Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 3 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Judenkirdthof (Jacob van Ruisdaels Gemälde i. d. Dresdner Galerie ein landschaftliches Symbol des Ewigen Juden.) Gewitterwolken ballen sich mit Wettermacht, Des Judenkirchhofs Frieden scheuchet dumpfes Grausen. Im' Blitzstrahl blenden Totensteine aus der Nacht, Ein Bergstrom schäumt und drängt durch Gräber hin mit Brausen. Wach auf, ewiger Jude Achaschwerosch, — auf, Erhebe dich aus deiner grabesstiilen Truhe! Du suchtest Schlaf nach langem, wildem Weltenlauf, — Doch selbst im Grabe findest du noch keine Ruhe. So schweife weiter, Schicksalsschatten, durch die Welt, Symbol des ganzen Judenvolkes, ohne Frieden! Doch wenn auch Weltendonner dir noch furchtbar gellt, — Einst kommt der Tag, wo Rast und Ruhe dir beschjeden! Denn siehe, Achaschwerosch, über Schicksalsnacht Wölbt hoffnungsvoll sich eines Regenbogens Brücke .. . Und all das All liegt nur in Gottes großer Macht, Gott führt Volk Israel dereinst zum* Friedensglücke Max Rosenfeld, Dresden Zwei Heimatsudler. Erzählung von Meta Opet-Fuß, Breslau. Es war an einem heißen Julinaclumttag. In einer Waldschlucht nahe einer mittleren Gebirgsstadt Schlesiens herrschte fröhliches Treiben. Wohl mehr als zwanzig übermütige Tertianer hatten sich hier zusammengefunden, und den Waldarbeitern, die hin und wieder das Treiben der Jugend von fern beobachteteil, mochte es scheinen, daß die Knaben in ein gar seltsames und wildes Spiel vertieft waren. Kopfschüttelnd sahen sie, wie der eine einen Hammer schwang und dabei immer wieder ausrief: „Ich bin Thor, der Donnerer/4 wobei er v ergeblich seiner frischen Knabenstimme eine dunklere Färbung zu geben suchte. Daß aber ein anderer, der größte von allen, eine endlos lange Holz- Gange mit gemächlichen Schritten spazieren führte, erregte nicht nur die Verwunderung, sondern auch das Mißtrauen der Holzarbeiter. Der Junge war von seinen Kameraden umringt. „Wahrlich, er sieht aus wie Wodan, der Wanderer, mit seinem langen Speere", erklärte in ehrlichem Entzücken ein blondlockiges Bürschlein. „Er und kein anderer soll auch unser Wodan sein," riefen die übrigen aus, während sich der hochgcwachseiic; Träger der Holzstange ein noch würdigeres Aussehen zu geben suchte. „Was geht mich Euer Wodan an", tönte die rauhe Stimme eines Holzarbeiters in die begeisterte Schar. „Die Holzstange ist aus unserem Forst gestohlen. Her damit! Ihr könnt froh sein, daß Ihr noch so davon kommt, eigentlich müßte ich Euch anzcigen." Wodan, der sich kurze Zeit vorher noch seines Mutes und seiner Kraft gerühmt hatte, schien bei diesen Worten um einen Kopf kleiner zu werden und ließ die Holzstange unmerklieh zu Boden gleiten. Thor aber, der seinen Hammer aus der väter- ■ i.iien Wohnung mi(gebracht hatte, rief im Bewußtsein seines guten Gewissens den Männern beherzt zu: „Wir sind keine Diebe, wir sind Gymnasiasten* und die Holzstange wollten wir gar nicht stehlen, sondern wir brauchm sie nur zu unserem Spiel, und bevor cs finster wird, wollen wir sie wieder zu dem Holzstoß zurüektragen, von wo wir sie lu'»'genommen haben. Das verspreche ich Ihnen im Namen aller meiner Kameraden." „Wir versprechen es," riefen die anderen, die sich inzwischen von ihrem Schrecken erholt hatten, und Wodan, der ein Lächeln in den Augen der Männer gewahrte, nahm behutsam seine Stange wieder vom Boden auf und stand so würdig im Kreise seiner 'lütter und Helden wie zuvor. „Ihr sollt Euren Willen haben, Ihr Banditen", vigte der Holzarbeiter, der vorhin die Knaben mehr im Scherze des Diebstahls beschuldigt hatte, nach kurzem Besinnen. „Doch wehe Euch, wenn die Stange nicht wieder zur rechten Zeit an Ort und w f r, 1 I i I.’4' G ..Ich habe auch solch einen Jungen zu Hause," bemerkte er zu einem Kollegen, während er wieder ’u seiner Arbeit schritt, „man kann den Bengels nicht böse sein." Inzv. .sehen entwickelten die Knaben ihren Schiaehtpiau, denn eine heiße Schlacht sollte es geben zw ischen Römern und Germanen, und die Germanen mußten natürlich den Sieg davontragen. Wooaii sollte seinen Getreuen durch Weissagungen helfen, die letzte Entscheidung aber erst durch den Donnerer Thor herbeigeführt werden, der ein furchtbares Gewitter herauizubeschwören hatte in dem Augenblick, da sich der Sieg scheinbar auf Seiten der Römer neigte. „O, das wird ein herrliches Spiel," sagte ein kleiner braunhaariger Knabe mit fröhlichen Mienen- „und in diesem dunklen, geheimnisvollen Walde. Wie schön ist doch unsere Heimat!" „Unsere Heimat?", wiederholte einer der Knaben gedehnt. „Eigentlich bist Du doch ein Morgenländer, Alfred." „Freilich’ ist er ein Morgenländer, wenn er selbst auch in Deutschland geboren wurde; denn seine Vorfahren stammen aus dem Morgenlande," bestätigte ein anderer. „Ich' bin ein Deutscher wie Ihr, und ich’ liebe mein Vaterland wie Ihr," erwiderte der schmächtige Junge, rot vor Erregung. „Vielleicht hältst Du Dich' gar für einen Germanen," sagte Wodan hohnlächelnd. „Nein," erwiderte Alfred nach kurzer Ueberlegung. „Aber Ihr selbst, die Ihr stolz darauf seid, von Germanen abzustammen, Ihr macht Euren heldischen Vorfahren wenig Ehre, wenn Ihr einen Mitschüler nur um seines Judentums willen beschimpft. Das ist keine Heldentat." „Jetzt hat er auch1 noch einen großen Mund," zürnte Wodan und hob drohend seinen langen Speer. „Die Sache ist erledigt," mahnte Thor, der Donnerer, ungeduldig. „Laßt uns endlich zu unserem Spiele kommen." Wodan aber konnte sich noch nicht beruhigen. „Die Entscheidung liegt bei mir," begann er feierlich. „Ich erinnere Euch an Euer Versprechen, daß Ihr mir heute gehorchen wolltet, bis sich die Sonne zu ihrem Untergänge neigt." „Rede, was wir versprochen, wollen wir halten," rief Thor aus, während er seinen Hammer in die Luft warf und geschickt wieder auffing. . Und Wodan sprach also. „Ihr wißt, daß durch’ das Los bestimmt werden sollte, wer von Euch als Germane zu kämpfen hat, und wer als Römer. Alfreds Strafe soll darin bestehen, daß er allein nicht losen darf, sondern als Römer muß er kämpfen, wenn er an unserem Spiel teilnehmen will." „Ich verzichte auf die Teilnahme an Eurem Spiel," kam es zornbebend von Alfreds Lippen, während eine Träne über seine Wange rollte, und er nahm seinen Hut und rannte davon, als ob ihm der Boden unter den Füßen brannte. Thor legte für einen Augenblick den schweren Hammer beiseite und hob ein Paket auf, das unter Alfreds Hut gelegen hatte. „Du hast Dein Abendbrot vergessen,44 rief er dem Davoneilenden nach, doch’ der rannte weiter gleich einem Gehetzten.». „Nun wird der arme Kerl auch noch hungern müssen,44 bedauerte ihn Thor, der, solange er sich! nicht als Donnergott fühlte, ein recht gutmütiger Knabe war. „Wir hätten ihn nicht so sehr ärgern sollen. Nun haben wir ihm den ganzen Nachmittag verdorben, auf den er sich so sehr gefreut hatte. Das Paketchen werde ich ihm aufheben. Vielleicht kommt er wieder.44 Die anderen hatten ihm schweigend 'zugehört. Auch sie empfanden etwas wie Reue, nur hatten sie nicht den Mut, dies einzugestehen. Im Grunde mochten sie ja Alfred leiden, den stillen und immer gefälligen Kameraden, der es nie ablehnte, wenn man ihn um seine Hilfe bei den Schulaufgaben ersuchte. Doch das war es ja gerade, weshalb man ihn beneidete, daß Alfred, der einzige Jude in der Klasse, immer der erste war/ daß er allein die Arbeiten ohne Anstrengung bewältigte, die den anderen manchen Schweißtropfen verursachten. Körperlich aber war er nicht der Tüchtigste, der schwächliche Alfred. Warum sollte man ihn auf diesem Gebiete nicht seine Ueberlegenheit fühlen lassen oder ihm zuweilen zeigen, daß es ihm eine Ehre sein müsse, mit den christlichen Kameraden spielen zu dürfen. Man war ja noch jung, inan hatte das Recht, seinen Uebermut austoben zu lassen, und einem Juden gegenüber konnte man sich so etwas schon erlauben. Morgen würde man in der Schule wieder recht freundlich zu ihm sein und so tun, als ob nichts geschehen wäre. Während die Knaben eine kurze Weile schwiegen, mochten wohl solche und ähnliche Gedanken die jungen, irregeleiteten Köpfe bewegt haben, bis einer der beklemmenden Stille ein Ende machte durch die energische Erklärung: „Morgen wird in Alfreds Gegenwart über den Ausflug kein Wort gesprochen, verstanden Jungens," und während die anderen zustimmend den Kopf neigten, fügte er ein wenig unsicher hinzu, „hoffentlich wird er uns doch bei dem Direktor nicht verpetzen." „Das wäre noch schöner/4 kam es im Chorus zurück. Nur Thor bemerkte nachdenklich: „Er wird es gewiß nicht tun, aber wenn er cs täte, so wäre es ihm nicht übel zu nehmen. Wir haben ihn doch so sehr gekränkt." „Ich wünsche'nicht, daß von diesem dummen Jungen gesprochen wird," sagte Wodan in gebieterischem Tone, und die anderen waren nur zu gern bereit, den Beleidigten zu vergessen und sich ihrem wilden Kampfspifile mit ganzer Seele hinzugeben. Als nach einer Stunde die Ermatteten einen Waffenstillstand vereinbarten, um den mitgebrachten.- Imbiß' mit gufefn Appetit zu verzehren, 'mochte wohl mancher beim Anblick des einen unberührten Paketes an Alfred denken, der gewiß inzwischen daheim angelangt war und jetzt vielleicht der empörten Mutter sein Leid klagen würde. — — Dem war aber nicht so. Alfred, der in seiner erregten Stimmung des richtigen Weges nicht geachtet hätte, war bald vom Pfade abgeirrt und immer tiefer in die Wildnis geraten, ohne daß er es zunächst merkte. Es erfüllte ihn nicht nur ein wilder Zorn über die Schmach, die ihm widerfahren, sondern vor allem ein tiefer Schmerz darüber, daß ihn die Kameraden zu einem Vaterlandslosen gestempelt hatten. Jetzt, da er allein war, legte er sich keinen Zwang mehr auf. Heiße Träum entströmten seinen Augen, schluchzend breitete eiserne Arme aus und warf sich nieder, als ob er den geliebten Boden küssend umfangen wollte. So lag er lange, bis er fühlte, daß sein wild schlagendes Herz ruhiger pochte. Dann setzte er sich auf einen Baumstumpf und umfaßte mit umflorten Blicken das herrliche Bild, das sich vor ihm ausbreitete. Er hatte, ohne das es ihm recht zu Bewußtsein gekommen war, bereits eine erhebliche Steigung überwunden, da der Weg, den er gegangen, langsam, aber stetig aufwärts führte, bis zu einem Berge, der einen schönen Rundblick bot und bei den Städtern deshalb als Ausflugsort sehr beliebt war. Der Berg lag in ansehnlicher Höhe über dem jungen Wanderer, welcher aber vergeblich nach dem gebahnten Wege ausschaute, der sich, wie er von früheren Spaziergängen her wußte, in weiten Serpentinen aufwärts wand. Fruchtlos überlegte er» wie er zu diesem Hauptwege gelangen sollte, um von da, so schnell er konnte, nach der Stadt zurück zu wandern. Allmählich wurde es ihm klar, daß er sich gehörig verirrt haben mußte. Wohl sah1 er hoch über sich den ihm wohl vertrauten Gipfel, aber weit und breit konnte er den Pfad nicht erblicken, der zu ihm hinauf führte oder zurück nach der Stadt. Während er noch überlegte und unschlüssig zum blauen Himmel empor blickte, als ob ihm von dort Rat kommen müßte, machte sich das Knadtcn brechender Zweige in seiner Nähe bemerkbar, und vor dem Erschrockenen stand auf einmal ein Jüngling von etwa 18 Jahren, atemlos vom raschen und mühsamen Aufstieg. „So ist es mir doch gelungen, Dich' einzuholen, Du Rennpferd,44 rief der Ankömmling aus, nachdem er sich ein wenig erholt hätte, und betrachtete dep kleisHLN Jräump?: Jialß spöttisch, halb yMeidig. /Warum klimmst Du an den Abhängen hinauf, anstatt Dich hübsch an die ausgetretenen Wege zu halten?44 Der Knabe~ schwieg verlegen. „Ich habe mich halt verirrt," sagte er nach einer Weile. „Können, Sie mir vielleicht angeben, wie ich auf den rechten Weg komme?44 „Gewiß,44 erwiderte der Gefragte. „Wenn Du Dich entschließen kannst, mich mit Du anzureden, sollst Du es erfahren. Ich bin nämlich höchstens 3 oder 4 Jahre älter als Du, und Du brauchst daher nicht so großen Respekt vor mir zu haben. Zunächst möchte ich aber wissen, wetzhalb Du hier an dem steilen Abhange hinaufgeklettert bist. Gehörst Du etwa zu der Gattung der Gemsen?44 „Ich denke, daß ich zu den Rennpferden gehöre, wenigstens nach Deiner Ansicht/4 lachte Alfred etwas gezwungen. „Doch es soll mir gleich sein. Wenn Du mir sagen kannst, wie ich nach der Stadt zurückkomme, wo sich vielleicht meine arme Mutter schon um mich ängstigt, so magst Du mich im Geiste ruhig in einen zoologischen Garten versetzen.44 „Du bist Schüler des städtischen Gymnasiums, Tertianer, Primus in Deiner Klasse, wenn ich nicht irre,44 bemerkte der andere etwas unvermittelt. „Ja," erwiderte Alfred. „Aber woher kennst Du mich? Und wer bist Du?44 „Mein Name ist Ernst Bamberger, und ich besuche das gleiche Gymnasium," antwortete der Gefragte. ' „Du bist?44, begann Alfred zögernd. „Ein Jude bin ich," gab der blondhaarige Jüngling mit den zu dem blonden Haar seltsam kontrastierenden dunklen Augen zurück. Er schien größer zu werden, als er dies bekannte mit schallender freudiger Stimme, so daß es von den umliegenden Felsenwänden dumpf wiederhallte: „Ein Jude bin ich.44 „Iwri Onauchi," murmelte Alfred versonnen. „Ich weiß es," bestätigte Ernst, und der spöttische Zug war aus seinem Antlitz gewichen, während er dem jüngeren Glaubensgenossen die Hand reichte. Ernst setzte sich auf einen Baumstumpf dem neuen Freunde gegenüber, und die beiden sahen sich eine Weile stumm in die Augen. (Fortsetzung folgt..