Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 6 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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tungen, wie bisher, gerecht wird, erstrebe der religiöse Liberalismus. Lehrer Eugen 3arobi II betonte dann, daß es sich am Wahlsonntag darum handle, daß dir Errungenschaften, um die die besten der deutschen finden, z. B.' Gabriel Riesser, im vergangenen Jahrhundert gekämpft hätten, nicht verloren geben dürfen, sondern bei den' Mahlen gewahrt werden müßten. Die Ausführungen oller drei Redner, die frei von aller Gehässigkeit gegen die Gegner waren, fanden die Zustimmung der großen Hörerschar. Königsberg. Am Dienstag, den 0. I., abends, hielt die hiesige Ortsgruppe der „Bereinigung für das liberale Judentum" im Körtefaal der Etadthalle eine Versammlung ab. die sehr stark von Mitgliedern und Gästen besucht war. Der ungemein lebhafte und herzliche Begrüßungsbeifall. den der bochang-eschene Breslauer Gast, Rabbiner Dr. Vogelstein. erhielt, brachte den besten Beweis dafür, daß der Redner des AbendS in weiten Kreisen in der hiesigen Gemeinde nach wie vor unvergessen ist. Der Vorsitzende, .Herr Fabian, gab seiner Freude darüber Ausdruck, Herrn Dr. Vogelstein nebst Gattin noch längerer Pause wieder einmal hier begrüßen zu können und äußerte den Wunsch, daß die vielen Freündschafissäden, die Herrn Dr. B. sowie seine Gattin mit so vielen Mitgliedern seiner allen Gemeinde verbinden, sich aus Anlaß seines Besuchs in der alten Heimat noch fester knüpfen mögen. Herr Dr. Vogelstein, der alsdann das Wort nahm, erwiderte zunächst, daß seiner Gattin und feine Freude, in Königsberg zu weilen, eine ganz besonders große und herzliche sei und verbreitete sich alsdann in gedankenreichen und klären AuSsührnngen über dos Thema „PersöniichkeitS- und Gemeinschafts-Religion". Er führte etwa folgendes aus: Bei der Religion dürfen nid)t geineindepoiUiscke Momente das letztlich Bcstiinmcnde sein: dieses scheint zwar widerspruchsvoll, aber das praktische Leben fordert sowohl die Klarstelinng der 3dce als auch gleichzeitig deren geineindexviiliscbe Auswertung. Die Frage nach der Stellung * des einzelnen zur Religion und zur religiösen Genieinschast und nach der Stellung der religiösen Gemeinschaft zur Religion und zur Religiosität des einzelnen ist im Judentum nicht mit Entweder-Oder beantwortet, sondern cs gilt wie in ollen größeren Fragen das Prinzip des Ausgleichs. Das Judentum hat stets das Recht der religiösen Persönlichkeit vertreten, aber cs konnte dies nur deshalb ja nachdrücklich, weil die Persönlichkeit in der GcmeiiNchasl und dem Bewußtsein ibreS Wertes wurzelt. Religion ist das Bewußtsein der Gemeinschaft mit Gott, insofern das Atlcrperjönlichste und das allgemein Menschliche. Rur ganz vereinzelten Menschen fchli jede religiöse Ader. 3m allgemeinen sind auch die Gegner der religiösen'Gemeinschaft nicht religiösen Empfindens bar. Kaum jemand stand feiner väterlichen Religion feindlicher gegenüber als Spinoza, und doch kann man den lief religiösen Zug bei Spinoza nicht verkennen. Religion ist aber auch das Gemeinschaftsbewußtsein der Menschen, die in religiöser Beziehung gleich denken, also auch die Grundlage jeder kirchlichen oder synogogalcn Organisation. Das ergibt zwei Kreise, die sich vielfach schnerdeu und sich teilweise, niemals ober vollständig decken. Die Versuche, das persönliche religiöse Leben zwangsweise unter die religiösen Organisaliouen zu baudigen, haben stets zur Verödung des religiösen Lebens und schließlich .zur Schädigung der religiösen Gemeinschaft geführt. 3m Altertum ist Religion Sache des Staates gewesen. Zur Bürgerpflicht gehörte auch die vorgeschriebene Verehrung der StaatSaottheiten. Wie der einzelne religiös dachte, war'dabei ziemlich gleichgültig. Auch im alten 3srael war diese Anschauung von der Gebundenheit der Religion an daS SiaatSwescn heimisch, gegen welche die Propheten mit allem Nachdruck ankämpften. Ein Nachklang ist z. B. die Stelle deS 137. Psalm«: „Wie können wir des Ewigen Lieder singen auf fremder Erde?" Durch daS babylonische Exil gewinnt die prophetische Anschauung Kraft im Volk und erfährt die Religion eine ganz ähnliche Umgestaltung. Bezeichnend ist hierfür die Frömmigkeit der Psalmen, die z. B. im 73. Psalm mit elementarer Macht als persönliche.Frömmigkeit hervorbvicht und dabei in engster Verbindung mit der OemeinschaftSreligion bleibt. Der Ausgleich zwischen Persönlichkeilsreligion und Gemeinschaftsreligion war in dieser Weise nur möglich, weil die Religion vom Staat und seiner Politik losgelöst war. Hierauf beruhte die Kraft des 3udentumS im Widerstand gegen die religiöse Unterdrückung deS AntiochnS EpiphaneS. Der Kampf der Hasmonäer ist letzten Endes der Kampf des religiösen 3ndividimm« gegenüber dem Staate, der die Anerkennung der ReichSreligion fovjxrrle. Die geschichtliche Entwicklung hat in dem haSmonäischrn Staate für eine kurze Dauer allerdings wieder die Staatsreligion erstehen lassen. Entscheidend ist die Stellung der Pharisäer und ihre Lehre von dem allgemeinen Priestertum ganz 3sroelS, also die 3ndividualisierung des religiösen Loben« unter Anerkennung der Forderungen der religiösen Gemeinschaft. 3m Mittelalter wurde den 3uden die Befreiung von der Reichsreligion zugestanden, wenngleich unter Minderung ihrer Rechte. Der Begriff der Staatskirche ging weiter als der antike Begriff der Staalsreligion, indem sie sogar die persönliche Fröm- ' migkeit des einzelnen kolroliierte. Wenn sie trotzdem die 3udrn als glaudensfremde im Bereiche des Staates duldete, fs war dieses eine Durchbrechung des Prinzips. Ghettodruck und Ghettonot hat; das Geme-inschaflsdewußtsein außerordentlich verstärkt, aber der persönlichen religiösen Anschauung immerhin Freiheit gelassen. Die Neuzeit brachte die Lösung deS einzelnen aus der Bindung an die Gemeinschaft und stellte den einzelnen dem Staat gegenüber, wiewohl sich der Begriff der Staatsreligion zunächst noch erhielt. So mußte das Zeitalter der Aufklärung mir ihrer Beseitigung aller ständischen Gliederung die Emanzipation der 3udcn mit sich bringen. Dieselbe Melle des 3ndividuaiismus mußte! sich im religiösen Leben gellend machen, und die Forderung der Befriedigung deS religiösen Bedürfen« den Gcgenwarlsmenjchen bringen. Als die anfängliche Systcmlosigkeit des Liberalismus beseitigt worden war, hat man nicht in.'schrankenlosem 3ndividna>; lismuS, sondern im Ausgleich zwischen dem persönlichen Bedürfen und den Forderungen der Gemeinschaft die Lösung gesucht. Man erkannte, daß alle Entwickelung ans einer gewissen Spannung zwischen Persönlichkeitsreliqion und religiöser Gemeinschaft beruht und suchte den einzelnen wie die Gemeinschaft im Flusse der Ent- Wickelung zu erfassen. Abzulchnen ist die neuerdings oufgetauchle Anschauung, daß nick! der einzelne Mensch, sondern allein die religiöse Gemeinschaft Träger der Religion und des 3udcntums sei. Vielmehr sei die Forderung persönlicher Religion im Einklang mit der unbedingt gebotenen Rücksicht aus die Gemeinschast sestzuhalten, in der auch der einzelne in seinem seelischen Leben wurzelt, denn nur wenn die Religion im einzelnen Menschen wurzelt und sich in der einzelnen Persönlichkeit answirkt, ist sie in der Lage, die Gemeinschaft als solche zu kräftigen. Zum Abschluß des Abends dankte Herr Fabian dein durch reichen Beifall belohnten Redner und ersuchte die Anwesenden um zahlreichen Beitritt zur Ortsgruppe; dieser Anssordcrnng entsprach auch eine Anzahl Personen. Allgemein hegt man die Hoffnung und den Wunsch, daß Herr Dr. Vogeistein recht bald wieder seine alle Gemeind: besuchen wird. Ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Verein« „Esra" wird die von ihm im 3ahre 1811 entfachte AuSwanderungSkewegung im 'Jemen (Südarabien) bilden. Zahlreiche vom Verein „Esra" entsandten Emissäre durchzogen in diesem 3ahre das Land, um den von Glaubenshaß schwer bedrängten 3udcn die Auswanderung nach Palästina zu predigen. Nicht weniger als 1300 Vcininil-n, darunter 300 erwachsene'Arbeiter wandcrtcn im ersten .zahre nach Palästina aus. Die einmal in Gang gesetzte Bewegung hält noch jetzt an, alljährlich dem Heitigeit Lande Hunderte fleißiger, anspruchsloser Landarbeiter zusührcnd. Gegenwärtig,ist der „Esra" im Begriff, seine Fürsorge denjeniaen Elementen zuzuführen, welche, durch den großen Notstand in Osteuropa zur Auswanderung gezwungen, sti immer größeren Scharen nach Palästina strömen, tun Lause der Monate ist außer den meist dem Arbeiterstaudc entstammenden Eyaluhim rin: sehr erhebliche Anzahl Angehöriger de« Kleinbi'irgerstandes mit ein-m eigenen kleinen Kapital eingewandert. Aufgabe einer weilsichtigen Kolonisation ist cs, diele Einwanderer der produotiven Beschäftigung mit der Landwirtschaft zuznsühren. Der Verein „Esra" beabsichtigt zur organisatorischen Zusammenfassung dieser Elemente, sowohl der bereits im Land: anfässigen (Kolonistensöhnc!) als der später gekommenen, i». TV:- lcistina ein Büro zu eröffnen. Zn diesem Zwecke soll ein: Heimstätten-Gesellschast „Esra" c:,f Aklien begründet werden, welche in erster Reibe fcrmc r h - st ä t i e n zu 100 Pfund errichten soll, beflekend aus einem Bauplatz im Ilmsange von eiuent Dunani, einem vorbereiteten Harten für den eigenen Bedarf der Familie an Gemüse usw.. ein Haus nebst Lairdparzclle zum Betrieb einer Milchwirtschaft mil drei bis vier Kühen oder einer Geflügelzucht mil -100 ins 300 Stück Geflügel. Die Gesellschaft sorgt ferner für geeignete Verkehrsnerbi»-; düngen, für Wasserleitung und Elektrizität sowie vor allem für! geeignete Fachleute, welche den Ansiedlern ratend und helfend! zur Seite stehen sollen. Für diese Fachleute, für die Vordere':- i lungsardeiten an Garten und Straßen, für Wasserleitung und Liegnitz. (.Indisch-Liberaler 3ugendverein.) Am 23. 3anuar | fand hier wiederum eine Freilagabendfeicr stall, die von migcsähr'tz 30 Personen besucht war. Besonder« erfreulich ist cs, daß gerade sehr viele 3uaend!iche. die zu Hanse eine solche Feier nicht begehen, von dieser Einrichtung mit Freuden Gebrauch machten. Rach dem üblichen kurzen Beisammensein an der Tafel gab Fräulein Schneider einen überaus anschaulichen Bericht über die Magdeburger Delegiertentagung, für den ihr an dieser Stelle noch besonder« gedankt sei.' 3m Anschluß daran wurden den Anwesenden zahlreiche künstlerische Darbietungen geboten. Reben den längst bewährten und beliebten Darbietungen von Frau Helene Schmucklcr (Gesang), Frau Margot Reich (Klavier) sowie Fräulein Lilii und Magda Liebrecht (beide Gesang) fand man in den Damen Fräulein 3er:Slom und Rotmann neue junge Künstlerinnen. während Fräulein Magda Liebrecht zum ersten Male in diesem Kreise auch ihre besondere Begabung im Violinspiel bewies. Einige sehr nette hniiioristische Voriräge des Herrn Brauer trugen ebenso wie das vorzügliche Arrangement durch Frau 3akobfohn nicht wenig zu dem vollen Gelingen dieser Feier bei. Vom Kolonisationsverein „Efra". Der Kolonisalionsveiein „Esra" blickt nunmehr aus eine 10jährige ruhmvolle Vergangenheit zurück. 3m 3ahre 1884 — dreizehn 3akre vor dem ersten Zionistenkongreß — als deutscher Zweig der damals in allen Ländern blühenden Chowaweh-Zion- Vereine begründet, hat dieser älteste aller im Judentum bestehenden Kolvnisattonsoereine sich die ausschließlich wirtschaftliche Aufgabe gestellt, heimatlos gewordene Glaubensbrüder aus dem Osieu in Palästina als Bauern anzusiedein, damit diese alsdann ihrerseits weiteren jüdischen Einwanderern. Brot und Arbeit geben können. 3n der ersten Zeit seine« Bestehen« bat. er die Kolonien Mifchmar-Hajarden und 3csfed-Hamaaloh so lange über Wasser gehalten, bis Baron Rothschild sich ihrer annahm. Später half er die Kolonien Kastinie und Machnajim begründen und schuf 1804 die fünf Familien umfassende Ansiedlung „Esra" in Aechowolh. 3nr 3ahrc 1912 gelang eä ihm, mit einem Kostenaufwand von 60 000 Mark in den Kolonien Kastinien, Kafr-Saba und Chedereh 31 Landarbeiter anzusiedeln sowie letztgenannte Kolonie mit einem Krankenhaus zu versehen. Endlich konnte er 1923 sechs Landarbeiter au« Deutschland mit nur 8000 Goldmark im Emek-3esrecl ansiedeln. Bei allen diesen Schöpfungen war der Verein „Esra" insofern mustergültig und bahnbrechend, als ihm die 3nstaliiernng eine« Landarbeiters auf 2000 Mark und die eine« Vollkolonisten auf nur 4000 Mark zu stehen kam im Gegensatz zu den enormen Kosten von 20 000 Mark, di: noch jetzt von anderen Seiten zur 3ustallierung eine« Kolonisten für erforderlich gehalten werden. Elektrizität und alle jonstigen zentralen Einrichtungen und technischen Behelfe werden 100 Pfund in Anschlag gebracht, weiche in obiger Summe von 400 Pfund inbegriffen sind. Dir. sofortigen Erträge an Milch und Eiern gewähren bei der jederzeit zur Verfügung stehenden fachmännischen Anleitung und den bodcn Preisen dieser Produkte die Bürgschaft für ein schnelles Gedeihen der neuen '-Art Siedlung. Für Ansiedler, welch: ein Handwerk betreiben oder von einer kleinen Rente leben, fallt die Landparzelle zum Betrieb einer Milchwirtschaft oder Geflügelzucht fort. Eine Heimstätte ohne solchen Betrieb kostet nur 300 Pfund für Haus, Hof, vorbereiteten Garten und evtl. Werkstatt. Selbstredend sollen über die Begründung der Heimstätten-Gescllschast alle anderen kolonisatorischen Wege in Palästina nicht vernachlässigt werden. Rach wie vor ist der Verein „Esra" bereit, durch Scßhaflmachung jüdischer Landarbeiter in der Nähe bereits bestehender Kolonien diese mit billigen jüdischen Arb-'it«. Kräften zu versorgen. Rach wie vor nvll cv bemüht sein, den Hävserbau in Palästina zu verbilligen sowie alle« zu tun, was geeignet ist, Palästina in ein jüdische« EinivanderungSland zu nerwandeln. Der Verein „Esra" (Berliner Büro NW 6, Luisenplatz 8), an dessen Spitze u. a. die Herren Moritz Dorn, Berthoid 3srael, Prof. Dr. Sobernheim, Prof. Dr. Eug. Mittwoch, Dr. Paul Nathan, Robb. Dr. Meier Hildesheimer, Prof. Dr. Otto Warbprg in 3'iff i, Dr. Ed. Biberfeld und Dr. Arth. Liebgxmann (z. Zt. Seminardirektor in 3erusaiem) stehen, wendet sich an die jüdische Oessentlichkeit mit der Bitte, ihn durch zahlreiche Beitrittsmeldüngen in den Stand zu setzen, seine 40jährige Arbeit in Palästina in verstärktem Maße zu betreiben. Kalendarium für die Zeit vom 2.2. bis 1-12.1925 Februar 1925 Schebat 5685 Sonnabend I. 13. Wochen-Abschnitt- Äeschallach (2. D. M. Kapitel 13,12—17,16) LastarahrlKichterKap. 4—4,24; 5,1—! Sonntag 6.; 14. Montag 9. 15. Chamischo - ossär Dienstag 10. 16. Mittwoch 11. 17. Donnerstag 12. 18. Freitag 13. 19. Sonnabend 14. 1 20. Wochen-Abschnitt: Jißran 31 (2. S. M. Kapitel 18-20) Haftarah: Zesaia 6,1—13; 2,1—6; 9,5—6 Maimonides als Hygieniker. Von 3. C a s s i r e r. Wir, die wir in solch hochzivilisierter Zeit leben, in der eine epochemachende Erfindung rasch aus die andere folgt, die wir uns alle Kräfte der Natur untertau gemacht haben und immer tiefer in ihre Geheimnisse eindringen, — wir sind nur zu leicht geneigt, mit einem Gefühl de« Stolze« und de«.Mitleid« auf da« „dunkle Mitteltalter" hinabzusehen. Und um so verwunderter und überraschter sind wir dann, wenn wir hören, daß e« damals schon erleuchtete Geister gegeben hat, die die stolzen Erkenntnisse und Errungenschaften unserer Zeit bereits vorcnisgecihnt und sich zunutze gemacht haben. Ein solch crlcudjfctcr Geist war Maimonides oder Moje« den Maimon, wie fein voller Name lautet. Er war groß als Talmudist, Philosoph, Astronom und Arzt, und seine Weisheit war so tief, daß man ihn mit dem ehrenden Beinamen ,cher zweit: Moses" schmückte. Zu Eordova im 3ahre 1135 wurde er geboren, mußte seines Glauben« wegen die Heimat verlassen und kam ans seinen Wanderungen nach Fez, Akka. 3erusalem und Kairo. Hier wurde er Leibarzt des ritterlichen Sultan« Saladin, schlug eine ähnliche Stellung bei dem Könige von England, Richard Löwenherz, au« und schrieb eine Anzahl grundlegender theologischer, philosophischer iznd allgemein wissenschaftlicher Werke. Er starb im 3ahre 1204. Unter anderem ging auch aus seiner Feder ein für den Sultan Saladin bestimmter kleiner Traktat hervor, der über Diät und allgemeine Gesundheitspflege handelt. ES scheint, al« ob der Sultan an Verdauungsbeschwerden, Abspannung, allgemeiner Schwäche und Furcht vor dem Tode gelitten habe. 3n seiner Rot wandte er sich an Maimonides. Seine Meinung legte dieser Arzt in einer arabisch verfaßten Denkschrift nieder. Wie lange ist es wohl her. daß wir erkannt haben, daß in zu übermäßigem Essen die Wurzel vieler unserer körperlichen Gebrechen liegt? Schon um die Mitte de« zwölften 3ahrhundertS aber rät MaimonideS: „Um de« Himmels willen esset nicht so viel!" Warnt man nicht die Kinder, sie sollen bei den Mahlzeiten nicht so viel Wasser trinken und rach dem Essen keine körperlichen Uebnngen vornehmen? Auch diese Vorschriften hat schon Maimonides dem Beherrscher aller Gläubigen gegeben. Rät man un« nicht von dem Genüsse allzu weißen WeizenbroteS ab, weil es ungesund sei und zü wenig Nährwert enthalte? „Wenn euch euer Leben lieb ist, erchaltet euch des allzu weißen Weizenbrotes," empfiehlt der Gelehrte des zwölften 3ahrhundertS. Raten nicht die Aerzte den Müttern, der Milch für die Kleinsten eine Kleinigkeit Honig und etwa« Salz zuzusehen? Genau dasselbe, wa« Maimonides Saladin zu tun anwic«, „um zu verhindern, daß die Milch sauer werde". 3üngst haben die Zeitungen und allerlei Reklamen uns so viel von den plötzlich entdeckten, gesundheitsfördernden Eigenschaften der Rosinen erzählt. Wir finden, daß der große Arzt de« MittclalicrS Saladin dasselbe schon vor 750 3ahr'en sagte. Und fast al« Hohn ans unsere prohibilionistische Bewegung klingt cs, wenn Maimonides erklärt, „groß ist der Nutzen de« Weine«, er ist gut für Körper und Geist,"" aber im nächsten Atemzuge warnt' er vor seinem Mißbranche und kämpft gegen den damals herrschenden Glauben, daß man wenigsten« einmal im Monat de« Guten zu viel tun müsse. Unsere Damen, die auf ärztliche Anordnung heiße und türkische Bäder gegen ihr überflüssige« Fell anwenden, werden überrascht sein zu hören, daß dieses Mittel schon vor 3ahrhundcrlen angewandt wurde. Maimvnide« sagt, um dünner zu werden, gebe e« nicht« Besseres als den Gebrauch heißer Bäder, — so heiß, wie man sie nur vertragen kann. Und im Gegensätze zu unseren Anschauungen, daß man im Mittelalter sich nicht wusch und da« Baden für einen unnötigen Luxus hielt, macht Maimonides seinen Herrn darauf aufmerksam, daß e« ratsam sei, täglich zu baden. 3n neuerer Zeit schmücken wir da« Krankenzimmer mit Blumen und suchen,'dem Kranken seine Umgebung so angenehm al« möglich zu machen. Zu unserer Ueberraschu'ng lesen wir, daß auch Maimonides bei der Behandlung des Kranken Musik, Blumen, Wohlgeriiche 'und eine dazu passende Umgebung empfiehlt — ein für da« zwölfte 3ahrhundcrt erstaunlicher'Gedanke. Der alte Gelehrte sagt un« ferner, daß die Pelze und Häute van Füchsen und Katzen für den Alenschen schädlich seien. Wer weiß, ob so viele Beschwerden und Leiden, von denen unsere heutigen Modedamen heinigesucht werden, nicht in dem schönen „Fuchs," den sie um ihren HalS geschlungen tragen, ihre Ursache haben? Diejenigen, die vielleicht erwartet haben, daß sich Maimonides mit dem Eifer eine« Zeloten gegen den Genuß von Schweinefleisch wenden würde, werden sich sehr enttäuscht fühlen. Er hält Schweinefleisch für ein köstliche« Fleisch, da« auS mancherlei Gründen empfehlenswert und der Gesundheit zuträglich sei, bedauert aber, auf seine vielen guten Eigenschaften nicht näher eingehen zu können, weil es nach den Vorschriften de« Koran« den Türken und nach ihren Speisegesehcn auch den 3uden verboten sei . Es erinnert dieser Standpunkt an den de« allen Windthorst. der anläßlich der Beratung einer Petition, die das Schächten der Tiere nach jüdischer Art verboten wissen wollte, im Reichstage erklärte: „Wenn das Schächten den 3uden durch Aeligionsvorschrlft geboten ist, so haben wir kein Recht, es ihnen zu verbieten — mag es nun lierquälerisch sein oder nicht." Lassen wir aber Maimonides selber sprechen: ,.E« ist mir mündlich mitgeteilt worden," schreibt der Arzt im Anfänge seiner Abhandlung, „daß mein erhabener Fürst beständig an Verstopfung leidet, daß er sich müde und abgespannt fühle, daß sein Geist mitunter nicht klar sei, und er von Todesahnungen geplagt werde: auch lasse seine Verdauung zu wünschen übrig, und infolge der Verdauungsstörungen empfinde er gllerlet Beschwerden und Unbehagen." „Ueber die Ernährung im allgemeinen möchte ich die Vor^> schriften großer Aerzte anführen, vor allen da«, was Hippocrate« (der Vater der modernen Medizin) darüber sagt: „Wir bewahren unsere Gesundheit, wenn wir un« vor zu starkem Esscw und vor zu vieler Bewegung in Acht nehmen." „ES ist zu beachten, daß HippocrateS hier zwei Grundregeln! der Gesundheitspflege aufstellt — ersten«, man soll nicht zu viel essen und zweitens, man darf die wohltätigen Folgen der Bewe-! gung nicht durch Ueberanstrengung abschwächen. Der Grundhierfür liegt darin, daß zn starkes Essen da« Einnehmen von so viel Nahrung, daß der Körper nicht mehr davon aufnehmcn kann, notwendigerweise eine Ausdehnung de« Magen« zur Folge haben müsse. Da« Gewebe der Magenwände gibt nach, und der Magen kann seine Arbeit nicht mehr ordnungsmäßig verrichten. Dann aber kann er auch die Nahrung nicht mehr verdauen, und es entsteht ein Gefühl von zu heftiger Anstrengung, Erschöpfung. Schwere in den Gliedern usw." „Ach", klagt er, „wenn der Mensch nur lernen möchte, sich selber so zu behandeln, wie er die Tiere behandelt, die er in seinem Hause hat, — wie viele Krankheiten würden dann un« fern bleiben! Denn nur selten oder fast gar nicht," so bemerkt er philosophisch, „finden wir jemand, der ihnen mehr Nahrung gibt al« sie gebrauchen, und während der Mensch den Tieren genau so viel Nahrung zuteilt, al« ihnen zum Unterhalt nötig ist, ißt er selber mehr, als er vertragen kann, und kennt hierin keine Grenzen. Während er die Regeln für die Bewegung seiner Tiers sorgsam beachtet, verabsäumt er es ober, seine eigenen Bewegungen und Handlungen zu beobachten, und doch ist die« gerade für die Wohlfahrt seine« Körper« von der allergrößten Wichtigkeit." „Denn für eine mäßige Bewegung und Körperübung gibt es keinen Ersah, weil sie die natürliche Wärme de« Körpers erzeugt. Auch im Körper entstehen Abbauprodukte, und diese können auch mit der angenehmsten Nahrung nicht ausgeschieden werden. 3edcS Aebermaß von Bewegung ist aber vom Uebel." „Die Bewegung soll maßhalten, unÄ nur dann vorgenommen werden, wenn Magen und Darm leer sind; am wirksamsten ist sie des Morgens kurz nach dem Aufstehen. Es gibt Aerzte, die behaupten, daß körperliche Uebungen ebenso s6)ädlich sind nach de» .Mahlzeiten, wie sie vorher wohltuend wirken."