Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 6 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Schlußfolgerungen. Von Iustizrat BernhardBreslauer. Berlin. Der 1. Februar ist vorüber, die Wahlschlacht ist geschlagen. Merkwürdige Resultate hat sie ans Tageslicht gefördert. Als wir Aelteren früher immer behaupteten, daß keine Partei außer der Liberalen in Berlin von Bedeutung sei, zuckle man die Achseln, unsere Ansicht schien veraltet, wenn nicht absurd. Und doch traf aiib trifft sie noch heute zu. Keine Richtung hat in der Berliner jüdischen Gemeinde solch Aebergewlcht und soviel Bedeutung, wie die liberale. Zum erstenmal eine Verhältniswahl, zum erstenmal Wahlrecht der Frauen. Das ergab 132 500 Wähler und Wählerinnen. 3m ganzen übten 48 644 Berechtigte ihr Wahlrecht aus, für die Konservativen stimmten 2756, für die Mittelparlei 4990, für die Zionisten einschließlich Poale Zion 16 206, für die Liberalen 24692. Es fehlten von der Gesamtzahl der Wähler und Wählerinnen sonach bei der Wahl 83 856 Berechtigte. Diese fehlenden Stimmen gehören fast ausschließlich Liberalen an, die aus den verschiedensten Gründen sich an den Gemeindeangelegenheiten nicht deteiligen. Der Hauptgrund ist wohl der, daß die Art, wie die jüdische Religion in die Erscheinung tritt, rückständig geblieben ist, und daß man nicht wie früher zu allen Zeiten und in allen Ländern verstanden hat, sie den Bedürfnissen der neuen Zeit und der neuen Menschen anzupassen. Die allerwenigsten von den ferngebliebenen Wählern wollen, trotz aller Bestrebungen der Antisemiten, ihren Glauben verlassen,' sie üben ihn nicht ans, weil nicht sie sich dem Glauben, sondern der Kultus sich ihnen entfremdet hat. Doch zunächst zu den Parteien. Die Konservativen haben im ganzen 2756 Stimmen auf ihre Liste zu vereinen vermocht. Wenn man bedenkt, welch verschwindend kleiner Teil der 132 500 Wähler den konservativen Anhang bildet, so versteht man nicht recht, warum ihren Anforde- * rungen so oft und in so großem Umfange nachgegeben wird. Toleranz! Wißt ihr denn nicht, was jener konservative Zentrumsmann seinerzeit den Liberalen gesagt hat? „Ihr müßt tolerant'sein, das entspricht eurem Prinzip: wir dürfen nicht tolerant sein, das entspricht dem unsrigen." Und wir? Toleranz gegen die Konseroativen ist selbstverständlich, das ist „unser Prinzip". Aber die . Toleranz darf nicht zur Intoleranz gegen die Liberalen werden, sonst wäre das die Anwendung des Prinzips der Konservativen und zwar durch Liberale gegen Liberale. Die M i t t e l - P a r t e i. Man nannte sie hier die Misch- Masch-Partei. Das stimmte nicht ganz. Ein Misch-Masch-Gebilde ist es, aber keine Partei. Wenn man sie durchaus als Partei bezeichnen will, so kann man sie höchstens die One-man-Partei nennen. Man erzählt sich: Dem Spitzenkandidaten sei von den Konservativen ein Platz auf ihrer Liste angeboten worden; er habe sich bereit erklärt, sich von den Konservativen aufstellen zu lassen, wenn man ihm eine bestimmte erste Stelle auf der Liste einräume: da dies die Konservativen nicht möglich gemacht halten, habe er abgelehnt und seine eigene Liste gebildet. Gar mancher dieser Kandidaten ist auf diese Liste geraten, weil ihn die Liberalen nicht aufgefordert haben. Hätten sie es getan, so würden sie sich auf ihre Liste haben sehen lassen. Wer sind die Kandidaten dieser Liste? Lauter Leute mit großen Titeln und in großer Stellung, nur leider fast kein einziger, der die Verhältnisse der Berliner Gemeinde kennt oder sich bisher auch nur im geringsten um sie gekümmert hätte. Die Wähler, die die Liste lasen, bezeichneten sie als die Liste der Prominenten. .Ich bin fest überzeugt, daß bis auf weniae Ausnahmen diese Prominenten sich nicht wieder einfangen lassen werden. Die One-man-Partei ist im Landesverband völlig bedeutungslos, in der Gemeindeverwaltung existiert sie nicht. Hier sind die wenigen Mitglieder konservativ. Die Zionisten. Sie werden auf die große Zahl der für sie entfallenden Stimmen Hinweisen und haben auch in der politischen Presse aller Welt von dem Anwachsen ihrer Stimmenzahl berichtet. 14 491, nur muß man hier, wie bei ihren Expektorationen, hinter die Kulissen sehen. Weit über 10000 Stimmen sind für sie von den hier ansässigen Ostjuden abgegeben. Höchstens 4000 wirk- Uch deutsche Juden haben sich in Berlin dem Zionismus angcschlossen. Eine erstaunlich geringe Zahl, wenn man bedenkt, daß Männer und Frauen gewählt haben, daß ihre Anhänger bei der straffen Organisation, der sie sich unterworfen haben, bei dem Fanatismus, der sie beseelt, Mann für Mann und Frau für Frau zur Wahl angetreten sind, wenn man bedenkt, welche Arbeit und welche Mühe die Partei seit 20 Jahren aufgewendet hat, und welch großes Geschrei sie in der Oeffentlichkeit verursachten. Dabei scheint ihr die ganze Presse zur Verfügung zu stehen, lind schließlich von 132 500 Wählern ganze 4000 deutsche — Berichtigung. Von dem bekannten Frankfurter Schrislsteller, Otto Schwerin, dessen interessanten Beitrag über den jüdischen Film wir in Ar. 4 veröffentlicht haben, werden wir um die Mitteilung gebeten, daß er nicht christlicher Konfession, sondern stolzer Bekenner des jüdischen Glaubens ist. _ Oie religiösen Lieder in der Bibel. (Aach dem Midrasch.) Von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). Der kommende Sabbat führt im Kaleiröer den Namen Schabbas Schirot, der Sabbat des Liedes, denn er steht ynter dem Zeichen des religiösen Liedes. Die Thoravorlesung bringt uns das Lied am Roten Meer, die Prophetenvorlesung das Lied der Richterin Deborah. Bei Gelegenheit des Liedes am Roten Meer gibt uns der Midrasch einen kurzen lieberblick über die religiösen Lieder und Gesänge, wie sie nach den Berichten der Bibel im alten Israel so oft ertönten, wenn Gott sein Volk aus Not und Bedrängnis errettet hatte. Folgen wir den Spuren des Midrasch! Das erste Lied erscholl zum Preise des Ewigen in jener Rocht der Obhut, da er die Kinder Israel aus Jahrhunderte langer Knechtschaft befreite. Zwar ist uns der Wortlaut dieses Dankliedcs nicht überliefert: die Thora erwähnt es nicht. In alter Zeit jedoch muß es wohl bekannt gewesen sein: denn »der Prophet Iesaia weist einmal darauf hin mit den Worten: „Ernst werdet ihr das Lied anstimmen wie in jener Nacht, da das Fest eingeweiht wurde" (Jesaja 30. 29). Am so bekannter und volkstümlicher ist das zweite Lied, kurz genannt „Das Lied am Meer", nämlich am Roten Meer oder, wie die Thora es immer nennt, am Schilfmeer. Nachdem die Kinder Israel trockenen Fußes das Meer durchschritten hatten, nachdem dann Pharao, der den soeben befreiten Israeliten nachgeseht, mit Roß und Reiter in den Fluten des Roten Meeres umgekommen war, sangen Mose und die Kinder Israel dem Ewigen ein Danklied. And als die Männer ihren Gesang beendet, trat Mirjam hervor, und alle Frauen schlossen sich ihr an mit Pauken und in Reigentänzen. Sie hatten mit ihren Männern die bittere Zeit der Knechtung durchgekostet: nun wollten sie auch beim Dankgesang nicht fehlen (2. B. M. Kap. 15.). Noch eines dritten Dankliedes aus der Thora tut der Midrasch Erwähnung. Dieses Lied gehört freilich einer Quelle ridiculus mus, Man wird ihnen dos anderweitig noch mehr und deutlicher zu verstehen geben und stets eindringlich wiederholen. Für den Zweck dieser Schlußfolger.ungen genüg! das Gesagte. Die Liberalen. 24 692 haben gewählt: das Resultat ergibt für Berlin eine absolute Mehrheit und dadurch 28 Mandate. Weit mehr sind der Wahl ferngeblieben. Das ist ein unerträglicher Zustand. Alle Gründe hierfür auseinanderzusetzen, ist hier nicht der Ort. Sie liegen einmal in der Verärgerung weiter Kreise der jüdischen Gemeindemitglieder in Berlin, hervorgerufen durch die orthodoxe Anmaßung in der Repräsenlantenversammlung. Sie liegen auch nicht zum wenigsten in der ungenügenden Vorbereitung der Wählerlisten, die namentlich alteingesessene Berliner Juden und deren Frauen an der Wahl gehindert hat. Sicherlich' haben aber auch die allzu weit auseinanderliegende» Wahllokale und ihre viel zu geringe Anzahl viele Wähler und Wählerinnen bewogen, von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch zu machen. Alle meine Freunde, auch die unter den Zionisten, wissen, wie ich zum Zionismus' stehe, daß und warum ich ihn verwerfe, welche Vorwürfe ich ihm zu machen habe. In einem Punkt aber möchte ich ihn jener großen Masse der ferngebliebenen Liberalen zum Vorbilde hinsiellen, das ist der treue Bekennermut. Keiner ihrer hohen Beamten und Gelehrten scheut sich — im Amt und in der Oeffentlichkeit — sich als Jude oder auch als Zionist zu bekennen. Was folgt aus allem für uns in Berlin? Die Gemeindeverwaltung wird die Lehren dieser Wahl zu beachten haben. Klar.sind ihr die Berhältnisie der einzelnen Gruppen vor die Augen geführt. Allen wird sie gerecht werden müssen, ober nach Maß des Umfangs und geistigen Ge- Halts der einzelnen Gruppen. Vor ollem wird sie bemüht sein müssen, den Liberalen, die eine erdrückende Mehrheit der Gemeindemitglieder bilden, gerecht werden. Nur so wird es möglich, die Fernstehenden allmäyWH wieder heranzuziehen. Die liberale Fraktion wird sich mit den Anforderungen der einzelnen Parteien besser abfinden müssen. Es ergibt sich wieder — wie vor Jahren —. daß die großen Anforderungen der Konservativen das Maß des Berechtigten und Zulässigen weit übersteigen. Für dir minimale Zahl der Konservativen bedarf es nicht so vieler gottesdienstlicher Einrichtungen, wie sie fordern und ihnen gewährt werden. So erinnere ich mich noch, wie oft ich früher am Freitag Nachmittag zur Teilnahme am Gottesdienst eines konservativen Vereins, dessen Synagoge sich in demselben Hause befand wie mein Büro, cingeladen wurde, weil nicht zehn Besucher für den Gottesdienst zusammenzubringen waren. Ich kenne auch die Synagoge, die man jetzt für einen zionistischen Rabbiner bereitstellen will und zu deren Sonnabend-Gottesdienst sich erst unlängst ganze drei Beter, später, längst nach Beginn der vorgeschriebenen Zeit, zehn Mann einschließlich dreier soeben eingesegneter Knaben eingefunden haben. Dem sonstigen Verhallen der Konservativen wird die Fraktion auf die Finger sehen müssen. Es darf nicht wieder zu Pessach im Krankenhause ein Scheinvertrag über den Verkauf der Wirtschaft abgeschlossen werden: die ohne Ermächtigung in der Altersversorgungsanstalt angebrachten Schilder, wonach jeder Insasse, der nicht rituelle Speisen ins Haus bringt, sich der Gefahr der Entlassung aus der Anstalt aussetzt, müssen wieder entfernt werden. Die One-man-Partei kommt für die Fraktion nicht in Frage. Sie wird verschwinden, wie sie aufgetaucht ist. Den Anforderungen der Zionisten wird die Fraktion mit unauslöschlichem Mißtrauen entgcgentreten müssen. Jeden Versuch, die Berliner Rvligionsgemeinde in eine jüdische Volksgcmelnde umzuwandeln, wird sie ihr Ouos e§o! entgegensetzen müssen. Allen Anforderungen wegen hebräischer Schulen, niederen und hohen, wegen hebräischer Sprache u. dgl. wird sie sich ablehnend gegenüber zu verhalten haben, soweit sie der Beförderung der Volksgemeinde dienen können. Die Berliner Gemeindeverwaltung darf kein Tummelplatz zionistischer Bestrebungen werden. Die Fraktion muß sich immer vorholten, daß 4000 deutsche Zionisten über 100 900 deutschen, meist liberalen Nichtzionisten gegenüberstehen und darf sich weder durch die geschickten Redner und Politiker der Partei, noch durch die Bereitwilligkeit mit Wort und Tat für jüdisches Schrifttum und jüdische Gemeinschaft einzutreten, irre machen lassen. Ausgabe der Gemeindeverwaltung war, ist und bleibt die Erhaltung der jüdischen Religionsgemsinde in der Hauptstadt des deutschen Reiches und für die Deutschen, die dem jüdischen Glauben angehöreu. Der Liberale Verein wird neben feinen, sonstigen Arbeiten sich noch nach zwei Richtungen hin besonders betätigen müssen. Er wird Wesen und Bedeutung der einzelnen Parteien 6pl darstellen, klarstellen und den Gemeindemikgliedrrn beba machen müsse, und er wird alle Bemühungen darauf wenj müssen, die große Zahl der Fernstehenden aufzuklären und h»! zuziehen. Es wird und muß dies gelingen. Die Wohl« 1. Februar hat doch so manchem die Augen geöffnet. Es immer und immer wieder Aufklärung in jene Kreise Hinei: tragen werden. Auch die Iugendvereine können hierbei mitwir und zu einer Arbeit herangezogen werden. Ern guter Teil jetzigen Generation und die ganze Jugend kann wiedergewon werden. Der Liberale Verein, der mitgeholfen hat, den Sieg zu ringen, darf auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen. Immer immer wieder muß er än die Arbeit gehen: feine Organifalio muß er verteilen, erweitern: er muß dahin wirken, daß liberalen Geineindemitglieöern ihre überragende Stellung in Gemeinde erhalten wird, und daß sie in den Stand gesetzt den. dauernd allen anderen Parteien und Parteichen die zu bieten, zum Segen der großen Berliner Gemeinde, die all anderen Gemeinden in Deutschland zrim Vorbild dient. Zahlen beweisen. Was lehren die Wahlziffern? 1. Rückgang des Zionismus seit 1920. Bei den Repräsenl^akenwahlen 1920 erhielten von 14 436 gJ ligen Stimmen die Liste Klee 4516, die Liste Oskar Cohn g» zusammen 5435 - 37%. Bei den Landesverbandswahlcn 1925 erhielten von 48 t gültigen Stimmen die Liste Klee 14 441, Liste Oskar Cohn 171 zusammen I 16 162 - 33 %. 2. Viel zu starker Einfluß der Konservativ! in der Gemeindeverwaltung. Die KonservoÄven haben 5 Repräseniantenmandate, die L! ralen 10. Beide konservativen Richtungen erhielten am lchl Sonntag zusammen 7737 Stimmen, die Liberalen 24 673. Berücksichtig! man aber, daß mindestens 2000 Wähler liberal Grundairschcumng die Mittelpartei in Unkenntnis des konscr» liven Charakters dieser Richtung wegen der klangvollen Titel Kandidaten gewählt haben, so errechnet sich der wahre Anteil} Konservativen an der Gesamtzifser auf 5700 von 48 572 — 12 Die Konservativen haben aber 5 von 21 — 24 % der 9Konfca inne. 3. Völlig unberücksichtigt ist hierbei geblieben, daß groj Massen der liberalen Wähler und Wählerinnen nach den uns w ihnen geworbenen Mitteilungen nicht in der Wählerliste standc die bei den nächsten Wahlen ganz anders ausgestellt wcrd: muß, und daß Tausende deshalb von ihrem Wahlrecht keim Gebrauch gemacht haben, weil die Wahllokale in Berlin viel z weit auseinander lagen, weil viel zu viel Wähler auf ein Wad lokal verteilt waren, so daß Schlangenlinien bis auf die Slraj standen. Daß ferner erst in den letzten Tagen einige neue Lokil bestimmt wurden, über die die Wähler und Wählerinnen niit genügen- Kenntnis hatten. Hätten alle diese Gemeindemitglied« die so um ihr Mitbestimmungsrecht gekommen sind, gestimmt,! wäre die Bedeutungslosigkeit der deutschen Zionisten und öc konservativen Partei noch deutlicher zutage getreten. Es kan nach unseren Nachrichten keinem Zweifel unterliegen, daß bau: die Liberalen etwa 35 Mandate erlangt hätten. Die konscm tive Partei dürfte danach in der Repräsentantenversammlurg der Berliner Gemeinde nicht mehr als ein Mandat haben. 101 Die jüdische Gegenwart, j A Wiener Brief. Der stilwidrige Hausierer. In keinem Teile Wiens haben Krieg und Umsturz so tieft) untilgbare Spuren der Verheerung hinterlasten wie im Prater Wer die Hruptallee der Vorkriegszeit mit ihren schier unenülichcü Wagenkolonnen in Erinnerung hat und mit diesem Bilde i« Herzen heute die historische Stätte vornehmer Alt-Wiener Korsos Herrlichkeit durchwandelt, dem tritt die Vergänglichkeit allen iri>i; scheu Glanzes erschütternd vor Augen. Kein „Zeugerl" ist oui der idealen Fahrbahn, deren Aeberquerung dereinst für Fch gänger ein kühnes Wagnis war, weit und breit zu sehen. M ausoestorben liegt die langgestreckte Via triumphalis einstige Fiakerherrlichkeit da. Die „harben Rappen", von denen da an, die noch älter ist als unsere altehrwürdige Thora. Diese Quelle ist ein altes, leider verloren gegangenes jüdisches Heldenbuch mit dem Namen „Büch der Kämpfe des Ewigen" (4. B. Mose 21. 14). Aus diesem Buch führt die Thora den Anfang eines Liedes an, das die Kinder Israel einst in der Wüste angestimmt haben. Da wird jener Brunnen besungen, von dem der Ewige zu Mose gesprochen: „Versammle das Volk, ich will ihnen Wasser geben" (daselbst B. 16). Der uns überlieferte Anfang des uralten Liedes aber lautet: „Steige auf. o Brunnen: singet ihm zu. Dem Brunnen, den Fürsten gegraben. Den die Edlen des Volkes ausgehöhlt Mit dem Zepter, mit ihren Stäben" (das. V. 17 u. 18). Auch das vierte Lied entstammt einer Quelle, die älter ist als die Bibel und die uns gleichfalls verloren gegangen ist. Das Buch hieß, nach dem Bericht im Buche Iofua, „Das Buch der Redlichem'. Dieses verschollene Buch enthielt u. a. ein Danklied für die Errettung Israels aus der Hand der Emoriter. Aus dem Lied ist aber nur jene kurze berühmte Stelle erhalten, die das Buch Iosua uns überliefert hat: „Damals sprach Iosua zum Ewigen ... vor den Augen Israels: „Sonne, stehe still in Hitern, Und Mond im Tale Äielon. Und die Sonne stand still und der Mond blieb stehen, Bis das Volk an seinen Feinden Vergeltung geübt." (Iosua 10, 12 u. 13.) Aus dem Buch der Richter führt der Midrasch das Deborahlied an, es ist dos fünfte Danklied, jenes Lied, das die Richterin und Prophetin Deborah gemeinsam mit dem Feldherrn Barak anstimmte nach dem glorreichen Siege Israels über den König Iobin von Kanaan und seinem gefürchteten Feldherrn Sisera. Das Lied beginnt mit den Worten: „Daß Führer in Israel führten, Daß das Volk sich willig zeigte, Dafür preiset den Ewigen." Und es klingt aus in den Ruf: „So müsien untergehen alle deine Feinde, o Ewiger. Doch die ihn lieben, sie gleichen dem Aufgang der Sonne in ihrer Pracht" (Richter Kap. 5). Das sechste Danklied ist jenes Lied, das David gegen Ende seines Lebens gesungen, nachdem ihn der Ewige aus der Hand seiner zahlreichen Feinde gerettet. Wir besitzen das Licd in zwei Fassungen (2. B. Samuel Kap. 22 und Psalm 18). Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem siebenter Lied. Es ist der 30. Psalm und trägt die Ueberschrift: „Lied fl Einweihung des Tempels von David/' Erst Salomo, Davids Sohn hat ja den Tempel gebaut. Aber, so sagt der Midrasch. David hat nach dem biblischen Bericht schon viele Vorarbeiten zum Tempelbau getroffen und sein sehnlichster Wunsch war es gewest den Tempel noch selber erbauen zu dürfen, wie er es im 132. Psa!n> ausführt: „Gedenke, Ewiger, da David all' seine Mühsal, ihnj der dem Ewigen geschworen, dem Mächtigen Jakobs gelobt: F will mein Wohnzelt nicht betreten, will das Bett meines Lagers nicht besteigen, will meinen Augen keinen Schlaf, meinen Wimpern keinen Schlummer gönnen, bis ich für den Ewigen eiuc Stätte gefunden, eine Wohnung für den Mächtigen Jakobs. Darum wird dem David der Wille für die Tat gerechnet, und d^ Lied zur Tempelweihe wird mit seinem Namen genannt. Das achte Lied hat dann^Salomo, der Erbauer des Tempels gesungen. In der Bibel sind uns nur wenige Worte aus dem Liede aufbewahrt (1. B. Könige 8, 12—13), die griechische Bibel' Übersetzung hat es etwas ausführlicher überliefert, und sie wein auch aus ein älteres Liederbuch hin, in dem es vollständig crhalten sei. Das Liederbuch ist aber nicht auf uns gekommen. Auch das neunte Lied kennen Vir nicht in seinem Worllaut. Der Urenkel Salomos, König Iosafat, wird, wie wir au§ dem Melken Buch der Chronik erfahren, von den Ammonitern und den Moabitern hart bedrängt. Durch die göttliche Hilfe besieg! Iosafat den weit überlegenen Feind. And nun versammelt sich das Volk im „Tal der Lobpreisung", das seinen Namen davon erhalten hat, daß die im Tal Versammelten ihrem Gott ein Danklied anstimmten (2. Buch Chronik 20, 26). Das zehnte Lied endlich ist noch nicht gesungen worden Es wird, wie der Midrasch sagt, dereinst erklingen, wenn der all' mächtig« Gott seinem Volke Israel Ruhe verschafft hat vor alle" seinen Feinden, eine Ruhe, die dann in alle Ewigkeit nicht wieder gestört werden wird durch neues Leid. Dann wird Israel seinem Gott ein neues Lied anstimmen. Auf dieses dereinstige Danklic" spielt der Probet Jesaja an, wenn er das Volk auffordcrl' „Singet dem Ewigen ein neues Lied, sein Ruhm erschalle vom Ende der Erde her" (Jesaja 42, 10), und der Dichter deS 149. Psalms, wenn er ruft: „Singet dem Ewigen ein nenei Lied, sein Ruhm erschalle in der Gemeinde der Frommen." So führt uns der Midrasch durch die Reihe der heilige"?rhr>rn. dem ersten Buch, bis