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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 12

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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scheinen Sie ja zu wissen, es war clocli nicht gar so schlimm. Warum hat das Alfred nur so ernst genommen? Und die Juden werden doch überall ein bißchen verspottet, daran müßten sie doch eigentlich schon gewöhnt sein. Wir haben uns wirklich nichts Böses dabei gedacht.“ Ein Blick aus den dunklen Augen des Jünglings traf den Knaben, ein Blick voll, geheimen Leides und stummer Vorwürfe, der ihm Schweigen gebot. „Wenn es Dir nicht so schlimm erscheint, daß. Ihr Alfred beleidigt habt, weshalb bi d Du da in der Morgenfrühe hierhergekommen, zu einer Zeit, wo Deine Kameraden noch behaglich in ihren Betten liegen,“ fragte er. „Ich mußte kommen, die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen,“ stotterte der Gefragte. „Sehen Sic, Alfred war von uns aus nicht nach Hause gegangen, sondern noch tiefer in den Wald hinein gerannt. Die anderen beruhigten mich damit, daß ersieh auf einem Umweg nach Hause begeben haben w ürde, um nicht bei uns vorbei zu kommen, ich aber hatte keine rechte Ruhe mehr, und als wir unterwegs an einem Kruzifix vorüber gingen, wurde mir ganz eigen zumute. Ich mußte immer wieder daran denken, daß Jesus, der doch ein Jude gewesen, und der aus Liebe zu allen Menschen am Kreuze gestorben war, gewiß niemanden gekränkt hatte, und es war mir, als ob er mir befehle, zurück zu gehen, um Alfred zu suchen. Weil cs aber finster wurde, und dann das Gewitter losbrach, ging ich mit den anderen nach der Stadt zurück, doch daheim vermochte ich nicht zu schlafen, wie ich Ihnen schon sagte. In aller Frühe schlich ich mich aus der Schlafkammer, aus dem Hause, und eilte zu Alfred, der in unserer Nähe allein mit seiner Mutter eine Wohnung zu ebener Erde bewohnt. Es fiel mir auf, daß die Vorhänge im Schlafzimmer nicht vorgezogen waren, ich glaubte sogar zu erkennen, daß die Betten im Hintergründe des Zimmers unberührt waren. Da das Haus noch verschlossen war, faßte ich mir ein Herz und klopfte an das Fenster. Niemand meldete sich, aber aus einer benachbarten Wohnung steckte eine Frau den Kopf zum Fenster heraus und sagte mir, daß Alfreds Mutter noch während des Gewitters fortgegangen sei, um ihren Sohn zu suchen, und daß sie die Absicht geäußert, falls sie ihn nicht fände, zu unserem Klassenlehrer zu gehen. Da rannte ich nach Hause zurück, teilte meinen Eltern mit, daß ich Alfred suchen wolle, und so kam ich hierher. Ich bin ja so froh, daß wir ihn nun gefunden haben. Allerdings wird inzwischen Alfreds Mutter bei unserem Klassenlehrer gewesen sein,, und wir werden eine große Strafe bekommen.“ „Glaubst Du, daß Ihr unter dieser Strafe mehr leiden .werdet,, als heute Nacht Alfreds arme Mutter gelitten hat und auch zu dieser Stünde noch leidet durch die Angst um ihren Sohn,“ bemerkte Ernst. Wilhelm senkte den blonden Kopf. „Das kann ich nicht ändern, aber gutmachen will ich,“ sagte er leise. „Wenn es noch etwas gutzumachen gibt,“ erwiderte Ernst mit einem sorgenvollen Blick nach dem Wagen. Den Rest des Weges legten sie fast schweigend zurück. Jeder war ganz und gar mit seinen Gedanken beschäftigt. Nur einmal nach langer Pause fragte Wilhelm den Aclteren eindringlich. „Glauben Sie denn wirklich, daß cs so ernst um ihn steht?“ „Ich bin kein 'Arzt,“ erwiderte der Gefragte mit finsterer Miene, worauf der Knabe fast feierlich beteuerte: „Wenn er aber wieder gesund wird, so will ich ihm zuliebe tun, was ich kann, und ihn vor den anderen stets in Schütz nehmen, ich bin ja stark.“ Ernst erwiderte nichts, aber mit einem herzlichen Druck reichte er ihm die Hand. Mehrere Tage lag Alfred in hohem Fieber, ohne seine Umgebung zu erkennen. Die Mutter wachte getreulich von früh bis abends an seinem Bette und ließ sich nur ungern des Nachts von einer Pflegerin ablösen. Nach Aussage des Arztes war die Krankheit nicht allein auf die Erkältung zurückzuführen, die sich Alfred durch das Uebernachten in der feuchtkalten Höhle zugezogen hatte, sondern auch die schwere seelische Erschütterung, der die zarten Nerven des Knaben nicht gewachsen waren, mochte ihren Teil dazu beigetragen haben. Ernst Barnberger erkundigte sich täglich nach seinem Befinden. Auch Wilhelm Müller kam häufig, während sich die übrigen Schulkameraden nicht blicken ließen. Es war nämlich so gekommen, wie Wilhelm befürchtet hatte. Alfreds Mutter war in ihrer Besorgnis schon in früher Morgenstunde zu dein Klassenlehrer gegangen. Dieser konnte ihr zwar keine Auskunft geben, aber er jiahm sich ihrer hilfreich an und begleitete sie schließlich nach vielen gemeinsamen vergeblichen Wegen nach ihrem Heim zurück, wo er gerade noch sah, wie der Schwerkranke nach Hause gebracht wurde. Auf diese Weise kamen natürlich aüch die Vorgänge des Unglückstages zu seiner Kenntnis. Ueber die ganze Klasse wurde von dem Direktor im Einverständnis mit dem Klassenlehrer eine Stunde Arrest verhängt. Nur Wilhelm Müller ging frei aus, weil er alles getan hatte, was er konnte, um sein Unrecht wieder gut zu machen. Die Knaben waren ergrimmt, weil sie des „Judenhengeis“ wegen noch bestraft wurden, und keiner von ihnen empfand Reue darüber, seine schwere Erkrankung mit verschuldet zu haben. Wilhelm Müller aber, der weiter zu Alfred hielt, hatte nun auch unter mancher Gehässigkeit zu leiden. Allein der starke Junge hatte keinen zu fürchten. Gleichmütig nahm er es hin, daß die Knaben ihn mieden, und oft konnte man ihn jetzt in der Gesellschaft von Ernst Bamberger sehen, dessen etwas verschlossenes, dabei wildes uncl abenteuerliches Wesen ihn gewaltig anzog. Am häufigsten trafen die beiden in Alfreds Wohnung zusammen, doch lange dauerte cs, bis sie Alfred sehen durften. Immer wieder wurden sie nur im Nebenzimmer von Alfreds Mutter empfangen. Schlank und graziös, schwebenden Schrittes, kam sic den Freunden stets entgegen, und ohne das schon leicht ergraute Haar, zu dem die großen, dunklen Augen einen starken Gegensatz bildeten, hätte man sie für ein junges MaUchferi halten können. Der Jüngling und der Knabe empfanden eine stille Bewunderung für diese Frau, ohne daß sie jemals darüber sprachen. Vor allem aber fühlte sich Ernst Bambergcr von ihrer Erscheinung, noch mehr aber von ihrem Wesen angezogen. Sie liebte ihr Kind, dessen war er gewiß, denn sonst hätte sie nicht die ganze Nacht hindurch verzweifelt nach Alfred gesucht, sonst wäre ihr Antlitz nicht wachsbleich gewesen, als sic ihn endlich in schwerkrankem Zustande wiedergefunden. Warum aber weinte, warum klagte sic niemals, obwohl sich bisher keinerlei Besserung im Befinden ihres Sohnes zeigte, obwohl er noch" immer in schweren Fieberträumen darüber jammerte, daß er keine Heimat mehr habe. Es reizte den Jüngling, das Rätsel dieser Frauenseele zu ergründen, und bei einem seiner nächsten Besuche, als Wilhelm ausnahmsweise nicht anwesend war, und er wieder das stille Leuchten in den großen, etwas müde blickenden Augen der blassen Frau gewahrte, faßte sich Ernst ein Herz und fragte sie, wieso sie lächeln könne, während doch ihr Sohn noch immer sehr krank daniederlicgc. Sie schwieg eine Weile, doch das Lächeln auf ihren Lippen blieb. Da wurde Ernst ungeduldig. „Und wenn er nun stirbt, werden Sic auch dann noch lächeln?“, fragte er in seiner Erregung, um es gleich hernach zu bereuen, daß er diese Möglichkeit der Mutter gegenüber überhaupt in Erwägung gezogen hatte. Auch diese Aeußerung brachte die seltsame Frau nicht aus ihrem Gleichgewicht, aber sie gab dem Harrenden endlich eine Antwort „Er wird nicht sterben,“ sagte sie, noch immer lächelnd. „Die Krankheit wird vorübergehen, und dann wird er gesund werden.“ Felsenfeste Zuversicht sprach aus ihren Worten. Dann forderte sic den Staunenden durch eine Handbewegung auf, Platz zu nehmen, während sie selbst sich in einem mit rotem Samt ausgcpolstertcm Sessel niederließ. Ernst machte die Beobachtung, daß die dunkelrote Farbe des Sessels die Schönheit des bleichen, regelmäßigen Gesichts noch mehr hervortreten ließ, aber auch den Leidenszug um den feinen Mund, während sie mit ihrer tiefen, wohllautenden Stimme also zu sprechen begann. „Es erscheint mir sonderbar, daß ich zu einem jungen Manne von Dingen sprechen soll, die nur einem Weibe, einer Mutter, verständlich sein können. Sie aber rührten an etwas, was mir undenkbar erscheint, den Verlust meines Kindes, darum sollen Sic hören, warum mich dies unmöglich dünkt. (Schluß folgt.) ' Werbt neue Leser! MBWMWBMBMBBBBBBBBBHBEBBBBBBäfflM Geschäftliche Mitteilungen. Am iS. Februar, abends S Uhr. findet im »Meister-Saal'^, KScheuer Liraßc 58 ein Jitziialion- * Abend nori Artur Zander statt. 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Der Torstand s?. Synagogen-Gemeinde. Zugunsten der Landhoi rkassc der Kameraden dcutschjüdiseher Wanderbund O G. Berlin spricht von der HugSstSLl für die KUliSV» am Fötoimair 1TLS. SÜSKDÜL £ Uhe* GemeifiidesaoG, Vasssnensärg TL-SV- Aufruf! Der Mangel an gut vorgebildeten Lehrern der hebräischen Sprache macht sich in immer steigendem Maße bemerkbar. Die hebräischen Sprachschulen, die in mehreren großen Städten Deutschlands bereits existieren, leiden besonders unter dem Mangel an methodisch und sachlich geschulten Lehrkräften für den Anfangsunterricht. Die Einrichtung weiterer solcher Institutionen» für die allerorts ein großes Bedürfnis besteht, scheitert oft an der Unmöglichkeit, geeignete Lehrer dafür zu finden. Die Jüdische Schule, deren Notwendigkeit von fast allen Parteien des Judentums mit gleicher Eindringlichkeit betont wird, läßt sich ohne eine »hebräisch gut vorbereitete Lehrerschaft nicht gut verwirklichen. In weiten Kreisen der jüdischen Religionslehrer setzt sich auch die Ueberzeugung durch, daß Hebräisch im Religionsunterricht nicht durch die tote mechanische Uebersetzungsmethode, sondern nur auf Grund der modernen Prinzipien des Sprachunterrichts, wie er von der neueren Pädagogik aufgefaßt wird, gelehrt werden kann. Versuche zur Ausbildung von Lehrern sind von uns in letzter Zeit gemacht worden. Auf Grund der dabei gewonnenen Erfahrungen beabsichtigen wir, demnächst weitere Lehrerkurse zu eröffnen. Wir richten die dringende Bitte an Lehrer, Studenten, Seminaristen und Oberlyzealsckülericnen, die daiiir Interesse haben, sich umgehend an uns zu wenden. Wir beabsichtigen ferner, am Anfang des Sommersemesters Anfängerkurse für Schüler und Erwachsene in allen Stadtteilen Berlins einzurichten. Der Unterricht soll in den frühen Morgenstunden oder nachmittags, resp. abends abgehalten werden. Wir erbitten umgehend schriftliche Anmeldung. Auch Vereine und Gruppen, die besondere Wünsche betreffs der Einrichtung von Kursen haben, wollen sich mit uns in Verbindung setzen. Der Leiter der Hebr&isdien Sprachsdmle zu Berlin gez. N. Berggrün Cher'oJienbur6 2. Leibnilzerstrafee 25. Herren- Damen- Hüte in größter Auswahl! Hut-Rosenthal Blücherplatz S. Abgenutzte Ledermöbel werden sachgemäß wie neu aufgefärbt Wiehenbrauk & Co., Berlip W 8, Kroneustraße 68—69, Merkur 6240. I FELS 6 Co. H Kronen 11 -„—.—, jeder Art D Spezialität: Srideiischirmc D L Potsdamer StraSe 56 Kein leiden, Hochb. Bülowstr. Auf Wunsoh Zahlungserleichterung 1 Das 3er! im Text lostet 15 Soldpsennige, das seitgedrustle Wort 55 CTo!0p rr.niflc. .'rtateff laut Tarif. Wörter mit mehr als 12 Buchstaben werden koppelt gerechnet. Anzeigen, dir für die nächste Ausgabe bestimm! find, müssen Vis (päicstrns Mittwoch, 4 Uhr, eingeliesert (ein. 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