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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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|0| BÜCHERSCHAU. j§|' D. Karl Bornhäuser: Die Bsrgpredigt, Versuch' einer zeitgenössischen Auslegung. 197 3. Verlag Bertelsmann, Gütersloh 19Z3. Wenn man die Einführung in dieses Buch lind seine ersten Seiten liest, hat man als Jc#e zuerst das öefühl einer freudigen Genugtuung und starker Spannung, denn was der Verfasser als Voraussetzung seiner llarstellung benennt und als Forderung, die er an sich selbst für die Untersuchung stellt, deckt sich mit Forderungen, die wir in den Behandlung gleicher und ähnlicher Themen seit Jahren und Jahrzehnten verfochten haben. Er betont, daß inan die Bergpredigt nicht verstehen und erklären kann aus dem Gefühl unserer Zeit und aus der Denkform und Sprechweise der Gegenwart, sondern einzig und allein aus der Denkweise und Redeart der Zeitgenossen Jesu, daß man sich in die religiöse Atmosphäre jener Zeit einfühlen und diese Rede gleichsam mit den Ohren eines Zeitgenossen Jesu hören müsse, in dessen Seele ganz selbstverständlich bei jedem Worte ah die Vorstellungen mitschwangcn, die damals mit jedem Wort verknüpft waren und jedermann gegenwärtig waren, ohne daß sie ausgesprochen werden mußten. Ein vielversprechender Anfang! Des Verfassers These, deren Durchführung das ganze Buch gewidmet ist, ist: die Bergpredigt hat man fälschlich als eine Anweisung und Lehre für alle Welt, für jedermann, für jeden, der Christ sein will, aufgefaßt, sic ist eine Lehre nur für den engeren Kreis der Jünger Jesu, für die Apostel. Und er stellt diese These auf. weil er anerkennt, daß die Forderungen der Bergpredigt „unmöglich sind als Forderungen an den Staatsbürger“, daß sich also auf ihnen eine staatliche Gesellschaftsordnung - und eine andere kennen wir nicht - nicht aufbauen läßt. Das ist mm aber ja eine Behauptung, die wir schon immer verfochten habe» und der man von christlicher Seite als einer jüdisch-ungläubigen eutgegeugetreteu ist. So empfindet tnun denn diese Stellungnahme Boruhäusers als willkommene Bestätigung alter jüdischer Behauptung mit Genugtuung. Solche Genugtuung kann man auch sonst gelegentlich haben, denn man findet in dem Buche ein bisher nicht gewohntes und nicht gekanntes Maß von Keimutisseu des tahnudischen Schrifttums, wenn auch oft ganz falsch ausgedeutet, und Eingeständnisse, um die mau schwer gerungen hat, so z, B. wenn zugegeben wird, daß mau jedes Wort des Vater- Unser aus der zeitgenössischen jüdischen Fr.ömmigkeitsrede mehrfach belegen könne, und „daß alles, was Jesus sagt, die pharisäischen Sciiriftgelehrteu auch gesagt haben.“ Und so wendet mau sieb voll Spannung der Darstellung zu, um zu seriell, wie der Verfasser seine These durchführt und wie er als Zeitgenosse Jesus zu verstehen meint, und — und wird in einer ungeahnten Weise enttäuscht, enttäuscht bis zur Entrüstung und Empörung. Die Bergpredigt soll also eine Lehre für die Jünger im Besonderen sein, — ob diese These richtig ist und ob es Bornhäuser gelungen ist, sie durchzuführcu, darüber ein Urteil abzugeben, möchte mau, weil es schließlich eine Angelegenheit spezifisch christlicher Frömmigkeit ist, aus Gründen des Taktes vermeiden — es sjoll, so. wird es formuliert, für sie ohne Begrenzung gelten, was für. die zeitgenössischen Frommen, mit Begrenzung galt, es soll von .ihnen eine höhere und bessere Frömmigkeit gefordert werden, als_ die ist, die in den Augen des zeitgenössischen Frommen als Frömmigkeit gilt, ts soll die Differenz zwischen. Jesus und den. Scbriitgelelirttjn darin, li«g«tq „für weii sie die Forderungen gelten lassen11. IJafiilt -das . herausgeafbeitet werden kann, wird alles das als wahr hinygestellt, was, je » von den Pharisäern verunglimpfend behauptet wgrde, und noch viel mehr. So finden wir denn auf .Schritt und Tritt, Seite nach Seite, jenes typische sogenannte tBi|d .des »Pharisäers, gezeichnet, das man zum Ueberdruß .'kennt, , und von dem mau nicht geglaubt hätte, daß ein so ernster Forscher, wie es. Bornhäuser ist, es wiederholen könnte. Der Pharisäer, das ist der Scheinheilige schlechthin, das sind die Leute, die imitier nur fragen, wie sie dem Gesetz und seinem Buchstaben Genüge tun können, die immer auf de« Lohn ausgehen, deren ganzes Bemühen es ist, sich durch fromme Werke gleichsam einen Schatz von geistlichem Kapital im Himmel zu sichern, die in sich die UeberZeugung tragen, daß sic, weil sie genau und pünktlich die Gesetze befolgen, die hochmütig machende Gewißheit haben, daß sie die Guten und Frommen sind, die alle Frömmigkeit recht deutlich zur Schau tragen, damit die Leute sic sehen, beispielsweise: sic wissen es geschickt so einzurichten, daß sie auf dein Wege zum Gottesdienst die Gebetsstunde auf der Straße überrasche, damit sic sich an der nächsten Straßenecke hinstelleu können, um dort von allen Leutengesehen und wegen ihrer peinlichen Frömmigkeit bewundert, zu beten. (Und mit Bezug d u r a u f heißt es dann , in der Bergpredigt: Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die gern sichen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden .... Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater irn Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.) Nicht genug mit diesen Ladenhütern der Schilderung pharisäischen Wesens. Die Pharisäer kennen nach Bornhäuser Liebe und quellende Menschenfreundlichkeit nur gegenüber dem - Pharisäer, dem Mitglied der „Genossenschaft der Pharisäer“, --- deren Existenz des Verfassers .Erfindung und Geheimnis ist - - der Nächste ist ihnen nicht etwa jedermann, auch nicht einmal, wie es fast immer, beleidigend und verunglimpfend genug hieß, der Volksgenosse, sondern nur der Pharisäer. Beispielsweise: „Ein Israelit ist unterwegs. Er reist allein und kommt in eine Gegend, wo das Alleinreisen unsicher ist. So sieht er sich für diese Strecke nach einem Geleite, um. »Man ist seitens der Gemeinde, in die er kommt,, verpflichtet, ihn zu geleiten. Wird ein Reisender im Gebiet einer Stadt erschlagen gefunden, dann haben deren Bürger sich nicht nur von dem Verdacht der Täterschaft zu reinigen. Sie sagen auch: wir haben nichts von ihm gewußt. Hätte er sich au uns gewendet, so hätten wir ihn geleitet und geschützt. Kommt mm jemand in einen solchen Ort und bedarf eines Geleits, dann wird er sich zunächst au einen Bürger wenden, von dem er weiß, daß er es mit seinen Pflichten ernst nimmt. Bei ihm hat er am ehesten Gehör und Geleit zu erwarten. Kommt ein Pharisäer dahin, dann fragt er: wer ist liier Genosse? Zu ihm geht er mit seinem Anliegen. Der rechte Genosse antwortet: ich j*clic mit dir nicht nur eine Weile, sondern zwei. Ganz anders, wenn der aueros („Böse“), der am haarez kommt, dann sucht er sich seiner Pflicht, die er ja dem Volks genossen gegenüber hat, nach Möglichkeit zu ent ziehen, wenn er es nicht gar bestreitet, daß er solche Pflicht ihm gegenüber habe, d.i er nicht sein Nächster sei“. (Daher in der Bergpredigt die Anweisung, so dich jemand nötigt eine Weile, so geiic mit ihm zwei, der Jünger soll jedermann das große Geleit geben). Ich habe diesen ganzen Abschnitt wörtlich hingcset/.t,~ inan traut seinen Augen kaum, ßortihihiser schildert es, als wäre er dabt-i gewesen, das nennt er „zeitgenössische Erklärung“, und als sei es ganz selbstverständlich, wird so nebenbei eingefügt, daß man nur dem Volksgenosse» gegenüber die Nächstenliebe des Geleits zn erweisen baue, ohne einen Schimmer eines Beweises zu versuchen, und dazu dann noch die Insinuation, als sei der Nichtpharisäer gar nicht als Nächster angesehen worden, wieder ohne auch nur einen Beweis zu versuchen. Hier ist der Vorwurf der Leichtfertigkeit wahrhaftig noch gelinde, und es genügt das Ganze niedriger zu hängen, um den Charakter der Darstellung zu kennzeichnen. An dem obigen Zitat konnte man schon sehen, daß nach Bornhäuser der Pharisäer im ärgsten Gegensatz zum Ainhaarez stünde, der ist ihm „der Böse“ schlechthin, ihm gegenüber gebe es keine Nächstenliebe, daher seien die Pharisäer die Unfriedenstifter, diejenigen, die den Riß ins Volk bringen. In diesem Stile geht die Zeichnung weiter Nun kommt es aber gelegentlich vor, daß ja au h in der Bergpredigt vom „Lohne“ die Rede ist, ja, das ist aber etwas ganz anderes, redet der Pharisäer vom Lohne, dann ist es der Lohn, den der Sklave, der Knecht vom Herrn1 erwartet, redet die Bergpredigt vom Lohne, dann ist es der Lohn, den der Vater dem Kinde spendet, und das ist dann berechtigt. Das heißt wahrhaftig sich die Sache leicht machen. Wie soll man dagegen kämpfen? Alles, was er in diesem Zusammenhang sagt, ist längst von Perles in seiner Kritik an Bousscts Religion des Judentums, von Elbogen in seiner Schritt „Die Religionsanschauungen der Pharisäer“, von Eschelbacher in seinem Buch „Das Judentum tmd das Wesen des Christentums“' widerlegt, Travers - Herford hat in seinem schönen Werke „Das pharisäische Judentum“ das wirkliche Bild des Pharisäers' gezeichnet, man kann nur empfehlen, das von jenen Forschern Gesagte nachztilesen und danach das von Boinhäiiser gezeichnete Bild zu berichtigen, damit entfällt Fundamentierung und Mauer der Bornhäuser'scheii Argumentation. Und neben der falschen Gruiideinstellung laufen dann soviel Schiefheiten und ausgesprochene Lächerlichkeiten, daß man dreist sagen kann, wo auf die jüdischen Verhältnisse Bezug genommen ist und daraus Schlüsse gezogen sind, ist mit verschwindenden Ausnahmen das meiste falsch und gar nicht zeitgenössisch gesehen. Einzelnes zu berichtigen ist nicht möglich, mau müßte Seite für Seite verfolgen und korrigieren, das muß der Kritik in den wissenschaftlichen Zeitschriften überlassen bleiben. Irn ganzen kann inan nur sagen, daß soweit der Versuch gemacht ist, die Bergpredigt als Zeitgenosse Jesu zu lesen und zu deuten, dieser Versuch mißglückt ist. 1) jene m a » n. Offenbach. AUlestamentliche Sittlichkeit, dargestellt gegen ihre antisemitischen Verächter. Vortrag zum Grcitsuaider Universitätstag in Stoip 1924 von Lic. Johannes Hänel, a. o. Professor der Theologie in Greifswald. 64 S. Druck und Verlag von C. Bertelsmann, Gütersloh 1924. Es berührt von vornherein sympatisch, daß der Verf. offen seine antisemitische Einstellung bekennt, wenn mail auch, das sei zu seinem Lobe gesagt, in dem Vortrage vergebens nach ihrer Auswirkung sucht. Sie gilt offenbar nur den Juden der Gegenwart, nicht dem Alten Testament. Da aber nur dieses zur Diskussion steht, so wollen wir über jenes mit ihm nicht rechten. Nur nebenbei wollen wir sagen: wer so viel vor der eigenen Tür zu kehren hat, soll sich nicht zum Richter über andere aufwerfeu. — Aber einen unübersehbaren Trennungsstrich zieht der Vortragende zwischen sich und den antisemitischen Heißspornen, die von keiner Kenntnis der Heiligen Schrift getrübt, von Liebe zur Wahrheit nicht gerade belastet, von irgendeiner wissenschaftlich-exakten Methode keineswegs gezügelt, den gellenden Ruf ertönen lassen: fort mit <Jeni Alten Testament! Es ist herzerquickend, wie Hänel mit diesen Mauldreschern und blindwütigen Fanatikern, die ihren absurden Aufstellungen das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit umhängen, abrcciniet. Wie Keuicnschlägc prasseln seine Worte, die aus dein Munde eines berufenen Forschers kommen, auf sie nieder. „Wie es Pflicht der medizinischen Wissenschaft ist, über Kurpfuschertum und Quack* salbertum aufzuklären, so stehen1 Rassenforschuug und Relipionsforscliuiig vor der Aufgabe, den Verschandelungen Einhalt zu gebieten, die an ihrem Gut getrieben werden.“ (S. 4.) In einer gewählten Sprache, die an sich einen ästhetischen Genuß gewährt, spricht der Verf. von der sittlichen Hoheit des Alten Testaments, die in dem Dekalog vor allem zum Ausdruck kommt. „Seit ihrem Bestehen hat die Christenheit keine edlere Form gewußt, die sittlichen Grundfordenmgen ihren »Mitgliedern mitzugehen, als daß sie von Generation zu Generation, von Jahrhundert zu Jahrhundert, ihnen die Gebote des Dekalogs an, das Herz legte.“ (S. 21.) Wie der tiefe Sin» für Freundschaft und Freundestreue, wie Vaterlandsliebe und Heldengeist des israelitischen Volkes, wie die Gesinnungsethik des A. T„ die sich in der Forderung der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, der Nächstenliebe und .Herzensreinheit ausspricht, von H. gepriesen werden, das atmet den lauteren Geist unbestechlicher Wahrheitslieber Wie er von der Feindesliebe — „v.as für ein hoher Sclnvung geht durch das Alte Testament. Wie sollte es überboteu werden.“ (S. 50), von der Stellung des Weibes iin alten Israel, von den unverkennbaren sittlichen Motiven in der Sklavenfrage, vom Universalismus des Gottesglaubens, von dein Gedanken der Auserwühlthcit Israels und seiner »Mission redet, das sprengt den Rahmen eines Vortrages und erbebt die kleine Broschüre zu einem vortrefflichen Führer für alle Wahrheitsucher. „Es gibt keinen größeren Ruhm für das Alte Testament, als daß Jesus sieh zu ihm bekannt hat.“ (S. 62.) „Was ließe sich aber für eine Erscheinung des Geisteslebens Herrlicheres sagen, als daß sie das Zeugnis Jesu für sieh hat.“ (S. 60.) -- Ich empfehle das Büchlein allen Gebildeten, insbesondere aber allen jüdischen Religionslehrern, die es mit großem Gewinn beim Unterricht verwenden können, wenn es gilt, heikle Fragen, die namentlich bei den Jakobs- und Davidserzähluugeu der Bibel von den Schülern gestellt werden, befriedigend und restlos zu beantworten. Rabbiner Dr. G o 1 i n s k i, Pilsen.. Völkische Führer. SO Heldenbilder. Eine Kampfschrift von Heinz Eisgruber. Verlag: Viktor Engel, Leipzig. Heinz Eisgruber, ein christlicher Offizier, findet den Mur, der deutsch-völkischen Bewegung in Gestalt des von ihm herausgegebenen Buches einen Spiegel vorzuhalten, in dein mit knappen Worten gezeichnet die Führer — sollte inan nicht besser sagen „Verführer“ —- dieser deutschen Krankheitserscheiimng vorüberziehen. Manche der „Heldentaten“ unserer Gegner wird verständlich, wen» man sieht, welcher Art Menschen ausschlaggebende Posten in den antisemitischen Organisationen einnahinen. Es ist sicherlich nicht jeder Mannes Geschmack, einen Kampf auf das persönliche Gebiet zu tragen, wenn die gegnerische Idee selbst getroffen werden soll, aber es bestand doch die Notwendigkeit einmal darzustellen, wie eine Bewegung, denen gewiß auch Idealisten angehören, von Inflationsgcstalten, Geschäftemachern, Strebern und Betrügern für ihre Zwecke ausgenutzt wurde. — Eine kleine Probe aus dem für Massenverteilung geeigneten Hefte: Rudolf Lencer, Geschäftsführer der deutsch-völkischen Freiheitspartei —, Gesanitireiheitsslrafe: Ei Jahre. 11 Monate und 6 Wochen, darunter 10 Jahre Zuchthaus, Elirenrechts Verlust: insgesamt 23 Jahre. — Adolf Ruthmanu, Spitzenkandidat der Deutschnationalen Partei — zur Zeit wegen Betrugs im Zuchthaus —- Hochstapler, Betrüger, Heiratsschwindler, Urkunde»!.»Ischer tisw., widerfuhr beim Deutschen Tage in Halle die Ehre, von Ludendorff mit deutsch-völkischem Handschlag als Vorbild eines Führers der nationalen Sache gefeiert zu werden. —- So zieht einer nach dem anderen dieser kleinern Geister unter der Lupe des Herausgebers vorüber — wie jämmerlich, wie schmutzig. Unsere Gegner strafen uns wirklich hart — durch sich selbst! Rudolf A p t, Bremen. ilja Ehrenburg: „Trust D E. . Die Geschichte der Zerstörung Europas. Erschienen im Weltverlag zu Berlin. Enttäuschte ethische Sehnsucht ist die Wurzel dieser genial-grotesken und tragikomischen Utopie. Seltsam ergreifend, mit welcher Kraft das sittliche Pathos in so vielen noch »»degenerierten russischen Juden, denen man im westlichen Europa häufig mit so viel Mißverständnis und Mißtrauen begegnet, nach Gestalt und Ausdruck ringt. Diese ethische Sehnsucht haben wir schon bei Marx und Lassalle, bei dem unglücklichen Landauer und der Rosa Luxemburg kennen gelernt. Ist doch Judentum und Bibel die Wiege aller m,ensctilichen Ethik überhaupt! -- llja Ehrenburg ist ein junger, in Paris lebender, russisch-jüdischer Kommunist, der über eine ungewöhnliche Bildung und ein aufreizend-satirisches Talent verfügt. Der zum Himmel schreiende Zustand des wahnsinnigen Europas während der letzten Jahrzehnte hat ihn derartig mit Ekel und Abscheu erfüllt, daß er mit grausigstem Sarkasmus eine skurrile Karikatur von diesem Weltteil entwirft. Denkt er wohl dabei an Voltaire’s Wort, daß auch das Lächerlich-Machen ein Mittel im Kampf um das Gute ist? — Oder ist es rtur müde Hoffnungslosigkeit, die ilm dieses wild-ironische Buch schreiben ließ? Von einer anderen Seite hat das gleiche Thema Graf Coudcnliovc-Kalergi gepackt. Unermüdlich reist dieser moderne Apostel in Europa umher und entwirft allen Völkern das Idol der „Vereinigten Staaten von Europa“, diese Hoffnung Niet/scheV. und aller Menschen, die noch an eine zwischenstaatliche »Moral glauben. llja Ehrenburg greift das Problem von einem antkieii Gesichtspunkt aus auf: Mit kraftvoller Hand steigert er die Besessenheit unseres Erdteils zur Karikatur des Grauenvollen und Furchtbaren. Er erfindet Jens Boot, diesen Bastard aus Operettenfürst und holländischer Fischerin, der Schicksale erlebt, bei denen eine Wedekind'scne Phantasie nicht mehr mivkormnt. Er wird schließlich Präsident eines amerikanischen Milliardär-Trusts, der Europas Unvernunft zum Werkzeuge seiner Sdbst/erstörung machen will. Der Plan gelingt nur zu gut. Ueberwältigend wird Frankreichs imperialistische Ueberheblichkeit gegeißelt; es vernichtet das wehrlose Deutschland mittels hypermoderner und phantastischer Zerstürungsinittcl. Rußland wird durch Krankheitskeimc zerstört, England verhungert, und zuletzt trifft die Hybris auch Frankreich, die wild gewordene Megäre Europas. Grotesk ist oft Ehrenburgs Humor; als /. B. ein amerikanischer Forschungsreisender die Wüste Europas wissenschaftlich durchforschen will, berichtet er: „Wir erblickten ein seltsames Wesen, das einem Menschenaffen ähnlich sah. _ Als ich aber auf der Schnauze des Tieres einen Kneifer erblickte, verstand ich doch, daß es ein Mensch war.“ — So tief sind wir „Kulturträger“ gesunken! Gegen Schluß des Buches wird ein Trust zur Wiederaufrichtung Europas gebildet, der aber unterliegt. Die Vernichtung triumphiert; Europa bleibt eine Wüstenei. Ein tiefsinniges Symbol: Der Held kann alles, nur eines nicht, sich selber entfliehen. Im tiefsten Grunde hat er aus enttäuschter Liebe zu Europa gehandelt. Er irrt wie Edenhall's Truchseß auf den Trümmern umher und findet den Tod, während er wie ein Irrer von dem uritergegäiige.ncn Lande seiner Neigung phantasiert. Mit Kunst öder Poesie hat Ehrenburg’s geistreich-witziges Werk absolut nichts zu tun! Aber ein' aufrüttelnder Appell an die sich selbst in unsinniger Weise zerfleischenden Völker dieses Erdteils sollte es in alle Sprachen übersetzt — werden! - Seinen Wert als Karikatur unserer „Kultur“ wird das Buch behalten! —- Dr. Ludwig D a v i d s o h ii - Berlin. Hans Adolf Margolius „Gedanken zur Idee des Guten“ (Gottheiners Verlags-Anstalt, Berlin 1925). Das kleine Büchlein enthält lesenswerte Gedanken über das Wesen des sittlich Guten. Im Menschen ruht der innere Gegensatz, von Chaos und Kraft, von Stoff und Gestalt. Aus der Gemeinsamkeit von Heimat, Sprache, Kultur und Zukunftswillen entspringt die Liebe zur Nation. Durch das ganze Leben des Menschen zieht sich der Gegensatz von Allgemein und Vereinzelt, von Autonom und Heteronom, von bestimmender Kraft und bestimmendem Sein, von Gestalt und Kraft. In diesem ewigen Widerstreit findet Margolius zugleich das Urerlebnis, das dem Gegensatz des Urteils „Gilt“ und „Schlecht“ zugrunde liegt. Neben dem empirisch errechenbaren Handeln gibt es noch ein menschliches Tun,, das in höchstem Grade empirisch u n e r r e c h e n b a r ist, das nicht Produkt äußerer Dinge, sondern aus seiner eigensten Wesenheit notwendig, das Allgemeine und Göttliche, das in seiner Bedingtheit selbst Gesetz ist. Sprache und Ausdrucksweise des Verfassers sind klar und rein. Wer für seine Lektüre Nachdenkliches eigener Gestaltung sucht, wird das kleine Büchlein nicht ohne Befriedigung aus der Hand legen. Der religiös Interessierte findet bei .Margolius überall gleichgestimmte Akkorde angeschlagen. Welt und Menschheit, Leiden und Freuden gipfeln ihm in der Gottheit, in der alles Geschehen sich zur ewigen Harmonie vereint. Von dem jugendlichen Verfasser, der hier zum ersten Male an die Ocffentliclikcit tritt, ist noch mancherlei Gutes zu erwarten. Dr. Ludwig Gaßmann, Berlin. Reise-Erlebnisse mit Zeichnungen. Von Adolph Hoffmann — Zeichnungen von Fritz Wolff. Verlag: A. Hoffmann, Berlin O 27. Eine Abwehrschrift. — Kein neues Material; meistens wohl dem „Anti-Anti“, der bekannten Abw'ehrsammluug, entnommen — aber in einen er/äliler.den Rahmen verarbeitet, über dessen köstlichen Humor und beißenden Spott der Leser herzliche Freude hat. Mit Hilfe der Fritz Wolffschen Zeichnungen hat der „Zehn-üebote-Hoffmaim“, wie er sielt seihst bei Schilderung seiner Reiseerlebnisse benennt, eine für weite Kreise geeignete Abwehrschrift geschaffen. Rudolf »X p t, Bremen. , Der Jüdische Verlag G. m. b. H., Berlin NW 7, Dorotheenstraße 35, hat soeben den Gesamtkatalog seiner Werkt* bis zu Anfang des Jahres 1925 herausgegeben. Die zirka 50 Seiten starke Schrift gibt eine Darstellung der Geschichte des im Jahre 1902 begründeten Verlages. Ferner enthält sic ausführliche Würdigungen der bedeutenderen Autoren des Verlages, außerdem eine genaue Anführung aller lieferbaren Werke, dann die Aufzählung der vergriffenen Werke und schließlich in der dritten Abteilung ein Verzeichnis der hebräischen und jiddischen Bücher. Der Katalog ist mit ganzseitigen Bildnissen von Achad H a a m , Ägnon, B i a 1 i k, Huber, D u b n o w, H e r z 1, »Mendel e und N o r d a u geschmückt, ferner sind schöne Bucheinbände von Werken des Verlages und die Verlagssigments wiedergegeben. Der Katalog zeigt, daß im Jüdischen Verlag bisher 163 Werke in 205 Bänden oder Ausgaben erschienen sind. T

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