positive Einstellung zum liberalen Judentum md)t aus sich warten lassen. Auf zur Tat! rufe ich meinen liberalen Schwestern und Brüdern zu. Diejenigen aber, die den jüdischen Liberalismus glaubten tatsagen zu müssen, wird der Ausfall der Wahl hoffentlich eines Besseren belehrt haben. Ihnen möchte ich zurufen die Worte aus dem Hallel, das uns so oft im Jahre erbaut: kau omu8 kj oobfek rvusssapeir maa886 joli. „Wir find nicht tot, noch leben wir und erzählen von den Taten Gottes." Jüdische preffestimmen zum Wahlausgang. Gegenüber den Versuchen zahlreicher jüdischer Zeitungen, den liberalen Wahlerfolg durch unvollständige Wiedergabe der Ergebnisse zu verkleinern, wie dies neben der „Jüdischen Rundschau" selbstverständlich das „Hamburger Israelitische Familienblatt" tut, muh noch einmal festgestellt werden, daß die Liberalen dank der tätigen Mitarbeit ihrer Anhängerschaft von 123 Mandaten 70 erhalten haben. Die Orthodoxen und Zionisten, die während der Wahl zum großen Teil gemeinsam vorgegangen sind, werden allmählich die für sie allerdings schmerzliche Einsicht erlangen müssen, daß die absolute Mehrheit der Liberalen sie eben zu einer wenig bedeutenden Minderheit gemacht hat. Werden doch voraussichtlich 70 Mandaten der Liberalen höchstens 55 Sitze aller anderen Parteien gegenüberstehen. Ganz besonders auffällig an dem Wahlergebnis war der außerordentlich scharfe Rückgang der konservativen Stimmen. Darum soll an zwei Ausschnitten aus der orthodox-jüdischen Presse gezeigt werden, wie sich die konservativen Juden in Preußen mit diesem Wahlergebnis auseinandersehen. Dem jüdischen Wochenblatt" scheint diese Wahlniederlage so überraschend gekommen zu sein, daß es sich lieber mit denAussichlen des im Jahre 1929 stattfindenden Wahlkampfes zum Landesverband beschäftigt als mit den Ergebnissen der Wahlen von 1025. Daß das Blatt dabei auch von einer „auffallenden Niederlage der Liberalen" in Berlin spricht, wo der absoluten Mehrheit von 28 liberalen Abgeordneten sage und schreibe drei Konservative gegenüberstehen, gehört wohl nur zu dem Humor des Tages. Ebenso stimmt es heiter, wenn das Blatt das Wahlergebnis von Frankfurt a. M., bei dem den Liberalen von 10 Mandaten 6 zufielen, durch einen Vergleich mit Gemeindewahlen des Jahres 1907 mnzubiegen versucht. Während damals die Liberalen 63 % aller abgegebenen Stimmen erhielten, erhielten sie bei den jetzigen Wahlen 60,6 % oller abgegebenen Stimmen. Wenn man hierbei den starken ostjüdischen Zuzug berücksichtigt und bedenkt, daß in der Zwischenzeit zwei neue Parteien (Zionisten und Poale Zionisten) auf den Plan getreten sind, so dürfte unter ernst zu ncymenden Politikern ein Zweifel darüber, baß es sich hier um einen großen Erfolg unserer Frankfurter Gesinnungsgenossen handelt, nicht bestehen. Welcher Art die Sorgen der Redaktion des jüdischen Wochenblattes" sind, dafür nur ein kurzes Beispiel: „Noch ein zweites Prallem wird uns durch den Ausgang dieser Wahlen aufgegeben: die Frage, wie sich eine etwaige künftige konservativ-zionistische Mehrheit zu verhalten hätte. Diese Frage ist heute durchaus nicht mehr so utopisch wie vor dem Kriege: sie kann bereits bei den nächsten Landeswahlen akut werden, wenn die Entwicklung sich in der Richtung und Schnelligkeit weiter bewegt wie bisher. Vielleicht ist das positiv gerichtete Judentum in Deutschland in einer sehr ähnlichen Situation wie die deutsche Sozialdemokratie vor 1918, wie die englische Arbeiterpartei in der Nachkriegszeit — in der die Frage „can labour govcrn?" d i e entscheidende politische Frage fast aller englischen Staatsbürger war — oder auch, um noch eine jüdische Parallele hinzuzusügen, in einer ähnlichen Lage wie der Zionismus vor dem Charter. Es ist sehr möglich, daß die Konservativen und Zionisten Deutschlands kurz vor ihrem Charter, d. h. kurz vor der Möglichkeit und Notwendigkeit stehen, zu ihren inneren Aufgaben noch die Hauptlast ftcfl äußeren Verwaltung auf sich zu nehmen. Es wird eine ent-l scheidende Probe für die Lebenskraft dieser Parteien sein, obl sie diesen Moment erkennen und sich auf ihn vorbereilen. Erst! dann wird sich zeigen, inwieweit ihre Programmideen, di«I mit den größten Gedanken des Judentums Nachbarschaft gesucht! haben, wirklich in ihnen, wenigstens teilweise, realisiert sin).! Die Vorbereitung, die damit notwendig wird, ist nur zu ihren,! kleinsten Teile politischer und parlamentarischer Art. Wesent-i sicher ist die innere Besinnung aus die Grundkräste, die den! Sieg erfechten halfen und deren Vernachlässigung unmittelbar! zu neuen Niederlagen führen müßte. Daß ein solches Bemühe,,! nicht von vornherein als ganz aussichtslos aufgegeben zu werde»! braucht, dafür bürgt die überall vornehme und sachliche, niemals persönliche Art und Weise, in der diese Parteien den Wahl-! Kampf geführt haben — im Gegensatz zu den Liberalen, denen die Angst auf dckn Nacken gesessen und denen sie ihre schlechte»! Ratschläge ins Ohr geflüstert hat. (Dies die „vornehme und! fachliche^ Art. Red. d. Iüd.-lib. Ztg.) Die positiven Parteie haben den Wahlkampf ohne die Krankheitserscheinungen Kerl Angst geführt (womit wohl die unjüd-ische Heldentat de^> Sprengens von Versammlungen gefeiert' werden soll? Red. d. Iüd.-lib. Ztg.) und besitzen deshalb die Vorbedingung, die über- Haupt erst ein reines und ungetrübtes Verhältnis zu den wirk! sichen Werten ermöglicht. Aber dies ist eben andererseits doch auch nur die Vorbedingung, noch durchaus nicht die Sache selbst. Zu ihr kann man nur in sehr ernster innerer Arbeit Vordringen, einer Arbeit, die ihr Schwergewicht zweifellos außerhalb "des Landesverbandes haben muß, wenn sie auch in ihn hineinwirken j wird und kann." Will man dieses Zukunftsbild recht verstehen, so muß man berücksichtigen, daß die Ansichten darüber, ob die Freunöschasl! zwischen Orthodoxie und Zionismus von langer Dauer sein wird, gerade in konservativen Kreisen nicht allgemein geteilt wird. So schreibt der „Israelit", das Zentralorgan für das orthodoxe Indens tum in Deutschland unter der Aeberschrist „Die Kraftprobe": „Wenn dieser machtvolle Protest brc deutschen Juden gegen! die nationalistische Innenpolitik in der täuschenden Form einer Sympathiekundgebung für den religiösen Liberalismus zum Ausdruck gelangt, so ist das die Schuld der Gemeindekonscr-! vativen, die entweder — wie in Frankfurt — offen oder/ wie in Berlin, doch in der Art ihrer Agitation dem zionistischen' Rationalismus Vorschub leisten, statt ihn kraftvoll und aus pri». zipiellen Gesichtspunkten zu bekämpfen. Obschon wir für dir Umstände, aus denen diese stille oder offene Bundesgenossenschüft zwischen religionslosem Nationalismus und Gemeinde- Konservativen auf dem Wege über den Misrachi hervorwächst, volles Verständnis haben, ist sie doch vom politischen wie vom religiösen Standpunkte ein Unglück, ja geradezu der Krebsschaden, an dem das öffentliche Leben der deutschen Judenheit krankt. Der politische Schaden hat sich in dem Wahlergebnis gezeigt. Was sollte denn der jüdische Wähler tun, der im Sinne der politisch notwendigen Wahlparole des ...Ecutralvereins" gegen die Politisierung und Entkonfessionalisierung der Kehilla nachdrücklich demonstrieren wollte? Er konnte in'Berlin allerdings für die selbständige konservative Liste Galewski, in Frankfurt, wo sich die Konservativen zionistisch verkapselt hatten, für die konservative LandeSlisie stimmen. Aber es kommt eben im Wahlkampf nicht auf knifflichc theoretisch: Möglichkeiten, sondern auf die scharfe plastische Herausarbeitung der Gegensätze und Besonderheiten an, und da war es nun einmal dahin gekommen, daß der Kampf ganz und gar um das Problem: „AeligionSgemeinde oder Volksgemeinde", Golustradition oder politisches Muskeljudentum geführt, und die Anhänger der ersteren automatisch ins liberale Lager gedrängt wurden. Daß es den Wortführern der Volkspartei gelungen ist/ einen größeren Teil der Ostjuden — keineswegs überall — für sich zu gewinnen, darf nicht verwundern. Es hieße die politische Urteilsfähigkeit dieser aus ihrer Heimat entwurzelten und hier vielfach noch nicht ganz heimisch gewordenen Kreise — auch! der religiös gesinnten — überschätzen, wollte man von ihnen' verlangen, daß sie die Gefahr d-er nationalistischen Einstellung gerade für ihre eigene Position gebührend einschühten. Aber es sind uns auch von ostjüdischer Seite starke Proteste gegen die Identifizierung der Ostjuden in Bausch und Vogen mit dcri Volkspartei und insbesondere gegen den hier in Frankfurt geschaffenen Block zugekommen." Nimmt man noch hinzu, daß die „Jüdische Rundschau" denj Liberalen die Unterstützung der Jüdischen Volkspartei bei viele»! innerjüdifchen Maßnahmen zusagt, dann ist das Bild der inneren! Verwirrung bei dem zionistisch-konservativen Konglomerat vol-! lendet. Und diejenigen, die bei dieser Wahl den liberalen Listen ihre Stimme gegeben haben und die vielen, die diesmal noch, u«dj hoffentlich diesmal zum letzten Male, der Wahl ferilgeblieben> sind, werden sich sagen, daß auch bei allen kommenden jüdischen! Mahlen ihre Stimmen nur der liberalen Parlei gehören dürfen/ die als einzige mit klarem Programm und frei von unklaren! Verbindungen in den Landesverband einziehk, um ihn zu einer starken Stühe im Kampf um die Erhaltung jüdischer Religiosität^ zu gestalten. ' Für eine unsererSyna~j(fk|«4$sanic#4»m gogen suchen wir einen 911 mOiIISIGBI akademisch gebildeten, Bewerber wollen sich mit Angabe über ihre Tätigkeit bis zum 20. Februar er. beim Unterzeichneten Vorstand melden. 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