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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Itgugiprti* (w4 dis Gsfchlstsstsüs jährlich 3Jt. 2,40, inzelnummer 0,20 Lei freier Zusendung im Inland 0,24. ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis .. im Miigliedsdeilrage enthalten. :: :: :: hefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Woyda. MKchKbemleZeilullg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Die ,/Jüdilcb - liberale - Leitung" erscheint jenen freitag, Bebriftleitung und ©efchäfteltelU: Berlin, JMauerltr. 22. fernruft Hmt pierkur ]Sr. 8124 PortrdMdilwtito: NM 7 J*r. 137069 (Vereinigung für da» liberal* Judentum) JVathdrudi rimtllAer Original - BcitrSge nur mit vorheriger Genehmigung 4er Redaktion gestattet I Anzeigenpreise: Die 12gespalteneAonpareMezeile o,44 Gaidmar», die ReNamezelle S,00 Seldmart, »ei Wiederholungen RahaN. Ir. 6 Berlin, 6. Februar 4924 4. Jahrgang Gewaltiger Wahlsieg der Liberalen! Absolute Mehrheit des religiösen Liberalismus. - Die Konservativen bedeutungslos. - Wahlniederlage der Zionisten. - Oie preußischen Luden gegen das Rationaljudentum. Vorläufiges Ergebnis: ZI Liberale, 31 Zionisten, 14 Konservative. Als die Wahlen zum Landesverband jüdischer Geneinden in Preußen ausgeschrieben wurden, da glauben die Konservativen, die Stimme des Liberalismus ms dem Grabgewölbe zu hören. Nicht ganz so weit singen die Zionisten. Doch-auch sie hielten die Todestunde des jüdisch-religiösen Liberalismus in Preußen md Deutschland für gekommen. Man war überzeugt >avon, daß die Liberalen nur durch undemokratische Prinzipien rm Besitz der Mehrheit geblieben waren und >oh sie das demokratische Wahlrecht, das unabhängig >on der Staatsangehörigkeit Männer und Frauen mit gleicher Stimme wählen läßt, zu einer bedeutungslosen Minderheit degradieren würde. Der jüdische Liberalismus Kat in seiner Todesstunde 71 Mandate erkämpft. Seine absolute Mehrheit steht fest, ohne daß man Wahlkreisgeometrie zu treiben braucht. Denn die anderen Parteien haben von den insgesamt 123 Mandaten nur 52 inne und werden durch die Landeslisten im Höchstfälle noch 4 Mandate erkalten. Dabei stehen diese Parteien der homogenen Masse der Liberalen als eine heterogene, in religiösen und nationalen Fragen nach vielen Seiten auseinander - strebende Masse gegenüber. Haben doch die zur Minderheit gehörenden Konservativen im Wahlkampf z. B. in Schlesien und Hessen-Nassau Seite an Seite mit den Liberalen gegen die Zionisten ßelämpft, sind doch die Mittelparteiler nicht unbedingt sichere Gefolgsmannen der Konservativen: und sind doch 75 % aller Kandidaten in der Ablehnung national-jüdischer Bestrebungen einig. Die Wähler und Wählerinnen haben durch ihre Abstinrmung zu erkennen gegeben, daß sie für die religiöse Weiterentwicklung des Judentums im Sinne des liberalen Programms eintreten. Aufgabe der liberalen Fraktion wird es daher sein, diesen Standpunkt der Wählerschaft mit Entschiedenheit zu vertreten. Der jüdisch-religiöse Liberalismus würde aber seinem stets durch die Tat besiegelten Grundsatz untreu werden, wollte er nicht in dieser Stunde des gewaltigen Sieges die Toleranz gegenüber den anderen religiösen Richtungen im Judentum betonen. Daß diesen ihr Recht nicht verkümmert werde, ist für jeden wahrhaft Liberalen selbstverständlich, lieber dieser Duldsamkeit gegenüber den anderen jedoch darf nicht vergessen werden, die Rechte der gewaltigen Mehrheit der preußischen und deutschen IuDenheit zu wahren und auszugestalten, die ihrer Ueberzeugung einen so ü b e r - wältigenden Ausdruck verliehen hat. Es darf nicht wieder dahin kommen, daß kleine Minderheiten in religiösen Fragen Ansprüche erheben und daß diesen Ansprüchen nachgegeben wird, während die religiösen Bedürfnisse der liberalen Juden von eben dieser Minderheit sabotiert werden. Für die Zionisten ging der Wahlkamps — nicht immer wurde es offen ausgesprochen — darum, den jüdischen Gemeinden ihren Charakter als Religionsgemeinden zu nehmen und sie in Dolksgemeinden mit politischen Rechten, hebräischen Schulen und hebräischen Kindergärten umzuwandeln. Hebräisch sollte als lebende Sprache bei den deutschen Juden Eingang finden. Die Würfel sind gefallen. Unsere Verbundenheit mit deutscher Kultur, mit der deutschen Heimat, mit der deutschen Sprache ist klar zum Ausdruck gebracht. Oie Verteilung der Mandate im Landesverband. (Nach den vorläufigen Ergebnissen graphisch dargestellt). Gesamtzahl der Mandate: 123. Liberale Mrttelparte» s Mandate 71 Mandate konservative Zionisten, 14 Mandate 31 Mandate poale Zion, 2 Mandate Danksagung. Der Liberale Berein für die Angelegenheiten der Gemeinde zu Berlin E. B. bittet uns um Aufnahme folgender Zeilen: Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E.B., stolz auf das Berliner Wahlergebnis, das eine absolute Mehrheit der Liberalen ergeben hat, dankt allen, die zu diesem Erfolge beigetragen haben, aufs herzlichste. Mit diesem Dann, der unsere Wähler und Wählerinnen und die zahlreichen hervorragenden Wahlhelfer umfaßt, verbindet unser Verein den Wunsch, den Ausbau der liberalen Organisation welterzuftihren und zu vollenden. Unser Ziel muß sein, bei den im Dezenrber dieses wahres stattfindenden Repräsentantenwahlen in der Berliner Gemeinde eine Zweidrittelmehcheit zu erringen, die es ermöglicht, die religiös-liberalen Bedürfnisse der Berliner Iudenheit zu befriedigen. Eine neue liberale Synagoge Ln London. Am 18. Januar hat Herr Claude G. Montefiore den Grundstein für die neue liberale Synagoge in London gelegt. Sie wird die größte Synagoge Englands sein. Die Baukosten betragen 46 000 Pfund. _ Stresemanrr und der jüdische Mensch. Am Sonntag, den 1. Februar, am zweiten Tage der akademischen Tagung der Deutschen Bolksparlei, sprach Reichs«^— minister Dr. Stresemcnm über die Frage »Akademiker und litik". Nachdem er die Wichtigkeit der Heranbildung von Führerpersönlichkeiten in den Kreisen der Akademiker betont hatte, führte er aus: „Möge man bei dem Rätselraten über den gewaltigen Einfluß jüdischer Kreise auf die Gestaltung geistigen Denkens unseres Volkes sich auch klar darüber sein, daß dieser Einfluß sich vielfach ergibt aus der Ueberlegenheit, die das Berbunbensein jüdischer Kreise mit den geistigen Strömungen der Gegenwart ihnen vor denjenigen gibt, für die das Leben mit Fachwissen und Erfüllung der Berufspflicht abgeschlossen ist. Möge nie der Fachmann völlig siegen über den Menschen. Der politische Gegensatz hat es mit sich gebracht, daß der dem Wahlakt vorangehende Kampf der Parteien in schärferen Formen ausgetragen wurde, als es dem religiösen Zusammengehörigkeitsgefühl vieler Juden entsprach. Da wurden die Heldentaten politischer Parteien bei den Reichstagswahlen bis ins kleinste nachgeahmt. Man sprach vom Sinowjewbrief der Liberalen. Man sprengte unsere Versammlungen, man scheute fich nicht, in der Presse offenkundige Verleumdungen auszusprechen. Man hat meinen Namen in mancher gegnerischen Kundgebung, in der ich infolge Abwesenheit nicht die Möglichkeit der Aufklärung hatte, in den Schmutz gezogen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß in dieser Beziehung intra et extra muros gesündigt worden ist.; Es steht zu hoffen, daß mit diesen persönlichen Verunglimpfungen nunmehr Schluß gemacht wird. Denn nur dann kann von einem fruchtbaren Arbeiten im Landesverband die Nede sein. Aber es darf auch nicht vergessen werden, daß jeder Wahlkampf gewisse Auswüchse zeitigt und daß die innere Achtung vor dem Gegner, dessen Schwächen man aufzelgen mußte, niemals völlig geschwunden ist. So wird niemand daran zweifeln, daß Persönlichkeiten wie Frau Rabbiner Dr. Ernestine Eschelbacher, wie Siegbert Seckelsohn, David Wolpe, Justizrat Werner, Rabbiner Dr. Weiße hochschätzenswert und unantastbar sind. Wenn fle hier angegriffen wurden, so geschah es nicht ihrer unumstrittenen persönlichen Charaktereigenschaften willen und nicht in Ableugnung ihres jüdischen Gefühls; sondern es war notwendig, um ein System zu geißeln, dessen erstes Gebot lautet: ich bin konservativ, damit ihr die Gebote haltet. Nach unserem glänzenden Wahlsieg wird wohl kein Liberaler mehr daran denken, Kompromisse mit anderen Parteien zu schließen, die unsere gewaltige Mehrheit in Deutschland und Preußen fast immer nur zu trüben geeignet sind. Aber die nun folgenden Wahlkämpfe werden doch ruhiger geführt werden können und müssen, weil das religiöse Moment noch ganz anders als diesmal in den Vordergrund gerückt werden muß. Damit dies geschehen kann, muß nun erst unsere Aufbauarbeit beginnen. Durch sie müssen wir die liberalen Wählermassen weiter für das jüdische Problem interessieren, und wir müssen diejenigen hinzugewinnen, die aus Indifferenlismus, wegen der Ungunst der Wahllokale in den Großstädten wie Frankfurt a. Main und Berlin, und abgeschreckt durch die eines jüdischen Wahl- Kampfes unwürdigen Formen, die von der Gegenseite provoziert wurden, ihre Wahlberechtigung nicht benutzt haben. Dann ulerden die Liberalen, gestützt auf das Vertrauen der großen Mehrheit der deutschen Juden, Arbeit leisten, die der Erhaltung der Religion der Väter und der Durchdringung der Men und der Jungen mit religiösen Ideen dient. Wir sind es, die die großen Wählermassen auf die Beine gebracht und das Interesse einer großen Zahl jüdischer Menschen auf eine jüdische Frage konzentriert haben. Wir werden es auch sein, denen dereinst die jüdische Geschichte d l e Erhaltung der jüdischen Religion zuschreiben wird. Bruno Woyda. t

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