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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-09 · 2 (9.1.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
2 (9.1.1925)
Date
1925-01-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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den Weg z« finden! Und andererseits: wer nichts fordert, kriegt nichts; auch wer wenig fordert, kriegt nichts; nur wer viel fordert, kriegt wenigstens etwas! Zwar der Liberalismus selbst kann nie zusammenbrechen, weil er die Wahrheit ist. Aber die Bewegung, die Organisation — ste ist nach 1912 größtenteils deshalb an den Rand des Abgrundes geraten, weil sie ihre eigenen „Richtlinien" nur „empfohlen", nicht befohlen hat. Jetzt hat sie noch einmal eine Chance: Möge ste sie nicht aus der Hand geben! Je energischer sie religiöse Forderungen stellt (selbstverständlich auf liberalen Prinzipien) und je Schwereres sie fordert, desto siegreicher wird sie werden! — Die Speisegesetze widersprechen in keinem Punkte den Bedingungen, welche die Richtlinien §8 aufstellen, im Gegenteil, sie erfüllen jede einzelne dieser drei Bedingungen trefflich: sie erziehen den einzelnen, sie helfen das Haus heiligen und sie fördern die Ziele der Religionsgemeinschaft. Darum halte ich es für r e l i gi ös dringend wichtig und für eine Forderung der Selb st treue des Liberalismus gegenüber seinen eigenen Prinzipien, -aß er die Beobachtung der Speisegesetze seinen Anhängern zur Pflicht macht (vorbehaltlich einer Revision in Einzelheiten). Zu der „bescheidenen Anfrage" von Frau Mathilde Wertheim-Aachen ist noch folgendes zu bemerken: „Selbstverständlich bin ich nicht heute liberal und morgen orthodox, also schwankend, sondern: mein — fester — Standpunkt ordnet sich nicht in alle die Borstellungen ein, welche die meisten Leute mit den Worten liberal und orthodox verbinden. Ein gutes Beispiel bietet eine Argumentation der Dame selbst, die sagt: Wir fragen immer nach dem „Wesen des Judentums", nach seinen „ewig gültigen Lehren". Dazu gehören natürlich — auch nach orthodoxester Anschauung — die Speisegesehe nicht! Aber nun ist die Meinung vieler Liberaler, daß sie vom überlieferten Judentum nur das ewig Gültige zu beobachten brauchen: und dies z. B. halte ich für grundfalsch: Der Kern kann ohne Schale nicht gedeihen, das Licht nicht ohne Leuchter. Sittlichkeit und Grundlehren des Judentums können ohne das sogenannte Zeremonial nicht genügend erhalten bleiben. Zu dieser Wahrheit muß sich die liberale Laienwelt wieder durchringen! lieber die Menge der Erziehungsmittel kann man streiten, nicht aber über das Prinzip. In diesem Sinne kann man allerdings auch sagen: Die Erziehungsmittel sind „etwas Wesentliches" im Judentum, und so auch die Speisegesetze. Das Wort „Wesen" ist eben zweideutig. Es bedeutet einmal: die wichtigsten Grundprinzipien gegenüber den weniger wichtigen Dingen innerhalb des Judentums, — und ein andermal die individuelle Eigenart des Judentums gegenüber anderen Religionen. Zum Wesen des Judentums in letzterem Sinne gehören die Speisegesehe, im ersteren Sinne nicht! — Weiteres darüber in meiner Broschüre „Gyges — die Iudenheit" (Gust. Engel. Leipzig. 1921)! Schließlich noch ein Wort, das Kollege Gärtner durch seine Ausführungen geweckt hat: „Formen der Gottesverehrung" kennt der moderne Mensch und auch ich nur zwei: Wort und Wohltat. Denn „Form der Gottesverehrung" kann nur bedeuten: ein Symbol, eine Geste, eine Tat, durch die der Mensch eine Empfindüng gegenüber Gott ausdrückt, sein Schuldgefühl, seinen Dank, seine Sehnsucht, seine Liebe usw. Kein einziger Religionsbrauch bedeutet das heute (vielleicht einzig noch außer dem Gebet das Kopfneigen und Kor'imfallen). Weder die Bestattungszeremonien noch die Festbräuche noch Orgel noch gar die Speisegesehe sind dazu da, um für Gott etwas zu dokumentieren. Auch das traditionelle Judentum hat sie nicht so aufgesaßt: Ascher kiddschonn b’mizwöthow“ bedeutet doch: die Gebote sind nicht für Gott da, sondern für den Menschen, um ihn zu erziehen. Das Wort „Zeremonial" hat weder im alten noch im neuen Judentum eine Stelle! Fasten, T'fillin und M'suso könnte man allenfalls so auffassen, aber der moderne Mensch ist nicht imstande, durch das Mittel dieser Sitten zu Gott zu sprechen. Vielmehr sind alle traditionellen Religionsvorschriften Erziehungsmittel der Iudenheit zu Herzensfrömmigkeit und Sittlichkeit. Liberalismus und Orthodoxie unterscheiden sich hierin nur dadurch, daß jener diejenigen Vorschriften für überflüssig erklärt, welche ihrer und unserer Natur nach nicht imstande sind, uns zu erziehen. F e st z u st eilen, welche das s i n d, das halbe ich für möglich und für eine der wichtigsten Auf. gaben des jüdischen Liberalismus von heute." Fuchs -Eh. II. In Rr. 45 dieser Zeitschrift schreibt Frau Mathilde Wertheim- Aachen: Was kann die „Liberale Vereinigung" tun, um diesen unwürdigen Zuständen in den jüdischen Gemeinden ein Ende zu bereiten? Was kann sie tun, um den liberalen Rabbinern so weit das Rückgrat zu stärken, daß sie, ohne Furcht vor den Machthabern der Gemeinde, offen und ehrlich ihrer Aeberzeugung Ausdruck geben? And ich frage Sie, sehr verehrte Herren liberale Rabbiner: „Können und wollen Sie offen und ehrlich sagen, was von den jüdischen Speisegesetzen zu halten ist? Können wir von Ihnen, denen wir liberal-religiöse Juden als unseren Führern und Wegweisern uns anveetrauen, darüber Wahrheit und Klarheit erwarten?" Ich will antworten, damit Frau Wertheim und andere Leser nicht glauben, daß das historische Gespenst der „Machthaber der Gemeinde" noch jetzt umgeht und daß die Rabbiner aus Mangel an Mut und Ehrlichkeit zu den Speisegesetzen nicht öffentlich Stellung nehmen. Es genügt, zur Klärung folgendes festzusiellen: 1. Die Speisegesehe sind aus dem Leben des religiös-liberalen Juden verschwunden. Einige „Ilcberresie" sind kein Gegenbeweis- 2. Der liberale Rabbiner hat weder die Aufgabe, gegen die Speisegesehe noch für die Speisegesehe zu kämpfen. Seine Zeit und Kraft gehört wichtigeren Aufgaben. Aeberschätzungen oder Aebertreibungen der Speisegesehe, gegen die der liberale Rabbiner ankämpfen mühte, sind in liberalen Kreisen sicherlich nicht mehr vorhanden. Die religiöse Lebensführung strenggläubiger Juden zu bekämpfen, ist nicht Aufgabe des liberalen Rabbiners. Für die Erhaltung der „lieberreste" zu kämpfen ist zwecklos, gegen sie zu kämpfen, religiös wertlos. 3. Einrichtungen im Interesse der Anhänger der Speisegesehe zu fördern — sofern kein Andersdenkender dadurch vergewaltigt wird und der liberale Rabbiner nicht im falschen Lichte erscheint — steht nicht im Widerspruch zu liberalen Anschauungen. 4. Der liberale Rabbiner soll aus seiner persönlichen Einstellung zu den Speisegesehen weder ein Geheimnis noch eine Sensation machen. Denn in beiden Fällen würde man den Speisegesehen eine Bedeutung geben, die sie nicht mehr babcn._ Er ist kein Fanatiker, wenn er sie hält und er ist kein Held, wenn er sie nicht halt. Ehrlichkeit und Taktgefühl lassen sich vereinen. And noch eine Bemerkung an Frau Werkheim selbst: Sie beachten anscheinend die Speisegesehe in irgendeinem Umfang in Ihrem Haus, ober nickt mehr außerhalb Ihres Hauses. Wenn Sie mich persönlich gefragt hätten: Steht es im Widerspruch zu meinen liberalen Anschauungen, daß ich noch Speisegesehe im Hause halte, ist mein Verhalten im Haus ein Widerspruch zu meinem Verhalten außerhalb des Hauses, so hätte ich Ihnen geantwortet: Rein; wenn die Beobachtung von Speisegesehen im Haus für Sie irgendeinen seelischen Wert besitzt, aus Pietät, aus alter, lieber Gewohnheit, aus dem Gefühl, Ihrem Hause dadurch eine jüdisch-religiöse Gestaltung zu geben, so leben Sie ruhig so weiter. In dieser Art werden die Speisegesehe immer nur ein religiöses Mitlel. nie ein religiöser Zweck für Sie sein. Rabbiner Dr. Gvorg Wilde- Magdeburg. m. Einsender dieser Zeilen hat bereits kurz nach Erscheinen der Lib. Richtlinien in den Iüd.-Lib. Heften eine Auseinandersetzung unter der Aeberschrlft .Konservative Gedanken eines Liberalen^ veröffentlicht, in welcher er betonte, daß man nicht etwa das ganze jüdische Zeremonial- und Rttualgesetz in Bausch und Bogen in die Rumpelkammer werfeu solle, daß man — um mich an die Beispiele zu halten, die Frau Wertheim-Aachen angeführt hat — das Verbot, am Sabbath Regenschirm und Taschentuch zu tragen, nicht auf eine Stufe mit den gesamten Speisegesetzen stellen dürfe. Die Speisegesehe sind doch in erster Linie als Reinlichkeitsgesetze aufzufassen, ob sie sich nun auf die Auswahl der Schlachttiere, ob sie sich auf die Schlachtmethode oder ob sie sich auf di« Blutentzivhung und auf die normale Beschaffenheit der tierischen Eingeweide beziehen! Ich begreife den Standpunkt nicht, daß unser Essen und unsere sonstige körperliche Lebenshaltung mit Religion und Sittlichkeit gar nichts zu tun haben soll; diesen Standpunkt zu einer Zeit, in der die Vegetarier unter großer Anhängerschaft. unS Fleischfresser insgesamt für Barbaren erklären. Man kann mir wohl entgegnen, daß der vegetarische Gedankengang gewiß nichts mit dem alten Judentum zu tun habe, in welchem der Fleischgenutz (siehe Opfergesehe) förmlich kultiviert wurde. Aber dennoch sind die Speisegesehe als Einschränkung und Kontrolle des Fleischgenusses aufzufassen. Sollte nicht doch ein wahres Körnchen an der Redensart sein: „Was man ißt, das ist man!?" Eine katholische Frau, die in einem bäuerlichen Hause ausgewachsen ist, erklärte mir neulich: ,Zch kann den Juden sehr gut nachfühlen, wenn chnen Schweinefleisch etwas Widerliches ist. In meinem Elternhaus war es ein Hauptnahrungsmittel, aber ich empfand schon als Kind ein Gefühl des Ekels, wenn ich den dumpfen talgigen Geruch kochenden Schweinefleisches einatmen mußte!" Run, vielleicht hatten unsere Voreltern ähnliche Empfindungen, als die Speisegesehe geschaffen wurden, an deren Spitze das Verbot des Sa-weinefleisches steht. Viele Juden, namentlich solche, die keine besonders feine Nasen haben, werden solche Empfindungen nicht verstehen, und vielleicht wird sich bis in 50 Jahren der Geschmack und die religiöse Empfindung so ändern, daß sich der Genuß von Schweinefleisch und damit die Aufhebung der gesamten Speisegesehe als etwas Selbstverständliches ergeben wird. Mir und vielen anderen liberal Denkenden würde es wie eine „Sünde gegen den heiligen Geist", als eine stilistische Geschmacklosiigkeit erscheinen, wenn jemand zum Sederabend „Spanferkel mit Mahenklös'" auf den Tisch bringen würde. — Wollen wir einmal den Begriff der „Sünde" näher betrachten. Der Strenggläubige erklärt sich jede Tat oder jede Unterlassung als Sünde, wegen deren der liebe Gott ein unsichtbares, aber sehr böses Gesicht macht und sich schwer ärgert. Der freier Denkende empfindet alles das als Sünde, was uns unser Gewissen verbietet, seien es Taten gegen Gott, gegen unsere Mitmenschen oder gegen uns selbst. Wenn unser Instinkt sich gegen Schweinefleisch, gegen den Genuß von Krebsen und Austern aufbäumt, so betrachte ich es als „Sünde", wenn ich diesen Widerwillen zu überwinden suche, ungefähr so, wie ich z. B. jede Anmäßigkeit im Essen und Trinken als Sünde betrachte. Wozu also der Sturmlauf ■ gegen die Speisegesehe? Ist das Ziel der Mühe wert? Vor einer Reihe von Jahren veröffentlichte ein liberaler Verfasser einen Zeitungsartikel, worin er es als Gewissenszwang gegen liberale Juden erklärte, wenn in jüdischen Krankenhäusern oder Altersheimen rituell gekocht werde. Nun, man muß schon ein ziemlich verrannter Fanatiker sein, wenn man nicht einsehen will, daß das Gegenteil: der Zwang nicht rituell zu speisen für Orthodoxe und Religiöse hundertmal mehr als Gewissenszwang aufzufassen wäre. Frau Mathilde Wertheim will die liberalen Rabbiner gegen die Speisegesehe scharf machen. Diese werden es sich wohl überlegen, ob sie solcher Änfforderung Folge leisten werden. - Nicht nur wegen drohender Konflikte., sondern auch aus innerer Aeberzeugung. indem sich ihnen ähnliche Gedankengänge wie die oben geäußerten aufdrängen werden, und indem sie sich sagen, daß die Zertrümmerung jeder Form und jeder Eigenart der Erhaltung des Judentums nicht dienlich sein kann. A. W. Lichten st ädter, Nürnberg. F! BÜCHERSCHAU. j§ Ludwig Frank: Reden, Aufsätze, Briefe. Verlag für Sozial- Wissenschaft, Berlin SW. 68. Ein schwermütig stimmendes Buch der Erinnerung ist erschienen: Hedwig Wachenheim hat eine Auswahl aus den Aufsätzen, Reden und Briefen Ludwig Frank’s im Verlage für Sozial-Wissenschaften in Berlin erscheinen lassen. Wenn man die Darlegung der Ideen dieses außerordentlichen Mannes liest, merkt man wieder trauernd, was unser Vaterland an diesem liebenswerten Menschen und lauteren Charakter verloren hat. Der Reichstagsabgeordnete und Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank war der Sohn eines jüdischen Kleinhändlers aus dem Schwarzwald, und sein ganzes Dasein war einer von den vielen im letzten Jahrhundert gelebten Beweisen, daß „guter Deutscher“ und „guter Jude sein“ zwei Dinge sind, die sich harmonisch ergänzen. Frank wurde von niemandem an Vaterlandsliebe übertroffen und hing andrerseits mit einer fast zärtlichen Liebe an den Grundlagen seiner uralten, überkommenen Religion, die einst die Wiege der menschlichen Sittlichkeit gewesen ist. In seinem persönlichen Wesen war er ein „Süddeutscher“, d. h. ihm fehlte im politischen Kampfe die Bitterkeit und Gehässigkeit, der mm in Norddeutschland öfters begegnet, ihm fehlte die Ungerechtigkeit, die den Gegner nient verstehen kann und will. Er war ein Mensch von unendlicher Herzensgüte, die jedoch nie in Weichheit und Tatenlosigkeit ausartete. Sein versöhnliches Wesen und sein großes Verstehen aller Menschen und Dinge prädestinierte ihn dazu, in der sozialdemokratischen Fraktion Führer der gemäßigten, revisionistischen Richtung zu werden. Aber sein nie ruhender Kampf gegen das Unrecht, wo er es fand, hatte trotzdem einen großen Zug und stempelte seinen irdischen Weg zu einem Heide »leben. Wie hat er die Gefahren, in denen sich Deutschland befand, erkannt, mit welch’ eindringlicher Kraft hat er vor ihnen gewarnt! Wo stünde Deutschland heute, wenn man damals den Ratschlägen dieses bedeutenden Sozialkritikers gefolgt wäre! In welch’ vornehmer und dabei doch überzeugender Art hat er in seinen großen Reden von 1908 und 1910 das persönliche Regiment und die politische Charlatanerie Wilhelms des Zweiten bloßgestellt! Wie sachlich hat er das Spielen mit der Gefahr des Krieges beim ehemaligen Kronprinzen bekämpft! Vornehmheit in der Polemik war der Grundzug seiner politischen Kampfesweise. — Viele seiner langen Reden, wie die für die Einführung einer Erbschaftssteuer, die für das Koalitionsrecht der Angestellten, vor allem die große Verteidigung seiner Politik auf dem Magdeburger Parteitag sind geradezu klassisch und können als Muster vornehmer und kluger Geistesfechtkunst gelten. Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges hielt Frank noch seine inzwischen berühmt gewordene Reae für Völkerverständigung und internationale Annäherung. — Es war zu spät! — Die einmal entfesselte Furie ließ sich nicht mehr halten! Immer geben die Klügeren nach, und das bedeutet leider den ewigen Welt-Sieg der Dummheit! - Als das Unheil nicht mehr zu wenden war, meldete sich Ludwig Frank, der nicht mehr Militärdicnstpflichtige, sofort zur Infanterie und fiel schon am 3. September 1914 durch Kopfschuß bei Nossoncourt unweit Baccarat in Nord-Frankreich. Seine letzten unbewußt symbolischen Worte, die er kurz vor seinem Tode auf einer Feldpostkarte an einen Freund schrieb, waren: „Wir sind heute viel marschiert — wir haben aber nocheinen langen Weg vor uns!“ — Ludwig Frank benahm sich ein wenig anders, als verschiedene seiner deutsch-nationalen Gegner, die ihm „Vaterlandslosigkeit“ vorgeworfen hatten, es dann aber während der Kriegsjahre vorzogen, die „große Zeit“' in den behaglichen Offiziers-Kasinos der Etappe mitzuerle’oen . . . Frank vvar in den wenigen Ferientagen, die er sich gönnte, ein passionierter Bergsteiger. Wenn er am Leben geblieben, vielleicht als Kriegsbeschädigter erholungssuchend nach dem Feldzuge „in die Berge“ gestiegen wäre und in eine der Hütten hätte einkehren wollen, dann würde ihm vielleicht dort das Hakenkreuz entgegen gewinkt haben, das Juden den Eintritt untersagt. — Ich glaube, dieser überlegene Mann hätte dann aber ebenso befreiend darüber gelacht, wie Johann Huß, als er ein frommes altes Weiblein Reisigbündel zu seinem Scheiterhaufen herbeischleppen sah. Dr. Ludwig D a v i d s o h »-Berlin. Albert Baer: Biblische Puppenspiele. Verlag Aufbau, Berlin. So zahlreiche und wertvolle Bücher auch unser- Schrifttum hervorbringt, es bleibt erstaunlich arm an Werken, denen sich die Gemütskräfte unserer Kinder wahrhaft erschließen, als wären Gefühkunschuld, Heiterkeit, Einfalt und Treuherzigkeit längst verschollen und als lebten diese Tugenden nicht mehr in den Herzen unserer Dichter, sondern nur noch in den Legenden verzückter Frommer und Wundergläubiger. Deshalb ist eine Erweckung kindlicher Seelenhaftigkeit voll Anmut und zugleich tänzerischer Versbeschwingtheit immer bemerkenswert, und wenn gar eine Künstlerin vom Range einer Kaete Baer-Freyer ihre Einfühlungskraft den „Biblischen Puppenspielcn“ von Albert Baer und die Ausdrucksschärfc ihrer holzschnitthaften Figuren und Figurinen den Versen ihres Mannes leiht, scheinen alle Musen über die Harmonie, Wahlverwandtschaft und glückliche Ehe von Sprache und Bild einen Freudenreigen zu tanzen. Baers kritischer Sinn und zugleich sein Geschmack bewahren ihn vor einer Entgleisung vom kindlichen zum kindischen Ton, einer Gefahr, der nicht immer sogar ein Richard Dehmel entging, und seine heitere Verjüngung uralter biblischer Sagenmusik durch erstaunliche Reimgewandtheit, ohrenfällige, volkstümlich leichte Faßlichkeit und triebsicher erspürte Schlagkraft klangvoller Wendungen sichern ihm Aufmerksamkeit und Gehör. Die Flächen der äußeren und inneren Geschehnisse werden hier weder künstlich erweitert noch verschmälert, auch nicht arabeskenhaft verziert, und die Kobolde und Schalke des Frohsinns kichern hier. In gradlinigem, ungekünsteltem Ausdruck, wie ihn große und kleine Kinder und in ihrer Triebsicherheit ihnen wohl verwandte Künstler lieben, fließen die Ströme der Wortmelodien leicht dahin, und weil sich der Verstand nicht wie ein strenger Diktator vordrängt und lediglich die Freude am Spiel vorherrscht, berücken uns die an sich auch ohne je drohend emporgehobene Warnungsfinger des Dichters lehrreichen Szenen. Ich bin gewiß, daß der große Puppenspieler Goethe, der ja auch zahlreiche Bibelstone künstlerisch umformte, lebte er noch heute, seine Anerkennung diesen Dialogen nicht versagen würde, die uns überdies von dem törichten Vorwurf, wir schreibende Juden hätten keinen Sinn für Naivität,' sondern lediglich für Reflexionen, überzeugend entlasten. Atthpr SübeTgleit,.Berlin. Leopold Weiß: Unromantisches Morgenland; Aus dem Tagebuch einer Reise. Frankfurter Societäts-Druckerei G. m. b. H., Abt. Buchverlag, Frankfurt a. M. 1924. Das Morgenland in seiner kulturellen Ganzheit wie in einzelnen Gebietsteilen ist immer der Gegenstand irgendwelcher Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen gewesen, mochten sie nun auf Unterjochung, politische Durchdringung oder Befriedigung religiösen Bedürfnis hinzielen. „Was man wünscht, das glaubt man gern,“ sagt mit Recht das Sprichwort, und so ist es weiter nicht verwunderlich, daß fast alles, was es bisher an Schilderungen des Morgenlandes gibt, den Charakter dieser Wünsche trägt, daß es sich nicht eigentlich darum handelt, das zu sagen und zu zeichnen was i s t, sondern Bilder des Gewünschten, des Erträumten zu gestalten. Leopold Weiß will uns nicht in ein romantisches Morgenland führen, will uns nicht Bilder zeigen, wie mancher sie gerne sehen möchte; er malt uns vielmehr Wirklichkeiten, freilich überhaucht von der Liebe zu dem Lande und den Menschen. Mit dieser Liebe sind die Tagcbuchblätter geschrieben, in denen uns Weiß manchmal als lebendiger Schilderer des Gesehenen und Erlebten, manchmal als ernster Betrachter aller der Probleme, die den Orient und den orientalischen Menschen bewegen, fegeniibertritt. In seinem Vorwort sagt der Verfasser, der inn jeder Wanderung liege darin, daß man, indem man die Fremdheit der ganzen Welt berühre und erfasse, sich dadurch seine eigenen persönlichen vergessenen Wirklichkeiten erwecke. Dieses Motto schwingt sich durch das ganze Buch. Immer wieder kehrt der Verfasser von den Wanderungen in die Weite in sich selbst zurück. Ob uns die geistige und religiöse Spannung in Jerusalem, die Fahrt durch das fruchtbare Beduinenland, der Aufenthalt in der weltfernen Herberge Chan el hadrur geschildert wird, ob Juden, Araber, Drusen oder Abessinier vor unser Au^e treten, — immer wirkt auf den Leser die Unmittelbarkeit, die Lebensnahe der Schilderung. Wenn an vielen Stellen des Buches eine außerordentlich skeptische Beurteilung der nationalen und kulturellen Bestrebungen des Zionisten in Palästina zum Ausdruck kommt — dies unter tiefschürfend eindringlicher Behandlung der Araberfrage — so paßt dies durchaus in den Rahmen des Werkes, das über der Liebe zu Dingen und Menschen nicht die verständige Wertung von Möglichkeiten und Gegebenheiten vergißt. Besonders hervorzuheben ist noch die prachtvolle illustrative Ausstattung des Buches. Dr. Max M a y e r-Berlin. Wer über Vorgänge am Effektenmarkt bestens orientieri sein will, der abonniere die Berliner Äörsen-Woche Probenummer kostenlos! Verlag Hermann Vorwitz, Vert-M., Berlin SW 68 Charlotienstraße 96.

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