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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Etablissement Friedrichstraße 60, Ecke Leipziger Straße Täglich nachm, und abends Kabarett u. Variete 2 Kapellen •' u, L. , Das große Karnevals => Programm Oscar Sabo — Bolgaroff'Truppe Anna Müiler'Linke mit A.Tyrkowsky Ferry'Duett — Martin Loewe Conferencier Roth'Rese Gastspiel des Münchener Schriftstellers Walter Rath'Rex Bei den Iranern ist das Ende der Welt nur Verwandlung, uns ober Vollendung. Gegenüber der christlichen Auffassung, die die Erlösung als geschehen betradstet, ist uns die Welt noch unerlöst. Wir kennen als Mittelpunkt nur das Heil der Welt, der Christ rückt das Heil der Seele in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Der Auffassung vom Prinzip der Gnade stellen wir das Geheimnis der Begegnung von Gott und Menschen, das Geheimnis der Schöpfung gegenüber. Hierin ist die Kraft des messianifchcn Antriebs begründet, der im Christentum eine Schwächung erfahren hat. Durch Umkehr, deren Ort das Herz und Leben jedes einzelnen Menschen ist. wirkt der Mensch an der Erlösung niit. „Es fehlt cm nichts als an der Umkehr." Mur der Glaube an die Tat. beu Akt der Kreatur, den hervortretenden Menschen, den man Messias nennt, ist Messianismus. Bnber's Dortrag bedeutete vielen ciu Erleben. Dresden. Am 20. Januar sanden hier Ergänzungswahlen sur den Vorstand. bzw. den Gemeinderat der israelitischen Rettgionsgemeinde statt. Die Parteien hatten sich auf eine gemeinsame Liste geeinigt, so das', ein Wahlkampf unterblieb. Es sind im wesentlichen die bisherigen Vertreter wieder gewählt wokden. Neu gehören dein Vorstande die bisherigen Gemeindeverordneten Sanitätsrat Zimmermann und Rechtsanwalt Solinger (beide liberal) an. Zit deii Gemeitiderat traten neu ein die Herren Egon Reuerftein (fit».), Dr. F. Lern) (zion.) uni» Paul Lehmann (orth.).; Aus dem Vorstattd*aUsgefchieden ^PnV - dre ^Hetreit >OskarE besser und Stadtrat Nathansohn Letzterer ivar 14 Fahre lang Mitglied des Gemeinderats. Als Vorsteher trat er an die Stelle des am 4. Oktober 4921 gestorbenen Herrn Richard Maltersdorsf. Herr Stadtrat Natliansohn sali sich wegen Ueberlastung mit anderen Arbeiten im Dienste der Oefsentlichkeit gezwungen, sein Aint als Vorsteher niederzulegcn. 'Sehr schmerzlich ist es für die Gemeinde, daß Herr Oskar Lesser auf seinem Entschlüsse, mit Rücksicht au,' sein Alter sein Amt niederzulegen, bcharrtc. Mit Herrn L. scheidet ein Mann aus dem Vorstand. der das Vertrauen der gesamten Gemeinde genoß. Bon den Grundgedanken des Liberalismus erfüllt, trat er stets für ihre Verwirklichung im religiösen Leben ein. Dennoch stand er gewissermaßen über den Parteien, und seine persönliche ans liberalen Anschauungen fußende Religiosität befähigte ihn. auch andere Meinungen zu verstehen und zu ehren und so allen Parteien gerecht zu werden. Darum empfand auch der sachliche Gegner stets Hochachtung für seine Person und war von der Ehrlichkeit und Gradheit seiner Anschauung überöeugt. Ein Menschciialter. seit dem 1. Fauuar 1801, gehörte Herr Lesser der Gemcindeuerlretnug an. zuerst als Genieindeverordneter. seit dem 18. März 1906 als Mitglied des Vorstandes. Schon feit 1889, seit dem Tode des Herrn Louis Lesser. war Herr Oskar Lesser Vorsteher der Kraukenverpslegungsgesellschaft und im Vorstand der Deerdigungsbrüderschast: seit 1890 ist er Vorstandsmitglied des Mendelssohnver.'ins, seit dem 1. Fanuar 1009 ■ steht et ltn der Spitze der Verwaltung der Stiftungen der Getneinde. Dem Verbände der israelitischen Religwnsgemeinden in Sachsen, dessen Mitbegründer er ist, gehört er seit der Gründung am 1. Januar 1907 als stellvertretender Vorsitzender an. Der Gemeinderat hat in Würdigung der Verdienste, die sich Herr L. um die Gemeinde erworben lmt. beschlossen, ihn zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen. Die unermüdliche Hingabe und die treue Sorge für das Wohl der Gemeinde, wodurch die Arbeit des Herrn Lesser ausgezeichnet ivar. finden durch diese Ehrung verdiente Anerkennung. Es ist zu hoffen, daß Herr Lesser auch als Ehrenvorsitzender durch seine Erfahrung und sein Können die Arbeiten der Gemeindevertretung fördern wird, und daß seine Tätigkeit auch weiter zum Segen für die Geineinde sein möge. Elberfeld, lieber das Elbcrselder jüdische Gemeindeleben wird uns berichtet: Nachdem die Gemeindewahlen vorüber waren, ging das jüdische Gemeindeleben in Elberfeld-Barmen wieder seinen alten Gang. Sämtliche Organisationen sind bei der Arbeit, das jüdische Leben in Elberfeld zu fördern. Der Mendelssohn-Verein hatte am Montag, den 19. Januar, zü einem Musikabend eingeladen, an welchem Herr Oberkautor S'ntger aus Halle an der Saale ernste und heitere Ghetto- Lieder sang, welche er selbst komponiert batte. Zum 12. Februar hat derselbe Verein Herrn Erich Toeplitz vom jüdischen Museum in Frankfurt am Main gewonnen, der über die letzten Ausgrabungen der Deutschen Orient-Ge>e!Ischaft in Palästina sprechen wird. Ter wie immer sehr rege Frauenbund. Ortsgr. Elberfeld, hatte mn Dienstag. den 20. Fanuar. eine Zlisamnieulnin't im Festmal deü Hotels Kai'erhof anberauml, bei welcher Frau Paula Ollendarf aus Breslau einen Vortrag stielt über „Die jüdische Frau in der Gegenwart". Unser Oberkantor. Herr Zivi, sprach am gleichen Tage wie Frau OUcndorf im Rahmen der Veranstaltungen dos neutralen jüdischen Fugend Vereins über den „Gcmeiudegesmig". Es ist mit größter Genugtuung sestzustelleu. daß sich 'das Niveau des Fugcndvcreins durch die rege Arbeit des Vorstandes in ö;'.t letzten Monaten wesentlich gehoben stat. Tie Vorträge sind '.nieder gut besucht, und vor allen Dingen lumunen wieder geistig interessierte junge Menschen in den Verein. Der Fugendvereiu hat das Programm der zweiten Winterhälite bis Anfang April sertiggestellt und wird dieses Programm im Druck erscheinen lassen. Aus diesem Programm ist zu cutnestmen. daß der Fu gendvcreiu wieder jeden Dienstag in den oberen Räumen der Loge tagt und daß u. a. Vorträge über folgende Themen gehalten werden sollen. Ueber die Bedeutung des preußischen Landesverbandes. .Rückblick auf die Geschichte des Fugeiid-Berenis. Ueber Geschichte. Zwecke und Ziele, des unabhängigen Trderis Bnei Brith. Karl Kraus, ein Prophet und Fude unserer Zeit. Ter Ehrenvorsitzende des Fugend-Vereins. der seit langer Zeit schon im Ruhestand lebende Rabbiner Tr. Auerbach, feiert? vor kurzem seinen 80. Geburtstag. Für-Anfang März hat der FugendVerein ein großes Kostümfest geplant, uunu die Vorbereitungen schon in vollem Gauge sulü- Religiöse Frcitagabcndseiern finden nur noch alle 1-1 Tage statt. .^»geMicklich geht wieder wegen der bevorstehenden PZahlen zum Landesverband ein frischer Zug durch die' Gemeinde, und bis zmn 1. Februar find alle führenden Persönlichkeiten der Gemeinde in kampssroher Stimmung bei der Arbeit. Die erst im Ausbau begriffene liberale Ortsgruppe hat gegen den im Wuppertal sehr starken Zionismus, der hier sehr gut organisiert ist. einen schweren Stand. Sofort und) den Wahlen aber ivill die liberale Ortsgruppe ihre Tätigkeit aufnehmen. um die Mehrzahl der Gemeinde, welche durchaus liberal ist. zu einer gut organisierten Gemeinschaft zusainmenzusassen. Zum 1. Februar haben sich die Liberalen der Führung des Eentralvereins ünvertraut. ivelcher am Mittwoch, den 28.'Fanuar, eine große Versammlung abhält. Fn dieser Versammlung werden voraussichtlich Herr Rechtsanwalt Strauß uud Frau Hede Fsrael referiren. Auch iu dem beuachbartcn Remscheid uud Solingen werden liberale Versammlungen abgehalten, ebenso werden die umliegenden Klcingemeinden bearbeitet und mit Malerial versorgt. Der liberale Kandidat des Wuppertals. Herr Sanitütsrat Dr. Ollendorf aus Bannen genießt auch bei deu Gegnern größte Achtung und Verehrung, und die Liberalen hoffen, diesen Kandidaten durchzubringen. Frankfurt a. M. Der im Jahre 1921 in Rew-Bork verstorbene Finanzmann Fakob SclM, hatte in seinem Testament seiner Valcrsiadt Frankfurt und einer Reihe von jüdischen Einrichtungen äußerst namhafte Stiftungen gemadst. U. A. erhielt damals auch der Füdisch-liberale Fugendverein einen erlstdchen Betrag. weld)er als Fakob-Schist'-Fonds gesondert verwaltet wurde. Durch die Inflation sind alle diese Stiftungen c.st wertes worden, und auf Verwenden des Bruders des Verstorbenen. Herrn Philipp Schiss, eines eifrigen Anhängers unserer Bewegung, haben sidi die Erben veranlaßt gesehen, die des- Stadt Frankfurt a. M. hiuterlassene Stiftung in voller Hohe von ©mit. 30000,— zu erneuern. Dieser Fonds stellt heule die bedeutendste Stiftung dar, die die Stadt Frankfurt a. M. zu verwalten hat. Aus Dankbarkeit wurde bereits vor längerer Zeit eine Straße nuferer Stadt nach Fakob Sdiiff genannt. Ludwigshafen. Bei der kürzlich stattgehabten Wahl zum Synagogen rat wurden gewählt die Herren Bernhard Fa Kob - als Vorsitzender. Moritz Gimbel als stellvertretender Vorsitzender. Oberstudienlehrer S. A e tz l e r. Gustav Thal h e i m e r. Sigmund M a r x als Eynagogenrüt-.'. Dr. K o e b - ner. Oberstudienrat H e i n e m a n n . Theodor C ch a r s s und Professor Koburger als Ersatzleute. Rlannheim. Bon der Gemeindevertretung wurde an Stell? des verstorbenen Herrn Karl Fiidel, Herr Kaufmann Heinrich Freiberg, bisher Mitglied der Gemeindevertretung, zum Mitglied des Syungogenrates gewühlt. Herr Freiberg gehör! seit Fahren zu den tätigsten und eisrigsten Mitgliedern unserer liberal-jüdischen Bereinigung. Seine Arbeitskraft hat sich schon auf allen Gebieten des jüdischen Gememdelebens bewähet. Mündzen. Die diesjährige Tagung des Verbandes Israelitischer Gemeinden in Bayern, die für den 1., 2. und st. Februar in Aussicht genommen war, mußte um einige Wochen verschoben werden. Sie wird nunmehr am 15., 16. und 17. Mürz in Würzburg )Y.iUfinden. Prag. Der Rabbincrverband in Böhmen hielt iin Jänner di? ordentliche Generalversammlung iu Prag sjüdisthes Rathuw') unter Vorsitz seines Präsidenten Tr. S. Stern FSaaz) «ö. Er gedachte zuerst des in der letzten Periode verstorbenen De. Ftriius Read). Der Bericht über die Tätigkeit in der vergangenen Periode behandelte die Eingaben und Meniorauden an die Behörden. die zum Teil Erfolg hatten, lieber behördliche Aus rage hat sid) der Verband dem Vorschläge des nnihrisch.sdstesisdnil Rabbinerverbarrdes angeschlossen, die Einsetzung >>iner Brüsnug.- kommission betreffend sürsene Betverber um ein Ra'obinat. die Heine Robbinerschule besucht hatten oder niäst von bewährten Theologen autorisiert erscheinen. Die Generniversnmuilung hat sd;on jetzt für die Einsetzung einer Prüsungskonuuission Sorge getragen. Die von der Behörde nbverlaugteu Vorsdilüge zur Abgrenzung von Kultusgemeindcn uud Radbinats'gre..g?tn koilnteu ivegeu technischer Schwierig«eiten noch uidji eesini^.t rverden. Die Gründung eines Bundes der jüdischen Kultusge^ ineinden mit deutscher Geschäfts spräche sRefereut Dr. Ziegler. Karlsbad), ivurde zur Kenntnis genommen. Dm- Kustn-.a.smeindebnnd mit tschechischer Gesd,ästssprache besteht schon teil einigen Fahren. Fm Ausschuß des Bundes mit deutscher Eeschästssprgche werden vom Verbände gewählte Rabbi,r statutem gemätz Sitz und Stimme haben, irr der engeren Leitung ein Rabbiner. ' Als Delegierte für den Ausschuß des Gemeindeöu.,- des rvurden gewühlt: Tr. Diamant sAiarienbad), Dr. Hoi mann sttieichenberg). Tr. Stern sSaaz). Dr. Weiß lTeplitz). Tr. Zieg ler jKarlsbad). Als Ersatzmänner: De. Grünseid (Eger-, Dr. Halberstamm (Brüx). Dr. Krakauer sKomotau). Tr. Margolies (Tachari). Dr. Morgenstern (Leiuneritz): iu die Leitung: Dr. Ziegler und als Ersatzmann Tr. Stern. F.) den Ausschuß d^'s Rav - blnerverbanbes wurden wiederaewählt: Stern. Präsident: Ediwartz lStellvertreter: Hirsch-Karalineuthal sSd)ristsührer):. Arie (Kassierer): Hofsmaun, Feder, Thieberger uni» Ziegler. . ' ' Wien. Am Mo .stag, den 26. Januar, abenids, trat der neugewählte Borstand der Wiener jüdischen Küitusgemeinde zu seiner ersten öffentlichen Plenarsitzung zusammen. Den Borsttz führte der Präsident Prof. Dr. Pick. Aus dem Präsidialbericht giug hervor, daß für die Borbereilung des Budgets pro 1925 ein Dreierkomitee, bestehend aus den Herren Dr. Desider Friedmaun, Kommerzialrat Max Markus und Äegierungsrat Dr. Hermann Oppenheim bestellt wurde. Das Präsidium hat sich dem Bundespräsidcntcn, dem Bundeskanzler, dem Bürgernieister und Landeshauptmann von Wien sowie dem früheren Bundeskanzler und jetzigen Polizeipräsidenten Sdiober vorgestellt. Bei diesen Emp- ' sängen kam das wohlwollende Interesse dieser höchsten Funktionär« für die Kuttusgemeinde als solche zuin Ausdruck. Bom Bundcsminislerium für Land- und Forstwirtschaft ist cut die entsprechenden Dienststellen ein Erlaß gerichtet wor-en, dafür zu sorgen, daß Schlachtungen von Bieh nur nach vorangegangenem Stirnschlag vorgenommcn werden. Diese Verfügung käme einem Schächtverbvt gleich und würde eine neuerliche'Aufrollung jener Frage herbcisühren, die bereits in den Jahren 1903 bis 1905 I die zuständigen Behörden und den Berwallungsgerichtshos dejchäf- Ein verpfuschtes Leben? Heileres-aus dem Tagebuch eines jüdischen Kämpfers^ . Bon Artur Schweriner -Berlin. & V <1. Fortsetzung.) •*; X ’ m. Am Stelnhuder 9)1 ccr. Eisig kalter Winterabend. Die Wagenfahrt von Bückedurg über knirschenden Schnee hatte uns dermaßen mitgenommen, daß trotz Decken und berauschender Getränke ein liberaler Parteisekretär und ich alle Blühe halte», unser Gefrierfleisch aus dem Wagen zu kriegen. Man hatte uns gemsen, e > n e m a n t i s e nt i t i s ch e n Demagogen aus Minden, dem Kandidaten der Christlich-Soziaten für Schaumburg- Lippe, sein schmutziges Handwerk z u legen. Der Geschmack kam beim Essen. Eine überfüllte Versammlung acht Tage zuvor hatte den Antisemiten zu einer neuen Versammlung ermutigt, die „Aufklärung" gegen die Juden zu verankern. Als wir am Stelnhuder Alcer in dem Gaschaus gleichen Namens ankamen, war der Antisemit bereits an der Arbeit. Besucher in der Hauptsache Braun kohle n arbeite r. Es hatte sich herumgesprod)en, ein Mann aus Berlin würde dem Referenten entgegentrrten. So wurde ich denn auch gleich am Saaleingang von Bergleuten, die sid) nicht Zeit gelassen hatten, sich gründlich zu säubern und von der Sd)id)t direkt in die Ver-. sammlung geeilt waren, stürmisch befragt: „Sind Sie der?!"' „Jawohl, Freunde, der bin ich!" Mit einem Schlage wars um die Aufmerksamkeit im Saale geschehen: „Ein Berliner ist da!" Es half nichts, daß der antifemilisd>e Redner schmcrzbewegt' darauf hinwies, wie er sich quälen müsse, um als kleiner Buchdrackereibesiher notdürftig sein Leben zu fristen. Das jüdische Großkapital sei allmächtig. Wenn es heute einen Vertreter nach Steinhude zweiter Klasse Bahnfahrt und in einer Hochzeitskutsche gesandt habe, um ihm, dem kleinen Mann, entgegenzutreten, so sei das der Gipfelpunkt der Dreistigkeit. Wie auf Verabredung schrie ein ch r i st 1ü ch s o z i a l e r Wahlhelfer, heute preußischer Abgeordneter der deutschnationalen Fraktion, mit Donnerstimme: „Wir brauchen hier keine Berliner Juden! Raus mit dem 3h ig!" Ein Dutzend Getreuer stimmte lärmend ein. Jetzt kam etwas, was man in der Versammlungssprache eine vnüderfehdareSituat l vn nennt. Wird die Hetze gelingen? Wenn die menschliche Reugierde nicht gesiegt hätte, wäre ich wohl an die frische Luft gesetzt worden. Wir hatten allen Möglichkeiten Rechnung getragen. Mein Rachbar und Milgeführte springt aus einen Stuhl und hebt an: „Ich bin ein einfacher Arbeiter wie Zhr alle! Soviel amerikanischen Speck wir ich wird der Herr aus Minden noch nicht gegessen haben. Ich bin Ziegelarbeiler. Was hier über meinen politischen Freund gesagt wurde, ist gemeine Lüge!" „Er ist ein Berliner Jude! Wir brauchen hier keine Berliner Juden!" tobte die kochende Volksseele am Vorstandslisch. „Sagt mal, Arbeitskollegen, wenn Ihr ruhig und)- denkt: Ist es ein Verbrechen, wenn ein Mann aus Berlin zu Lud) kommt? Ist das nickt ein Zeichen dafür, daß er kein stolzer Mann ist? Sind die Berliner Parteifreunde des Referenten, die allabendlich in Großstädien reden, schon einmal in Steinhude gewesen? Und daß er Jude ist? Kann er etwas dafür, daß ihn eine jüdische Mutter geboren hat? Ist es nickt auch Euer Schicksal, daß Ihr Kinder von Bergarbeitrrleulen seid und nicht Kinder von den Wohlhabenden, die die Wahl des Redners unterstützen?" Zwischenrufe wurden in Gegenrufen: „Ruhe! Ruhe!" erstickt. Die Situation ist gerettet. Ich sitze bescheiden aus meinem Platz im Hintergründe des geräumigen, dichtgesüllten Saales und lasse mich interessant mad>en. Roch ist zum Reden keine Zeit. Di: anderen müssen verlangen. daß ich spreche. Ein Bergarbeiter beschwer! sich darüber, daß die Ehristlid)- ' sozialen — die Aussprache des Wortes ist für ihn Quälerei — jeden Sonnabend den Saal belegen, vm andere nicht zu Wort kommen zu lassen. Man wolle doch nickt immer nur den Quatsch von einem hören und deshalb sei er für mich. Mit süß-saurer Miene wird sdiließlich zugesagt, daß am Schluß der drei Referate — es sei auch noä) ein Herr aus Hagen und Bielefeld von den Christlich-sozialen im Saale anwesend — der Berliner zu Worte kommen soll. Einige Minuten nach Ali tter na ch t ist es soweit. Ilm 2 Itbr, als der Referent das Schlußwort nehmen will, ist es mit der Geduld der braven Bergleute zu Ende. „Gute Rächt zusammen!" schallt es im Chor und mit Donnergepolter wird der Saal geräumt. Man bettet mich auf dem Sofa eines Stübchens neben der Gaststube. Morgens 8 Ilhr werde ich durch ein Telephongespräch aus dem Schlaf geweckt. Eiiie bekannte Stimme, auch weqn sie heiser klingt. Der R e f e r e u t spricht mit Rl i n d e n. „3d) komme erst mit dem Mitlagszuge. Die ganze Rächt habe id) kein Auge zugemacht . . .Ein Jude aus Berlin war hier, hat bis 2 Ahr gesprochen und hat alles kaputt gemacht!" Der wehleidige Schlußsatz am Fernsprecher: „Rein — die Leute waren schon zu müde und sind weggegangen!," ließ aus die Anfrage vom anderen Ende der Strippe schließen,'wie es mit dem Schlußwort des Referenten in der Vers B-nnn - l u n g acweien sei . . . ’ ' < IV. Zur Kleina v beit im politischen Kampf gehörte vor zwanzig Jahren in erster Linie das Aussuchcn von Festlichkeiten. Individuelle Einflußnahme, die in dem Lärm einer öffentlichen Versammlung nicht möglich ist. Ein aussükrlidier Bericht in der Zeitung, zumal in der im Haushalt nicht gelesenen, wirkte versöhnend, und inan erreichte eine Art freundlicher Gesinnung des poliiisd)en Gegners, die notwendig ist, um ihn für „ketzerische" Ideen aufnahmefähig zu macken. So wollte id) nach Sd)Iuß einer Versammlung der Einladung zu einem F e u e r w e h r f c st in H. Folge leisten und einen eingehenden Bericht mit dem ersten Frühzug nach der Residenz schicken. Es wurde an dem Versammlungsabend, der mit einem Schoppen am Stammtisch schloß, reckt spät. Die Festlichkeiten der Feuerwehr fanden immer außerhalb der Stadt im Eckützenfaale statt. Ach was! . Man weiß ja schon, wie derartige e st l i d) kc i t« n verlaufen. Das Programm in meiner asche ist so instruktiv, daß es bereits das Fleisch für den Bericht darsteilt. Ein wenig Sauce darüber und jeder Feuerwehrmarin nebst Frau und Familie wird sich an der „Kritik" ergötzen. In nid)t gerade alkoholfreier Stimmung nächtlicherweile ran an die Arbeit! „Begrüßung durd) den Vorsitzenden Rektor" Böhm", heißt es im Programm. Was einfacher als die Feststellung, daß der Herr Rektor in seiner weit über die Grenzen seines Heimatsortes bekannten klassischen Beredsamkeit alles mit sich fortgerissen habe ... j „Prolog, gesprochen von Fräulein Hilde Rl e i e r." Hier lobte ich die starken Anklänge an die wuchtige Sdiilderung der verheerenden Wirkung der Feuersbrunsi in dem Schillerschen „Lied von der Glocke" und forderte im Ramen Angezählter, daß dieses nach Form und .tnhalt unerreicht schöne Gedickt der Oeffentlichkeit nicht vorenchalten werde. Sie habe einen Anspruch darauf. „Dekorierung von drei M i t g l i e d e r n , die dem Verein seit 25 Jahren angehöre n." TräneN aas allen

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