Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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r menschlich begreifliche, ja pädagogisch geradezu anstrebenswerte Rottung mit der höchsten Strafe maßregelten, eine. erstaunliche Verständnislosigkeit gegenüber der Psyche ihres Zöglings bekundet hatten. Diese Erkenntnis nennt Herr Zeidler das Verlangen. „daß der Anterricht in jüdischem Geiste geleitet werde". Run, uns kann es nur recht sein, wenn der großdeutsche Vorkänrpfer das von einem Zungen mit dem ganzen Einsatz seiner Person bis zur äußersten Konsequenz erfolgte Eintreten für seine E h r e als „klar zutage tretende jüdische Eigenart" qualifiziert . . . Dagegen müssen wir energisch gegen die Verdrehung protestieren, dre sich Herr Zeidler!m weiteren Verlauf seines Artikels zuschulden kommen läßt, indem er die zur Pflege der gegenseijjzen Beziehungen und zur Information des vtadtschulrats amtlich geplante Heranziehung vön Lehrern und Schülern zu gemeinsainer Beratung als einen „echt jüdischen Versuch, durch Revolution von unten die erprobten Einrichtungen deutscher Zucht und Ordnung zu zerstören", auslegt. 3n Wirklichkeit handelt ca sich nämlich um den Plan, an den Mittelschulen ähnliche Verhältnisse zu schassen,.wie sie an den Hochschulen bereits herrschen. An diesen hat die Studentenschaft schon längst in aller Form Einfluß auf den Schulbetrieb genommen. Dieser Einfluß zeigt sich vor allem in einer ständig wachsenden Terrorisierung der jüdischen Hörer und Dozenten, kann also nicht gut als ein „jüdischer Revolutlonsversuch" gedeutet werden. Ilm so berechtigter ist freilich die Sorge des Herrn Zeidler um die „erprobten Einrichtungen deutscher Zucht und Ordnung". Die berühmte deutsche Zucht und Ordnung hat wirklich seit dem Auskommen des Hykcnkreuzlertums eine böse Erschütterung erlitten. Fälle wie der Mord des jugendlichen Hakenkreuzlers Rovosa! an einem des „Verrats" geziehenen Kameraden, die unsaubere Affäre des Alt-Weiber-Don Juans Mciche und der jüngste Raubmord des „Cheruskers" auf dem Karlspiah sind bedenkliche Fäulniserschcinungen. Man sucht diese vielfach als Folge des Krieges zu deuten. Aber die demoralisierende Wirkung des Weltkrieges müßte sich doch in den Schichten der manuellen Arbeiterschaft zumindest ebenso stark zeigen wie in den Kreisen der jungen Äntellekluellen, die zur Zeit des Krieges noch gar nicht wehrfähig waren, sondern ihre „Wehrfähigkeit" erst in den geheimen Konventikeln des Hakenkreuzlertums und in den Paukbuden der antisemitischen Verbindungen erhalten. Während sie dort dem Studium des Rauf- und Saufkomment so intensiv ergeben sind, daß sie ihr eigentliches Studium darüber vernachlässigen und so kläglich verbummeln wie der Raubmörder vom Karlspiah. widmen die jugendlichen Arbeiter ihre freie Zeit der geistigen Bildung unter Anleitung idealistisch gesinnter Lehrer. Als solche fungieren hauptsächlich die — jüdischen Studenten, die durch den Arierparagraphen von dem Firlefanz der deutschen Hochsckülerverbindnirgen und durch ihren guten Geschmack von der jüdisch-nationalen Nachäffung besagten Firlefanzes ferngehalten werden. Diese jüdischen „Zerstörer" tragen in die Kreise der manuellen Arbeiter das Verständnis und die Begeisterung für deutsche Kunst und Wissenschaft, währendie rassereinen arischen Fugendkonventikel sich als Brutstätten von Mord, Raub und Anzucht deklarierten. Wenn die deutschen Väter aus dieser Tatsache die notwendigen Schlüsse ziehen werden, dann wird auf die diversen Hakenkrvuzlerlage unvermeidlich die Dämmerung des Hakenkreuzlertums folgen. D r. Hugo S p i e g l e r. Meal - Zahnbrücke Die Zukunft des festsitzenden Zahnersatzes ist in schwierigsten Fällen leicht anwendbar, Patentiert in Deutschland, Amerika usw, 12jährige Erfahrung! da kein Abschleifen, kein Nervtöten dör gesunden Zähne nötig! Total schmerzlos! A.Wiitenfoecher u. F.Schreiber jetzt: Berlin V/ 35, Scliöneberger Ufer 21 4. Haus von der Potsdamer Brücke. Telephon; Lützow 5404 Alleiniger Hersteller: Kämmt auch o h n e B l e ch >m a r k e rein! Da beruhigt mich der Schames, das sei nur eine Kontrolle für die Droschke. Wenn nach der Trauung Rr. 7 ausgerufen wird, bin ich dran!" — „Rein, dann ist Ahr Droschkenpserd dran," korrigiert boshaft ein Zwischenrufer, ohne Eindruck aus den Erzähler zu machen. „Das Theater, pardon, die Trauung ist zu Ende — Rangordnung wie bei Hofe) alles nach dem Schnürchen; man traut sich nicht zu atmen — und nach langem Warten ruft endlich einer: Ar. 7. Mit einem Mal c geht das Spießrutenlaufen los. In Abständen von 3 Metern immer ein Schumes, der „Ma s s e l t o p p!" ruft und die Hand aufhült. Zum Glück habe ich drei Talcr in der Ceitentasche. Bei dreien bin icb glücklich vorbei, da öffnet mir der vierte den W a g e n s ch l a g und sagt: „G l ü ck undSegen dem Brau t- .Pfld'r u n d teure n Anverwandten." Ich bin in Verzweiflung. Zwanzig Mark kann ich ihm doch nicht geben. 3d) greis e in die Westentasche, nehme die Droschke n m a r k e heraus, drücke sie dem Schames fest in die Handfläche, und che er zur Besinnung homtttf, rollt der Wagen davon!" Der Clou des Abends. Man freut sich minutenlang über Onkel Rosenthals Geistesgegenwart. Dir Provinzler ließen sich nicht neppen. Sie seien heller als die Berliner. (Fortsetzung folgt.) * Theater. om „K leinen Thea 1 e r" Anter den Linden wich jetzt ein südisches Milieu- und Rührstück „Frau Lohengrin" von ff'iedinann und Lunzer aufgeführt. Das schlimmste Schimpfwort, das nltzn einem Werke gegenüber gebrauchen kann, ist hier am Platz: — Mache! Aber diese jüdische 3argongeschichte ist wenigstens gut genr a ch t! Die tragikomischen Schicksale des herzensguten und rcichcn Indenmädels aus Ezernowitz, die ihr Herz an einen leichtsinnigen Flaps von Synagogensänger verliert, der sie dann schnöde iin Stich läßt, interessieren. Oer ungetreue Musikant wird beliebter Kammersänger und Salonlöwe und geht auf der HA)e sciiies Ruhmes seiner biederen Frau mit einer zweifelhaften, polnischen Kokotte nach Argentinien durch. Da kehrt der Sänger, der seine Stimme verloren hat und nun nichts mehr ist, gebrochen in die Heimat zurück. Allein Rebekka ist ein „Genie des Herzens". Verstehend und verzeihend schließt sie — wie die k'naelwirtin von Emit Strauß — ihre dicken Arme um den Hals des nun geläuterten Rückkehrers. Viele Jahre sind seitdem vergangen. 3m letzten Akt —■ und das wirkt immer — erscheinen alle Personen, die zuerst auftrcten, wieder gealtert, mit weißen Haaren. Rebekka hat sich mit ihrem Kinde ein neues Leben gezimmert, und ihr Geschäft, eine Hotelwirtschaft mit herrlich koscherer Küche — wem läuft dabei nicht das Wasser im Munde zusammen?! — wieder ouflirnommen. Das Andenken an den Treulosen aber hält sie in Ehren. Sein Bild als Lohengrin hängt, sorglich gehütet, uns wie cin Heiligtum verehrt, in der guten Stube über dem Klavjer. Wahlvetrachtrrirgen. Kuttirrliberalisrnus. Von Rabb. Dr. Gottschalk, Berlin. Aus dem Ergebnis des 1. Februar sollte man sich nicht nur die gewaltige Zahl der liberalen Wähler, sondern noch eindringlicher die viel gewaltigere Zahl der liberalen Nichtivähler merken. Wiederholt l)abe ich darauf hingewiesen, daß wir diesen Kreisen gegenüber, die ganz gewiß.zum kleinsten Teil aus äußeren Gründen weggeblieben sind, unsere Pflicht nicht erfüllen, wenn wir sie kurzerhand als „indifferent" abtun. wenn wir theoretische Erörterungen anstellen, ivenn wir inahnen und zürnen -- statt zu Taten überzugehen. Aber freilich, ich denke dabei nicht an liberale Mlllelpart e i I e r, die in einem Atemzug ein „neues Gebetbuch" verlangen, das uns „an den Busen des Vaters" hinaufträgt und denselben Gläubigen eines solchen Buches die Beobachtung der Spei fege setze zur Pflicht machen! Es gilt entschlossene, ganze und freie Lösungen, es gilt den Kulturl ib e ral ism u s! Und es ist merkwürdig, daß gerade die Wahlbewegung den ersten Schritt in dieser Richtuizg gewagt hat — wenigstens in breiter Oeffentlichkeit. Denn in kleinerem Umfange hat der „Reoolutionsgottesdienst" in Berlin N. dem ich selbst oft vorgestanden habe, den Anfang gemacht. Aber hat man nicht wirklich das richtige Gefühl bewiesen, wenn man die „Indifferenten" durch Ankündigung edler und frommer jüdischer und deutscher Kunst an sich zu fesseln suchte? Es wäre verkehrt und durchaus schädlich, wenn mir hierin nur Scusationsbedürfnis sähen. So sieht der liberale Kulturjude aus, so will er seinen E o t t e s d i e n st — oder wie ich wiederholt verlangte, und wie man es in der Wahlbewegung nannte, seine religiöse Feierstunde! Natürlich wären diese Stunden, wenn wir entschlossen dazu übergehen, nach anders auszugestalten, wäre vor allein das beste jüdische Gut aller Zeiten in geeigneter religiös-künstlerischer Form in diesen Stunden mitzuverwerten. Und auch darauf iväre das größte Gewicht zu legen, daß diese Stunden das Gotterlebnis in der m a n n i g f a ch ft e n Form anklingen und oussprechen lassen — wenn auch gewiß nicht in jeder, denn einen Gott der Materie werden wir nicht verherrlichen, aber jeden Gott des Ueber stofflichen und Ueber menschlichen, jeden Gott, der als Geheimnis zu uns spricht, Ethik uns einhämmert, Menschenliebe predigt und D e - nt;i t. Ein jeder Gott, oder besser, ein jedes derartiges Gotterlebnis. es ist das Erlebnis unserer Väter, ist das Erlebnis unserer Propheten und darum jüdisch! Wann derartige „Gottesdienste" gehalten werden sollen? Keineswegs bloß am Freitag und Sonnabend und Feiertag. Jeder Tag der Woche ist dazu geeignet, und dann lasse man nicht nur den „Prediger" sprechen, sondern jeden des Wortes Mächtigen, wofern er ..G o t t e s voll" ist. Mann oder Frau — ohne daß jede derartige Stunde mit einer „Ansprache" verbunden sein muß. Der geeignetste Ort aber ist der Tempel, gerade um ihn aus seiner Starrheit zu erwecken. Die Texte oder das ..Gebetbuch" sür derartige Stunden zu finden oder zusammenzustellen, ist ja nicht schwer. Man muß nur erst zu dem Anfang entschlossen sein, man muß — nach dem 1. Februar — die Rii ck s i ch t n a h m e und A e n g st Ii ch ka i t. die bisher mit dem Liberalismus verbunden schien, energisch von sich abschütteln, man nmß noch vor den Repräsentant e n iv a h I e u , ja sofort sich der Aufgabe gewachsen zeigen, die nicht bloß 70 Kandidaten. sondern 70 v. H. Nichtmähler uns stellen! Und man muß sich auch vor dem „Eiriivand" des „nichts als Schönheitskultus" nicht scheuen. Der Weg desFührers geht wohl von Ideen zu Form e n, aber der Weg der Masse geht von Formen zu Ideen,, die Form heiße Versammlung oder Gottesdienst! — Aber nicht nur hier verlangt der Kulturliberalismus energische Betätigung, sondern auch auf dem Gebiete der Religionsschule. Sie ist bei allen Erörterungen der letzten Zeit über „Reformen" des Religionsunterrichts stark in den Hintergrund getreten. Und doch — mag die eine oder andere jüdische Schule auch kommen und zu erstreben sein, die Religionsschule wird, glaube ich. der Typus bleiben, der für lange Zeit, wenn nicht immer, unsere vollste Aufmerksamkeit beanspruchen. wird — und auch sollte. Es ist bis zum Ueberdruß ausgesprochen worden, daß und weshalb der Unterricht an ä f f e n t - lichen Schulen so wenig leistet, auch bei dem besten Lehrer. Und darum sollten wir hier eher an Abbau denken als an Ausbau, dafür aber an einen großzügigen Neuaufbau des Religionsschulwesens. Und mit Kulturliberalismus hat das insofern zu tun, als ich in der Tat meine: die Sicherung des liberal-jüdischen Gedankens muß von unten auf beginnen! Es darf nicht so weitergehen, daß Kinder liberaler Eltern plan- und wahllos von anders gesinnten Lehrern unterrichtet werden. Selbstverständlich soll jede andere Richtung sür sich dasselbe fordern, imselbstverständlich handelt es sich nicht um die Behandlung von Parteifragen mit kleinen Kindern. Aber worum es sich handelt, ist die selbstverständliche Sicherung unserer Zukunft, die aber durch nichtliberale Lehrer so wenig gewährleistet werden kann wie die der orthodoxen durch liberale. Darum zunächst einmal: R e I i g i o n s s ch u l e n für jede Richtung, einheitlich organisiert nach Lehrern. Schülern. Büchern. — Dann aber v o l l a u s g e b a u t e Schulen, in denen jeder Tag Unterrichtstag ist. zunächst der Nachmittag, dann aber auch der Vormittag, soweit man an den Unterricht der Kleinen denkt. Die Fülle der Stunden aber, die nun zu Gebote steht, soll keineswegs zu einer Ueberbürdung führen, sondern zur Möglichkeit, die ReligionssÄule umzuwandeln in Stätten jüdischen Gemeinschaftslebens für unsere Kinder. Nur vier Tage sollen dem Unterricht dienen, ein 5. Tag aber gemeinschastlicken Gottesdiensten — in unserem Sinn — und ein 6. und 7. dem „Heim"-Leben. wie es jetzt in der Fugend üblich ist. Auch hier möchte ich sagen: durch Formen zu Ideen! Je liebenswerter wir den Kindern die Religionsschule machen, je mehr persönliche Bande wir um Schule und Kind knüpfen, desto weniger wird es sich vor dem „Opfer" des Nachmittagsunterrichts scheuen— soweit nicht überhaupt bei einer vollen Religionsschule die Vormittagsstunden der öffentlichen benutzt werden können. Und zur Verminderung der Scheu wird es vor allem auch beitragen, wenn wir Ku llur - liberal ismus in Methoden und Stoffe hineintragen, wenn wir den Unterricht in weitestem Umfange zum L e b e n su n 1 e r r i ch t machen, der mit der Lebensgemeinschaft, in die auch die Eltern einzubeziehen wären. ein Ganzes bilden müßte. Auf Einzelheiten kann ich hier nicht eingehen. sich beziehe mich außerdem auf frühere — schristliche und mündliche — Darlegungen. — Ein drittes Tätigkeitsgebiet aber möchte ich dem Kulturliberalismus in der Begründung eines liberal-religiösen Kulturfonds zuweisen. der dem Aufbau des' jüdischen Deutschland im allgenteinen, und des liberalen im besonderen zu dienen hätte. Dem Aufbau Palästinas soll der Aufbau Deutschlands — nicht gegenüber, aber an die Seite gestellt werden! Religiöser, sozialer. geistiger Aufbau ist es. der uns vorschwebt, nicht zuletzt, als Arbeit der Jugend! Für die Organisation dieses Hilfswerkes mag man sich ruhig die Zionistischen Maßnahmen zum Muster nehmen. So schaffen wir denn für uns eine jüdische Kultur, d. h. ein religiöses Werk, durchtränkt von deutschem und jüdischem Geist, ein Sinnbild unseres Kultair liberal l i s m u s! — Nur wenn die liberale Bewegung in diesem oder ähnlichem! Sinne zu großzügigen Taten übergeht,,wirdM^stchLesi Erfolges vom 1..Februar würdig erweisen,.-h' fladj den Wahlen. Bon Dr. M. Lipschitz, Berlin. Seit vielen Fahren hat mal wieder eine jüdische Wahl Berlin stattgefunden. Während es sich bei früheren Wahlen inu mer um die Sitze der Nepräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin handelte, galt es am 1. Februar 1925, die Vertreter zum Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen zu wählen. Glücklicherweise ist es zum Wahlgang gekom- Gisela Wer bezirk, welche die Heldin gab, ist eine große, große Menschendarstellerin. Personifizierte Herzensgute mit der lachenden Träne im Wappen! Wie schlicht, wie natürlich, wie herzgewinnend spielte diese Frau die arme enttäuschte Gattin und Mutter, 3ch schäme mich nicht, zu gestehen, daß selbst m i r abgehärtetem und blasiertem Theaterbesucher bei dieser Kunst die Äugen feucht wurden! — Auch die beiden alten vollsaftigen jüdischen Eharaklergestalten der Herren Schreker und Strehlen waren von fabelhaster Echtheit und bezwingender Komik. Den Namen Strehlen wird man sich jetzt merken müssen! Herr Natkin, der mit der höchst undankbaren und schwierigen Rolle des Exkammersäugers gut fertig wurde, vaßte sich dem ausgezeichneten Ensemble gut an, blieb lebenswahr und spielte nicht, wie seinerzeit die Herrschaften bei Rosa Allschul, „das Land der Herrnselds mit der Seele suchend". — Früher glaubten viele, daß derartige jüdische Stücke Antisemitismus-erregenö wirken müßten. Das ist wohl nicht der Fall. 3n Wirklichkeit wird eine Stufe jüdischer Kultur geschildert, die der Vergangenheit angehört. Diese Typen aus der guten alten Zeit sterben aus! Leider! Die Welt wird dadurch ärmer. — Wir sollten und könnten von diesen unfern ehrwürdigen, oft auch mit Recht bespöttelten Vorfahren noch mancherlei lernen! Um ihre Aeußerlichkelten ist es wahrlich nicht schade.^Daß aber mit ihnen auch das „warme jüdische Herz" und das innige Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie mit dahinschwindet, ist eben das traurige! Der große Beifall des Publikums war ehrlich, echt und wohlverdient. Weit bedeutender als die „Frau Lohengrin", mit diesem Stück gar nicht in einem Atemzuge zu nennen, ist die Tragi- Komödie des Berliner jüdischen Rechtsanwalts Hans Josef Rehfisch: „Wer weint um 3udtenadt?", die in voriger Woche von der Volksbühne in ganz vortrefflicher Darstellung zur Aufführung gebracht wurde. Das Stück ist während der letzten Zeit in neun deutschen Städten gespielt worden; daß es erst jetzt zu uns kommt, ist nur ein neuer Beweis, daß Berlin in Tyeaterdinaen nicht mehr führend ist. Eine im Judentum am meisten berührte Frage, und zugleich eins der allgemeinsten und tiefsten Ddenischheltsprobleme wird in diesem Werk gestreift, die Frage nach dem Sinn des Daseins und der Liebe, die dem Sein erst Inhalt, Ziel und Zweck gibt. Wir kennen die uralte Frage aus dem Alten und Reuen Testament: in der Bibel werden über sie Worte gesprochen, die ohne an Tonkraft und Wirksamkeit einzubüßen, durch die Jahrtausende klingen . . . „und hätte der Liebe nicht!" . . . Hier ist der Kernpunkt der glühenden Erlösungssehnsucht, die sich wie ein goldener Faden durch die gesamte geistige Geschichte des Judentums zieht. Don den Tagen des Prophetentums an, über die mittelalteriich-chassidische Mystik hinweg bis zu unserer Zeit, in der die ödealgestalt eines Agalhon Geyer erdichtet wurde. Wie klagt schon Heine in seinem Sonett an die Mutter?:. .„ W- > .Zch wollte gehn die ganze Welt zu Ende,? / And wollte sehn, ob ich die Liebe fände, y - . Am liebevoll die Liebe zu umfassen. — ,S 7;"v ■’ Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, Vor jeder Türe streckt' ich aus die Hände And bettelte um g'ringe Liebesspende. — Doch lachend bot man mir nur kaltes Hassen." Der brave ouckenack, ein einsamer Hagestolz ohne Familie und Freunde hat 30 Aahre lang im öustizdrenst fleißig und sparsam gearbeitet. Eine schwere Attacke seines Herzteidons läßt ihn alle Qualen eines Scheintodes erdulden. An der Schwelle zum Grabe aber hört er wie die Posaunen des jüngsten Gerichts die Donnerstimme Gottes, die ihm das Eingehen in die Seligkeit verweigert: ,Duckenack, wer weint um dich? Wer hat dich aus Erden geliäbt?" öuckenack kehrt noch einmal ins Leben zurück, den baldigen Tod vor Augen, die große Schwermut: „Keine Mesie wird man lesen, keinen Kaddosch wird man sagen" im Herzen. Er will nicht unbeweint und ohne Mitleid ins Grab sinken, und „mit Gewall" will er den Rest seines Lebens dazu verwenden, um sich Liebe zu erwerben. Ein krankhafter Wohltütigkeitswahn befällt ihn. Allein er wendet — wie ein reiner Tor — all seine Güte falsch an. Man betrügt, hintergeht und mißversteht ihn auf jede Weise, und der herzensfrohe 'Andank eines jungen Verorecherpärchens, für dessen Glücksbegründung er sein Letztes dahingab, belehrt ihn, daß Liebe säen zwar billig, aber Liebe ernten eins der seltensten und schwersten Dinge auf der Welt ist! Er stirbt verzweifelnd im Wahnsinn. — Aus der 3dce des Stückes hätte Großes werden können, aber Rehfisch hat sie nur mangelhaft durchgesührt. Sein öuckenack ist ein krankhafter Einzelsall geblieben. 3ns allgemein Mens6)> liche und Typische ist er nicht gesteigert. Warum ist denn — nur nebenbei bemerkt — der gutsituierte Beamte 3ahrzehnte lang Hagestolz geblieben? ' Mit welchem Recht beklagt er sich nun, da es zu spätest, über die Liebesleere und Einsamkeit seines Daseins? Hat er nicht lauge genug selbst wie ein Egoist gehandelt? And flucht nun dem versteinerten Eigennutz der Welt?! 3a, wenn dieser enttäuschle 3dea!!ft wie Tollcrs Hinkcmann vom Geschick getroffen wäre, so daß seine ^''bgeschlosscnheit entschuldbar und nalurnotwendig sein müßte! Dann wäre die Tragik vollkommen! — Trotzdem hat die Grundidee von Rehsischs Tragikomödie einen großen Zug und greift ans Herz. „. . . Tarnen est laudanda volutilas1'. Die Aufführung am Bülowplatz unter Piskakors Regie war so gut, daß man sie als einen Festtag in der Geschichte der Volksbühne bezeichnen kann. George mit seiner heiseren, gebrochenen Stimme und mit seinen visionär blickenden Augen, denen man anmerkte, büß sie etwas Furchtbares gesehen hatten, erschütterte bis ins 3nnerste. And die schlanke Gerda Müller als dirnenhaftes Dienstmädchen war von bewundernswerter Lcbenswahrheit und Naturtreue. Vortrefflich auch Fröhlich als junger Schieber. Aebel war nur — das Publikum, das zum großen Teil die bohrende Schwermut des Werkes nicht verstand und bei allen passenden und unpassenden Stellen lärmend la6)te. Es waren anscheinend nur Wenige im Theater, die merkten, daß es sich hier letzten Endes um das Schwerste in jedem einzelnen Menschenleben handelte. Dr. Ludwig Davidjohn - Berlin.