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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-13 · 7 (13.2.1925) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
7 (13.2.1925)
Date
1925-02-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Werbt neue Mitglieder und Zvei Heimaisucher. Erzählung von Meta Opet-Fuß, Breslau. (Sehluß.) Vor fünfzehn Jahren war ich eine junge Frau von kaum 22 Jahren. Ich war damals schon einige Jahre verheiratet, und nannte zwei Töchterchen von etwa 2 Jahren mein eigen, Zwillinge, die prächtig gediehen. Wir wohnten zu jener Zeit in einer kleinen Stadt der Provinz Posen, nahe der russischen Grenze. Die sanitären Einrichtungen unseres Wohnorts ließen viel zu wünschen übrig, und wir hätten deshalb gern das Städtchen verlassen, wenn uns nicht das gutgehende Geschäft meines Mannes, das er von seinem Vater geerbt, an den Ort gefesselt hätte. Da brach eines Tages eine schwere Epidemie ans, die innerhalb weniger Tage meine beiden Kinder tötete, meinen Mann aber auf ein schweres Krankenlager warf, von dem er sich nicht mehr ganz erholen konnte. Auf mein Drängen erklärte mir der Arzt, daß er nur noch wenige Jahre leben könne. Unter so vielen Schicksalsschlägen wäre ich zusammengebrochen, wenn mich nicht der Oedanke aufrecht erhalten hätte, daß ich zum dritten Male Mutter werden sollte. Ich hätte dies gemerkt wenige Wochen, bevor das große Unglück über uns kam, und ich freute mich über diese Aussicht, gleichmütig, wie sich ein Reichbeschenkter freut, der zu vielen Gaben, die er erhalten, noch eine neue hinzufügen kann. War ich doch damals noch auf der Höhe meines Glückes im Besitz meines braven Man? nes und meiner kleinen Töchter. Als ich aber wenige Monate später meine beiden Mädchen ins Grab senken mußte, und mir immer mehr zur fürchterlichen Gewißheit wurde, daß ich auch meinen geliebten Gatten binnen weniger Jahre verlieren würde, da wurde das kommende Kind meine ganze, meine letzte Hoffnung. Oft lag ich auf den Knien und flehte zu Gott, daß er mir trotz aller Trübsal ein fröhliches Herz schenken möchte, damit nicht wider meinen Willen auch das Kind unter der Last leiden müßte, die er mir auferlegt, — und, weil ich den Aberglauben nicht ganz aus meinem Herzen zu reißen vermochte und mir ein unglückliches Geschick die Mädchen geraubt hatte, so ging meine Sehnsucht nach einem Knaben. So bat ich Gott um einen Sohn und gelobte ihm, diesen Knaben so zu erziehen, daß er glühe für unsere heilige Lehre, ' für sie leide, wenn es sein muß, und daß er ein Verkünder seines Wortes werde, wenn — — ihn sein Herz dazu treibt. Gott erfüllte meinen Wunsch, und bevor dieses traurige Jahr zu Ende ging, schenkte er mir einen Sohn. Das Kind war die letzte Freude meines Mannes, den ich noch drei Jahre pflegte, bis er die Augen schloß. Ich aber verzagte nicht mehr, meines Gelübdes war ich eingedenk, und täglich führte ich dem Knaben zu Gemüte, daß er ein Jude ist. Nun muß er um seines Judentums willen leiden, aber sterben wird er nicht, das kann Gott nicht wollen, weil ich ja mein Versprechen gehalten habe und weiter halten werde." Sie erhob sich und gab damit dem jungen Manne zu verstehen, daß er sich entfernen möge. Bewegt drückte er ihre Hand. „Was ich Ihnen erzählt," fügte sie hinzu, „darüber werden Sie zu niemandem reden, wie ich hoffe. Ich will nicht bemitleidet werden, und Alfred soll sich nicht einbilden, ein Auserwählter zu sein. Ich rede selten von meinem Schicksal, doch zu Ihnen hatte ich Vertrauen, und es scheint mir auch, daß Sie kein Schwätzer sind." Ernst verneigte sich stumm und ging. „Wenn er nun aber doch stirbt," dachte er unterwegs und vermochte von diesem Gedanken nicht loszukommen. Die arme Frau würde sicherlich wahnsinnig. Alfred aber genas. Am gleichen Abend noch geschah es, daß sich das Fieber erheblich verminderte, und er zum erstenmal mit klarem Bewußtsein um sich blicken konnte. Als er seiner Mutter ansichtig wurde, ging ein Aufleuchten über sein Gesicht, und während seine abgezehrte Hand in der ihrigen ruhte, schlummerte er vor Ermattung ein und schlief traumlos bis zum nächsten Morgen. Am nachmittag fand lianos u.|IUgel I c«. ISO Instrumente d«r verschiedenst. altrenommiert. Marken «tote vorrätig, auch Kunttapielpianos Mnm TallMhlnn« ■•ftattet! Hans ~ ~ & Co., Motzstr.78 MWWWWWWWWWWWWWWW (a. Nollendorfplatz) Qaaeralvartretung von ScMedmayer&Söhne sich Ernst wieder ein, der nun zum erstenmal zu Alfred hineingelassen wurde. Als dieser Ernst erblickte, wurde alles wieder in seiner Seele lebendig, was ihn während seiner Fieberträume so sehr gequält hatte. „Gesund werde ich wohl werden," sagte er mit schmerzlichem Lächeln zu Ernst, „aber meine deutsche Heimat haben sie mir genommen. Ich möchte doch mit Dir nach Palästina gehen," fügte er hinzu, während sein Blick bittend am Antlitz der erstaunt horchenden Mutter hing. Schnell aber begriff diese den Zusammenhang, und leise, aber bestimmt kam es von ihren Lippen. „Du wirst nicht nach Palästina gehen, mein Sohn, denn auch dieses Land wird Dir keine Heimat sein." „Auch dieses nicht? Du magst recht haben, Mutter, ich5 fürchte es selbst," erwiderte Alfred, und schloß ermattet die Augen. Weiter sprach er nichts mehr, er war noch sehr schwach. Am nächsten Tage aber fühlte er sich schon wohler, und als Wilhelm Müller ihn besuchte, hatte er eine lange Aussprache mit ihm. Der Kamerad verhehlte dem Kranken auf seine dringenden Fragen nicht, daß unter den Klassengenossen noch immer eine gewisse Erbitterung gegen Alfred herrsche, weil sie seinetwegen bestraft worden waren. „Daß ich aber durch ihre Schuld so krank geworden bin, tut ihnen das gar nicht leid?", fragte Alfred weiter. „Ganz sicher," beschwichtigte ihn Wilhelm, „sie wollen es nur nicht eingestehen, daß sie so schlecht an Dir gehandelt haben, Du kennst sie ja." „Du aber hast es gut zu mir gemeint, ich danke Dir," fuhr Alfred fort und blickte seinem jungen Gaste voll herzlicher Zuneigung in die hellen Augen. „Ich bin nicht besser als die anderen," wehrte der Knabe bescheiden ab, „aber ich möchte gern besser werden. Darum wollte ich Dich noch bitten, Alfred, laß Dir nicht bange sein, wenn Du wieder zur Schule kommst. Sollte es wieder einer wagen, Dich zu kränken, dann werde ich Dir beistehen, darauf kannst Du Dich verlassen." So schieden die beiden als gute Freunde, aber Ernst, der gerade gekommen und die letzten Worte mit angehört hatte, machte eine Bewegung des Unwillens, nachdem Wilhelm Müller gegangen. „Ich möchte einen solchen Beschützer an Deiner Stelle nicht haben," sagte er auf Alfreds fragende Blicke. „Selbst ist der Mann, das gilt auch für den Juden, stark wollen wir wieder werden, wie es unsere Vorfahren im heiligen Lande waren, Feinde ringsum, in der einen Hand das Schwert, in der anderen die Mauerkelle, und nur einen Gott über uns, der uns hilft." Alfreds Mutter, die während der kurzen Unterhaltung schweigend mit einer Näharbeit am Fenster gesessen hatte, erhob sich lächelnd. „Es müßte viele solche junge Leute in Israel geben, wie Sie es sind," begann sie, zu Ernst gewendet, „mein Alfred aber ist anders geartet, er ist keine Kämpfernatur, niemals wird er sich auf die Kraft seiner Arme verlassen können. Die tausendjährige Gefangenschaft im Ghetto hat die Nachkommen der streitbaren Helden in Kämpfer, des Geistes verwandelt. Sie, junger Mann, haben die alte Kraft der Väter wiedergewonnen, Alfred aber und manche andere noch nicht." „Ich will sie nutzen zum besten unserer Glaubensgenossen in unserer Urheimat," erwiderte Ernst. Dann fuhr er fort: „Ihr Sohn gefiel mir, und da ich einen Gefährten suche für meine Reise nach dem fernen Asien, so bat ich ihn, dereinst mit zu ziehen. Ich werde ihn wohl nicht noch einmal bitten, denn ich sehe ein, daß er in dem Lande wurzelt, wo er geboren ist, und — — er soll seine Mutter nicht verlassen." Nachdem auch Ernst gegangen war, herrschte lange tiefe Stille in dem traulichen Raume. „Mutter," tönte es endlich vom Bette her, „has: Du gehört, was er zuletzt sagte, daß ich in dem Boden wurzle, wo ich geboren bin. Er hat recht, Mutter, ich liebe meine deutsche Heimat so sehr, daß ich vor Sehnsucht vergehen müßte, wenn ich fern von ihr wäre. Sie aber höhnten mich, sie sagten, ich wäre kein Deutscher, Deutschland wäre nicht meine Heimat, und' wenn ich in die Schule komme, werden sie es mir wieder sagen so lange, bis ich daran glauben muß. Ach, ich bin so gern zur Schule gegangen, und jetzt-es graut mir vor dem Tage, da ich sie alle Wiedersehen soll. Ich fürchte die höhnenden Reden, das Geflüster, das mir allein gilt, das spöttische Lachen, einer gegen alle. Und Wilhelm, der mich schützen wollte? Nein, ich^verde ihn bitten, daß er mir nicht beisteht. Ernst hat recht, es wäre meiner unwürdig, einen Beschützer zu brauchen." Leise trat die anmutige Frau an das Bett ihres Kindes. „Er würde Dir auch nicht helfen können, mein Sohn. Zu leiden ist unsere Bestimmung, mit Würde zu leiden, sei unser Stolz. Lieben magst Du Abonnenten dieses Deutschland, betrachte es weiter als Dein Heimat und tue getreulich Deine Pflicht, aber gj rate nicht in Verzweiflung, wenn man Dich eine! Heimatlosen nennt. Wann durfte Israel auf DaJ rechnen, wann wurde ihm Liebe mit Liebe vel gölten? Siehe, noch umfaßt uns unsichtbar das alt] geschmähte Ghetto. Es war traulich in seihen di) steren Mauern, denn unseren Ahnen bedeutete die Heimat, und die Angst vor der Verfolgung dem Hohn und Spott schloß diejenigen noch e! ger zusammen, die im Ghetto vereint waren. Doij winkte dem Gehetzten, Gepeinigten, die ersehnt] Ruhe im Schoße seiner Angehörigen, dort war j ein Mensch unter Menschen, geachtet von seine] gleichen, dort durfte auch er glücklich sein." „Weißt Du denn nicht, Mutter," unterbrach Alfred, „daß oft unsere armen Vorfahren auch in Ghetto gefährdet waren, daß der Haß selbst \o| den armseligen Toren nicht Halt machte, hi.itJ denen sie sich geschützt glaubten. Wie oft wurde! sie ermordet auf den Stätten, wo sie hofften, iii ihr ganzes Leben eine bescheidene Zuflucht gefur| den zu haben." „Ich weiß es," sagte die Gefragte. „Ich \\\ij aber auch, daß die Gequälten bis zum letzten Atem] zuge ihre Zuversicht nicht verloren. Wußten sil doch, daß es Israels Bestimmung ist, heimatlos zj sein, zerstreut zu werden über alle Völker der En um die Gotteslehre zu verkünden. Wohl nenne] wir uns das auserwählte Volk, auserwählt sind \vi] aber nur zum Leiden und zum Dulden für unser! göttliche Sendung. Noch einmal, tue als Deutsche Deine Pflicht. Wenn sie aber wieder den Deutschei) in Dir schmähen, dann zeige ihnen, daß Du auc) ein echter Jude bist, damit sie in dem Juden de) Deutschen achten lernen.“ „Ich will es versuchen," sagte Alfred und betrach] tete die Mutter mit einem Blick voll Liebe und Bewunderung. Er vergaß diese Unterredung nicht. Würdig und ruhig trat er nach seiner Genesung den Mitschülern entgegen, die frühere Zaghaftigkeit seines Wesens war gewichen. Sie bemerkten stau] nend die Veränderung, die mit Alfred vorgegangeif und wagten nicht mehr, ihn zu belästigen. Ihra Freundschaft aber suchte er nicht, sondern blieb) einsam und verschlossen. Nur sein kameradschaftj liebes Verhältnis zu Wilhelm Müller wurde imme) herzlicher und gestaltete sich zu einem Freund) schaftsbund, der die Knabenjahre überdauerte. Ernst Bamberger, dem er ebenfalls in Liebe zu] getan war, ging wenige Jahre darauf nach Palästina! wo er in harter, aber befriedigender Arbeit dasl rechte Betätigungsfeld für seine überströmende Krafl fand, Alfred las gern seine lockenden Briefe, als ihd aber nach vielen Jahren der Freund doch noch -ein] mal aufforderte, ihm zu folgen, antwortete er ihm] daß er seine deutsche Heimat noch so liebe wie einst] und daß er sich weder von ihr noch von seiner! Mutter trennen wolle. Eingedenk ihrer Lehren warf er ein aufrechter Jude und Deutscher geworden] Der Stimme seines Herzens folgend, wirkte er sef gensreich als Lehrer und Rabbiner, um vor allein] die Jugend zu stärken in den Kämpfen, denen er] selbst beinahe erlegen wäre. So ging in Erfüllung] was seiner Mutter schon vor der Geburt des Kna-f ben dereinst vorgeschwebt. Gleich Hanna hatte siej ihren Sohn dem Himmel weihen dürfen. Etablissement Cafd leHca Friedrichstraße 60, Ecke Leipziger Straße Täglich nachm, und abends Kabarett u. Variete 2 Kapellen U. H. Das große Karnevals - Programm Oscar Sabo — Bolgaroff /Truppe Anna Müller'Linke mit A.Tyrkowsky Feny>Duett — Martin Loewe Conferencier Roth-Rese Gastspiel des Münchener Schriftsteller*, Walter Rath-Rex

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