Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 6 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Der Jude. Von Ella van Cleef. Wenn wir ganz nach innen horchen, Hören wir es rauschen—unser jüdisches Blut. üeheimeRinnsale rieseln sickernd aus feinsten Fäserchen Tiefgründiger Quellen, weit zuriickreichend In den Ursprung der Zeiten — unser köstliches Thoragut. Wenn^ wir das Ohr ans Herz der Welt legen, Hören wir heraussclilageu einen glühenden Gott. Aus jüdischen Urti'efcn steigt sein Atem zu Weltgeschichte auf; Sein Puls durchädert die ganze Erde, Von der Schöpfung an weitverzweigt durch des wandernden Juden Thoragebot. Und wenn wir wie Sporen von seinem Hauch verweht, Tragen wir weiter des Weltalls ersten Urgrund. Überall sprießen die Keime der Aussaat Gottes, Nicht mehr durch Welt nur, das Daseinswunder- Durch das kleine Volk der Thora verherrlicht sich göttlicher Mund. _ f Zwei Helmatsucher. Erzählung von Meta Opet-Fuß, Breslau. (3. Fortsetzung.) „Das Gewitter ist noch fern,“ bemerkte Ernst gleichmütig. „Doch cs kommt näher," fügte Alfred hinzu und schob sich näher an den Eingang der Höhle heran. Verhaltene Freude bebte in seiner Stimme, und je rascher Blitz auf Blitz einander folgten, je gewaltiger der Donner grollte, um so lauter jubelte Alfred auf zur größten Verwunderung des Freundes. „Ich muß hinaus,' machte sich der Knabe Luft, gerade, als das Gewitter am ärgsten tobte, doch mit festem Griff riß ihn Emst zurück. „Das wäre fast Dein sicherer Tod," sagte er unwillig zu dem Knaben. „Wie leicht könntest Du \om Blitze getroffen werden, wenn Du unter den Bäumen umher kriechst. Das Gewitter ist Dir wohl ein wenig zu Kopfe gestiegen?“ „Möglich,“ erwiderte Alfred. „Wenn wir aber schon längere Zeit bekannt wären, so würdest Du wissen, daß mich närrischen Jungen jedes Gewitter in die hellste Begeisterung versetzt. Aufjubeln möchte ich, dem Donner, dem Blitz entgegen. Die Erinnerung an alles Große und Gewaltige, was sich jemals ereignet, wird in inir lebendig beim Tosen des Gewitters, und meine eigenen jklejrjCQ KÜMmeriti.ss^ )peijie.,jSe|is}l%aug-?n, erscheineil mir dann so nichtig, daß ich sie belächeln kann.“ „Thors ’Hammer hat also seine Wirkung nicht verfehlt,“ scherzte Emst. Alfred sah ihn an, als ob er aus einem glückseligen Traume zur nüchternen Wirklichkeit erwache, und zwang mühsam ein Lächeln auf seine Lippen, doch bald wurde er wieder ernst und bückte finster vor sich hin. „Warum erinnerst Du mich an das, was heute vorgefallen?“ begann er. „Ich wollte so gern ein wenig daran vergessen. Bisher war ich nirgends lieber als in der Schule, fühlte mich nie wohler als unter meinen Klassengenossen, aber morgen, wie wird es wohl morgen sein? Wenn ich in die Klasse trete, werden sie mich von der Seite ansehen, und lachen werden sie alle über mich, lachen!" Ein Tränenstrom schoß jäh aus seinen Augen, und Ernst hatte Mühe, den Knaben zu beruhigen. Um ihn von seinem Kummer abzuienken, brachte er das Gespräch darauf, wie man den Heimweg bewerkstelligen könnte, und er forderte Alfred auf, mit ihm zusammen aus der Höhle zu kriechen, um ein wenig Umschau zu halten. Es regnete aber noch immer sehr stark, und als die Freunde ein paar Schritte bergab wagten, erwies sich der Boden als so schlüpfrig, daß man schleunigst umkehren mußte, um wieder in der Höhle Zuflucht zu nehmen. - „Ich fürchte, daß wir hier übernachten müssen," erklärte Ernst. „Du sichst ja selbst, daß die Wege völlig aufgeweicht sind, auch der starke Regen dürfte noch geraume Zeit au dauern, überdies wird es bald so finster sein, daß jede Orientierung in dieser Wildnis unmöglich ist.“ „Unmöglich? Ich muß ja zurück!“, rief Alfred leidenschaftlich aus. „Meine arme Mutter würde sich sonst zu Tode ängstigen.“ „Du siehst doch, daß es nicht geht. Deine Mutter wird sich wohl denken, daß Du vom Gewitter überrascht worden bist und irgendwo Zuflucht suchen mußtest. Der Versuch, jetzt heimzukehren, wäre fast einem Selbstmord gleichbedeutend. Wenn Du Deine Mutter lieb hast, mußt Du sogar hierbleiben. Schnell wird sic den Kummer einer Nacht vergessen, nimmer aber würde sis über den Schmerz hinwegkommen, Dich ganz verloren zu haben.“ Es dauerte lange, bis es Ernst dahin brachte, daß Alfred von seinem Vorhaben abstand, und die beiden versuchten nun, sich in ihrer Felsenhöhle so wohnlich wie möglich einzurichten. Der Rucksack von Ernst diente beiden als Kopfkissen, und während der Aeltere noch allerlei Späße aus der Schule erzählte, tun Alfred von seinen trüben Gedanken ab'- zulcnkcn, war Alfred, ermüdet von der langen Wanderung und all den Aufregungen, sanft auf seinem harten Lager cingcschlafen. Unzählige Bächlein, vom befruchtenden 'Regen geboren, sprudelten hervor aus den verborgenen Löchern und Ritzen der Felsen* und Berge, sprangen jubelnd zu Tal, froh ihres jungen Lebens, mul sangen dem Schlummernden ihr gleichförmiges Wiegenlied. Ernst aber vermochte nicht zu schlafen, das Murmeln der Wasser erregte ihn. Seine glühenden Augen suchten das Dunkel der Nacht zu durchdringen, seine Gedanken wanderten sehnsüchtig in die Ferne, und flüsternd kam cs von seinen Lippen: „An den Wassern Babels saßen wir und weinten." Dann lächelte er. „Sonderbare Ideenverbindung." murmelte er vor sich hin, und sein Blick fiel auf den Schlafenden. Mit Wohlgefallen, fast zärtlich, betrachtete er sein hübsches, etwas bleiches Gesicht. Allein es fiel ihm auf, daß sein Atem unruhig ging. Behutsam faßte er nach seiner Hand, sie war eiskalt, und Alfred-hatte doch einen Mantel an wie er selbst. Der arme Junge mag wenig Blut haben, dachte er, und legte, schnell entschlossen, seinen Ueberrock ab, um ihn auch noch über den Schlummernden zu breiten. Um seine eigene Gesundheit machte sich Ernst keine "Sorgen. Er hatte niemanden, dem er nahe stand, niemanden, der ihn sehr betrauern würde. Ueberdies war er robust und daher gewiß, nicht so leicht krank zu werden. Alfred aber schien zart zu sein, und — er hatte eine Mutter, die ihn liebte. So grübelte Ernst die ganze Nacht hindurch, ohne zu schlafen. Es war ihm, als ob er über den Freund wachen müßte. Nachdem der Regen um die dritte Morgenstunde herum endlich aufgehört hatte, ging er vor der Höhle auf und nieder, und diese Bewegung hielt ihn einigermaßen warm, bis die ersten Strahlen der Morgensonne ihre belebende Wirkung auf ihn ausübten. Oefters trat er zu Alfred und erfaßte seine Hand in cler Hoffnung, daß sich der Knabe ein wenig erwärmt haben würde, doch der warme Mantel, dessen sich Ernst so opferwillig entledigt, schien auf Alfred keine erwärmende Wirkung ausgeübt zu haben. Deshalb entschloß sich jener mit schwerem Herzen, den Knaben zu wecken. Alfreds Glieder waren von der Kälte, und nicht zuletzt durch die unbequeme Lagerung, ganz starr geworden, und es dauerte eine geraume Zeit, bis er mit der Hilfe von Ernst aus der Höhle herauskriechen konnte. Als er nun im ersten Lichte des Tages vor Ernst stand, konnte dieser kaum sein Erschrecken verbergen, denn wachsbleich war das Gesicht des Knaben, und er wankte wie ein Trunkener. „O Gott, wie siehst Du aus, Du bist krank!", rief'Ernst’-besorgt aus und faßte Alfred unter dem Arm" um "ihn zu stützen. „Schon in der Nacht waren Deine Hände kalt wie Eis, weshalb ich Dich mit meinem Mantel zudeckte. Leider half es nichts." „Du Guter, ich danke Dir,“ erwiderte Alfred bewegt, „das hättest Du lieber nicht tun sollen, es ist doch nicht nötig, daß auch Du noch krank wirst." „Du fühlst Dich also tatsächlich krank?“ fragte Ernst mit stärkerer Besorgnis, und als Alfred die Antwort schuldig blieb, brach er rnit kräftigem Arm einen starken Zweig von einem Baume und reichte ihn dem Freunde, damit er sich mit dem linken Arme darauf stütze, während er Alfreds rechten Arm in den scinigcrt schob, lim ihn getreulich heimwärts zu führen. Schweigend wanderten die beiden Freunde bergab auf holprigen, ungebahnten Pfaden durch den dunklen Wald, der nur selten durch kleine sonnenüberglänzte Lichtungen unterbrochen wurde. Unter anderen Umständen wäre den beiden jugendlichen Kameraden eine solche Wanderung in der würzigen Morgenluft sehr reizvoll erschienen. Doch Alfred war körperlich und seelisch in einem Zustande, der keinen Frohsinn auf körn men ließ, und Ernst litt mit ihm, denn er hatte den zarten Knaben in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft recht lieb gewonnen. Endlich kamen si: auf einen ordentlichen Weg, von wo aus man in der Ferne schon die Türme der Stadt sehen konnte. „Jetzt weiß ich genau, wo wir uns befinden. In einer reichlichen Stunde können wir in der Stadt sein,“ rief Ernst erfreut aus. „Gott sei Dank,“ murmelte Alfred mit matter Stimme, und mit dem letzten Rest seiner schwachen Kräfte schleppte cf sich vorwärts, gestützt von dem starken Freunde. Da ertönte der Ruf einer menschlichen Stimme an das Ohr der verwundert und zugleich erfreut Lauschenden. „War das nicht mein Name?“, fragte Alfred, als der Ruf ein zweites Mal erklang, und Ernst nickte bestätigend. „Sie suchen Dich vielleicht schon,“ fügte er hinzu. In diesem Augenblick tauchte eine schlanke Knabengcstalt vor ihnen auf, und Ernst fühlte, wie der Freund in seinem Arme leise erbebte. „Es ist der Junge, welcher den Thor gespielt hatte,“ flüsterte er Ernst zu, „er hat mich also gesucht, einer wenigstens.“ Ein glückliches Lächeln spielte um seine Lippen. Dann wurde es plötzlich Nacht vor seinen Augen, er verlor das Bewußtsein und wäre hingestürzt, wenn ihn nicht Ernst mit starkem Arme, so lange gehalten hätte, bis Thor, nsmawÄ Casino > Das vornehme 4wr: Teeprogramm. Das große Kabarett — Geschw. Severus - Katta L) Stanp Wera Merott Ballett Gudrun Hildebrandt Conferencier Victor Burg Kapelle Minari Exquisite u> atme Küche Efegante Bar / Prisma* Casino Vornehmste Tanz » Bar Bertins Dienstags, Donnerstags, Sonnabends, Sonntags i Geseifscßafts Tanz der mit seinem bürgerlichen Namen Wilhelm Müller hieß, ihm zu Hilfe eilen konnte. Wortlos tat Wilhelm Müller also, wie ihm von Ernst befohlen wurde. Er sah sehr zerknirscht aus, und es schien Ernst, als ob der Junge, der etwa ein Jahr jünger sein mochte als Alfred, gern durch eine Aussprache sein Herz erleichtert hätte, aber dazu war jetzt keine Zeit, es galt zu überlegen, wie der Ohnmächtige heimzubringen war. Kurz entschlossen forderte Ernst den Knaben auf, nach der Stadt zurückzukehren, um dort eine Droschke zu besorgen, während er selbst bei dem Kranken bleiben wollte. Während sich Wilhelm anschickte, auch dieser Weisung Folge zu leisten, wurde Pferdegetrappel vernehmbar, und bald darauf konnte man in einiger Entfernung einen Bauernwagen erkennen- Ernst ging dem Gefährt entgegen, und da es die Stadt zum Ziele hatte, wie der Besitzer erklärte,; so konnte er ihn durch ein Trinkgeld bewegen, seinen Schützling aufzunehmen. Vorsichtig wurde Mer. Ohnmächtige aufgehoben, und so weich wie möglich' in den Wagen gebettet. Ernst ging mit Wilhelm Müller hinter dem Wagen her. Beide schwiegen. Ernst vermochte es nicht über sich zu gewinnen, als erster das Wort zu ergreifen, denn seine Seele war von Zorn erfüllt gegen die Klassengenossen Alfreds, zu denen ja auch dieser Junge gehörte. Alfred schien schwerkrank zu sein, und seine Klassengenossen hatten dies verschuldet. Endlich konnte der Jüngere dieses eisige Schweigen nicht länger ertragen. „Sie werden sich gewundert haben, mich plötzlich hier zu sehen,“ begann er, ohne daß ihn Ernst bat, ihn mit Du anzureden, wie er dies am Tage vorher von Alfred gefordert hatte. „Ich bin nämlich ein Mitschüler von Alfred und ebenso wie meine Schulkameraden nicht ganz schuldlos daran, daß Alfred gestern nicht nach Hause zurückkehrte." „Ich weiß alles,“ unterbrach ihn Ernst unmutig. „Du kannst ruhig eingestehen, daß Ihr die einzige Schuld daran tragt, daß der arme Junge nun bewußtlos auf dem Wagen dort vorn liegt, aber daß Du hier bist, offenbar, um Dein Unrecht wieder gut zu machen, das spricht für Dich, oder kamst Du etwa nur zufällig hierher?“ „Ich bin nur Alfreds wegen gekommen,“ beteuerte der Gefragte. „Glauben Sie wirklich, daß er nur deswegen krank geworden ist, weil er sich gestern so sehr über uns ärgerte?“ „Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß cs," sagte Ernst und beschleunigte seine Schritte, um nach Alfred zu sehen. Der bückte gerade mit müden, verwunderten Augen um sich. „Gott sei Dank, daß Du erwacht bist," rief Ernst erfreut aus. „Deine Ohnmacht hat mir große Sorge bereitet.“ „Ohnmächtig war ich?“, gab Alfred nachdenklich zurück. „Das ist wohl möglich. — — Aber ganz zuletzt muß etwas geschehen sein, was mich sehr glücklich machte.“ Ernst winkte seinen Begleiter heran, so daß Alfred ihn sehen konnte. „War cs dies?“', fragte Ernst, indem er auf Alfreds Schulkameraden deutete. „Ja, das war es,“ rief Alfred erfreut aus und streckte Wilhelm seine Hand entgegen. Der reichte sie ihm ergriffen, und eine geraume Zeit ging er so neben dem Wagen her, Hand in Hand mit dem liegenden Alfred, bis dieser die Augen schloß und endlich einzuschlafen schien. Erst dann zog er behutsam seine Rechte aus Alfreds Hand. „Wir sind allesamt dumme Kinder,“ begann er mit etwas unsicherer Stimme, während er sich wieder zu Ernst gesellte. „Was wir verbrochen haben»