Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613794--1186-2618522
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

s. Jahrgang 1 Mmmer 6 FildischllberaleZeiluiV 2. Beilage 6. Februar 1925 •Iw Aus -er Bewegung. Bielefeld. 3n den meisten großen und kleineren Städten der Provinz Westfalen haben Versammlungen stattgefunden und es sind besonders die Lehrer, die sich um die Aufklärung der Wähler außerordentlich verdient gernacht haben. Sehr dankenswert war auch die Arbeit der Herren Dickmanir und Dr. Mayer aus Berlin, deren Vorträge viel zur Erweckung des Interesses an der Wahl bcigetragen und überhaupt der Sache des religiösen Liberalismus gute Dienste geleistet haben. Den sichtbaren Erfolg bildet die Gründung mehrerer neuer Ortsgruppen der Vereinigung für das liberale Judentum in unserer Provinz (Dortmund, Gelsenkirchen, Herford). Zum 21. Iannar hatte die hiesige Bielefelder Ortsgruppe der Liberalen Vereinigung eine größere Wahlversammlung einbej rufen, für die Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern aus Berlin sein i Erscheinen zugesagt hatte. Zu unserem größten Bedauern wurde er durch schwere Krankheit in seiner Familie am Erscheinen verhindert. An seiner Stelle hielt des Hauptrescrat über die Bedeutung des Landesverbandes die zweite Kandidatin unserer Liste, iFrau Ottilie Schoeneroald aus Bochum. Sie gab zuerst einen .bmrzen Aaberblick über die Geschichte der preußischen Juden seit der Emanzipation, um sodann die Organisation des Landesverbandes zu schildern und seine Wichtigkeit für die Zukunst der preußischen Iudenheit darzulegen. Besonders eingehend behandelte sie die sozialen, religiösen und kulturellen Ausgaben des Verbandes und die Stellung der Frau im Gemcindeleben. Ihre geistvollen und auch in der Form vollendet vorgetragenen Ausführungen fanden größten Beifall. Nach ihr sprach dann noch .Herr Rechtsanwalt Dr. Katzenstein. Er zeichnete kurz und klar •seine Stellungnahme zum Zionismus und zur Orthodoxie und trat warm für ein positives Judentum aus religiös-liberaler Grundlage ein, das allein geeignet sei, den Indisferentismus wener ftidischer Kreise zu überwinden. Zum Schluß richtete er einen -eindringlichen Appell an die Erschienenen, am Wahltage zu einem! entscheidenden Siege der liberalen Richtung beizutragen. Auch •seine Ansprache wurde mit großem Beifall ausgenommen. In der! anschließenden kurzen Aussprache wurde ein junger Zionist, der den Standpunkt seiner Partei zu vertreten suchte, von den Red- nern, mü> besonders von Frau Schoenewald in ihrem Schlußwort > treffend abgefertigt. ' Blngeu. Am 19. Januar hielt Herr Dr. Max Mayer, Syndi- ,kus der liberalen Vereinigung, vor einem aufmerksam lauschenden Publikum einen interessanten Vortrag über die Grundlagen, Ziele und Gegenwartsaufgaben des religiösen Liberalismus. Der Redner verbreitete sich .zunächst über den Gedanken der religiösen Entwicklung und erblickte das Ziel der liberalen Bewegung in dem Bestreben, Wissenschaft und religiöse Anschauung, Leben und Lehre in Einklang zu bringen. Gegcnwartsaufgabe sei es, die religiösen Gebräuche in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stellen, die auch den modernen Menschen zu erbauen 'imstande sind. Kampf gegen den Indisferentismus. Erzeugung eines religiösen Massenbewußtseins, Hebung des jüdischen Lehrer- ,standes durch ein würdiges Verhalten gegen denselben: das waren die Forderungen, die der Redner ausführlich behandelte, - und die durch den ihm gespendeten Beifall allgemein als berech- ' tigf und notwendig anerkannt wurden. i Herr Kreisrabbiner Dr. Appel, der den Abend mit einer kurzen Ansprache eröfsnete, gab über die Geschichte des religiösen -Liberalismus und dessen hervorragendste Vertreter einen belehrenden Aeberblick, der die Erschienenen über die Bedeutung dieser Bewegung für Vergangenheit und Gegenwart des Judentums aufklärte. »weine Mahnung, vor allem die positiven Ziele des Liberalismus in den Vordergrund des Denkens und Handelns zu stellen, fand allseitigen Beifall. Man ging mit der befriedigenden Empfindung auseinander, einen lehrreichen und anregenden Abend mitgemacht zu haben. Breslau. Zu dem in unserer Rr. 4 veröffentlichten Bericht über eine Wahlversammlung des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde zu Breslau sendet uns der Vorsitzende der Breslauer zionistischen Vereinigung, Herr Rechisanwalt Max Iacobsohn, unter Bezugnahme "aus 8 H des PreßgesctzeS folgende Berichtigung: „Es ist nicht wahr, daß der Zionist Dr. Prager nach Herrn Iustizrat Cohn als erster Diskussionsredner sprach. Wahr ist, daß vorher dc^ Versammlungsleiter Herr Alfred Bielschowsky eine Diskussionsrede hielt und darin die Zionisten heftig angrisf. Es ist nicht wahr, daß „ein zionistischer Sturmtrupp in der Versammlung geschickt verteilt war". Wahr ist, daß eine Anzahl Zionisten als einzelne und ohne jeden Auftrag der Versammlung beiwohnten und die Versammlung mindestens zwei Stunden "lang in keiner Meise gestört haben. Es ist nicht wahr, daß der nachfolgende Redner (Herr Loewy) nur versuchte, sich mit den Zionisten in sachlicher Weise auseincmderzusetzcn. Wahr ist, daß er gesagt hat: „Die Zionisten sind Feinde des Deutschtums". Es ist nicht wahr, daß ich erklärt hätte, ich vermöchte die skandalösen Vorgänge nicht zu entschuldigen. Wahr ist, daß ich die von Herrn Loewy gebrauchten Worte zurückgewiesen habe, und daß id> mein Bedauern darüber ausgesprochen habe, daß der Versammlungsleiter die Worte des Herrn Loewy ungerügt gelassen hat. Es "ist nicht wahr, daß die Zionisten im Anschluß an meine Erklärung den Saal verlassen hätten. Wahr ist, daß die Zionisten auf meine Aufforderung hin den Saal verließen, nachdem Herr Biels cho w sky die beleidigende Behauptung aufgestellt halte, das; wir Sturmkolonneu in die Versammlung entsandt hätten. Es ist nicht wahr, daß die Tumulte der Versammlung durch Zionisten herbeigeführt worden seien. Wahr ist dagegen, daß auf die lauten Proteste zionistischer Versammlungsteilnehmer gegen die ihnen von liberalen Rednern widerfahrenen Beschimpfungen Angehörige der Liberalen Partei die anwesenden Ostjuden mit Ausdrücken wie „Pollackc", „Betrüger" und dergl. beschj-.npft und in einzelnen Fülleil sogar geschlagen haben. Wir haben diese 'Berichtigung loyalcrweise zum Abdruck gebracht. trotzdem sie den Vorschriften des § 11 des Pressegesetzes Kcmeswcgs entspricht. Die beste Ouittung für das Verhalten der Zionisten' dürste wohl der Wahlaussall gewesen sein, der den antizionistischcn Parteien in Breslau 8 Mandate, den Zionisten aber nur 2 Mandate einbrachte. Görlitz. (Reugründung einer Ortsgruppe.) Rach längerer Vorbereitung, die insbesondere der Initiative des Herrn Samitätsrat Schäfer "zu Lanken ist, gelang es hier dank der vorzüglichen Unterstützung und Arbeitsleistung unserer Liegniher Freunde, der Herren Rechtsanwalt Dr. Scheyer, Markiewitz und Metz, am Donnerstag, den 29. Januar eine Wahlversammlung abzuhalten, die in der Gründung einer Ortsgruppe gipfeln konnte. Der gute Besuch der Versammlung erhellt am besten daraus, daß eine für den gleichen Abend ang'esetzte zionistische Veranstaltung mangels genügender Tcilixhmerzahl nicht stattsinden konnte. Der jüdische Goiiesdiensireform. Der von Hugo Weiter Unterzeichnete Dialog zweier junger Leute über Gottesdicnst-„Revolutirm" (das Wort erweist sichhinterher als Reklame-Schreckschuß) in Nr. 41 (1924) hat im Sprechsaal Nr. 4(5 zwei verwunderliche Kritiken erfahren, von Spanier- Ntagdeburg unb Pik-Königsberg. Der erstere philosophiert von pantheistischem und individuatistilchem Radikalismus und fordert Evolution statt Revolution, ohne zu sagen, was er meint: der andere predig!: Wer die Einheit von Volk. Thora und „Gott Israels" verloren hat, komme zu uns. den poscheten Juden: nur kommen nicht zu euch, den Verbildeten.— Heißt das: ernste fragen ernst erfassen? Ernst ist dos Thema wahrhaftig? Fromm sein und beten ist eins und dasselbe, sagt Schlciennncher. übereinstimmend mit allen Theologen und Frommen. Fm Gottesdienst muß sich darum der Geist einer Religion zeigen: und als Zimz den Geist des Judentums erforschen wollte, untersuchte er ebendeshalb zuerst die synagogale Literatur. Fm Gottesdienst..strebt das, was im religiösen Denken im Vordergrund steht, sich durchzusetzen". sagt ebenso Elbogen (Füd. Gd. $ 84, 1). Das Christentum ändert seinen Gottesdienst deshalb alle paar Fahre. — Beurteilt man danach unsere „Reformen" im 19. Jahrhundert, so ergreift den Religionsjuden ein Schauder. Eine Fülle von Streichungen. — unb als Ersatz Kunst! Die Streichungen mit roenigen Ausnahmen (Opferdienft, Engel, Auferstehung) nicht ans religiösen Gründen, sondern wegen Unkenntnis der Sprache der Pintin, aus Zeitmcmgel. aus deutschnationaler Politik! Aus positiver Religiosität stammt nur Predigt und Konfirmation und einige deutsche Gebete, besonders im Frauengebetbuch, aus dem auch wirklich mit Herzensinbrnnst gebetet wird logt. Elbagen 47, 5). Daneben wird allerlei Unmögliches festgehalten. — aus Pietät. ■-ein Zeichen, daß für die Tonangebenden die Religion meist zu wehmütiger Erinnerung zusammengeschmolzen ist. Es widerstrebt mir, noch einmal aufzuzählen. n>as ich 1921 in vier Artikeln (Nr. 28. 28. 31, 32) als Zeichen erstorbener und künstlich mmnifiziert erhaltener Religiosität genannt habe. Schon damals habe ich stark einschneidende Aenderungon unseres Gottesdienstes gefordert. Und daß sich nichts darauf geregt hat. war mir ein neuer Beweis für den Todesschlaf der Religion im deutschen liberalen Judentum, — (Religion gefaßt als persönliches Leben mit Gott). Ob die Kräftigung unserer liberalen Organisation im letzten Fahre ein Erwachen der Religion bedeutet, wird sich erst noch zeigen müssen. Wenn liberal-revolutionäre Versuchsgottesdienste entstanden sind, so ist es ein erfreuliches Symptom. Nur ist es dann verwunderlich, daß niemand von ihren Teilnehmern zu dem Dialog von Hugo Weiter Stellung genommen hat. Mich würde es interessieren, in welchem Verhältnis diese Versuchsgottesdienste zu meinen Thesen in den obengenannten Artikeln stehen. Jedenfalls kann ich mir wohl vorstellen, daß in unserer Zeit, wo das Herauskvmmen einer neuen Weltkulturepoche rasende Fortschritte zu machen scheint, viele willige Juden, besonders unter der Fugend, sich nicht mehr abfinden lassen wollen. Sie wollen Fudentum. nicht religiöse. Eonderbrödelei; sie wollen die Weltanschauung ihrer Väter, an deren Ewigkeitswert sie glauben. und wollen sie pflegen mit den Mitteln der Väter, die ihnen innerlich — nicht bloß aus Pietät — richtig erscheinen. Sie bekennen sich nicht zu den abgestandenen Rationalismen Pantheismus, Materialismus u. dgl.. und Fudenheit und monotheistische Ethik und Väterbrauch und Messianismus nsw. ist ihnen ein zusammengehöriges Systenr. Aber alles das nur, soweit cs eben geht! Die Kompromisse, die das gleichgültigere Alter gerade noch schließt, empfinden sie als unerträgliche Qual. Sie wollen Gebete, die sie ohne Umdeutungen spontan mit ganzem Herzen beten können, und Bibelzitate im Gottesdienst, die nicht den Vorstellungen widersprechen, welche die Volksschule lnicht erst die Universität, meine Herren!) seit 100 Jahren lehrt. Sie wollen den Gottesdienst nicht als opus oparaturo, sondern als den Führer, der sie systematisch aus dem Staub des Alltags hebt, hinauf an den Busen dessen, der Naturgesetz und Siitcngesetz und Menschen- und Fudeuschicksak in seinen Händen trägt. Wem der bisherige liberale Gottesdienst dies gibt, der soll ihn bewahren. Wem er es ober nicht gibt, der darf am allerwenigsten voir anderen Liberalen verketzert werden, wenn er auf neuen Wegen so hohen Zielen zustrebt, die altes und neues Judentum gleichzeitig sind. Und ich füge hinzil: Auch mir scheint, daß wir längst viel mehr Andächtige in unfern Synagogen hätten, wenn der Gottesdienst die Menschen mehr packen würde und sie dort mehr religiöse Fnnemverto unmittelbar erlebten. Ich weiß selbstverständlich. daß an den Mißsüinden noch andere Dinge schuld tragen. Aber wo Licht ist. da sannneln sich die Nachtfalter: — und Spredisaal. es ist doch soviel Dunkel um uns! Wenn also die Folter nickt kommen, so muß mit schuld sein, weil sie kein Licht sehen! Das ist der Grund, warum id), — mit vielen anderen — seit Fahrcil noch gründlicher Eottesdienstresorm ans jüdischer Innerlichkeit heraus rufe. Ich glaube, daß die Pietät nach 21 rt der Spanier lind Pik - ihre Absicht in allen Ehren! — dem Judentum mehr schadet als nützt. Ich glaube, daß »licht das ewig Gestrige, sondern das ewig Morgige in unseren Synagogen herrschen mutz, dos; angstvolles Beivahren kleinlich und unnütz ist und, mutiges Streben allein erlöst. Fd) glaube, daß die schäpscrische Kraft des Judentums noch und »viedcr groß genug ist. um neue Triebe zu »vagen, ja. daß die höchste Zeit dazu da ist, wenn nicht gefährlich vi-"l absterben soll! Der Gottesdienst ist die einzige jüdische Form, mit der der Liberale seinen Gott verehrt: dies letzte wollen und dürfen wir nicht verlieren! Sorgen »vir, daß unsere Kinder nicht klagen müssen: Du hast gesiegt. 'Rationalismus!^ Wer Hilst ,;u einein neuen Gebetbuch im worbcfdmcbcncm Sinne? _______ F u ch s -Chemnitz. Lin Schrei nach dem Religionsschulinspektor. (ausgestohcn von Isidor Borchard! in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung"), geechot von Acligionslehrer Heimann llnikowcr- Lauenburg i. Pomm. Wenn man auch draußen in der Provinz sitzt und als Provinzler nur durch die Zeitung einen kleinen Einblick in das Getriebe der größten deutschen Iudcn-Gemeinde nimmf, wie ihn der — märchenhafte Artikel Isidor Borchardts in Rr. 5 uns gewährt, fühlt man sich dennoch gemüßigt, ein Wort dazu zu sagen. Einen Schillinspektor also sollen die jüdischen Relkstonsschuien Berlins bekommen, und sie wolle»: keinen haben. Ei, ei! Und das in der stärksten jüdischen Gemeinde Deutschlands. „Und i tu's nit . . . und i will do mal schau'n, wer mi zwinge will dazu." Hat nun» schon so etwas erlebt? Wer hätte das für möglich gehalten?! U»»d kommt schon ein Schulinspcktor, dann geht er bald wieder seiner Wege oder fängt erst gar nicht mit der Inspektion an. Und da soll sich Herr Isidor Borchardt nicht entrüsten. Rein, so was! — Gemach, gemach, mein entrüstungsbereiter Herr. Eine kleine Frage in Ruhe und ohne Voreingenommenheit: Haben Sie schon die Voraussetzungen geschaffen, die vorhanden sein müssen, wenn eine Echulinspektion überhaupt opportun sein sott? — Rein. Also warum regen Sie sich dann auf? — Ihre Sorge um die Zuku»»fk des Judentums drückt Ihnen die Feder in die Hand. Niemand wird an diesem edlen Motiv zweifeln wollen. Aber wäre cs nicht angebracht, erst einmal für eine vernünftige Unterrichtsmethode etwas zu tun? — Welche von den vielen bestehenden Auffassungen über Judentum und Unterrichtsziel soll der Schulinspektor denn nun für seine Inspektion zugrunde legen? — Seine eigene, werden Sie sagen. Aber muß denn diese seine eigene auch gleichzeitig die der zahlreichen Religionsschulleiter und Religionslehrer sein? Wenn Sie „Die Grundlegung jüdischer Religion für Haus und Schule" von Dr. Daniel Fink (im Selbstverläge des Verfassers, Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstraße 44) lesen werden, dann werden Sie sich eingestehen müssen, daß der ganze jüdische Unterricht, wie er von der großen Mehrheit der deutschen Juden leider noch iminer sanktioniert wird, auf Unmelhode basiert, die einer Methode, und zwar der schöpferischen, auf dem Arbeitsschulgedanken fußenden, weichen muß. Dr. Fink gibt sie uns für dos Hebräische im L'schaun limmudim. Es gilt als» erst einmal umzulernen: für alle Religionslehrer gilt dies, die Religionsschulinspektoren nicht ausgeschlossen. Weil»: also etwas für die Zukunft des Judentums geschehen kann, so ist es die prinzipielle Abkehr von der Unmethode, die sich als eine für das Judentum unbrauchbare Nachahmung des christlichen Religionsunterrichts charakterisiert. Mit der Einführung des Religionsschulinspektors wäre nur ein neues Moincnt bieS-r schablone»- mäßigen Nachahmung geschaffen, das die schon vorhandenen Konfliktstoffe um einen Zündstoff vermehren würde, der in ihrer: Folgen unabsehbare Explosionen verursachen muß. Der Ncligionsschulinspektor wird also die Sorge um die Zukunft des Judentums vorerst nicht beheben. Ich befürchte das Gegenteil, solange nicht das Uebel an der Wurzel gefaßt wird. Abgesehen davon, wo ist mindestens die eine rein äußerliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Unterricht: die Gewährleistung seiner regelmäßigen Frequenz? — — Wer hellt bis zur Schaffung der notwendigen Voraussetzungen unsere Gemeindeverwaltungen — nicht bloß hi den Großgcineinden — von dem Wahne, daß der Schulinspeklor der Wunderdoktor sei? Herr Nechtsanwalt Dr. Scheyer, Licgnih, erläuterte zunächst die Bedeutung der Wahlen zum Preußischen Landesverband, um dann ein ausführliches Referat über das Thema: „Religionsgemeinschaft oder nationale Volksgemeinde" zu halten. Im Anschluß an diesen Vortrag gelang cs sofort, die Gründung einer Ortsgruppe vorzunehmen, der fast alle Anwesenden beitraten. Die Leitung der Geschäfte der neuen Ortsgruppe übernahmen Frau Sanitätsrat Schäfer und die Herren Kantorowsk?, Rechtsanwalt Dr. Kunz und Herbst jun., die die Verkeilung der Aeinler unter sich vornehmen werden. Die Arbeit dieser neuen Ortsgruppe, die wir recht herzlich begrüßen, wird unserer Sache hoffentlich recht großen Erfolg und neue Anregungen bringen. Hörde». W. Am 24. Januar fand hier eine gut besuchte Werbeversammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum" statt. Die Veranstaltung wurde von Herrn Prediger Rosenthal eröffnet und geleitet. Rach einer Begrüßung der Anwesenden wies er auf die bevorstehenden Wahlen zum Preußischen Landesverband hin und gab einen kurzen Iteberblick über die im Wahl- Kampf auftretenden Parteien. Für aufrechte jüdisch-religiös und deutsch eingestellte Juden könne es in Westfalen keine andere Möglichkeit geben, als die Liberale Liste 1. — Nach Herrn Nosenthal »rahm Herr Generalsekretär D ickmann aus Berlin das Wort zum Vortrag: „Wie wählen wir zum Preußischen Landesverband?" Ausgehend von der allgemeinen Bedeutung der Wahlen sprach Herr D. über die religiösen Aufgaben der heutigen Iudenheit. Er entwickelte in historischer Weise das Werden und die -Idee des liberalen Judentums, das allein noch für die Zukunft wirken und die Tausende Indifferenter zu bewußt jüdischem und religiösem Leben zurücksühren könnte. Er zeigte dann das orthodoxe Judentum in seiner scheinbaren starren Anbeweglichkeit, die aber doch auch andrerseits nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß auch die Orthodoxie ständig, wenn anch zögernd und widerwillig, dem Zeitgeist hat Rechnung tragen »missen. Schließlich zeigte Herr D. das nationale Judentum, das für den r el i g i ö s - jüdischen Gedanken wegen seiner überstarken Betonung des nationalen Moments und wegen seiner Abwendung vom ethisch-religiösen Inhalt des Judentums zu einer ernsten Gefahr werden kann.- Herr D. schloß mit einem warmherzigen Appell, bei den bevorstehenden Wahlen für die liberale Liste eiirzuiretcn. — Die Ausführungen des Herrn D. fanden reichen Beifall u»:d wurden von Herrn Prediger Rosenthal ergänzt und unterstützt. Auch die Herren Gans und Zürndorscr traten eifrigst für die Wahl der liberalen Liste ein. — Danad) schritt Herr Rosenthal zur Bildung einer Ortsgruppe H ö r d e der V. f. d. l. I. Der Erfolg war glänzend: sämtliche Anwesende traten der neugebildeten Ortsgruppe bei! Auch einige Ostjuden beteiligten sich an der Diskussiom Der Vorstand der jungen Ortsgruppe besteht aus den Herren Gans und M n n - st e r b e r g e r als Vorsitzende. Fräulein F i s ch b e i n als Schriftführerin, ferner den Herren Grüneberg (Kassierar), Zürndorfer und Refer. Arth. Steinbrrg. Alle Gewähllen nahmen die Wahl an. — Mit einem an feuernden Schlußwort des Herrn Prediger Rosenthal schloß die gut verlaufene Veranstaltung. Köln. Zu einer machtvollen Kundgebung gestaltete sich dir Versammlung, zu der die Vereinigung für das liberale Judentum der Synagogenqemeinde Köln in den" Weihen Saal der Bürgergesellschaft eingeladlen hatte. Es war die letzte Versammlurrg vor den am 1. Februar 1925 stattfirchenden Wahlen zum Preußischen Landesverband, der den Zusammenschluß der preußischen Synagogengemeindcn bedeutet und unter anderem dazu berufen ist, die ktt»rftigen religiösen Geschicke der preußischen Iudenhcit »m Verein mit den Staatsbehörden neu zu gestalten. Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank schilderte die Bedeutung der liberalen, d. h. fortschrittlichen Anschauung in der geschichtlichen Entwicklung des Iudenlums. Er wies nach, daß der Liberalismus der Erhalter des Judentums, zumal im vergangenen Jahrhundert gewesen sei. Er appellierte besonders an die Frauek, die nach dem Zeitalter des öden Materialismus an der Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums in Haus und Gemeinde in erster Linie zu wirken berufen seien. Der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kaufmann wies in wichtigen Ausführungen auf die Leistungen des religiösen Liberalismus im vergangenen Jahrhundert hin. wie sie sich in der Ausgestaltung des Gottesdienstes, des Religionsunterrichts, der Förderung der Wissenschaft des Judentums, der Schaffung der großen freiwilligen Verbände und charitativen Einrichtungen ausge»o!rkt haben. Die Erstarkung der religiösen Gemeinde, die allen Rich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.