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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-09 · 2 (9.1.1925) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
2 (9.1.1925)
Date
1925-01-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Aus der Tiefe. Icft komm’ aus 'der Tiefe und will zum Licht. Laßt mich’ empor, ihr finstren Gestalten, Empor, empor zum goldenen Scheinen! Hier gibt es kein Licht, nur das furchtbare Dunkel, Das Blut fließt so schwer mir in meinen Adern Und glühend heiß von den höllischen Gluten, Die mir so nahe, so unheimlich nah sind. Laßt mich hinauf! seellose Gestalten, Was greift ihr nach mir, was wollt ihr mich halten! Und starrt mir nach mit hohnvollen Blicken? Fern droben seh’ ich ein mattes Scheinen, Ist das das herrliche, heilige Leuchten? Und abwärts zieh’n lockend mich tausend Arme; Nein! Nein! Ich will nicht zurück in den Abgrund. Ach war' ich erst oben, ach war' ich im Lichte! Aus goldener Schale soll’s sich ergießen, Daß ich mich bade in seinen Fluten! Und ferner und ferner versinket das Dunlktel. Aus der Tiefe kam ich, und heller und heller Quillt mir das strahlende Schimmern entgegen, Auf allen Pfaden das göttliche Leuchten. Und statt des dumpfen Rollen des Blutes Spür ich, umgossen vom Glanze, ein Rieseln Der Wonne und Kraft und Freude Zum Glauben, zum Glauben, zum Schaffen und Leben. Lotte Adam. Das große Leid. Von Hanna Mainzer, Heilbronn. Alle die Kinder waren ruhig, fast verschlossen: Simeon, Isaak, Frolia — nur Idka so unberechenbar, lebhaft und frühreif. Der Eltern Liebe umfaßte die vier mit gleicher Milde, sahen in jedem das Gute und pflegten es. Und wenn Idka wieder einmal die blitzenden Augen auftat und rätselhaft lachte, so schauten sie sich mit stiller Bekümmernis und sprachen später, wenn sie allein waren: „Sie ist ein junges Blut — vielleicht sind Andrer Mädchen mit sechszehn Jahren ebenso. — Laß sie älter werden und sie wird sein wie wir auch. Und wenn nicht, — — ist die Seele gut und rein, so mag man die Fehler ihres äußeren Menschen vergessen.“ Mit solchem und ähnlichem Tröste beruhigten sie sich gegenseitig und lächelten voller Güte. — Die Jünglinge waren achtzehn, zwanzig und einundzwanzig Jahre alt und arbeiteten als Angestellte Fremder. Wenn sie die Welt kennen gelernt hätten und verstünden auf eigenen Füßen zu stehen, dann erst wollte der Vater sie zu sich in die Fabrik nehmen» ihm gleichberechtigt und keine Schüler mehr. Der Jüngste, Frolia, wohnte zu Hause; die beiden Aelteren reisten schon — durch ganz Rußland, bis in den Kaukasus — doch so oft sie in der Nähe waren, kehrten sie am Freitag Mittag heim und ruhten sich über den Sabbat aus. Da lag ein schimmernder Friede über das Haus gebreitet; der Mutter Hände zeigten noch sanfteren Eifer, des Vaters Blick noch frommeren Stolz. Gedämpfte Innigkeit vereinte alle Glieder der Familie. Der Kreis schien Idka nicht zu umfassen; die Ihren fühlten sich von fremder Hand angerührt, wenn sie beim Entzünden der Kerzen mit dem Stuhl wippte, oder wenn der Vater die Broche über den Barch es sprach und sie verloren in den Spiegel starrte und sich aufseufzend übers Haar strich. Und alle besänftigten sich im Innern: „Das junge Ding ist im Alter der Entwicklung -- noch ein, zwei Jahre und ihr Wesen wird ausgeglichen sein wie das der Mutter.“ Aber die Söhne wagten nicht, die Mutter zu fragen: „Sag doch, warst du einst wie sie?“ Sie schwiegen, beteten und ruhten. Max Beatus Juwelier Berlin C 2y KSnigstrasse 1-6 Fernsprecher: Merkur 1018 Silberhandgetriebene Kultusgegenstände, Sabbat- und Chanukahleuchter, Becher, Bsominbfichsen, Mögen Dovid sowie Logen- Abzeichen aller Art. Oft, wenn im Haushalt die Arbeit getan war, lief Idka hinaus in die Fabrik, durch die Säle, durch die Reihen der Arbeiter. Sie stellte sich hier und dort hin zu den Männern, sah sie den roten Siegellackteig kneten und die Stangen formen. Ihre Züge spiegelten die rastlose Bewegtheit ihrer Gedanken, doch kam kein Wtort über ihre Lippen. Ohne Geräusch war sie plötzlich verschwunden um in der nächsten Stunde ebenso plötzlich von neuem da zu sein und in die dampfenden Riesenkessel hinein zu blicken. Man war es gewohnt und kümmerte sich nicht um sie. Besonders häufig war sie neben dem Meister, einem großen und kräftigen Manne, der die Proben zu untersuchen hatte und verantwortlich war für die Güte der Wjare. Nie war ihr Gesicht in größerer Unruhe, als wenn sie ihn und seine Arbeit betrachtete. Von Tag zu Tag erschien sie öfter bei ihm. Golowanow, der Meister, begann aufmerksam auf sie zu werden. Er wartete auf ihr Kommen und wenn er sich unbeobachtet wußte, flüsterte er ihr heimlich abgerissene Worte, kurze Sätze zu. Sie gab ihm keine Antwort und lauschte begierig in zitternder Erregung, die dunkeln Augen leuchteten fieberisch und begegneten furchtlos den seinen. Lange ging das so, täglich, beinahe stündlich und keiner hatte dessen Acht. Und einmal murmelte er, nach wenigen Wochen: „Du, ich warte heute Nacht — im Garten — um elf — du kommst?“ Der rote Mund bebte, die Pupillen weiteten sich übergroß und das Mädchen nickte flüchtig, drehte sich um und eilte hinaus. Seither kam sie nicht mehr in die Fabrik. In dieser Nacht und in den folgenden hatten sie sich im Garten getroffen und immer mehr löste sich Idka von ihren Angehörigen. Die Worte Gok>- wanows lagen ihr im Ohr und gewannen die Herrschaft über Hirn und Herz: „Flieh mit mir,“ beschwor er sie stets, „flieh mit mir! Wir werden uns heiraten, Liebchen, wenn du dich taufen läßt. Du wirst alle Rechte haben im weiten Rußland und meine Liebe für dein ganzes Leben! Willst du nicht? Du tust es, wenn du mich liebst!“ Zögernd und zögernder verneinte sie seinen Wunsch und er merkte, daß sein Korn begann zu gilben und die schweren Aehren zu senken. Und dachte: „Nun ist es Zeit zur Ernte.“ „Höre,“ rief er im Zorn, „ich werde dich verlassen, und du kannst meinethalben beim nächsten Pogrom umkommen“ und lauerte, was sie wohl erwidern würde. Da umklammerte sie ihn und Versprach zu tun, was er wolle. Auf die nächste Nacht verabredeten sie die Flucht. Idka raffte zusammen, was sie erlangen konnte: Kleider, Wäsche, Geld und Kostbarkeiten und entwich aus dem Hause. So fuhren sie beide (die fünf Stunden nach Moskau. Im Zimmer auf dem Tisch lag nur ein Zettel, daß sie als Braut Golowanows nach Moskau gefahren sei, um sich taufen zu lassen. Kein Lebewohl, keine Bitte um Vergebung — nichts. Das war an einem Mittwoch'. Am Morgen darauf fand die Mutter, die als erste aufstand, die böse Nachricht. Als der Vater mit Frolia eintrat, sahen sie die Frau im Sessel sitzen, bleich gleich einer Toten, mit starrem Antlitz, darüber unaufhörlich schwere Tränen rannen. Die Hände lagen krampfig gefaltet auf dem armen Mutterherzen. Erschrocken schrie der Vater auf und tastete nach ihrem Puls. Sie schüttelte die Stirne mit geschlossenen Lidern und wies matt zum Tisch; der Mann griff nach dem kleinen Stück Papier, las und stürzte mit irrem Aufschluchzen zu Boden. Sein Kopf schlug hart auf die kantige Armlehne des Sessels, die umfaßte er mit klammernder Faust und so weinte er gebrochen, kniend, den einen Arm schlaff zu Boden hängend. Frolia hatte schon begriffen.- Kummer füllte die Stuben und die Gesichter waren voller Harm. Der Vater war ein gebeugter, steinalter Greis geworden, die Mutter schlich durch das Haus und ihr Tränentüchlein ward nicht trocken. Sie sprach nicht eine Silbe und fühlte, wenn sie allein war, schmerzvoll nach der linken Seite, wo das Herz seinen Platz hat. Sie durchwachte die Stunden vom Abend bis zum Morgen und grübelte. Und am Freitag um die Mittagszeit raffte sie sich auf und machte sich zur Reise nach Moskau zurecht. Sie packte die schönen silbernen Sabbat- Etablissement Cafe eka Varlat* « Kabarett Fried rieh Straße 60, Ecke Leipziger Straße Alfred Löulner und Maria Zelenka Duo-Szene SASCHA GURA V ortrags-Künstlerin ELSA FRANZ der weibliche Tenor Curl Grundmann der ulkige Sachse leuchter ein und die selbstgegossenen Kerzen und sagte zu Mann und Kindern: „Wenn ich sie nicht mit mir bringe, dann ist jegliche Hoffnung verloren.“ Sie kam an, suchte sofort die Tochter auf und1 nahm sie mit sich in ein Hotel. Die folgte trotzig; mit Furcht vor der Mutter feierlicher Miene. Stumm gebot sie ihr, sich zu setzen, zog die Leuchter und die Kerzen hervor und begann sie zu entzünden, da der Sabbat da war. Idka verzog höhnisch und verächtlich die Mundwinkel und träumte zur Decke hinauf. Die Mutter betete versunken zu Ende,, blickte die Tochter in unendlicher Trauer an und kniete vor ihr nieder. Alles Weh, alle Liebe — Verzeihung und Vergessen strömte aus der Weinenden hervor und wieder und wieder die Bitte: „Kehr doch zurück, ach', kehr doch zurück!“ — Die Kerzen brannten steil und regungslos und das Wachs rann herab. Idka stand jäh auf: „Du, wenn ich' dich anzeige, kommst du ins Gefängnis! Hörst du?!“ Das Weinen verstummte. Steif und hölzern erhob sich die Frau, wischte den Schmutz vom Kleid und schaute zur Türe; die war schon hinter Idka zugefallen. Sie ließ sich auf einen Sitz am Fenster nieder und faltete die Finger. So blieb sie und die Lichter brannten nieder; —■ die Nacht sank! zur Erde — und floh vor dem jungen Tage —- und endlich war der Sabbat zu Ende. Sie stand auf, betete andächtig und packte automatisch1, abwesend und mit erstorbener Kraft. So fuhr sie nach Hause. Mit leeren Augen schritt sie in das Zimmer* wo die vier Männer schweigend ihrer harrten: Sie kam allein und keiner fragte . , „ 4. . . . Niemand sprach. Der Tag graute. Da richtete der Alte die müden Blicke auf: „Ihr Name sei für uns vergessen. Der Herr Kat gegeben, der Herr hat genommen; der Name de« Herrn sei gelobt“. . . . Kalendarium für die Zeit vom lO.l. dis 17.1.1925; Januar 1925 Tebet 5685 ' Sonnabend 10. Sonntag ll. Montag 12. Dienstag 13. Mittwoch 14. Donnerstag 15. Freitag 16. Sonnabend 17. 14. Dochen^lbschnitt- Wajehi (1. L. M. Kapitel 47,28—30,20) Haftarah: Könige I 2 1—12 Sabbat-AuSgang: 5,02 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. Dochev-A-fchM: Schernaus (2. L. M. Kapitel 1,1-6,1) Haftarah: Iesata Kap. 27,6-28,28 Sabbat-Ausgang: 541 Das Wort im Text lostet 15 Goldpfennige, das fettgedruckte Wort 35 Goldpfennige. Rabatt laut Tarif. Wörter mit mehr als 12 Auch» staben werdm doppelt gerechnet. Anzeigen, dl« für die nächste Ausgabe bestimmt sind, muffen bis spätestens Mittwoch, 4 Uhr, elngeltesert {ein. Kleine Anzeigen ttageif eaeaaatme ' fa [ämUUbta Annoncen«Expedit!onen und ln der Anzeige» «Derwattumg der Züdisch. liberalen Zeitung, &rmtm Derlogs^lbtrttnog, ZÜenbt VW«, Ehariottenstra-e 96 (DSchoff 5360-65) Unterricht Inhaber Paul Wiesner. Tauentzien» stratze 6. Mallstratze 1. Rath« Stratze 2. beginn neuer Leh ^othringerstr. Lb. Norden 7326. «mrstirst 9380. gtfifrtoflK*. II Musikinstrumente | Speisezimmer» Schlafzimmer, Herren, -immer, Küchen, Klubgarntturen preiswert. Taufende Empfehlungen. MSbelhauS KamerNng. Kastanien, alle« 56. I Stellenangebote | Wäscherei Kubas-, CSpeaick, Grünauer Stratze 48. liefert saubere Wäsch« zu den billigsten Preisen. Damen-Tag* Hemd 15. Abholung. Lieferung Donnerstag. Bechstei«., Blüthner-, Ibach», CchWechten. und andere PianoS und Flügel,; stets Gelegenheiten. Billigste Preise. 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