Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5. Jahrgang Nummer X 1. Beilage ' 13. Jevruar 1925 ZiMschlibkraleZeilmig bhbcbbb Politik und Charakter im Judentum. Von Dr. Julius Woyüa. Es ist oft versucht worden, Politik und Charakter miteinander in Verbindung zu setzen. Ha! das auch von Bismarck zitierte Wort des Begründers einer großen Tageszeitung: „Die Politik verdirbt 5ea Charakter" nicht zuletzt Lurch sein eigenes Blatt scheinbar manche Bestätigung erfahren, ist es zur fast unantastvaren Anschauung mancher allzu Lequemen und auch der Vielen geworden, die Parteihetze des Tages anwiderte, so hat man es doch keineswegs immer kritiklos hingenommen. Biel mehr ist von anderer, nichtjüdischer Seite mit Entschiedenheit der Grundsatz verfochten worden, daß nicht dir Politik den Charakter, wohl aber schlechte Charaktere die Politik verderben. Es kommt eben hier wie immer darauf an, von welchem Standpunkte ans der Betrachter sein Gebiet überblickt. Wird unter Politik nichts anderes verstanden als die Kunst, eigene Tagesinteressen möglichst geschickt vor der Bolksgesamtheit zu vertreten und durchzusetzen, so ist Engherzigkeit, Rücksichtslosigkeit und manche andere nicht gerade Charakter beweisende Eigenschaft ihr Erzeugnis oder erführt zumindest lebhafte Förderung durch sie. Politik als Vertretung der Tagesinteressen, Politik als Kunst des Möglichen, wie sie auch so gern definiert wird, verdirbt den Charakter und muh ihn verderben, wenn nicht die große Linie gemeinsamen Handelns, sondern kurzsichtiger Eigennutz, nicht das Erstrebenswerte, sondern das Mögliche politisches Wirken bestimmt. Soll also Politik etwa weltvergessene Schwärmerei, ein Tummelplatz naiver Utopisten fein? Rach jüdischer Auffassung gewiß nicht, Wirklichkeitssinn war stets Wefensbestandteil der Juden und des Judentums. Rie aber, auch nicht in den Zeiten, wo Alliagssorgen wohl den Blick für das große Ganze hätten trüben können, haben die Juden das Wirken für die Zukunft, die Arbeit an der Verwirklichung des Messiasglaubens als Nebensächlichkeit behandelt. Israels Panier wurde nicht mit dem Blutrausch der Kreuzzüge, mit dem Säbel Mohammeds weitergetragen, sondern mit Charakterstärke und Geisteskraft. Die Mittel, mit denen es wellergetragen würbe, mußten bei aller Einheit des Willens verschiedenartiges Aussehen gewinnen, die Träger des Paniers wechselten, selbst blieb es aber stets das gleiche. Ewige Ziele müssen dem Politiker vor Augen stehen, Ewigkeitswerte sein Handeln bestimmen. In diesem Sinne ist Politik das Bestreben, ideale Ziele, Forderungen an die Ewigkeit Schritt für Schritt im täglichen Leben zu erfüllen oder doch wenigstens ihrer Erfüllung näher zu kommen. And so ist Politik allerdings die Kunst des Möglichen: nicht die Richtung weist das Mögliche, nicht das Ziel gibt cs an, wohl aber die Begrenzung, die zum erfolgreichen Handeln — auch für die Zukunft — Voraussetzung ist. Erbittertes Ringen mit dem Ewigen im täglichen Leben der Volks-, mehr noch der Menschengemeinschaft, Arbeit in dem Bestreben, Gottes Werk nicht zu verunreinigen, Menschenwerk zu vervollkommnen, ist Politik, wie das Judentum sie ausfaßt. Das Spiel diplomatischer Mächte und parlamentarischer Volksvertretungen, Staats-, Mrtschafts-, äußere und innere Politik find nichts weiter als verschiedene Fronten des einheitlichen großen Ringens. Verweyen, der große Goethe- und Menschenkenner, hat jüngst einmal ausgesprochen, daß dreierlei Momente die Lebenskunst des Einzelmenschen auSmachen: das Prinzip des Sachlichem, dir Erkenntnis des Wvsenhaften und die Bejahung des Notwendigen. Politik ist die Lebenskunst von Menschengesamtheiten. Ihre Voraussetzungen bilden nach jüdischer Auffassung, wenn man sich an Verweyens Worte anlehnen will, die Erkenntnis der Wissenschaften und die Tat des Notwendigen im Rahmen des Möglichen. Diese Politik hat freilich nichts mit Geheimdiplomatie, mit Intrigantentum und Ranküne zu tun. Ihre Grundforderung ist Charakterfestigkeit. Wer nicht ehrlich und starken Willens mitbauen will an Gegenwart und Zukunft, verdirbt zwar nicht die Politik — Gott läßt sein Werk nicht von Gernegroßen und Charakterlosen zerstören — sondern er kann überhaupt nicht politisch tätig sein, weil er die freie Willensbestimmung des Menschen nicht im Sinne des göttlichen Schöpfers ausnuht. Es ist einer der größten Werte jüdischen Schrifttums, daß immer wieder beton! wird, wie alle Mittel der Tagespolitik, Gerissenheit, Kurzsichtigkeit, Selbstüberhebung zum Verderben, Politik auf weite Sicht aber im Sinne Gottes, und das heißt ja zugleich im Sinne des höchsten ethischen Prinzips, zum Erfolge führt. Die antisemitische Presse der Gegenwart bemüht sich, durch ständig wiederholte Veröffentlichung der Schwindelprotokolle der angeblichen Weisen von Zion darzustellen, daß die jüdische Politik geheimnisvolle Ziele anstrebe und alles das, was wir gegenwärtig unter Charakter zu verstehen gewohnt sind, als brauchbares Mittel zum Dummenfang und als weiter nichts zu betrachten pflege. Die Gegenwart hat diesen Schwindel entlarvt. Aber es gah jüdische Politiker im erhabensten und edelsten Sinne des viel mißbrauchten Wortes: in einer Reihe, in der Linie der charaktervollen Politiker, die oum die, aber über den Tag hinauswirken, stehen Moses, die Propheten und die jüdischen Getstesfürsten' der spanischen Politik im Mittelalter. Nicht alle gleich groß, aber alle von der gleichen Grundarischauung zum politischen Handeln gezwungen. Man betrachte einmal einen der Größten unter ihnen: Jesaja. O, gäbe es viele Politiker seines Formats, mit seiner Einsicht und seinem Weitblick, mit idealem Schwung und unermüdlichem Wirken. Sein König pendelt in der Weltgeschichte herum ohne Zielbewußtsein, ohne die Erkenntnis des Wesenhaften, such! überall Anlehnung und findet sie auch, um — zum Spielball aller zu werd-en. Jesaja hat die klare Linie erkannt. Tagespolitik kann nur erfolgreich sein, wenn sie von dem Willen geleitet wird, Bausteine für die Ewigkeit herbeizuschleppen. Das Prinzip des ewig Guten, der Wille Gottes, ist bei Jesaja maßgebend für jede Entscheidung der Tagespolitik. Wie der Heide Seneca aus menschlicher Erfahrung die Worte ausspricht: „Nicht was am gewöhnlichsten geschehe, sondern was am besten getan sei, sotten wir fragen", denkt und handelt auch Jesaja aus tiefster religiöser Auffassung heraus. Brodt neun! es: Diesseitsschassen im Bewußtsein des Jenseits. Märtyrer hat es überall gegeben. Sie litten und starben für ihre Sache. Jesaja aber will nicht sterben, sondern leben, wirken für Gott, Politik machen. „And er ging nackt und barfuß", heißt es kurz in der Bibel, und predigte 3 Jahre lang dem einfachen Volke von seiner Politik. Das Werk ist alles, — aber der Zweck heiligt nicht die Mittel. Wie ein Wort unserer Zeit, allerdings auch eins von denen, die nicht beachtet werden, mutet es an. wenn Jesaja den Prassern und Tageshelden, denen ihre vielgestaltigen Interessen wichtiger sind als das eine große Lebensinteresse, glücklich zu sein, gleich im Anfang zuruft: „Aber Israel erkennt mich nicht, mein Volk will nicht zur Einsicht kommen." Einsicht aber erfordert Handeln, erfolgreiches Handeln des Charakters. Wer sich dagegen stemmt, kann vorübergehend triumphieren, aber er siegt nicht. Politik und Charakter im Judentum? Ein Zeitungsartikel kann nicht Probleme lösen: nur zum Nachdenken kann und soll er anregen. Man lese Bibel und Talmud, Prophetie und Bericht, die Linie ist einheitlich und klar. Wird sie verlassen, gleich ob im „Lande der Verheißung" oder im Exil, aus hösem Willen oder Schwäche, so ist die Katastrophe da. And die Gegenwart? Nein, wir brauchen wirklich keine „Weisen von Zion". Wir können sie nid>f einmal gebrauchen: sonst sind wir mindestens geistig keine Juden mehr. Mit Rassefanatikern soll hier nicht gestritten werden. Wer die Juden für räuberische (und wäre es „nur" das!) Mombutlus hält, werde von eigener Lächerlichkeit gerichtet. Das Ideal der Ideale, Ursprung der Menschen und Ziel ihres Schaffens ist dem Juden Gott. Es gibt keine deutlichere Bezeichnung jüdischer Auffassung von Politik und Charakter als die in unserem täglichen Gebete: ,F)u sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft. L'cboll l’wowcho iti’wcholl nafscJhciho u'wcholl m'audecho! Ein Beitrag zum Problem -es Deutschjudentums. Bon Ernst Loewenthal-Frankfurt a. M. Die folgenden Zellen werden erst nach den Wahlen gelesen werden. Aber ihr Verfasser ist im Gegensatz zu der Agitation der Parteien, die. sich vielfach nur auf den Wahlkampf konzentriert, der Meinung, daß in allen öffentlichen Dingen Stimmen und Wählern zwar von großer Wirkung ist, aber als Leistung und Aeußerung persönlicher Verantwortlichkeit nur von untergeordnetem Werte gegenüber sonstiger öffentlicher Tätigkeit. Darum wird hier der Versuch unternommen, aus dem Wahlkampf heraus etwas zu sagen, was Über ihn hinaus Geltung haben sott. Der Zionismus, von dem im folgenden die Rede ist, ist nicht der Zionismus einzelner hervorragender Menschen, sondern die gewaltige, parteimäßig oder beinahe staatsmäßig organisierte Massenbewegung, die sich unter den Juden als allgemeinjüdische Cache durchsetzen will, die um ihre politische Anerkennung unter den Völkern ringt und die ein freies jüdisches Land und einen souveränen Staat der Juden als Zentrum der Iudenheit der Welt zu erkämpfen trachtet. Wohl wissen wir, daß gerade der Zionismus eine große Zahl selbständiger Geister umfaßt, die ganz andere Ideen haben als die Partei, und die billig beanspruchen dürfen, daß man sich mit ihnen gesondert auseinandersetzt: dieser Aussatz verfolgt andere Zwecke. Hier sott es unternommen werden, einiges Grundsätzliche zu den Problemen zu sagen, die der politisch wirksame Zionismus für uns deutsche Juden aufwirft. Viele Liberalen und euch manche Orthodoxen suchen ihre Position gegenüber dem Zionismus dadurch zu stärken, daß sie die jüdische Gemeinschaft für eine bloße Religionsgemeinschaft erklären und das Fortbestehen volksartiger Bindungen von irgendwelchem verpflichtenden Werte leugnen. Wer Liesen Standpunkt einnimmt, wer sich also (konsequenterweise) von seinen christlichen Mitbürgern nicht anders unterschieden fühlt als deutsche Protestanten und Katholiken unter sich, befindet sich persönlich in einer gewissen unangreifbaren Lage: er fühlt sich im sichern Besitze seines Judentums, wie er es versteht und vermeidet doch die schmerzlichen Widersprüche, in die alle anderen sich verstricken. Aber inürm er sich auf diese geistige Siegfriedstellung zurückzieht, überläßt er alle die dem Zionismus, denen Judentum noch irgend etwas mehr ist als eine bloß konfessionelle Angelegenheit. And wer wäre das nicht? Wer hätte noch nie durch ein übermütiges Wort seine Andersartigkeit gegenüber den nichtjüdischen Deutschen bekannt? Wer hätte noch nie sich vor der Rotwcndigkeit gesehen, über die besonderen Fähigkeiten und Ansässigkeiten, Eigenschaften, Reaktionsweisen der Juden nachzusinnen, wem wären noch nie Gedanken gekommen über jüdische Zusammengehörigkeit oder Richtzusammengehörigkeit, über Funktionen, Leistungen, Auswirkungen oder gar Zukunstsaufgaben des Judentums in der Weltgeschichte? Rein! Wir wollen — wir Jungen wenigstens — den Kampf ins offene Gelände vorlragen! Wir wollen den Zionisten ein gutes Stück entgegeng-ehen und die Entscheidung ohne die Deckung einer bloß konfessionellen Auffassung des Judentums an der Stelle suchen, wo sie wirklich fallen muß und wo wirklich unser Gegensatz zu den Zionisten liegt: nicht bei den Anschauungen über tatsächliche.Verhältnisse wie Art und Natur des Judentums, sondern bei den Folgerungen, die wir aus den Tatsachen ziehen. Auch wir wollen es freudig anerkennen, daß uns das Judentum viel zu reich und heute wie jemals früher viel zu lebend ist. als daß es uns nur Religions- und Morallehre sein könnte. Aber es bedeutet einfach einen Geöankensprung, einen „geistigen Kurzschluß", wenn man daraus schon den Zionismus folgert und fordert.' Zionisten können wir aus zweierlei Gründen nicht sein, negativen und positiven, jüdischen und — sagen wir es getrost: deulschen. Negativ wirkt unsere Auffassung von jüdischer Geschichte und Aufgabe. Der Zionismus denkt für unser Empfinden unpolitisch, unhistorisch und in geradezu primitiver Weise unpsychologisch. Sieht er wirklich nicht, daß ein jüdischer Staat nur ein trauriges Abbild der traurigen europäischen Staaten sein würde, daß er nie als Nachfolger des alten Israel, sondern nur als Zeitgenosse des heutigen Europa würde gelten können? Oder was will er sich angesichts des Hineingleitens des politischen, Zionismus in das schlüpfrige Retz der modernen Diplomatie; noch versprechen? Israel hat nur dadurch gelebt, daß es unter! jeder Slaatsform Theokratie war, auch später nach Zer-! schlagung des weltlichen Staates bis zur Emanzipation. Wolltenj wir heute ein weltliches Reich errichten gleich den Völkern um. uns her — und daß das der politische Zionismus will, zeigen seine Mittel und die geplanten Institutionen —, dann wäre es mit der Sendung Israels, an die wir glauben, vorbei. Der Zionis^ mus ist bereit, das Wesen und den Eckstein des Judentums preise zugeben, oder er weiß nicht, wie sehr er selber es durch seine! politischen Erneuerungspläne bedroht. So erweist gerade er stchl als das gefährliche Assimilationsprodukt, das aus Mischern ©taff! int Abendland entstanden ist: denn der Gedanke des Rational^ staates ist ja Erzeugnis abendländischen Geistes. ) Als Zweites kommt hinzu, daß man die zwei Jahr-, tausende der Diaspora aus -er Geschichte imö darum« aus dem Bilde des Judentums nicht streichen kann. Es ist Will-' kür, über eine lange, ereignisreiche Epoche, der man wahrhaftes i Leben gewiß nicht absprechen kann, plötzlich zurückzugreisen und , in der Zeit vor der Diaspora mit der Geschichte des jüdischen i Volkes fortfahren zu wollen. Mit Recht ist es gesagt worden^, „Die weltgeschichtliche Aufgabe unserer Generation braucht nicht! einzusetzen, darf nicht einmal einsetzen an dem Punkte, wo das' jüdische Volk sein Land verloren hat, sondern an dem Punkte, wo es dem Judentum untreu geworden ist." An diesem Punkte^ d. i. am Beginn des Indifferentismus hat in der Tat heute die j jüdisch-liberale Arbeit, ja jede jüdische Aufbauarbeit einzusehen. Anpsychologisch und primitiv aber denkt der Zionismus, weil er der komplizierten seelischen Lage der europäischen Juden! bei weitem nicht gerecht wird. Mag es unter den östlichen Juden manche geben, denen man die Bindung an ihr Wohnland völlig, ausgetrieben hat, die ganz nur Juden sein können: mag es viele geben, denen deutscher Geist nur eine Bildungsfrage ist wie uns j Hellas und der Hmnanismus: uns ist Deutschland Heimat■ und Vaterland. « And hier fließt mit den negativen Gründen der positive zuj sammen: wir sind nicht schlechtweg Juden, wir sind eben so! sehr Deutsche. Das soll nicht gerade bedeuten, daß Deutsch-« tum und Judentum in allem auf gleicher Ebene liegen und daher im Wege des Kompromisses oder der Synthese ausgeglichen werden * ° (e i [ u ft ty ATE HER. BAJRON 0-^-0 % eipzi^erStrasseXZ 4^^ Oranienstrasse16J > X.