Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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müsirri; wir tnL§K gern beides als Viersch-iedenariiges' empfi nd enF .Wer zu unserem Wesen gchört beides. Wir wissen gut, daß bas notwendig zu Konflikten führt; wir ßnL nicht so glücklich einfältig wie die Völker um uns her. Aber das ist nicht unsere Schuld, und an diesem deartsch-jüdischen Schicksal vermag kein Zionismus etwas zu ändern. Wir glauben, daß es gesünder und naturgemäßer ist, diese Gedoppettheit in Wahrhaftigkeit zu leben, als eine Seite unseres Wesens gewaltsam zu unterdrücken; wir machen diese Einseitigkeit nicht mit, die uns zu halben Menschen machen will! Nur in jener Zweieircheit sind wir ganz, und trotz aller Konflikte gehört sie doch so zu unserem Wesen, daß wir sie nicht nur für uns selber hinnehmen, sondern daß wir sie Kindern und Kindeskindern Nachlassen wollen. Denn darin sehen wir zugleich unsere Aufgabe als Glied der Zudenheit der Welt, daß wir freudig hier leben und wirken, wo wir eingesetzt flnd. Mir glauben, daß es uns nicht beschieden .ist, in weltlicher Zeit einen eigenen Staat zu bauen. Aber gleich wie der Stamm Levi dadurch geadelt war, daß er ohne festen Sitz im ganzen Lande seinen Dienst hatte, so haben auch wir unfern Äenst unter den Völkern, den wir nicht in voreiliger Selbstbefriedigung aufgeben dürfen oder auch nur aufgeben könnten. Denn täten wir das, versuchten wir es, unser Dasein mit Heeresmacht und mit Kraft zu festigen, uns im Staate fichtbare Form zu geben, so würden wir, so widersinnig es zu Klingen scheint, rasch und spurlos verschwinden, wie ja auch die anderen Völker der Antike verschwunden sind, soweit ihr Leben staaAches Leben war. _ Liberalismus und Religion. Von Hans Adolf Margolius. Liberalismus und Religion scheinen auf einen ersten Blick hin notwendige Gegensätze zu sein. Religion bedeutet Verehrung, Anterwerfung, Bindung. Liberalisnms bedeutet Unabhängigkeit, letzten Endes Freiheit in höchster Potenz. Und Liberalismus und Religion sind tatsächlich Gegensätze, wenn wir Freiheit in ihrem nur allzu üblichen Sinne begreifen und tätigen, wenn liberales Judentum uns nichts anderes ist als Judentum, das sich frei fühlt von überliefertem Wunderglauben, von uralt hergebrachten Lebenssitten, von traditionsbestimmten Formen des Gottesdienstes. Aber es gibt einen zweiten und anderen Sinn des Freiheitsbegriffs. Nietzsche hat wohl zuerst darauf hingewiesen, daß neben und über der Frage „wovon' die Frage „wofür" zu stehen hat, daß neben und übewM-er „Freiheit von etwas", die Idee einer „Freiheit für etwas"Hdn prinzipieller Bedeutung für das menschliche Leben ist. Region und Liberalismus können zu einer wirklichen Einheit nur wWden, wenn Liberalismus den Sinn einer Freiheit f ü r etwas gewinnt. Wir haben ein Beispiel für die Betätigung des fruchtlos negativen Begriffes der Freiheit im religiösen Leben in manchen Erscheinungen des modernen Judentums, deren „liberales" 'Fühlen im Grunde nur Gleichgültigkeit und religiöse Indifferenz bezeichnet. Wir haben ein Beispiel sür die Betätigung des fruchtbaren positiven Begriffes der Freiheit in der Gestalt des Reformators Martin Luther. Aus seiner Tat mag uns bewußt werden, daß Liberalismus in seinem besseren Sinne sich nicht in Einschränkung und Ablehnung von Altem erschöpfen darf, sondern erst in der Schaffung eines Reuen seine letzte Rechtfertigung, seine tiefste Weihe empfängt. I n diesem Reuen selbst allerdings wird unser Weg heute prinzipiell verschieden sein von der Tat des christlichen 'Reformators int 15. Jahrhundert. Zwei Grundmotivr sind es, die zunächst einander entgegengesetzt, im religiösen Fühlen des modernen Menschen nach Syn- Hese verlangen. ' Wir empfinden in uns den Glauben an ein ewiges göttliches Leben, in dessen Einheit die Mannigfaltigkeit allen Geschehens .sicher gegründet, von dessen Allheit unser endliches Dasein seinen üb-erendlichen Sinn zu empfangen sä) ei nt. Aber wie wir nach Worten, Namen und Begriffen suchen, dieses göttliche Sein uns selbst begreiflich zu machen, finden wir uns im Aspekt der geschichtlichen Welt einer fast endlosen Mannigfaltigkeit von Worten und Namen, von religiösen Formen. Begriffen und Dogmen gegenüber. An diesem Punkte scheiden sich die Wege. Aeber der Fülle der Namen und Formen zerbricht sür den einen das Sin verpfuschtes Leben? Heiteres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers. Von Artur Schweriner- Berlin, (2. Fortsetzung.) V. Freiherr v. G. in einer kleinen Dorfvevsammlung. Thema: Agrarische Zollpolitik. Die Liberalen weisen in der Aussprache auf die Belastung der Massen durch Lebensmittelzölle hin. Da zahlreiche Ziegler anwesend sind, mache ich ihnen klar, daß sie, die in der Zicglersaison hauptsächlich auf Bohnensuppe und amerikanischen S p e ck angewiesen sind, den Zoll auf ausländischen Speck am „eigenen Leide" mehr als andere Konsumenten spüren. Freiherr o. G.: „Ich kann — äh! — meine Verwunderung nicht unterdrücken, das; der — äh! — jüdische Herr sich besonders für eine Frage zu interessieren scheint, die ihm — äh! — nach seiner Abstammung — äh! — doch durchaus fern liegen müßte." 3d): „Dann darf ich den Herrn Baron als meinen Glaubensgenossen begrüßen. Wenn jeder ein Jude ist, der noch keinen amerikanischen Speck gegessen hat, dann sind — äh! — Herr Baron a u ch ein Jude . \ . Die Ziegler lachten, die Bauern schmunzelten. Der Herr Baron entzog mir „wegen frechen Gebarens" das Wort. VI. X. Y., 21. 12. 1911. Sehr geehrter Herr! An wir an d:r Anschlagsäule gelesen haben, daß Sie morgen Abend bei uns sprechen, bitten wir Sie, nach dem Vortrag zu uns zu kommen und bei uns zu übernachten. Bitte aber unauffällig hintenrum von der Wiese her, weil wir wegen der Bauern vorsichtig sein müssen." Jrn Auftrag der Eltern Ihr W. E. Eine schlecht besuchte Versammlung. Kurz vor Weihnachten fehlt aus religiösen, häuslichen und geschäftlichen Gründen das Interesse am Wahlkampf. Ich war früh fertig und frei für die Einladung. Bald war ich mitten in einer E h a n n ck a - G es e 11 s ch a f t. Yariatio deleetat. Wahlkampsstürme — Ehanuckafrendcn. Die jüdischen oberen Zwanzig des Ortes bereits in ausgelassener Stimmung. Geschäftsleute, Händler, der Prediger, ein Zahnarzt, gut erzogene Jugend. Vor allem viel Gastfreundschaft, viel Gemüt . . . Man sprach gerade darüber, ob ein Jude am Freitag abend in eine politische Versammlung gehen kann. „Was meinen" Sie?", fragte der Prediger, sich an mich wendend. „Ein frommer Jude kann Bedenken haben. Daß Sie n j ch t d a ,w a r e n , i st e i n S k a n d a l! " Gefühl des Gläubens sähst. Der ändere unfertbirff fldfrTi n e r Form und einem Dogma mit jener ungebrochenen Kraft des Naiven, der nur den Gottesnamen s-elnes Stammes als den „wahren", der mir die Formen feines Volkes als die „richtigen" Formen des Dienstes anerkennt. Das aber ist ein Weg vergangener Zeiten, der uns heute nicht mehr gangbar ist. Wenn wir wahrhaft frei unseren innersten Impulsen trauen, fühlen wir in allen Forme-n aller Religionen, die wir wissen, ein Abbild des Mahren, ein Symbol unseres Glaubens, ein Bild des ewig-reinen göttlichen Wesens. Das anMerkennen und es freudig zu bejahen, scheint mir wesentlichste Aufgabe des religiösen Liberalismus. Es kann sich für uns heut nicht mehr darum handeln, dem ewigen Gefühl in uns einen neuen Namen zu geben, ein neues Dogma zu schaffen. Es gilt vielmehr ein „Dogma" der Dogmenlostgkeit, besser: der „All-Dogmatik": die Anerkennung jeder religiösen Form als Wahrheit und als Bild des göttlichen Lebens. „Was wir täglich in der Liebe zu anderen Menschen erleben, daß sie Wesen für sich und mit eigenem Mahstab sind, das müssen wir auch in der Liebe zur Menschheit erleben können . . . Dos göttliche Loben ist in unserer irdischen Erfahrung nicht ein Eines, sondern ein Vieles. Das Eine im Vielen zu ahnen, das ist das Wesen der Liebe." (Ernst Troeltsch.) Liebe einem Ganzen der Menschheit gegenüber heißt Toleranz. Toleranz in diesem Sinne erscheint mir als einzig wahrhafte Synthese des rwig-religiösen Argefühls mit dem Wissen um eine Vielheit religiöser Formen, die unser Leben in unserer Zeit bedingt. In dem Begriff der Toleranz liegt ein Element der Askese, der Gedanke vom Opfer des einzelnen für ein höheres Allgemeines. So sagt uns religiöse Toleranz als Letztes das Gebot von der Ueber Windung des Judentums, von der Aeberwindung jeder einzelnen Religion. Das heißt nicht Vernichtung und ist in keinem Sinne äußerlich zu verstehen. Es ist zu verstehen wie Nietzsches Wort: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß. — Ich lehre euch den Acchermenschen." In solcher Ueberwindung liegt nicht ein greifbar nahes Ziel, sondern allein ein Leitprinz'ip unseres Wollens. Es ist falsch und kleinlich, wieder und wieder zu sagen: „Wir müssen Juden sein". Wir sind Juden oder sind es nicht durch Geburt und Tradition. Wir müssen mehr als Juden sein. Wir müssen nicht ,/ein jüdisches Heim", sondern ein gotterfülltes Haus für uns zu schaffen suchen. Aber ich glaube, daß gerade der Jude vor allen anderen religiösen Gemeinden eines so gedachten Liberalismus fähig sein dürste. Er hat in der Geschichte seiner Gemeinschaft ein Beispiel und Symbol eines solchen Verhaltens. In den Tagen, da das Ende Jeruschulajims sich erfüllte, stand Rabbi Jochanan ben Sakkai, durch eine List aus den Toren der belagerten Stadt entkommen, vor dem Feldherrnsih des Vespasian. Und von ihm um einen Wunsch befragt, so erzählt die Geschichte, bat Rabbi Jochanan ben Sakkai nicht um den Frieden für Palästina, nicht um Erhaltung der Stadt, nicht um Schonung des heiligen Tempels. Sein Wunsch war aber: „Laß mich in 3 a b n e eine Schule gründen!" Damals zerstörte der Römer den heiligen Tempel. Für die Lehre des Judentums aber begann ein neues und weiteres Leben. Es gilt, bereit zu sein auf den Tag, da auch die Mauern der Dogmen stürzen können, und reif zu werden, auch über ihren Trümmern und ohne das letzte schützende Haus, den Geist der Lehre lebendig zu halten. Denn nicht darauf kommt es an. daß Gott in uns und d-urch uns ist, sondern darauf, daß Gott in uns ist, i n uns, über uns und über allen Völkern der Erde. Wiener Brief. Ein Tag der Hakenkreuzler. In der vergangenen Woche gab es auf der Wiener Ringstraße einen kriegerischen Aufmarsch. Die Hakenkreuzler feierten in und vor der Universität den Jahrestag der Bismarckschen Reichsgründung. Die deutschvölkifchen Studenten kamen in vollem Wichs, die antisemitischen „Frontkämpfer", die sich offenbar nur dazu dem Leben erhalten haben, um ihre auf dem Schlachtfeld gefallenen jüdischen Kameraden der Drückebergerei und des Vaterlandverrats zeihen zu können, in Parade-Ausrüstung und mit einer Musikkapelle, die der christlich-soziale Heeresministcr „Sind wir nicht fromm?" wie aus einem Munde. Und der alle Ros-enthal fügt ärgerlich hinzu: „Da hört sich doch die Gemütlichkeit auf! Menu Sie wollten, daß wir kommen, hätten Sie nicht ausgerechnet am Schabbes-Chanucka hier sprechen sollen!" „Der Antisemitismus m a ch t vor d e m S ch a b b e s keinen Halt!" „Sehr richtig!" sekundierle der Zahnarzt, der „Herr Doktor": dieMakkabäer haben auch a m S a b b a t g c k ä m p s 1." Die Hausfrau reicht sorgfältig gegliederte Apfelsinensckelben. Der Lehrer, ein blutjunges Kerlchen, der vor einein halben Jahr daS Lehrerseminar verlassen hat, hebt an und alles schweigt. „Ich möchte einen Unterschied machen in materieller und ideeller Hinsicht. In anderer Hinsicht außerdem in moralischer und elbischer Beziehung. Kampf ist ein relativer Begriff. Kampf kann moralisch und i:n»wrailsch, kann ideeller und materieller Natur sein. Neige ict) mich auf die linke Seite . . Der alle Eick.borg nimmt ein Weinglas und witzelt haibiaui: „Alan neigt fick auf die linke Seite und trink! das erste Glas" steht in der H a g a d a h. Alles lachl. Der Lehrer bedeutsam: „^leigt man sich auf die linke Seite unserer religiösen ©ememschas! und sieht man in einem Eabbai-Goilesdienst nur eine schöne Orgelvorstellung, dann kann man zugunsten einer pelltischen Vorstellung verzichten. (Mit Betonung) Zuerst wahrer Gottesdienst, dann parteipolitischer Dienst am Volke!" Der Zahnarzt: „Gestatten Sie mir eine Frage: Haben Sic heule abev.d Mußen gehabt?" Verlegenes Schweigen. „Na also! Ihr belügt euch selbst! Fromm — bis aus die Unbequemlichkeit, auch bei 5 Grad Kälte ins Gotteshaus zu gehen. Ihr macht cuch euren eigenen Kodex. Euren Lehrer möchtet ihr euch am liebsten aus Ostgalizien holen; euer Gottesdienst darf keine Konzession an das moderne religiöse Leben cnlhalien. Die Jugend wird dem Gotteshaus entfremdet. Alles nach dem alten Ritus wie vor!k) Jahren! Ich bin religiösliberal, aber ein besserer Jude als ihr!" wettert der Zahnarzt. „Lieber Doktor, ein Trefes-Esser pn sros kann uns keine Moralpredigt halten!" wirft der alte Rosenthal bissig ein. WaS kann ich dafür, wen» die Geschäftsleute vor Weihnachten nicht abkömmlich sind? Hen.le waren wir zu acht! Bei Rathair Hecht war gerade Kundschaft und bei Simon Gerson wurde eine Kuh melk!" ,,'n c. schöne Eha nttck ab eba tt e" wirft Frau Ida E o h n gekränkt ein. „Unser Gottesdienst gefällt Auswärtigen sehr 'gut. Wir nörgeln nur immer. So 'ne Trauung wie vorgestern bei Silberbachs, sagte Herr Goldmann aus Oelde, hätte er in der Synagoge in Bielefeld noch nicht gesehen!" „Bielefeld! Wenn ich nach Bielefeld komme, sage ich immer: „Chasack, chasack wcnischasck!" da hört nämlich die Taure auf!" frevelt Herr Rosenthal zu allgemeiner Begeisterung. Durch eine Frage der zwanzigjährigen, rangenhaften Emmy Silberbach an den Lehrer wirb der religiöse Streit beendet. r"-»"Tr""qr " ' '.yr -w — > - »77 - ^—iihm*" wr v -- * tm Hinblick auf den „unpolitischen" Charakter der Feier beigestellt hatte. Das martialische Schauspiel fand einen grotesken Rahmen in einer starken Kette von Schutzleuten, die die tapfere Schar teutonischer Helden vor unliebsamen Zwischenfällen bewahren mußten. Während so die Polizei damit beschäftigt war. die Hakenkreuzler vor der Bevölkerung zu schützen, versäumte sie leider ihre viel dringendere Aufgabe, die Bevölkerung vor den Hakenkreuzlern zu schützen. So konnte es geschehen, daß zur selben Stunde, zu der in der Aula die christlich-germanischen Tugenden voll Pathos gepriesen und die Rotwendigkeit, die arische Jugend vor der Verseuchung durch die jüdische Blut- und Geldgier zu retten, in stammenden Reden verkündet wurde, auf dem nahen Karlsplatz eine Geldinkassantin von einem Mitglied der Mittelschülerverbindung „Eheruskla" erstochen und beraubt wurde. Das junge Mädchen hatte dem schmucken Jüngling Sympaihie entgegengebracht und der wehrhafte Verfechter des germanischen Idealismus war durch diese Neigung einer arglosen Frauensecle zu dem teuflischen Anschlag auf das Leben der ihm Vertrauenden angeregt worden, von dem er sich reiche Beule versprach und den er sorgfältig vorbereitete und mit entsetzlicher Brutalität ausführte. Die allgemeine Teilnahme wandte sich dem Vater des Mörders zu, einem geachteten Grazer Mitlelschulprofessor, der beteuert, für die Erziehung seines Sohnes die größten materiellen Opfer gebracht zu haben und an der Entartung des Mißratenen unschuldig zu sein. Man darf dem Schwergeprüften aufs Wort glauben. Ist er aber trotzdem von jeder Schuld freizusprechen? Gibt nicht vielleicht gerade die Erziehung, die deutsche Mittelschulprofessoren ihren Söhnen und Zöglingen angedeihen lassen, die beste Aufklärung für die paradoxe Tatsache, daß gerade die intellektuell gepflegteste Schicht der deutschen Jugend einer erschreckenden Verrohung anheimgefallen ist? Die Herren Jugendbildner sind znm größten Teil stramm national gesinnt und auch in der schwachen großdeutschen Parlamentsfraktion durch die Person des Professors Dr. Viktor Zeidler vertreten. Dieser würdige Repräsentant deutscher Jugend- und Volkserziehungskunst veröffentlichte just in der Woche, in die der eingangs besprochene Hakenkrvnzlertag mit den tönenden Phrasen und der noch viel beredteren Mordtat fiel, in dem Innsbrucker deutschvölkischen Wochenblättchen einen Leitartikel mit dem Titel: „Jüdische Zerstörung". Dieser charakteristische Erguß germanischen Pädagogengeisies enthält folgenden Passus: „Wir höben erst vor kurzem anläßlich der sogenannten Disziplinaruntersnchung mehrerer Lehrkräfte des Wiener akademischen Gymnasiums Gelegenheit gehabt, den jüdischen Zerstörer am Werke zu sehen. Von der unter jüdischem Einfluß stehenden Disziplinarkommission selbst als hervorragend tüchtig anerkannte Lehrer wurden, weil sie jüdische Frechheit nicht bis zur Ausopferung Hinnahmen und in mildester FowL jüdischer. Schulrevoiution enigegentralen, vor der Oeffentlichkmt verhöhnt, und znm warnenden Beispiel bestraft. In der Begründung^ jenes sonderbaren Disziplinarerkenntnisses wird die ungeheuer-' Ache Behauptung ausgestellt, die Lehrer wären verpflichtet gewesen, auf die klar zutage tretende jüdische Eigenart eines Schülers Rücksicht zu nehmen. Damit wird verlangt, daß an allen unseren Schulen, die die Ehre haben, von Juden besucht zu werden, der Unterricht in jüdischem Geiste geleitet werde." Die „jüdische Schulrevolution", von der hier die Rede ist, bestand in dem Protest eines jüdischen Abiturienten gegen die Taktlosigkeit eines Turnlehrers, der mit dem Hakenkreuz geschmückt zum Unterricht kam. Der Gymnasiast wurde für diese, „Frechheit" mit Karzer und im weiteren Verlauf seines so ent-' standenen Konflikts mit dem Professorenkollegium durch Relegation bestraft und hat in Erkenntnis der Tragweite dieser Maßregelung, dir Abgeordneter Zeidler „die mildeste (!) Form der Abwehr jüdischer Schulrevolution" nennt, Selbstmord began-- gen. Dadurch hat dieser Fall in der Oeffentlichkeit lebhafteres' Echo gefunden als die zweifellos unzähligen gleichartigen, die dos Studium der jüdischen Jugend zu einem heldenhaft ertragenen Martyrium gestalten. Der unter soMldemokratischem (nicht „jüdischem", wie Herr Zeidler fälscht) Vorsitz stehende Stadtschulrat' mußte unter dem Drucke der öffentlichen Meinung zur Affäre des jugendlichen Selbstmörders Stellung nehmen, fand, daß der, Anglückliche das Opfer seines verletzten Ehrgefühls gewesen war,, als' er gegen das Hakenkreuz des Turnlehrers Stellung nahm, und kam zu der Erkenntnis, daß die JugendbÄdivr, die eine, „Sagen Sie doch bitte, Herr Lehrer, von wannen kam' Ihnen Ihre Wissenschaft in Ihrer Traureüe? Sie sind doch nicht viel älter als ich, und Sie sprachen mit einer Arteilskraft über die Freuden der Ehe, die durch Sachkenntnis eigentlich nicht hätte getrübt sein dürfen! (Mit Pathos nachahmend): E i n Pa a r Li p p e n, m i t d e n e n man s ich aü5-: sprechen kann: eine Brust, an der man sich aus* wein e n k a n n!" . . . Alles scheint vor Entsetzen gelähmt. Da einer zuerst die Sprache wieder finden muß, weise ich, mit einem Blick ans die junge hagere Frau B^u m e n t h a l, darauf hiil, daß solche schnn'iürenden Beiworte in Traupredigten ni6)ts Angemöhniiches sind. Eine Trau rede ohne einen gewiss e n S ch w ung in der Linienführung sei zu ll ü ch t e r il. And alles erzählt von Trauung und Hochzeit. Der liberale Zahnarzt spottet über die unkultivierten Hochzeitsfesilichkeiten in orthodoxen Synagogen. Er wäre einmal zur Hoä)- zeit eines Bekannten in eii'.cr kleinen G e nr e i n d e a n der Wasserkante gewesen. Die Synagoge hätte einem H e erlag e r geglichen. Nren'.and auf seinenr Platze: Kinder von 2 bis Jahren, Greise, die ganze .Kille mit Kind und Kegel in buntem Durcheinander aus den B e! p u l t e n sitzend, unter den Oleanderbäuinen hockend, in flüssigster Anterhaltung wädreud der Traurede. Bald sei ein Blumentopf dumpf, bald ein kletterndes Kind schreiend zur E r d e g e f a ll e n. „Anwürdig, meine Herrschaften, unwürdig in unserem Zeitalter!" schloß der Zahnarzt. Automatisch setzt die R o s e n! h a l s ch c Gegendemonstration ein. „Mein Richtchen — sowas BeÄcinles finden Sie in ganz Deutschland nicht mehr — hat vor sechs 'Wochen in Berlin geheiratet. Eine große Partie: „Samnelsohn Söhne, Metalle m jrros." Der Manu von meinem Richtchen ist der ganze Macher. Sein Bruder, der in der Firma mit drin ist, ein großer Schlcmihi — hat gar nichts zu sagen, hat absolut nichts zu sagen. — I ch wollte partout nicht 311 der H 0 ch z e i t. Ich weiß nicht, was die Leute so nach Berlin zieht. Ich bin froh, wenn ich es nicht zu sehen brauche. Aber mein Richtchen hat geschrieben und geschrieben: Wenn du. Onkelchcn, nicht kommst, werde ick nicht' glücklich. Unter uns gesagt, 5000 Mark habe ich dazu gegeben. A l s 0 , ich bin 'g e f a h r e n." „Stärken Sie sich, meine Herrschaften," unterbricht die Hausfrau. „Stückchen Torte gefällig? Vergessen wir über dem Erzählen nicht das Naschen." „Wenn Rosenthal im Zuge ist, hört er nicht so leicht auf," meint FrauEichberg. „Er ist doch schon a u s g e st : e g e n!" stellt der Z a h n a r z t fest und ha! mit diesem Wortwitz besonders Beifall bei den Frauen, die „glanzend!" „großartig!" rufen. „Also," fährt Rosenthal fort, „wie ich vor dem Lützowteinpel in Berlin aus meiner Droschke aussteige, kriege ich von dem Scham es eine Blech marke. Drauf steht die Zahl 7. Sag ich zu Ihm: Was ist das schon wieder sür eine moderne Einrichtung? Der Onkel Rosenthal