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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-02-06 · 6 (6.2.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
6 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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m populäre Fiakerlied des Mischen Dichter-Komponisten Pich singt, modern auf den Aufmarschweaen zu den verschiedenen Kriegsschauplätzen 1914—1918, und für Automobile ist die Hauplallee gesperrt. Grund genug, dah sich die amtlichen Beschützer her Prater- Herrlichkeit ihre Bureaukratenköpfe über das Problem zerbrechen. wie trotz den widrigen Verhältnissen der aristokratischvornehme Charakter des Rodelpraters gerettet werden könnte. Einem ganz Findigen ist nun die Lösung dieser Frage geglückt, nicht in positiv-produktivem Sinne, sondern in negativ-prohibitivem. Aber Ehre, wem Ehre gebührt: eine Gefahr der Proletarisierung der Hauptallee ist rechtzeitig erkannt und sofort abgeschlagen worden: schon unter dem Bahnviadukt, der den Eingang zum Prater bildet, begrüßt den Eintretenden die Warnungstafel: „3m Prater ist das Hausieren verböte n." Obwohl dieses Verbot dem zitierten Wortlaut nach für den g-a n z e n Prater Geltung haben müßte, habe ich in dessen volkstümlichem Teile, dem berühmten „Wurstelprater , weder die männlichen Händler mit Zuckerln, Luftballons. Zeitungen und Zigaretten noch die weiblichen Feilbieterinnen ihrer eigenen Reize vermißt. Es scheint also, daß das Hausierverbot nur im Rodel - prater praktisch durchgeführt wird. Die Hauptallee, deren geheiligten Boden vor einigen Jahrhunderten nur Kaiser und Adel betreten durften, während die Bürger dort in ihren Wagen bleiden mußten, um die Pratererde nicht zu entweihen, soll offen-' bar auch in unserem demokratischen Zeitalter wenigstens vor dem Bodensatz der Menschheit bewahrt werden. And als solcher erscheint einem bureaukratischen Gehirn merkwürdigerweise der Stand der Hausierer. Einer derartigen Auffassung muß einmal energisch entgegengetreten werden. Der Hausierer war einst, nämlich zur Zeit des turbulenten Aufstiegs der Ehristlichsozialen, das believteste Angriffsobjekt einer konfessionell orientierten Demagogik. Er galt als die Berkörperung jüdischen Schachcrgeistes und jüdischer Aufdringlichkeit. In den ersten Versammlungen der Wiener Antisemilenpartei pflegte stets ein Redner die Zuhörer mit einem zerbrochenen Paraplüie zu harangieren, von dem er behauptete, ihn vor kaum einer halben Stunde von einem jüdischen Hausierer erworben zu haben und jetzt sehe der ganz neue Schirm schon so kläglich aus! Worauf sich pünktlich olles über den Schwindel entrüstete, aber nicht etwa über den plumpen Schwindel des Demagogen, der trotz seiner antisemitischen „Weltanschauung" seinen Bedarf an Regenschirmen merkwürdigerweise beim Handelsjuden deckte, sondern über den angeblichen Schwindel des jüdischen Hausierers, der seinen mühcvokcn und demütigenden Beruf offenbar nur deshalb auSübt, um den Ariern eins am Zeug zu flicken. . . . Es scheint, daß diese naive Ansicht auch heute noch in gewissen Köpfen spukt. Anders kann man sich das famose Hausierverbot für einen ganzen Stadtteil nicht erklären. Wenn ein Hausverwalter ein solches Verbot für sein Haus erläßt, kann man ihm Sorge um die Sicherheit seiner Parteien zubilliaen. Er ist außerstande, jedem Fremden, der von Tür zu Tür geht, einen Wächter zur Kontrolle mitzugeben, ob der Mann ehrliche Absichten hat. Welche Gefahren drohen aber den großstädtischen Massen aus offener Straße und in öffentlichen Parkanlagen von seiten der Hausierer? And nirgends ist ein solches Verbot so unsinnig wie gerade im Prater. Will man etwa die Rennplatz- Besucher, die ihr Geld zum Buchmacher tragen, vor Aebervorteilung beim Ankauf eines Kragenknopfes schützen? Oder soll verhindert werden, daß sich der Sonntagsbummler verleiten läßt, sein Geld leichtsinnig für ein Paar Hosenträger oder eine Zahnbürste hinouszuwerfen statt cs den lebenswichtigen Institutionen des Watschenmanns und der Dame ohne Unterleib zuzuführen? Ich glaube nicht, daß man dieses Rätsel mit logischen Argumenten zu lösen vermag. Die stichhaltigste Erklärung ist eben die, daß man cs mit einem bewußten oder unbewußten Ausfluß gehässiger Rasseninstinkte zu tun hat, die sich wie immer auch in diesem Falle just gegen eine der geplagtesten und armseligsten Schichten des „gefährlichen" Judentums kehrt. Es ist deshalb um so trauriger, wenn auch die Gedankenlosigkeit wohlhabender Juden den Kampf gegen die „Belästigung", durch den Hausierer mitmacht. Man höre endlich auf, Menschen, die auf harte Weise ein kärgliches Brot verdienen wollen, Prügel vor die Füße zu werfen, weil sie einen überfeinerten ästhetischen Geschmack irgendwo stilwidrig das Landschastsbild zu beeinträchtigen scheinen . . . Dr. Hugo S p i c g 1 c r. Oie Zu-en in den preußischen Gefangenenanstalten. Van R a b e r t K c m p it c r. Allein in Preußen gibt es 1068 Gefangenenanstalten, von denen 22 Zuchthäuser sind. Zn ihnen befinden sich Tausende und Abertausende non Sträflingen. Tansendc davon sind Juden. Es soll in diesem Zusammenhänge nicht auf das Problem Judentum und Kriminalität eingegangen werden: hierzu fehlt zurzeit das erforderliche Zahlenmaterial, so daß gerade das Ergebnis der Nachkriegsjahre und die Zunahme jüdischer Verbrecher infolge Oie liberale Fraktion im Landesverband. Nachsichend veröffentlichen wir auf Grund des bisherigen l Wahlergebnisses (nach unseren eigenen Berechnungen) die Liste! derjenigen Mitglieder des ersten Derbandstages des Preußischen! Landesverbandes jüdischer Gemeinden, die berufen sein werden, > die Interessen der liberalen Juden in Preußen zu vertreten. i Lehrer Michael Abraham, Berlin. Rechtsanwalt Dr. Eduard Baerwald, Frankfurt a.M. Fabrikbesitzer Alfred Bielschowsky, Breslau. Rechtsanwalt Dr. Walter Breslauer, Berlin. Kaufmann Curt B r l e n i tz e r, Breslau. Iustizrat Jul. B r o d n i h, Berlin. Handelsgerichtsrat Georg Cohn, Berlin. Kaufmann Gustav Cohn, Crrfeld. Frau Hanna Cohn-Dorn, Hannover. Dr. Leopold Cohn. Hildesheim. Bankier Willy D r e y f u s. Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Arthur Ehrlich, Tilsit. , Seminarlehrer Hermann Falkenberg, Berlin. Kaufmann Erich F e l s e n t h a l, Düsseldorf. Rechtsanwalt Fleischer. Schneidemühl. Frau Stefanie Forchheimer, geh. Fialla. Frankfurt a. M. Iustizrat Dr. Oskar F r a n ck e n . Aachen. Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank, Köln. Dr. Emil Franken st ein. Magdeburg. Dr. Moritz Garbäty. Berlin. Kaufmann Max Gins, Breslau. Lehrer Emil G o ld s ch m i - t. Dortmund. Studiendirektor Dr. 3. Gutmann, Berlin. Kommerzienrat Raphtali Hamburger, Berlin. Dr. Ludwig Holländer, Berlin. Eduard Holz, Königsberg. Lehrer Eugen I a c o o i II, Köln. Iustizrat Salomon K a l i s ch, Breslau. Rechtsanwalt Dr. K a h c n st e i n , Bielefeld. Rechtsanwalt Dr. Jos. K a h e n st e i n, Cassel. Karl Kaufmann, Mühlheim (Ruhr). Gemeinderabbiner Dr. Ad. Kober, Köln. Iustizrat K o ch m a n n, Gloiwih. Kaufmann D. L e e s e r, Dortmund. Stadlrat Th. L e s s e r, Elbing. Referendar Dr. Arthur Lilienthal, Berlin. Iustizrat Leo L i l i e n 1 h a l, Berlin. Kaufmann Siegmund L o e b, Trier. Sanitätsrat Dr. Felix Mendel, Esten. Rechtsanwalt Dr. Aich. Merzbach, Frankfurt n. TR. Kaufmann Max M e h, Liegnitz. Frau Helene Meyer- Stargard, Berlin. Dr. Martin Meyer, Stettin. Frau Paula O l l e n d o r f, Breslau. Sanitätsrat Dr. Ollendorf, Barmen. Sanitätsrat Dr. Alfred Peyser, Berlin. Paul D i n c u s. Berlin. Gewerberat Emil P l o l k e. Berlin. Siegfried Rosenbau m, Pasewalk. Kaufmann Henry Rothschild, Frankfurt a. M. Frau Gertrud S e l i g s o h n, Berlin. Rechtsanwalt Dr. Jul. L. Selig lohn, Berlin. Iustizrat Hugo So nnenfeld, Berlin. Frau Ottilie Schönewald, Bochum. Frau Minna Schwarz, Berlin. Kaufmann Arnold Stein. Berlin. Fabrikant Moritz Steinberg, Wiesbaden. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Frau Ruth Stern, Rheydt. Rechtsanwalt Dr. Tarnowski. Breslau, rau Mara. T i e tz, Köln a. Ah. rofessor Dr. Moritz Türk, Berlin. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Berlin. - Rechtsanwalt Dr. John Wertheim, Berlin. Gemeinderabbiner Dr. Max W e y l, Berlin. Kammergerichtsrat Leo Wolfs. Berlin. Tapezierermeister Louis Wolfs, Berlin. Mühlenbesiher Willy Wolfs, Frankfurt a. M. Dipl.-Ing. Bruno W o y d a . Berlin. Stadlrat Zielenziger, Potsdam. östlicher Einwanderung nicht kritisch gewürdigt werden kann. Vielleicht ist es auch ganz gut. wenn diese Fragen erst erörtert werden, sobald die Stabilisierung der deutschen Wirtschaft unnormaler Menschenaustausch innerhalb der Staaten cingetreten sind, damit die politische Ausschlachtung einer solchen sine ira et studio gemachten Betrachtung unmöglich ist. Die Auswahl der Strafanstalt, in welcher der Verurteilte seine Strafe anzutreten hat, bestimmt sich im allgemeinen nach dem Gericht, durch welches die Verurteilung erfolgt ist. Die für dieses zuständige Strafvollstreckungsbehörde verteilt in die einzelnen Anstalten nach einem bestimmten Plan. In ihm werden die Religionsbekenntnisse berücksichtigt. So haben zumeist die in Berlin verurteilten Protestanten m Tegel, dagegen Katholiken und Juden ihre Strafzeit in Plötzensee zu verbüßen. Audi in den anderen Gerichtsbezirken findet diese Trennung nach Glaubensbekenntnissen statt. Innerhalb der Anstalt, wie z. B. in Plötzensee sind bestimmte Häuser für Juden reserviert, die mit den Häftlingen der anderen Häuser der Anstalt weder bei der Arbeit noch beim Spaziergang in Berührung kommen, so daß eine vollständige Trennung besteht. Auch das Reichsgerich: hat für die von ihm zu Zuchthaus Verurteilten besondere Einlieferungsbestimmungen festgesetzt, so daß z. B. die aus dem Kammergerichtsbezirk stammenden Juden nach Brandenburg, die aus dem Bezirk Breslau nach Görlitz und die aus Königsberg sämtlich nach Insterburg kommen. Hierdurch wird eine Vereinfachung im Betrieb und in der Anstellung der Seelsorger erzielt. Beträgt nämlich die Durchschnittszahl der Gefangenen eines Bekenntnisses mehr als 10. so werden im Benehmen mit der Kirchenbehörde Geistliche durch Vertrag mit der religiösen Pflege betraut, und diese Vorschrift umfaßt natürlich auch die jüdischen Gefangenen. Bei den Gefangenenanstalten in der Nähe größererchüdischer Gemeinden wird sich dies ohne weiteres ermöglichen lassen. Um aber auch sonst in jeder Weise die Durchführung jüdischer Seelsorge zu ermöglicheil. ist vom Iustizminister durch Erlaß vom 4. Mai 1914 verfügt, daß jüdische Gefangene mit Strafen von drei Monaten aufwärts für jeden Oberlandesgerichtsbezirk an einem Orte vereinigt werden, wo sich ein jüdischer Seelsorger befindet. Den Wünschen Strafgefangener jüdischen Glaubens mit einer geringeren Strafzeit soll in dieser Hinsicht ebenfalls möglichst entsprochen werden. Der Kernpunkt der Einrichtungen für die jüdischen Gefangenen bildet der Gottesdienst. Dieser ist für Juden in einem besonders dazu eingerichteten Raum abzuhalten. — so besteht in Plötzensee ein sehr hübscher kleiner Tempel — bei nur wenigen Gefangenen soll der Schulraum hierzu benutzt werden. Der Gottesdienst der Juden darf am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen abgehalten werden, wie durch tz 116 der Vorschriften über den Strafvollzug in Preußen imsdrücklich bestimmt ist. Die jüdischen Gefangenen erhalten ein Gebetbuch. In den Gefängnissen ruht an Sonntagen und staatlich anerkannten Feiertagen die Arbeit. Aber durch tz 106 ist besonders bestimmt, daß Gefangene jüdischen Glaubens an ihren Feiertagen ebenfalls nicht wider ihren Willen zu beschäftigen sind. Als jüdische Feiertage werden betrachtet: Passah (die beiden ersten und die beiden letzten Tage). Wochenfest (zwei Tage). 'Neujahrsfest (zwei Tage). Versöhnungsfest (ein Tag). Laubhüttenfest (die beiden ersten und die beiden letzten Tage). Auch für die rituelle Beköstigung lind durch tz 97 besondere Vorschriften gegeben. Während im allgemeinen Gefangene auf Staatskosten beköstigt werden (Ausnahme: z. B. Kranke und Untersuchungsgefangene), dürfen Juden während des Passahfestes von Glaubensgenossen nach ihren Speisegeboten verpflegt werden. Die Art und Menge der Speisen hat sich annähernd iu den Grenzen der hansordnungsmäßigen Verpflegung zu halten. Die Verabreichung berauschender Getränke ist ausgeschlossen. Wenn eine erhebliche Zahl Gefangener vorhanden ist. kann das Essen von der Anstalt selbst nach Anweisung des zuständigen Rabbiners zubereitet werden. Mehrkosten dürfen hierdurch der Verwaltung nicht entstehen; die Gefangenen sind an diesen Tagen von anderen Gefangenen getrennt zu halten. Im übrigen erstreckt sich die Verabfolgung von rituell zubereiteten Speisen an jüdische Gefangene auf die ganze Dauer des Passahfestes und ist nicht nur auf die beiden ersten und die beiden letzten Festtage beschränkt. Soweit abgesehen von diesen Passahvorschriften jüdischen Gefangenen Selbstbeköstigung gestattet ist, kann die Speisenbeschaffung unter Beachtung der jüdischen Speisegebote geschehen. Dies gilt insbesondere also auch für die Untersuchungsgefangencn. Daß der Anstaltsgeistliche, also auch der Rabbiner, bei der Frage einer vorläufigen Entlassung des Sträflings und bei der Fürsorge für entlassene Gefangene mitwirkt, und dies als vornehmste Pflicht betrachten wird, soll schließlich erwähnt werden. Es war eine Tat der preußischen Justizverwaltung, die Dienst- und Vollzugsordnung für ihre Gefangenenanstalten zu schaffen. Für jüdische Gefangene ist in chr das festgesetzt, was als erforderlich und ausreichend bezeichnet werden kann. Der letzten Endes Verantwortliche, Mnisterialdirektor Klein, hat mit seinen Herren Dr. W a ck e r m a n n und W u tz d o r f dos umfangreiche Material gesammelt und mit Erläuterungen im Verlage von F. Bahlen, Berlin, herausgegeben. Wie ich an anderer Stelle bereits kritisierte: Die Bibel des preußische.» Gefängniswesens. Sie sei dem Interest der jüdischen Herren Seelsorger, aber auch den Laien empfol)len. Chronik, dem letzten, und zeigt uns, wie zu allen Zeiten der religiöse Gesang einen machtvollen Bestandteil in der jüdischen Gottesverchrung gebildet hat. Uns aber sei das ein Ansporn für die Gestaltung des musikalischen Teils unseres Gottesdienstes. Sprachliches. Hin und ivieder erscheint in den Zeitungen der Pleiteg e i e r. Er sitzt auf dem Dach, schwebt über dem Hause und späht auch wohl aus Wolkenhöhe nach Opfern in der verängstigten Volksmenge aus. So zeigt er sich uns in Wort und Bild. Die Redensart ..der Pleitegeier sitzt auf dem Dach" will sagen, daß über dem Hause die Gefahr des Bankerotts, der Pleite schwebt. Wie kommt cs, daß der Geier das Sinnbild für die Gefahr wurde, die Zahlungen einstellen zu müssen? Weil man das Wart Geier in der Zusammensetzung Pleitegeier mißverstand. Es bezeichnet hier keinen Vogel, sondern gehört dem jüdischdeutschen Wortschatz an und bedeutet „Geher", d. i. einer, der acht. Ein altes jüdisches Witzwort lautet: „Es gibt verschiedene Geier: Lämmergeier, Medinegeier, Pleitegeier. Ein Medinegcier ist einer, der auf die Medine geiht. aufs Land geht: ein Hausierer. Der Pleitegeier ist jemand, der Pleite geht, bankerott macht. So war der Pleitegeier ursprünglich nicht das Sinnbild eines drohenden Geschickes, sondern ein Mensch, der von dem traurigen Schicksal betroffen wurde. Da man aber später die sprachliche Herkunft des Pleitegciers nicht mehr Kannte, so ordnete man ihn naturwissenschaftlich ein. indem man ihn unter die Raubvögel versetzte. L. Meyer-Lünen. Dortrag Prof. Or. Zulius Guttmann: Zu Moritz Lazarus' hundertstem Geburtstag. Der Vortrag fand in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums im Rahmen der traditionellen Montagsvorlesungen statt. So war cs naheliegend, daß der Vortragende. Prof.. Julius Guttmann in Lazarus zunächst den ersten Träger der Idee einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums feierte. Er wies darauf hin. daß Lazarus, wie er höchst regsam tätig war, daß dies." Idee überhaupt Wirklichkeit wurde, dann als langjähriger 1. Vorsitzender des Kuratoriums der Hochschule die Entwicklung dieser Anstalt höchst glücklich beeinflußte. Lazarus, so führte Prof. Guttmann aus, war die bedeutendste Persönlichkeit des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert. Schon deshalb, weil er dem gesamten Geistesleben des damaligen Deutschland gegenüber durchaus repräsentativ ivar. Das Leben Lazarus' fällt in die Blütezeit des jüdischen Liberalismus, in die so glückliche Zeit des deutschen Judentums, die, noch nicht verdunkelt durch die Schatten des Antisemitismus, den Emanzipationsgedanken zum endgültigen Siege zu führen schien, eine Zeit, die in ihrem Glücksgefükl so sicher war, daß auf einer damaligen Rabbinerversammlung das überschwengliche Wort fallen konnte „man gehe der Zeit des Messias mit starken Schritten entgegen." Die besten Lebenskräfte und Tendenzen einer solchen Zeit waren es, die Lazarus verkörperte. Seine Kindheit fiel noch in das von jüdischem Schrifttum und jüdischen Formen gesättigte, von der Umwelt fast ganz abgeschlossene Leben der patriarchalisch struktuierten jüdischen Gemeinde. Doch es war bereits die Zeit, die schon so weit gediehen war, daß der Uebergang zu den Formen modernen Lebens für Lazarus ohne Bruch vor sich ging. Es war bereits selbstverständlich geworden, die begabte Jugend dem deutschen Ilniversitätsstudmin zuzusühren. Lazarus ging diesen Weg. Er ging ihn so erfolgreich, daß sich eine Gelehrtcnlaufbahn daran anschlietzcn konnte. Er wuchs in seine neue Welt so ganz hinein, daß bei der Sicherheit und Vollkommenheit seiner Formen, die auch dem Maßstab höfischer Kreise gemäß war. niemand das kleine Milieu seiner Herkunft ahnen konnte. Und welch illustrer Kreis war es, den Lazarus^ der seine Professur mit dem Lehramt der Pilosophie an der Berliner Kriegsakademie vertauscht hatte, seinen Freundeskreis nennen durfte und den Kreis, für den er der reich schenkende geistig Anregende war. Namen wie Spielhagen. Freitag, Gottfried Keller. Menzel. Mommsen. Ranke und Helmholz müssen hier genannt werden. Lazarus war einer der glänzendsten Redner seiner Zeit; er bezauberte nicht nur im Hörsaal, sondern verstand cs auch, im Salon Menschen za packen und die Diskussionen so zu lenken, daß scher der Bekerligtcn sich bereichert fühlen mußte. Es war der Weltbegrifi der Pilosophie, dem Lazarus im Lehramt und in der Gesell schast nachstrebte: Pilosophie bedeutete ihm ein Zentrum, da alle Kvlturinteressen in sich aufnimmt und mit einander in Be Ziehung setzt. Mag dabei für Menschen der gegenwärtige Zeit das Harmonisieren, das den Härten des Lebens nicht ge recht wird, störend sein; in einer Zeit, in der die Dichtung zu: Idee hinftrebte, mußte ein Mann, der von der Idee ausging, vo' Bedeutung sein und Mittelpunkt werden. Allerdings, verglei chen mir den Glanz seiner Wirkung in seiner Zeit mit dem was heute davon noch lebendig ist. so muß zugegeben werden daß es nicht allzuviel ist. Aber fragen wir so: was bedeuten uns heute Männer wie Hcyse, wie Spielhogen und wie Auerbach. Nichts als der Name ist übrig geblieben. Lazarus ist der Repräsentant einer Zeit, die uns innerlich fern gerückt ist, und das ist der Grund der Entfremdung. Um zu einer richtigen Schätzung Lazarus' zu gelangen, muß man außerdem Eines im Auge halten: Es gibt eine doppelte Art wissenschaftlichen Wirkens. Die. in der die Persönlichkeit des Individuums zurückgestellt wird und mit Entsagung aller auf Gesamtblickc gehenden Interessen Teilprobleme der Erkenntnis ergriffen werden. Bon diesem auf die konkrete Teilarbeit ausgehenden Typus des Gelehrten hatte Lazarus nichts in sich. In ihm stellt sich die andere Art wissenschaftlicher Produktion dar: Wie er der Anreger seines gelehrten und dichtenden Kreises gewesen ist, so ist auch nicht die Einzelforschung sein Arbeitsfeld gewesen. Vielmehr war sein Arbeitsfeld sowohl die aller Einzelforschung vorhergehende Besinnung über das zu bewältigende Material, die oft durchaus schöpferisch neue, unbcachtete Problemgebiete entdeckt, als auch das der Einzelfor schung nachfolgende Aufsuchen der Gesamtzusammenhänge. Daß diese Art wissenschaftlicher Wirkung durchaus bedeutsam sein kann, mag es für eine spätere Zeit auch nicht immer so sichtbar ftin, zeigt der Anteil, den Lazarus an der Entstehung der Völkerpsychologie hat. Die Idee dieser Wissenschaft stammt von ihm Dies hat sein Schwager Steinthal immer zugestanden. Wenn man aber in der Geschichte dieser Disziplin mehr Steinlhals gedenkt. so hat dies darin seinen Grund, daß Lazarus von der konkreten Durchführung der Idee dieser neuen Wissenschaft Abstand nahm, und bei allen Wandlungen und Fortschritten dieser Disziplin Steinthal doch die erste faktische Leistung geliefert hatte, an die angeknüpft werden konnte. Auch die jüdische Ethik Lazarus' muß, soll ein historisch rich tiges Urteil zustande kommen, nach der Idee tes Werkes beurteilt werden. Es muß Lazarus gedankt werden, daß er in einer Zeit, die durchaus historisch interessiert war, die Idee einer Systematik des Judentums durch sein Werk als Forderung hinstellte. Diesem Verdienst, das hier vorliegt, macht es keinen Abbruch, daß das Werk heute inhaltlich zum Teil unbefriedigend ist. Lazarus hatte inen Blick für das Gehe4mnisvolle und Paradoxe der Religion. :r gleicht aus, wo dem an den Härten und Widersprüchen gechulten Blick alles Ausgleichen unmöglich erscheint. Aber der Ertragende wies in manchen Einzelheiten darauf hin, daß Lazarus auch unserer Zeit etwas sein könne und es durchaus zu bedauern wäre, würde man an Lazarus vorüber gehen. I. M.

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